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PARAGON: Interview mit Jan Bünning

29.04.2019 | 00:26

Auf die Nordköppe von PARAGON ist Verlass. Seit vielen Jahren hauen uns die Hamburger wunderbare Stahlkost um die Ohren, ohne dabei auf der Stelle zu treten oder auch nur ansatzweise in Stillstand zu verharren. So ist auch der neuste Appetithappen "Controlled Demolition" wieder ein wunderbares Riff-Gewitter mit tollen Hymnen und klassischem Old-School-Flair geworden. Wir sprachen mit Jan Bünning, der bei PARAGON den Bass bedient, über die vergangenen Monate, die gegenwärtige Platte und zukünftigen Pläne. Ein hochspannendes Gespräch über Labelarbeiten, Bookings, Science-Fiction-Geschichten und natürlich den üblichen, kontrollierten Wahnsinn.

Jan, grüß dich! Vielen Dank, dass du dir für die Beantwortung meiner Fragen ein wenig Zeit nimmst. Wie geht's euch denn momentan? Wie ist die Stimmung im PARAGON-Lager?
Wir sind natürlich froh, dass das neue Album fertig ist und die Promo-Maschine von Massacre Records so gut läuft. Bessere Promo hat bisher noch keine Plattenfirma für ein Album von uns gemacht, würde ich sagen. Die Reaktionen von Kritikern und Fans sind bisher auch mehr als positiv und ich bin gespannt, wie es aussieht, wenn das Album dann endlich erscheint. Insofern ist die Stimmung natürlich super. Das ist sie aber auch die letzten Jahre allgemein. Wir sind zwar fast alles "alte Säcke", aber haben immer noch extrem viel Bock, Arsch zu treten. Musikalisch schätze ich uns auch heute viele stärker ein als früher, da wir mehr Erfahrung haben und natürlich auch bessere Musiker sind. Und mit dem Alter kommt natürlich auch eine gewisse menschliche Ruhe ins Spiel, so dass heute vieles runder läuft.

"Hell Beyond Hell" hat fast auf den Monat genau drei Jahre auf dem Buckel. Magst du mir ein kleines Update geben, was sich bei PARAGON in dieser Zeit so getan hat?
Am wichtigsten ist vielleicht der Wechsel von Remedy Records zurück zu Massacre Records. Thomas von Massacre hat uns nach unserer Show beim Bang Your Head 2017 sofort angesprochen und uns einen Deal angeboten. Da hatten wir ja noch einen Deal bei Remedy. Jörn & Pedy von Remedy haben aber nicht nur das Label und ihr Ladengeschäft, sondern mittlerweile auch noch einen Metal-Pub auf dem Hamburger Kiez. Da hat die Labelarbeit dann nicht immer Priorität. Wie schon gesagt, wir sind zwar alte Säcke, aber wollen noch ein paar Jahre Gas geben. Da kam das Angebot natürlich wie gerufen und war auch schon in der Grundfassung sehr fair. Wir haben noch etwas nachverhandelt und sind nun auch super zufrieden damit. Thomas ist auch schon ewig Fan und hat uns auch von einigen Dingen überzeugt, gegen die wir uns früher eher gesträubt haben. So werden wir in Zukunft auch bei Spotify etc. zu hören sein. Damit machen wir wahrscheinlich kaum Geld, aber Streaming steigert natürlich den Bekanntheitsgrad sehr und dadurch werden wir im Endeffekt mehr Tonträger verkaufen. Ich hoffe, dass Massacre unser "letztes" Label ist, bevor dann mal irgendwann das Licht bei PARAGON ausgeht. Sie wollen sich auch um unseren Backkatalog kümmern und machen bisher auch einen guten Job für uns.

Zweitens drehte sich ja auch wieder das Besetzungskarussell, wobei eigentlich nur theoretisch: Wolle hat uns ja damals kurz vor den Aufnahmen von "Hell Beyond Hell" verlassen. Da hatten wir dann natürlich sofort Martin (Christian - Anm. d. Red.) gefragt, da er ja auch bei "Force Of Destruction" zum Teil involviert war. Er hat die Band ja gegründet und richtig weg war er nie. Er hat dann ja auch auf "Hell Beyond Hell" Gitarre gespielt, aber es war recht schnell klar, dass er nicht genug Zeit hat, um mit uns auf der Bühne zu stehen. Er hat noch eine andere Band, Familie und wie wir alle einen normalen Job, sodass für eine zweite Band nicht genug Zeit da ist. Deshalb haben wir dann Günny (Kruse - Anm. d. Red.) gefragt, der sofort zugesagt hat. Günny ist ein totaler Teamplayer und auch eine echte Rampensau. Im Studio ist Martin nach wie vor dabei, aber live ist Günny unser Mann. Aber im Endeffekt sind wir eine große Familie, da kommt wieder die Altersgelassenheit ins Spiel, hehe.

Wie gestaltete sich die abermalige Arbeit mit Günny und wie konnte er sich in das Songwriting zum neuen Album mit einbringen?
Wie schon gesagt ist Günny ein Teamplayer und passt sehr gut in die Bandchemie. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Stimmung früher schon so gut war. Er hatte ein paar Ideen für das Album, allerdings sind diese nicht rechtzeitig für dieses Album fertig geworden. Die meisten Riffs kamen von Jan (Bertram - Anm. d. Red.) und Martin und sind dann von mir erstmal grob in meinem Homestudio arrangiert und später dann mit allen im Übungsraum perfektioniert worden.

Besagtes neues Album heißt "Controlled Demoliton". Was ist deiner Meinung nach der musikalische Hauptunterschied zwischen dem neuen Album und seinem unmittelbaren Vorgänger?
Da muss ich etwas ausholen. "Force Of Destruction" war ja nach einer längeren Pause sozusagen ein Neuanfang für PARAGON und das Album eine Art Blaupause für unseren Stil. Da gibt es alle Arten von Metal, die wir im Laufe unseres Bestehens schon ausprobiert haben: Speed-Stücke, Balladen, Doom-Songs, Hard-Rock-Nummern, Stampfer etc. Das Songwriting ist so gut wie nur theoretisch erfolgt, sprich, wir haben die Nummern in meinen kleinen Tonstudio aufgenommen und arrangiert und nur zum Teil vor den Studio-Aufnahmen im Übungsraum gespielt.
Das wollten wir bei "Hell Beyond Hell" wieder so machen. Allerdings stellten wir dann fest, dass wir nicht wieder so ein "Reißbrett"-Album machen wollen. Die Riffs kamen bei "Hell Beyond Hell" zum großen Teil von Wolle und Jan und wir hatten zwar Demos gemacht, die Stücke dann aber viel früher alle im Übungsraum schon mal gespielt und optimiert. Das war also eher ein Prozess, in den die ganze Band involviert war und nicht nur ein Teil. Blöd war dann nur, dass Wolle kurz vor den Aufnahmen ausgestiegen ist und wir dann nicht mehr so viel Zeit hatten, alles optimal für die Aufnahmen vorzubereiten. Dazu kam noch, dass die Drums nicht so optimal aufgenommen worden sind, wie es nötig gewesen wäre. Das hat dann leider zu vielen Problemen bei den Aufnahmen geführt. Das Album ist zudem auch viel düsterer als "Force Of Destruction" und "Controlled Demolition", was aber auch so gewollt war.
Bei "Controlled Demolition" haben wir dann eine Mischung aus diesen Arbeitsweisen gewählt. Sprich, wir haben vorab recht detailliert arrangierte Demos von den Stücken erstellt, diese dann aber noch mal im Übungsraum "durchgecheckt" und dann auch intensiv vor den Aufnahmen geprobt.

Die Drum-Aufnahmen haben wir dann bei Jörg Uken im Soundlodge gemacht und Piet (Sielck - Anm. d. Red.) war auch total begeistert. Die Aufnahmen bei ihm waren dann total entspannt. Wir waren mit den Aufnahmen dann auch schnell fertig, ich glaube für die die Drums, Rhythmus-Gitarren, Bass und Lead-Gesang waren wir nur ca. 14 Tage im Studio. Die Soli und Backing-Vocals haben wir dann selber aufgenommen. Deswegen konnte sich Piet auch viel mehr auf den Sound konzentrieren und musste sich nicht mit technischen Problemen herumschlagen. Früher waren wir noch nicht so gute Musiker wie heute, deshalb spielen wir die Stücke im Studio jetzt in der Regel von vorne bis hinten durch und bessern die kleinen Verspieler aus. Bis auf ein, zwei Nummern sind meine Bassspuren diesmal alles First-Takes. Bei den anderen ist es ähnlich. Das hört man dann im Endprodukt. Es klingt halt alles echter und die Spielfreude ist sehr hoch. Beim Songwriting haben wir uns diesmal viel weniger Gedanken gemacht. Wir haben einfach erstmal alles gesammelt, was an Riffs vorhanden war und daraus Stücke arrangiert. Aus diesem Pool haben wir dann die Favoriten gesammelt und diese dann optimiert. Wir haben diesmal die Stücke extrem entschlackt, also alle Wiederholungen und Teile rausgeschmissen, die wir überflüssig fanden. Das Ergebnis macht die Stücke dann auch kompakter als sonst. Dass das Album unser härtestes wird, merkten wir dann auch erst, als wir versucht haben, eine Reihenfolge der Songs zusammen zu stellen.

Was will uns PARAGON mit dem Albumtitel sagen? Also welches Statement steckt hinter dem Titel "Controlled Demolition" und einzelnen Songs des neuen Albums?
Die Idee zum Albumtitel gab es schon, als wir noch nicht mal Stücke geschrieben hatten und er kam von unserem Gitarristen Jan. Er meinte irgendwann, das "wäre doch ein geiler Albumtitel". Ich fand den Titel gut und er blieb dann auch immer in meinem Kopf. Heavy Metal ist ja auf eine Art schon "zerstörerisch", aber auf der anderen Seite musst du auch dein Instrument beherrschen, um ihn zu spielen. Auch fiel mir, nachdem wir die Reihenfolge der Songs festgelegt hatten, dann auch noch Folgendes auf: Auf der Seite eins der LP sind größtenteils etwas mehr kontrollierte/ruhigere Stücke, auf Seite zwei überwiegt dann die Speed-Keule. Insofern ist der Titel mehr als passend.

Wenn man sich nur die Titel anschaut, wirkt alles noch etwas düsterer als sonst: 'Abattoir', 'Deathlines', 'Blackbell', 'Black Widow', '…Of Blood And Gore'. War das beabsichtigt oder mit welcher Zielrichtung seid ihr an die Arbeiten zum neuen Album herangetreten?
Früher hatten wir ja eher die Standard-Heavy-Metal-Texte. Später hat Buschi (Andreas Babuschkin - Anm. d. Red.) dann angefangen, dystopische Themen aufzugreifen. Der Hammer ist eigentlich immer noch der Text und das Cover zu "Screenslaves". Fahr mal heutzutage morgens mit der Bahn, da war Buschi regelrecht prophetisch. Heavy Metal sollte ja in erste Linie unterhalten und insofern würde ich uns auch nicht als sozialkritische Band einschätzen. Allerdings schadet es ja auch nicht, wenn die Texte trotzdem kritisch sind. Ich finde, Buschis Texte sind wirklich super geschriebene Science-Fiction-Stories mit manchmal recht ironischem oder schon sarkastischem Unterton. Es gibt ein paar Alben mit einem Konzept dahinter ("Law Of The Blade", "The Dark Legacy" & "Revenge"), bei dem aktuellen Album war dies aber nicht der Fall.

Was genau steckt eigentlich hinter 'Musangwe (B.K.F.)'?
Das 'B.K.F.' steht für 'Bareknuckle Fight', bei dem es im Musangwe hauptsächlich geht. In einem Musangwe treffen zwei junge Männer in einem Kampf mit bloßen Händen aufeinander, um ihre Männlichkeit zu beweisen. Dieses Ritual gab es schon im Altertum in diversen Ländern, allerdings geht es hier um die spezielle Variante aus Afrika. Buschi wurde durch eine Dokumentation im Fernsehen zu dem Text inspiriert.

Nicht nur musikalisch, sondern auch in puncto Coverartwork ist es wieder typisch PARAGON geworden. Wer steckt hinter dem Artwork?
Haha, gute Frage. Eigentlich wollten wir den Albumtitel visualisiert haben und hatten dazu auch ein paar Ideen, einen PARAGON-Panzer, die explodierende Erde in Form unseres PARAGON-Schildes, ein PARAGON-Raumschiff, das unser schönes Hamburger Rathaus zerstört etc. Es gab dann auch schon Skizzen von Aldo Requena zu diesen Ideen, überzeugt hat uns aber keine so richtig. Die Idee mit der PARAGON-Säge gab es dann auch noch und als Aldo uns den Entwurf geschickt hatte, war klar, dass es das ist.

Gibt es Pläne, mit "Controlled Demolition" auf Tour zu gehen oder den einen oder anderen Festivalgig zu absolvieren?
Normalerweise mache ich das Booking für uns so gut es geht. Letztes Jahr hatte ich allerdings ein paar persönliche Probleme, sodass ich mich nicht so viel um das Booking kümmern konnte und es wird auch immer härter. Viele große Booking-Agenturen hauen eine E-Mail an das Festival XY raus und bieten ihre Bands an. Die suchen sich dann aus, was sie brauchen. Wenn du da als einzelne Band eine E-Mail schickst, kannst du froh sein, überhaupt eine Antwort zu bekommen. Ein paar Sachen sind in der Pipeline, aber noch nichts Definitives. Ich denke auch, dass wir uns für die Zukunft eine Booking-Agentur suchen werden. Wenn das also einer liest, der Interesse hat, bitte melden!

Wie wird das restliche Jahr 2019 im Hause PARAGON aussehen? Gibt es Pläne, euer Jubiläum im nächsten Jahr groß zu feiern?
Zur Zeit steht natürlich erstmal "Controlled Demolition" im Fokus und wir hoffen, noch den einen oder anderen Gig zu spielen. Es war schon recht schwer, die Jubiläums-Show für 25 Jahre PARAGON zu organisieren, insofern graut es mir vor dem nächsten Jubiläum erst recht, haha. Nein, im Ernst: noch keine Ahnung. Es fragen oft Leute, ob wir nicht mal einen Live-Release machen wollen, insofern wäre es eventuell eine Idee, eine Live-DVD zu produzieren. Das ist aber natürlich auch alles immer eine Kostenfrage. Mal sehen, ob Massacre da investieren würde oder ob wir vielleicht mal ein Crowdfounding versuchen. Aber das ist erstmal nur eine Idee. Konkrete Pläne gibt es noch nicht!

Jan, dir vielen Dank für Geduld und Zeit. "Controlled Demolition" ist ein tolles Album geworden und ich wünsche euch alles Gute hiermit. Dir gebühren die letzten Worte an unsere Leser.
Danke für die Blumen. Ich hoffe, das Album kommt gut an, verkauft sich ein paar Millionen Mal und wir werden endlich Rockstars, hehe.

 

Fotos - bis auf das Artwork - von Stefan Malzkorn.

Redakteur:
Marcel Rapp

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