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OBTEST: Interview mit Obtest

13.12.2005 | 13:27

Vor einiger Zeit habe ich euch im Review die folkloristischen Pagan-Metaller OBTEST aus Litauen vorgestellt, die mit ihrem originellen Gesang und den eigenständigen Melodien durchaus ein erfreulicher Farbtupfer in der stark skandinavisch dominierten Szene sind und sich dabei produktionstechnisch und kompositorisch keineswegs hinter etablierten Größen verstecken müssen. Also nahm ich Kontakt zur Band auf, um mehr über die Bandgeschichte, über das neue Album und über die baltische Szene im allgemeinen zu erfahren. Da die Herrschaften jedoch um ihre Identität ein wenig Geheimniskrämerei veranstalten, wurde mir der Name des Gesprächspartners nicht verraten. Egal, denn mit interessanten Antworten konnte die Band in jedem Falle dienen.

Rüdiger:
Eure Band gibt es schon seit einiger Zeit und ihr habt auch schon einiges veröffentlicht. Da unsere Leser aber wohl wenig über eure Geschichte wissen, wäre es nett, wenn du uns ein bisschen was über die Anfänge und die Bandgeschichte erzählen könntest.

Obtest:
OBTEST fingen Ende 1992 als brutale Death-Metal-Band an. Nach einigem Proben und Liederschreiben entschieden wir uns dazu, mit dem Sound zu experimentieren und ihn eher etwas dreckiger als heavier zu machen. So gelangten wir zum Black Metal. Die ersten Proberaumaufnahmen mit Black-Metal-Material entstanden 1994 und wurden im Underground verteilt, und auch unser erstes Konzert fand im Herbst 1994 statt. 1995 gingen wir dann ins Studio um unser erstes Demotape mit drei Songs aufzunehmen. Ende des Jahres 1995 kam dann ein weiteres Demotape namens "Pries Audra", das besonders in Deutschland einigen Absatz fand. Die Musik, die wir damals spielten, könnte man als norwegisch beeinflussten Black Metal bezeichnen. Die Lyrics waren kaum originell, Themen über das Böse und die Dunkelheit, das übliche Black-Metal-Zeug halt.
Die neue Ära der Band begann 1996. Wir suchten nach einem anderen Sound und einem anderen musikalischen Konzept. So schrieben wir die Songs für das Album, das später als "Tukstantmetis" bekannt wurde, und veröffentlichten es 1997 in Litauen als MC und später als CD in Deutschland. Das lyrische Konzept veränderte sich ebenso stark. Es waren nun Themen aus der alten Vergangenheit, Helden, Legenden, unser baltisches Erbe, die nun in unseren Songs auftauchten. Alles wurde nun auf Litauisch gesungen. Das war der neue Weg der Band. Nach dem Album kamen noch einige 7"EPs in Deutschland (Miriquidy Prod.) und zu guter Letzt unser zweites Album "Auka Seniems Dievams" Ende 2001 auf dem litauischen Label Ledo Takas Records. Auf diesem Album haben wir unsere Werte definiert. Es war eine konsequente Fortsetzung, aber gleichzeitig klang es auch sehr anders. Die Aufnahmequalität war auch beachtlich. Das Album wurde von Underground-Distributionen weltweit vertrieben und bekam viel Aufmerksamkeit von Online- und Printmedien. Nun sind wir bereit, unser aktuelles Werk 'Is Kartos I Karta' vorzustellen.

Rüdiger:
Hattet ihr viele Besetzungswechsel über die Jahre?

Obtest:
Unser Line-up ist seit dem Beginn stabil, mit ein paar Ausnahmen. Das Schlagzeug auf unserem Demo "Pries Audra" hat der Session-Drummer Bestial eingespielt, und seit 2000 haben wir einen Bassisten für die Liveauftritte. Seit 2005 haben wir auch noch ein fünftes Mitglied - einen zweiten Gitarristen für die Konzerte. Aber das Grundgerüst von OBTEST blieb immer unverändert.

Rüdiger:
Erzähl uns doch ein bisschen was über die litauische Metalszene der frühen Neunziger. Hat sich nach der Unabhängigkeit Litauens von der Sowjetunion viel verändert?

Obtest:
Die Unabhängigkeit entfachte eine komplett neue Musikwelle hier. Anfang der Neunziger war es schwer, eine Band zu gründen, Gigs zu spielen oder etwas aufzunehmen. Die erste Welle waren Thrash-Metal-Bands, und nach einigen Jahren Death Metal. Aber leider hat davon keine Band bis heute überlebt. Einige Musiker aus der Zeit spielen aber noch. Es gab wirklich einige wertige Bands wie NECROPSY (DISSECTION), NECATOR, CONSCIOUS ROT (heute SHADOWDANCES), MORGANA und PESSIMUS.

Rüdiger:
Und wie hat sich das Land und die Gesellschaft durch die Unabhängigkeit verändert?

Obtest:
Alles hat sich stark verändert. Die Leute sind heute weniger aggressiv. Die ersten zehn Jahre (1990-2000) waren hart zum Überleben. Der wilde Kapitalismus hat im Land Einzug gehalten. Die Leute waren bereit, sich gegenseitig des Geldes wegen aufzufressen. Aber die Mittelschicht wird inzwischen größer, und das wird in Zukunft für mehr Stabilität sorgen. Das Land als solches hat sich negativ verändert. Es gibt viele illegale Rodungen, und die Wölfe werden gejagt. Es gibt nur noch sehr wenige von ihnen.

Rüdiger:
Wie siehst du die Konsequenzen des EU-Beitritts von Litauen?

Obtest:
Mit der EU haben wir hier keine Probleme. Für die Band sind die Grenzen weit geöffnet und wir können Europa völlig problemlos bereisen.

Rüdiger:
Ich finde, dass sich die baltische Szene nicht hinter der skandinavischen oder mitteleuropäischen verstecken muss, was qualitativ hochwertige Veröffentlichungen angeht. Sowohl musikalisch als auch produktionstechnisch sind Alben aus Litauen, Lettland und Estland verdammt stark. Siehst du das auch so?

Obtest:
Ich glaube, dass wir hier nur mit dem Management und der Promotion Probleme haben. Als die baltische Szene auf dem Gipfel ihrer Kreativität war, gab es niemanden, der all die kommerziellen Dinge hätte managen können. Wir waren alle Träumer und Romantiker. Wir dachten damals, dass man nur ein paar Demos an westliche Labels schicken müsse und dann alles Glückssache wäre. Andererseits waren oder sind die Labels aus dem Westen vorsichtig, eine Band aus unserer Region zu signen, weil ihnen das Musikbusiness hier instabil und unsicher erscheint. Einige haben es versucht, und die ernsthaftesten Verträge haben die Letten von SKYFORGER mit Mascot und Folter, sowie die Litauer von ANUBI mit Code666 und Danza Ipnotica bekommen. Der letztere ist aber ausgelaufen, weil sich die Band nach dem Tode von Lord Ominous aufgelöst hat.

Rüdiger:
Nun zu eurer Musik: Litauischer War Heavy Metal. Warum habt ihr euch vom Black Metal dorthin entwickelt?

Obtest:
Unsere Wurzeln lagen im Black Metal und einige Jahre lang entwickelten wir unseren Weg zu musizieren. Die Stilbezeichnung für unsere Musik wurde von Leuten gemacht, die sie gerne hören. Also kann ich damit gut leben. Unsere Musik hat sich ganz natürlich zu dem entwickelt, was sie heute ist. Schritt für Schritt, vorrangig basierend auf unserem harmonischen Konzept an sich. Unser Ziel ist es einfach, Musik zu machen, aber nicht zu klingen wie diese Band, oder das kommerzielle Level jener Band zu erreichen.

Rüdiger:
Dadurch, dass euer Gesang auf Litauisch und die Stimme weder typisch für Black noch für Death Metal ist, klingt OBTEST sehr originell. Ich hoffe, das wird sich nicht ändern, um international erfolgreicher zu sein...

Obtest:
Wir singen in unserer einheimischen litauischen Sprache, welche die archaischste Mundart Europas ist, und wir sind stolz darauf. Kommerzielle Beweggründe sollen andere Bands treiben. Ich denke, wir sind davor gefeit.

Rüdiger:
Da mir keine Texte vorliegen, würde mich auch der lyrische Inhalt eurer Scheibe interessieren.

Obtest:
Unsere Lieder handeln von Erfahrungen zwischen zwei Welten, der gegenwärtigen und der vergangenen. Das Erbe unserer Vorväter wird in die Gegenwart transportiert und wir haben eine Möglichkeit, es zu lesen und zu versuchen, es zu verstehen. Wir können die Zeit nicht zurück drehen, aber wir können viel über die Vergangenheit lernen und uns darüber klar werden, was wir sind. Uns selbst zu betrachten, ist der Weg der gesamten Lebensspanne, der schwarze Pfad, das Wandeln auf dem Grat. Die Welt wird immer kleiner und das Mysterium scheint seine Form zu wandeln. Der Mythos lebt aber sogar in modernen Geistern weiter. Die Legende geht weiter. Die Zeit verliert Bedeutung und Sinn. Das ist alles.

Rüdiger:
Einflüsse: Ihr habt Wurzeln im Black Metal und im Heavy Metal. Welche Bands haben euch denn entscheidend geprägt?

Obtest:
In den Anfangstagen waren das ROTTING CHRIST, ENSLAVED, IMMORTAL, DARKTHRONE. Was Heavy Metal angeht, da hab ich nie viel angehört. Vor wir die Band gründeten, war ich ein Fan von MANOWAR, MOTÖRHEAD und AC/DC. Unsere neueren musikalischen Einflüsse kommen aus den verschiedensten Quellen. Aus der Vergangenheit, aus zufälligen Begegnungen... Manchmal höre ich auch monatelang überhaupt keine Musik. Aber wie auch immer, hier sind die Bands, die uns in irgend einer Weise beeinflusst haben: PARADISE LOST, GR.OB, TORMENTOR, KREATOR, GRAVE, SKYCLAD, BÖHSE ONKELZ, MARK KNOPFLER, PARALYSED AGE, A-HA, SIELA, EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, BATHORY, THIN LIZZY, PINK FLOYD, MIKE OLDFIELD, DEAD CAN DANCE, BULLDOZER, DEATH. Und dann noch eine riesige Menge traditioneller Volksmusik und Folklore aus aller Welt.

Rüdiger:
Ihr klingt zwar wie keine dieser Bands, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass ihr Fans von Truppen wie RUNNING WILD, BATHORY, ARIA, MITHOTYN oder ENSIFERUM gleichermaßen ansprechen könntet. Wie siehst du das?

Obtest:
Das kann ich nicht gut beurteilen. Aber ich habe ARIA, MITHOTYN und ENSIFERUM noch nie gehört. RUNNING WILD haben mich nie beeindruckt, aber BATHORY ist eine Band, die ich wirklich in jeder Hinsicht mag. Es ist sehr gut, dass wir mit unserer Musik ein größeres Publikum ansprechen, weil wir vor kurzem noch weitestgehend als Black-Metal-Band bezeichnet wurden.

Rüdiger:
Ihr wart schon zweimal auf Europa-Tour. Welche Länder habt ihr da besucht und wie seid ihr angekommen?

Obtest:
Wir waren 2000 auf Deutschland-Tour mit EMINENZ und 2002 auf Europa-Tour mit SKYFORGER, GRIEF OF EMERALD und SEAR BLISS. Wir spielten in Deutschland, den Niederlanden, Slowenien und Finnland. Das Publikum war von Ort zu Ort verschieden. In Deutschland, wo die Leute uns kennen, war die Unterstützung aber sehr gut.

Rüdiger:
Werden wir euch bald wieder in Deutschland sehen können?

Obtest:
In der Tat, ja! Wir spielen im Januar 2006 zwei Konzerte in Deutschland. Am 20. Januar in Annaberg und am 21. Januar in Berlin. Wir haben auch Interesse daran, im April noch mal zu kommen.

Rüdiger:
Mit wem würdet ihr denn gerne auf Tour gehen?

Obtest:
Das ist für uns momentan kein Problem. Wir wollen einfach nur Konzerte spielen. Wenn wir die Wahl hätten, dann würden wir gerne mit einer Band auf einem ähnlichen Level gehen. Persönlich wäre ich gerne mit SKYFORGER und TYR unterwegs.

Rüdiger:
Was sind deine fünf ewigen Lieblingsscheiben weltweit und in Litauen?

Obtest:
KREATOR "Coma Of Souls", TORMENTOR "Seventh Day Of Doom", GRAVE "Into The Grave", GR.OB "Pryg - Skok", GR.OB "Instrukcija Po Vizhivaniju", und aus Litauen: MERESSIN "Baphomet's Call", RUINATION "Visionary Breed", ANUBI "Kai Pilnaties Akis Uzmerks Mirtis", DISSIMULATION "Maras", GHOSTORM "Black Box".

Rüdiger:
So, das war's schon. Wenn du noch was los werden willst, nur zu...

Obtest:
Danke für das Interview, wir hoffen, euch in Deutschland zu sehen!

Rüdiger:
Danke, dass du dir Zeit für uns genommen hast. Alles Gute für dich und die Band.

Redakteur:
Rüdiger Stehle

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