PERZONAL WAR: Interview mit Matthias Zimmer

05.07.2015 | 11:24

Seit nunmehr fast 20 Jahren gehören die Troisdorfer PERZONAL WAR zum deutschen Underground und verzücken mit ihrem energiegeladenen, aber jederzeit hoch melodischen Mix aus Power und Thrash Metal Fans und Presse gleichermaßen. Warum es die Band bisher trotzdem nicht zu größeren Weihen geschafft hat, bleibt wohl für immer eines jener tragischen Businessgeheimnisse.

Nach dem Album "Bloodline" von 2008 wurde es etwas ruhiger um das Quartett, das Besetzungs- und Plattemfirmenkarusell drehte sich und die Abstände zwischen den Alben wurden länger. Mit "The Last Sunset" legt PERZONAL WAR nun das bereits achte Studioalbum vor und zeigt sich darauf etwas geradlieniger, aber definitiv keinen Deut leiser. Sänger/ Gitarrist Matthias Zimmer ist entwaffnend ehrlich, frisch aufgeladen und endlich ausgeschlafen.

Matthias: Es war schon immer eine unserer Stärken, nicht nur schnell und verspielt zu sein, sondern unsere musikalischen Wurzeln mit viel Melodie zu verbinden. Wir haben von Anfang an immer melodische Geschichten, ja gar Balladen, Mid-Tempo-Songs und Sachen auf die Glocke gemacht. Das haben wir auf den Platten davor eigentlich ein bisschen vernachlässigt. Gerade "Bloodline" und "Captive Breeding" waren für unsere Verhältnisse sehr verschachtelt, modern und aggressiv. Vielleicht haben wir uns da selbst ein wenig zu sehr limitiert.


Ihr hattet dieses Mal also einen Masterplan.

Naja, eigentlich wollten wir es nur ein bisschen schlichter, bewusst entschlackter halten. Wir haben versucht, eine Brücke zu unseren Wurzeln zu schlagen und unnütze Parts aus den Songs rauszuschmeißen. Und es gab wirklich viele Parts und Riffs, die wir weggelassen haben, obwohl sie eigentlich cool waren. Uns war es wichtiger, einen schlichten guten Song zu schreiben, der nicht langweilt, als uns hinter weiteren fünf Riffs zu verstecken. Wir wollten einfach wieder mehr auf den Punkt kommen.

Habt ihr euch da eher den Kritikern gebeugt, die euch das beim letzten Album ein bisschen vorgeworfen hatten, oder war das eine Erkenntnis, die aus euch selbst herauskam?

Ich würde schon sagen, dass es von uns kam. Bei der letzten Scheibe haben einige gemeint, sie könnten damit jetzt nichts mehr anfangen, weil sie ihnen zu technisch sei. Lustigerweise sagen nun viele, dass die letzte Scheibe so gut war, da könnte sich "The Last Sunset" nun auf gar keinem Fall mit messen. Letztendlich versuchst du als Band immer, die Platte zu machen, die du am liebsten selbst gerne hören möchtest. Und solange du das machst, ist alles cool. Wahrscheinlich verlierst du auf dem Weg immer ein paar alte Fans, gewinnst aber auch wieder ein paar Neue dazu. Wir waren bisher eine Undergroundband und werden es auch immer bleiben. Vielleicht könntest du dich total verbiegen und hundert Alben mehr verkaufen, aber dann hast du unter dem Strich auch nur 3,50€ mehr raus.

Vielleicht vergrault man sogar eher die Die-Hard-Fans noch...

Wahrscheinlich. Und dass sich die Sachen verändern, finde ich ja super. Mir gefällt jetzt im Nachhinein auch nicht alles, was wir gemacht haben, aber trotzdem kann ich hinter allem stehen und sagen, zu dem jeweiligen Zeitpunkt war es das ultimativ Beste, was wir machen konnten.

Ich hatte bei der letzten Scheibe "Captive Breeding" das Gefühl, ihr würdet bewusst versuchen, die ewigen Vergleiche mit METALLICA umgehen zu wollen. Dein Gesangsstil hatte sich gar ein wenig verändert. Auf der neuen Scheibe seid ihr aber auch in dieser Hinsicht wieder ein bisschen "back to the roots" gegangen.

Das kann schon sein. Es klingt einfach schon ein bisschen old-schooliger, wenn du die Gitarren wieder hochstimmst. Auf der letzten Scheibe hatten wir alles auf Drop-C oder gar noch tiefer. Doch die Gitarre klingt einfach am geilsten, wenn du sie normal stimmst – also in unserem Fall zum größten Teil auf D. Du schreibst irgendwie andere Riffs, wenn die Klampfe nicht gedropt ist. Dadurch hat es sich wahrscheinlich auch ergeben, dass es ein bisschen melodischer ist und der Gesang automatisch höher wird. Was dazu führt, dass es auch gesanglich wieder eher in die 80er-Jahre-Richtung geht – und schon sind wir bei mir gleich schon wieder bei den Vergleichen mit James Hetfield. Das war uns aber für "The Last Sunset" vollkommen egal.

Ihr habt ja schon immer sehr viele verschiedene Arten von Songs auf einem Album gehabt. Dieses Mal sticht eine eher poppigere Nummer wie 'What Would You Say' heraus – oder gar aus dem Rahmen. Könnte eine solche Vielfalt oder musikaliche Bandbreite pro Album eventuell auch von Anfang an eine Art Stolperstein für euch gewesen sein? Immerhin gelten Metalfans nicht unbedingt als aufgeschlossen, sondern eher als engstirnig in dieser Hinsicht.

Davon gehe ich sogar sicher aus. Auf der einen Seite wird es ein Stolperstein sein, weil es für viele weder Fisch noch Fleisch ist, auf der anderen Seite lieben die Leute aber auch gerade diese Vielfalt an einer Band. Für uns ist das schon Thrash Metal, aber eben wahrscheinlich nicht so, wie es sich ein normaler Thrashfan vorstellt. Es ist wenig mit den deutschen Thrashbands zu vergleichen, sondern eher in der amerikanischen Ecke zu Hause – und die waren auch schon immer sehr vielfältig. Wenn ich mir da eine Band wie MEGADETH anschaue, bei denen beispielsweise ein Song wie 'Set The World On Fire' neben 'A Tout Le Monde' steht. Oder nimm ANTHRAX. Die haben neben ihren ganzen Thrashstücken auch eine Nummer wie 'Safe Home'. Da stört es irgendwie keinen.

Mag vielleicht auch daran liegen, dass diese Bands die Songs veröffentlicht haben, als sie schon einen gewissen Status inne hatten.

Das stimmt schon. Natürlich muss man immer schauen, dass ein Song zum musikalischen Korsett einer Band passt und nicht komplett herausfällt. Und trotzdem ist es dieses Mal echt krass. Es werden aktuell in jedem Review zwei bis drei Nummern herausgepickt, die richtig gut sind, und ein bis zwei Songs, die nicht unbedingt hätten sein müssen. Das ist jedoch von Kritik zu Kritik total unterschiedlich. Einige meinen, die Halbballade ('What Would You Say') ist das absolute Highlight, andere sagen, ohne die Nummer wäre das Album wesentlich runder. Das gilt ebenso für die schnelleren Sachen oder Mid-Tempo-Songs.

Gab es denn im Laufe der Karriere schon Songs, gegen die ihr euch entschieden habt, weil sie eben nicht in euer musikalisches Korsett gepasst haben?

Die gab es, ja. Sogar einige. Es ist halt die große Kunst, zu erkennen, ab welchem Grad machst du eine Platte abwechslungsreich, wann zu zerfahren. Wenn du jetzt nur zehn Mid-Tempo-Songs drauf hättest, dann fänden das die Leute langweilig. Gibst du nur Gas, wäre das natürlich auch nicht gut. Vielleicht würde es anders aussehen, wenn wir taktisch klüger und konsequenter vorgehen und uns zwei, drei Sachen verkneifen würden. Wer weiß. Du kannst es eh nicht allen recht machen. Auch haben wir mit Metalville ein kleines Label, das grundsätzlich nicht so viel Gas geben kann. Würde da vielleicht ein anderes Label draufstehen, hätten uns die Magazine wahrscheinlich auch ganz anders wahrgenommen.

Obwohl es niemand zugeben möchte: ganz sicher sogar. Doch kommen wir mal zur neuen Scheibe zurück. Wie viel Einfluss hatten die beiden neuen Leute, Bassist Björn Kluth (gehörte bereits beim letzten Album zum Line-up) und Gitarrist Andreas Ballnus, am Entstehen des Albums?

Dieses Mal eigentlich relativ wenig. Das liegt vor allem daran, dass beide noch in vielen anderen Bands spielen. Außerdem sind Martin und ich ein wirklich eingespieltes Team. Bei der letzten Scheibe hatte Björn noch wesentlich mehr Einfluss, weil er richtig Bock hatte, noch ein paar andere Nummern zu machen. Mittlerweile hat er seine eigene Band (BALLS GONE WILD), für die er Songs schreibt. Trotzdem hatten sie natürlich ihren Anteil am Entstehen des Albums, gar keine Frage. Der allergrößte Teil stammt aber von Martin und mir.

Und dieses Mal sind gar keine Gastbeiträge drauf (in der Vergangenheit hatte man mit unter anderem Victor Smolski, Gus Chambers, Schmier oder Manni Schmidt immer mal wieder prominente Unterstützung im Studio).

Das hat eigentlich keinen besonderen Grund.

Hätte sich nicht Paul Di'Anno (Neu-Gitarrist Andreas spielt mit dem ehemaligen IRON-MAIDEN-Sänger bei ARCHITECTS OF CHAOZ) irgendwie angeboten?

(lacht) Vielleicht sogar, ja. Mein absoluter Traum wäre ja, Charles von MORGANA LEFAY zu fragen, aber irgendwie hat es sich einfach nicht ergeben. Wer weiß, was bei der nächsten Platte ist.

Es ist jetzt schon eure achte Scheibe. Hast du irgendeine persönliche Kontrolle, um etwaige Wiederholungen in musikalischer oder gesanglicher Hinsicht zu verhindern?

Wer weiß, vielleicht mache ich das sogar und merke es nur nicht (lacht). Wir sind jetzt keine super schnelle Band, die jedes Jahr eine neue Scheibe auf den Markt schmeißt. Das letzte Album haben wir immerhin vor vier Jahren aufgenommen. Alle zwei Jahre habe ich so den Drang, neue Musik machen zu müssen. Musik und auch Texte. Allein nur, um mir mal wieder alles von der Seele zu schreiben. Dann ist es auch wieder gut. Das ist so eine Art Selbsttherapie. Wenn der ganze Kram dann raus ist, hast du auch den Kopf wieder frei.

Und wie sieht es mit den Texten zu "The Last Sunset" aus? Irgendwie habe ich das Gefühl, du wärst beim Schreiben sehr frustriert gewesen.

Das ganze Ding hat einen leicht apokalyptischen Touch. Das war mir aber nicht wirklich bewusst, sondern ist mir erst später in seiner Gesamtheit aufgefallen. Das liegt wohl daran, dass ich mittlerweile zwei Kinder habe und ich mir der Verantwortung, die ich dadurch habe, eher bewusst geworden bin. Das grundsätzlich Frustrierende ist doch, dass es in den Nachrichten nur noch um beispielsweise die Euro-Krise, den Nahost-Konflikt, die Ukraine, Syrien oder Flüchtlingsgeschichten geht. Ich weiß jetzt nicht genau, ob heute wirklich viel mehr Scheiße passiert, oder durch die heutigen Medien einfach viel mehr nach außen transportiert wird, was man früher gar nicht wusste. Man steht dem Ganzen einfach sensibler gegenüber, wenn Kinder da sind. Du versuchst zu Hause die Kinder so gut es geht zu beschützen und achtest darauf, was sie im Fernsehen sehen – nicht zu brutal und ohne Schimpfwörter bitte. Doch woanders auf dieser Welt liegen die Häuser in Schutt und Asche und die Menschen haben nichts zu essen. Und wo wird das Ganze enden? Wenn wir und die Folgegeneration das nicht auf die Kette bekommen, was wird dann grundsätzlich für die junge Generation noch übrig bleiben? Was ist in 20 oder 30 Jahren, wenn die Erderwärmung weitergeht oder irgendwo ein weiteres Atomkraftwerk einen Super-Gau erlebt? Das spiegelt sich so in meinen aktuellen Texten wider. Es geht ja jetzt nicht mehr nur noch um mich, sondern ich trage noch für andere eine Verantwortung. Du willst deine Kinder so lange wie möglich behüten, aber es ist ja nur eine Frage der Zeit, bis sich dieser schützende Mantel irgendwie öffnet.

Der Matthias scheint erwachsen zu werden.

Ja, schlimm, oder? (lacht)

Anderes Thema. Ihr habt wieder im eigenen Gernhart-Studio aufgenommen und euch selbst produziert. Was sind denn so die Vor- und Nachteile dieser Vorgehensweise? Und habt ihr schon einmal über einen externen Produzenten nachgedacht?

Die Vor- und Nachteile liegen ja irgendwo auf der Hand. Ein Vorteil scheint augenscheinlich zu sein, dass wir grundsätzlich aufnehmen können, wann wir wollen. Das funktioniert nur in der Praxis leider gar nicht. Letztendlich gehört das Gernhart-Studio ja nicht uns, sondern Martin (Buchwalter – Drums, CS). Er verdient seine Kohle damit und muss daher immer schauen, dass es so ausgebucht wie möglich ist. Das klappt auch zum Glück. Daher war es sogar relativ schwierig, überhaupt einen Zeitraum zu finden, in dem wir aufnehmen konnten. Denn wenn wir aufnehmen, ist das für ihn ein Verdienstausfall. Der Vorteil ist aber trotzdem, dass man flexibler arbeiten kann als in einem gebuchten Studio von bis. Und wenn du irgendwas mal nicht schaffst oder an einem Tag mal nicht so gut drauf bist, verschiebst du es einfach auf irgendeinen Abend der nächsten Woche. Ein Nachteil könnte natürlich schon sein, dass dir gelegentlich mal ein Input von Außen fehlt. Bisher haben die Studiosachen bei uns aber immer total viel Spaß gemacht, weil wir uns mittlerweile einfach ewig kennen und die Stärken und vor allem die Schwächen voneinander wissen. Gerade als Sänger gibst du sehr viel von dir preis und musst dem anderen irgendwie vertrauen, um wirklich alles geben zu können. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es mit einem externen Produzenten genau so sein könnte, wenn man denn auf einer Wellenlänge funkt. Vielleicht hätte ein Externer auch ein paar wirklich coole Ideen und könnte die Sache optimieren, aber auf der anderen Seite macht es eben Spaß so wie es ist. Und das ist uns aktuell das Wichtigste. Hätten wir selbst das Gefühl, wir würden irgendwie nicht weiterkommen und uns immer wiederholen, dann würden wir uns wahrscheinlich schon von ganz alleine jemand anderes suchen. Noch haben wir aber das Gefühl, mit jeder Platte die letzte Scheibe toppen zu können. Egal, ob jetzt beim Songwriting, bei den Arrangements oder beim Sound. Martin hat bei jeder neuen Produktion mindestens zehn neue Geräte am Start, die er dann auch ausprobieren muss.

Eine Disziplin, in der ihr auch immer selbst Hand angelegt habt, ist das Artwork. Das neue Cover sieht echt cool aus. Wieder von dir?

Nein. Wie schon bei der letzten Scheibe hat das der Ungar Gyula Havancsak (unter anderem ANNIHILATOR, DESTRUCTION und KREATOR) gemacht. Ich finde den Stil von ihm super und bin mit dem neuen Cover völlig zufrieden. Er erzeugt immer eine echt geile Atmosphäre und ist einfach ein echter Künstler. Du kannst ihm einfach drei, vier Eckpunkte geben, den Rest dichtet er sich irgendwie selbst zusammen. Und wenn du was geändert haben möchtest, bekommst du einen neuen Entwurf in kürzester Zeit zurück. Keine Ahnung wie er das hinbekommt, immerhin ist das eine richtige Illustration. Dieses Mal habe ich ihm einfach den Text vom Titelsong und grobe Idee mit Farbgebung und apokalyptischem Hintergrund geschickt. Schon der erste Versuch war zu 90% perfekt. Wir sind vor allem sehr glücklich, dass die Zusammenarbeit überhaupt geklappt hat, denn er ist mittlerweile echt gefragt und hat enorm viel zu tun. Ich persönlich bin auch echt froh, dass ich das nicht mehr machen muss. Bei der "Captive Breeding" hatte ich noch angefangen und bekam vier verschiedene Meinungen: von schlicht und mit viel Klischee bis hin zu auf gar keinem Fall Klischee und dafür eher progressiv. Da habe ich kapituliert. Außerdem freue ich mich jetzt immer selbst auf die jeweiligen Cover. Man freut sich wie ein kleines Kind und möchte wissen, was ein anderer daraus macht. Ich bin dieses Mal auch wirklich froh, dass wir von "The Last Sunset" ein reguläres Vinyl mit großem Cover haben.

Ihr scheint ohnehin große Fans von Digi-Packs zu sein, denn alle eure Scheiben sind so veröffentlicht worden. Was fasziniert euch an diesem Format so?

Ich weiß es nicht. Ich glaube, Metalville bringt eh erst einmal alles standardmäßig als Digi-Pack heraus. Selbst würde ich auch dieses Format der normalen CD vorziehen. Als Sammler, ich gebe ja echt noch viel Kohle für den ganzen Kram aus, kaufe ich mir immer eher Digi-Packs oder Special Editions.

Ihr seid auch für eure teils sehr aufwendigen und witzigen Videos bekannt. Ist da schon etwas in Planung?

Zu 'Speed Of Time' haben wir ein Lyric-Video gemacht und wollen jetzt noch zwei Live-Videos (u.a. 'Salvation') im Studio aufnehmen. Wir werden nicht die Albumversionen verwenden, sondern die Songs Live im Studio einspielen – also auch in vernünftiger Qualität. Außerdem haben wir schon mit dem Typen gesprochen, der unser letztes Video mit den Omas im Music Store gemacht hat ('Dead Man's Theories'). Das ist aber noch nicht spruchreif.

Ihr habt in der Vergangenheit auch eher eure kommerzielleren und untypischeren Stücke als Videos ausgekoppelt. Im Nachhinein vielleicht doch keine so gute Entscheidung?

Das kann schon gut sein. Damals bei 'My Secret' hätten wir sehr gerne 'Devil In My Neck' genommen. AFM Records meinten aber, dass die härtere Nummer bei gar keinem Sender laufen dürfte, womit sie wahrscheinlich sogar recht hatten. Mittlerweile hast du im Netz vermehrt Plattformen, um dein Video zu verbreiten. Wahrscheinlich wäre jetzt sogar ein härterer Song irgendwie "kommerzieller" als eine Mid-Tempo-Nummer oder Ballade. Damals gab es das einfach noch nicht und als kleine Band fängst du dann doch zu überlegen an, wenn du denn Gehör finden möchtest.

Wird es zur neuen Scheibe auch endlich mal eine amtliche Tour geben?

Wir werden Ende des Jahres mit ARCHITECTS OF CHAOZ auf Tour gehen. Ein paar Wochenenden mit mehreren Shows. Das ist unser Plan für zusammenhängende Konzerte. Dann spielen wir dieses Jahr noch ein paar Festivals, unter anderem das Bonebreaker. Für nächstes Jahr müssen wir uns sowieso noch ein bisschen was überlegen, weil wir dann tatsächlich 20-jähriges Bandjubiläum haben.

Ich finde, ihr habt echt coole Platten veröffentlicht, aber live seid ihr der absolute Hammer. Die Songs funktionieren live perfekt und ihr macht richtig Spaß. Umso erstaunlicher, warum ihr in Sachen Konzertreisen bisher größtenteils übersehen wurdet und eigentlich auch auf irgendwelchen Festivals nur selten zu finden seid.

Du weißt doch auch hier, wie der Hase läuft. Hast du ein vernünftiges Label und eine gute Booking-Agentur, dann klappt das, wenn nicht, dann nicht. Auf der einen Seite könnten wir viel mehr machen, was wir auch wirklich gerne machen würden, auf der anderen Seite sind wir froh, dass es überhaupt noch Leute gibt, die uns super finden und buchen. Wir haben in den letzten vier Jahren Live wirklich sehr wenig gemacht, was aber auch ein bisschen der grundsätzlichen Situation in der Band geschuldet war. Ich habe zwei Kinder bekommen und habe mir ein Haus gekauft. Bei Martin war es ähnlich. Ebenfalls ein Haus gekauft, sein Studio eingebaut und versucht, das ganze Ding erst einmal zum Laufen zu bringen. Da hatte die Band bei uns jetzt nicht unbedingt die Megapriorität. Für mich kommt so langsam wieder ein gewisser Rhythmus rein. Ich kann nachts mal wieder pennen, weil die Kinder durchschlafen. Die Energie ist zurück. Ich bin gerade wieder richtig angefixt. Das war in den letzten Jahren streckenweise nicht so.

Gab es denn auch einmal eine Phase, in der ihr ans Aufhören gedacht habt?

Ja, das gab es zwischendurch natürlich auch. Es gab diese Phase nach der "Bloodline", wo wir unseren Plattenvertrag verloren und auch intern nicht mehr so richtig Bock aufeinander hatten. Du kennst dich zwar schon ewig, aber irgendwann gehst du dir trotzdem auf den Sack. Das ist doch völlig normal und hat sich zum Glück auch wieder stark gebessert. Ich denke, wenn Martin oder ich das Handtuch schmeißen sollten, dann würde es die Band nicht mehr geben. Letztendlich motivieren wir uns aber immer wieder gegenseitig. Rein businesstechnisch ist der Markt kaputt. Die ganz großen Erwartungen, was Albumverkäufe und Erfolg an sich betrifft, darf man nicht mehr haben. Auf der anderen Seite machst du das schon seit Ewigkeiten, hast Megaspaß dabei und darüber hinaus einfach die Möglichkeit, immer noch coole Auftritte zu machen und im professionellen Rahmen Platten aufzunehmen. Und es gibt sogar noch Leute, die dich richtig cool finden. Irgendwo hatten wir auch irgendwie Glück, obwohl man "nur" Underground ist und nicht mit zigtausend CD-Verkäufen trumpfen kann. Letztendlich ist es ja auch ein Privileg, es nicht zu müssen. Jeder startet mit der Intention, die geilste Band zu sein und irgendwann die Weltherrschaft zu erringen. Wenn du nicht so denken würdest, würdest du wahrscheinlich nie eine Band gründen. Wenn ich jetzt aber einige Bekannte sehe, die damit ihre Kohle verdienen müssen, dann habe ich darauf eigentlich gar keinen Bock bzw. bin froh, dass ich darauf nicht angewiesen bin. Dann wärst du musikalisch nicht frei, müsstest immer bangen und das ganze Business irgendwie analytisch betrachten. Wäre dann eben nur noch ein Job.

Ich habe euch 1996 im Vorprogramm der deutschen Thrasher WARRANT zum ersten Mal Live gesehen. Was würdest du dem damals 20-jährigen Metti sagen oder mit auf den Weg geben, wenn du könntest?

Wahrscheinlich hätte ich den Metti von damals echt cool gefunden (lacht). Man schätzt sich ja selbst nicht wirklich realistisch ein, aber wir haben richtig Gas gegeben. Wenn wir auf die Bühne gegangen sind, lautete unser Motto immer: "wir scheißen auf alles und bangen uns den Arsch ab". Das haben wir uns tatsächlich vor jeder Show gesagt. Wahrscheinlich war es schon teilweise chaotisch, aber wenn ich es jetzt sehen würde, fände ich es sicher cool. Ich würde sagen: "Jungs, ihr seid cool, macht weiter so."

Im Rahmen eurer Albumveröffentlichungen spielt ihr schon seit Jahren kleine Akustikshows, vornehmlich in größeren Elektronikketten. Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, so etwas mal regulär zu veröffentlichen?

Ja, mmh (zögert). Da haben sogar schon einige nachgefragt. Ich könnte mir einerseits sogar vorstellen, dass es gut ankommt, aber macht das wirklich Sinn? Letztendlich sind wir nun mal eine Metalband. Die Geschichten machen Spaß, aber ich wüsste selbst nicht, ob ich Bock auf eine Akustikveröffentlichung einer meiner Lieblingsbands hätte. MORGANA LEFAY unplugged? Ich glaube, eher nicht.

Dafür habt ihr jetzt eine METALLICA-Coverband gegründet: CLIFF'EM ALL. Eine gewagte Entscheidung, da ihr ja seit Jahren gegen dieses Image ankämpft. Warum also jetzt?

Aus purem Spaß. Neben Martin, Björn und mir ist noch der Kali von FACE DOWN HERO mit dabei. Eigentlich wollten wir das nie machen, weil wir immer dachten, sonst kriegen wir diesem Stempel niemals los. Doch nichts was wir tun, wird das wahrscheinlich jemals ändern. Es macht einfach Spaß, die alten Nummern zu zocken. Wir sind auch keine herkömmliche Coverband, sondern spielen nur die Sachen der Cliff-Burton-Zeit – nichts darüber hinaus. Aber weißt du, was mir eigentlich schon wieder richtig auf den Sack geht? Seit zwanzig Jahren strampeln wir uns ab und kämpfen um jeden einzelnen Zuschauer, um ihn zu unseren Shows zu bekommen. Mit der Coverband haben wir unseren ersten Auftritt in Siegen und es waren 560 zahlende Gäste da. Obwohl niemand die Band kannte, nur im Vortex ein bisschen geworben wurde, wir keine Plakate und keine Internetseite hatten. Das darf doch nicht wahr sein. Da könnte wahrscheinlich die größte Wurst-Combo auf der Bühne stehen und dem Publikum wäre es vollkommen egal. Wir haben jetzt auch mit CLIFF'EM ALL in Holland gespielt (unter KIFF'EM ALL? Kalauer – CS). Das hat 12€ Eintritt gekostet. Da hat am Schluss niemand mehr reingepasst. In dem gleichen Klub haben wir mit PERZONAL WAR am Release-Tag bei freiem Eintritt gespielt und es waren ungefähr 50 Leutchen vor Ort. Das ist wirklich frustrierend.

Gibt es nach diesen traurigen, aber leider wahren Worten eine passende Überleitung zur nächsten Frage? Eher nein, deshalb: Vielen Dank für das Interview, Metti.

Danke für deinen Support. Es ist echt krass, ich lese powermetal.de nun schon seit fünfzehn Jahren regelmäßig und finde es echt geil. Früher habe ich noch vampster.com besucht, aber mittlerweile ist powermetal.de neben rockhard.de die einzige Seite, die ich wirklich noch ganz oft lese. Deshalb: vielen, vielen Dank für das Interview. Und natürlich an alle, die das lesen: Danke für Eure Zeit und riskiert mal ein Ohr in "The Last Sunset". Ich hoffe, es gefällt.

Redakteur:
Chris Staubach

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