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NIGHTMARE: Interview mit Joe Amore

11.03.2008 | 17:27

Die französische Formation NIGHTMARE dürfte eine der dienstältesten Heavy-Metal-Bands dieses Planeten sein. Vor sagen und schreibe 27 Jahren erblickten NIGHTMARE das Licht der Welt und veröffentlichten in den Achtzigern einige sehr brauchbare, traditionelle Metal-Scheiben. Für ganze zwölf Jahre war die Truppe um den früheren Schlagzeuger und jetzigen Sänger Joe Amore danach von der Bildfläche verschwunden. Kurz vor der Jahrtausendwende tauchte sie schließlich wieder aus der Versenkung auf und kultivierte in den kommenden Jahren einen Sound, den man als kraftvollen, klischeefreien Power Metal mit starken Melodien und einem Hang zu symphonischen Arrangements bezeichnen könnte. Mit dem aktuellen Album "Genetic Disorder" festigen NIGHTMARE ihren Platz an der Genre-Spitze und müssen sich vor bekannteren Kollegen wie BRAINSTORM oder NOCTURNAL RITES bestimmt nicht verstecken. Das findet natürlich auch Joe, der sich bereitwillig meinen Fragen stellte.

Martin:
Joe, erstmal herzlichen Glückwunsch noch zu eurem bärenstarken neuen Album. Im Vergleich zum Vorgänger "Dominion Gate", auf dem das orchestrale Element in eurem Sound mehr denn je im Vordergrund stand, ist "Genetic Disorder" nun wieder direkter, heavier und dunkler.

Joe:
Das war auf jeden Fall von Anfang an so beabsichtigt. Du darfst nicht vergessen, dass wir in unseren Anfangstagen eine klassische Heavy-Metal-Band waren, ohne Keyboards und großartige Schnörkel. So gesehen kehren wir nun mit "Genetic Disorder" wieder etwas mehr zu unseren Wurzeln zurück. Ansonsten hat sich nicht viel verändert, wir haben lediglich mit einem anderen Produzenten zusammen gearbeitet. Terje Resnes, der die letzten drei Alben mit uns gemacht hat, verpasste uns diesen symphonischeren Klang, er legte auch viel Wert auf die Keyboards. Die Gitarren hat er immer ziemlich in den Hintergrund gemischt. Das ist jetzt anders, die Gitarren sind wieder dominierend und schön laut, so wie wir es eigentlich am liebsten mögen.

Martin:
Natürlich ist der allseits bekannte Frederik Nordström für diese Entwicklung verantwortlich.

Joe:
Wir haben ihm gesagt, dass wir dieses Mal einen anderen Klang wollen als zuletzt - dunkler, roher, mehr Thrash, keine Keyboards. Der Gitarrensound, den er zuvor für verschiedene andere Bands gemacht hatte, gefiel uns sehr.

Martin:
Was steckt hinter dem Albumtitel "Genetic Disorder"?

Joe:
Nichts besonders Hochgeistiges. Die Lyrics auf der Platte handeln von unserer Sicht auf die derzeitige Situation der Welt und die Emotionen, die sich in Anbetracht all der Probleme in uns aufgestaut haben. Darum sind manche Texte auch recht düster, in 'Battleground For Suicide' und 'Nothing Left Behind' geht es zum Beispiel um Selbstmord. Der Ausdruck "Genetic Disorder" beschreibt bildhaft die Befürchtung, dass alles, was wir tun, eigentlich schon längst aus dem Ruder gelaufen ist und dass es keine Möglichkeit mehr gibt, irgendetwas zu verändern, dass wir unaufhaltsam auf eine große Katastrophe zusteuern.

Martin:
Kennst du eigentlich FIREWIND? Manche Passagen auf "Genetic Disorder" erinnern mich an diese Band, vor allem an das grandiose "Burning Earth"-Album.

Joe:
Nein, ich kenne FIREWIND nicht wirklich, ich glaube, ich habe mal einen Videoclip von ihnen gesehen, aber ich kann mich kaum daran erinnern. Dein Vergleich macht mich aber neugierig, da muss ich mich wohl unbedingt mal auf die Suche nach deren CDs machen.

Martin:
Beeindruckt haben mich auch die sehr intensiven Death-Metal-Vocals in 'Conspiracy'. Hast du die selbst eingesungen? Werden wir so etwas von euch noch öfter hören?

Joe:
Nee, solche Vocals kann ich nicht, dafür ist unser Bassist Yves Campion verantwortlich. Yves singt auch sehr gut, er hat nicht nur die Growls super drauf, seine melodischen Parts sind ebenfalls ganz vorzüglich. Ich glaube nicht, dass wir öfter mit Death-Metal-Elementen arbeiten werden, die eine oder andere gegrunzte Zeile wird es aber schon noch geben, immer dann halt, wenn der Text diese Aggressivität und Brutalität verlangt.

Martin:
Und warum gibt es eine Fortsetzung des Songs 'Dominion Gate'?

Joe:
Die Geschichte hinter diesem Song ist sehr lang, nach dem ersten Teil auf dem gleichnamigen Album wollten wir unbedingt mehr darüber erzählen, darum gibt es jetzt den 'Part 2'. Die Musik zu diesem Stück hatten wir zuerst, noch bevor wir wussten, dass es einmal 'Dominion Gate (Part 2)' werden würde. Aber atmosphärisch passte das sehr gut. Zunächst hatten wir die Idee mit dem Duett und etwas später haben wir uns entschlossen, diesen Song zu nehmen zum Weitererzählen der 'Dominion Gate'-Story.

Martin:
Das Bild auf dem Cover sieht auch ziemlich düster und irgendwie futuristisch aus. Was kannst du mir dazu erzählen?

Joe:
Pär Olofsson hat es gemacht. Er hat unsere Musik gehört und die hat ihn gleich sehr inspiriert, seine Entwürfe waren toll. Da war es natürlich keine Frage mehr, dass wir mit ihm zusammen arbeiten. Wir sind mit dem Ergebnis mehr als zufrieden, das Bild steht symbolisch für unsere Ängste im Bezug auf das Schicksal der Menschheit.

Martin:
Im letzten Jahr habt ihr einen Gig in Tel-Aviv gespielt. Wie seid ihr da rangekommen und wie war diese Erfahrung?

Joe:
Der Boss von Raven Music, unserem Label dort unten, hat uns gefragt, ob wir nicht Lust auf diesen Trip hätten, um ein wenig Werbung für das Album zu machen. Allein die Tatsache, dass wir damit eine der wenigen Metal-Bands sind, die in Israel gespielt haben, war schon eine gute Promotion, nicht nur in diesem Land, sondern auch international, denn es fragen immer noch viele Leute danach. Die Menschen dort waren fantastisch, ich muss sagen, Tel-Aviv war einer unserer besten Gigs in der langen Historie der Band. Und das Beste ist, ich habe auf dieser Reise ein Mädchen kennen gelernt und wir haben uns sehr in einander verliebt. Wir werden sogar bald heiraten!

Martin:
Wenn du dich heute erinnerst an eure Anfangstage in den Achtzigern, welche Gedanken und Gefühle kommen da in dir hoch?

Joe:
Die Achtziger waren sehr viel anders, es hat sich so viel verändert. Damals gab es lange nicht so viele Bands wie früher, die auch Alben aufnahmen, denn die Studiopreise waren um einiges höher. Du musstest schon einen vernünftigen Deal haben mit einer Plattenfirma, die alles bezahlt hat. Heute hat jeder einen Computer zu Hause stehen und es ist gar nicht mehr schwer oder teuer, in Eigenregie eine CD zu produzieren. Einerseits ist das natürlich toll, andererseits wird es auch immer schwerer, die wirklich guten Bands zu heraus zu filtern. Außerdem sind nur wenige neue Bands live genauso gut wie aus der Konserve. Früher musste man sich den Arsch abspielen, um irgendwann entdeckt zu werden, und erst dann durfte man ein Album machen.

Martin:
Was war rückblickend der entscheidende Grund, warum NIGHTMARE 1987 vorläufig das Handtuch geworfen haben?

Joe:
Wir hatten unseren Plattenvertrag verloren und Probleme einen neuen zu ergattern. Zu dieser Zeit haben auch einige der Jungs die Band verlassen aus verschiedenen Gründen, da war einfach die Luft raus.

Martin:
Aus Anlass eures fünfundzwanzigjährigen Bestehens habt ihr vor einiger Zeit eine Best-of-CD zusammen gestellt, die allerdings nur auf der Tour mit AFTER FOREVER verkauft wurde und eine Auflage von 200 Stück nicht überschritten hat. Warum bietet ihr das Teil nicht wenigstens über eure Website zum Kauf an?

Joe:
Hmm, das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht so genau, ich muss mal mit unserem Manager Jeep reden. Die CD war ganz einfach als Dankeschön für die treuen Fans gedacht und nicht als regulärer Release. Aber wenn jemand unbedingt noch eine Kopie möchte, schicke ich ihm eine. Wer nur unsere letzten Alben kennt, wird vielleicht überrascht sein, denn wir haben zum Beispiel auch einige Songs von unseren allerersten Rehearsal-Tapes drauf gepackt, die klingen schon ziemlich anders. Wir dachten halt, das würde außer einer Handvoll Leute, die NIGHTMARE von Anfang an begleitet haben, eh keinen interessieren.

Martin:
Jetzt musst du mir unbedingt noch mal genau erzählen, warum ihr euren Auftritt beim Swordbrothers-Festival im Dezember 2007 abgesagt habt. Im Presse-Statement hieß es, der Promoter sei schuld, weil er falsche Versprechungen gemacht habe und seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen sei.

Joe:
Oh, die Sache ist ganz einfach: Anfangs sollten wir auf eine kleine Tour gehen im Dezember, doch die anderen Gigs wurden leider alle abgesagt. Somit war es für uns einfach zu teuer, nur für einen kurzen Auftritt beim Swordbrothers die lange Reise anzutreten. Mir tut es sehr leid, wie das gelaufen ist, wir hätten total gerne diese kleine Tour gespielt, und ich entschuldige mich hiermit bei den Fans, die uns gerne gesehen hätten. Aber wir hatten keine andere Wahl.

Martin:
Dafür ward ihr aber im November mit FREEDOM CALL in Frankreich auf Reisen. Deine Eindrücke von dieser Tour?

Joe:
Großartig! Wir waren mit FREEDOM CALL, HYDROGEN und KRAGENS unterwegs und mit allen Bands haben wir uns wunderbar verstanden, die ganze Tour war eine riesige Party. Ich hoffe sehr, dass wir diese Jungs irgendwann noch mal wieder sehen.

Martin:
Welchen Status haben NIGHTMARE eigentlich in Frankreich? Seid ihr so groß wie GAMMA RAY und BLIND GUARDIAN bei uns?

Joe:
Ach, weißt du, Frankreich ist kein gutes Land für Heavy Metal im Allgemeinen. Es gibt hier zwar durchaus eine ordentliche Anzahl Fans, aber die laden sich die Songs lieber im Internet runter und schauen sich die Videoclips bei Youtube oder so an. Darum kommen auch die großen Acts wie IRON MAIDEN oder GAMMA RAY nicht so oft und so gerne zu uns. Und die Underground-Bands kriechen finanziell permanent auf dem Zahnfleisch. Hier ist insgesamt alles viel kleiner und mühsamer, das kannst du nicht mit Deutschland vergleichen.

Martin:
Das klingt aber ziemlich pessimistisch!?

Joe:
Ich sage dir, es gibt eine ganze Reihe cooler Bands zurzeit, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie sich wieder auflösen, weil sie einfach keinen Schritt voran kommen und ihre ganze Kohle dabei drauf geht. Vielleicht sehe ich das alles zu negativ, aber ich bin jetzt schon so lange dabei und habe wohl sämtliche Illusionen verloren. Wir sind da noch in einer besonders guten Situation, wir haben einen Plattenvertrag und dürfen ab und zu mal einen internationalen Acts supporten. Aber auch wir geben sehr viel Geld dafür aus, NIGHTMARE am Leben zu halten, einfach weil wir es so sehr lieben, in dieser Band zu spielen!


Womit wir einen weiteren Grund hätten, weshalb man sich als Power-Metal-Maniac unbedingt mal näher mit "Genetic Disorder" beschäftigen sollte. NIGHTMARE haben wirklich eure Unterstützung verdient. Das neue Album macht eine Menge Spaß und steckt voller toller Songs. Das gilt in ähnlicher Weise übrigens auch für die beiden Vorgänger, "Dominion Gate" und "Silent Room", also am besten gleich mit antesten!

Redakteur:
Martin van der Laan

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