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RAGE: Interview mit Peavy

23.09.2021 | 12:07

Wenn es um die Urgesteine im deutschen Heavy Metal geht, dann darf Peter "Peavy" Wagner nicht fehlen. Seit fast vierzig Jahren ist er mit seiner Band RAGE unterwegs, Langeweile kam da nur sehr selten auf. Über das aktuelle Album "Resurrection Day" und über die Band an sich gibt es natürlich wieder viel zu erzählen. Wir baten zum telefonischen Gespräch.

Hallo Peavy. RAGE veröffentlicht ein neues Album, "Resurrection Day". Lass uns mal ein bisschen darüber reden. Ein persönlicher Eindruck vorweg: Eines meiner Lieblingsalben von RAGE ist "Secrets In A Weird World", welches auch mit einem klassischen Intro beginnt, gefolgt von einem absoluten Hammersong, der einen erst einmal gegen die Wand drückt.

Peavy: Ich kann die Verbindungen, die du da siehst, durchaus erkennen. Dennoch möchte ich die beiden Alben nicht miteinander vergleichen. Vor allem, weil eine unfassbar lange Zeit zwischen diesen Platten liegt. Wir klingen jetzt eben nach RAGE 2021 und nicht mehr nach RAGE 1989.

Das ist richtig. Aber "Secrets In A Weird World" hatte eine ganz besondere Energie, eine ganz besondere Power. Und genau diese Energie kommt auch auf "Resurrection Day" wieder zum Vorschein.

Die Trademarks der alten RAGE bleiben natürlich erhalten und sind auch auf dem neuen Album wieder drauf. Es ist sicherlich eine klare Kontinuität vorhanden. Dennoch fällt es mir schwer, Platten miteinander zu vergleichen, zwischen denen mehr als dreißig Jahre liegen.

Die Kontinuität bezog sich in den letzten Jahren leider nicht immer auf das Line-up der Band. Da gab es die Besetzung mit Andre Hilgers und Victor Smolski, danach kamen zwei neue Leute mit Lucky und Marcos. Nun hast du zwei neue Gitarristen und RAGE ist zu viert. Ist es für einen "alten Hasen" wie dich Routine, wenn ein neues Album in neuer Besetzung veröffentlicht wird oder bist du eher nervös?

Routine ist eine Albumveröffentlichung sowieso nie. Ich finde, was die Häufigkeit der Musikwechsel innerhalb der Band angeht, liegen wir durchaus im grünen Bereich. Über die fast vierzig Jahre haben wir vielleicht sogar weniger Besetzungswechsel zu verkraften gehabt als die meisten anderen Bands. Klar, es gibt Bands, die es über sehr lange Zeit geschafft haben, das Line-up stabil zu halten. METALLICA oder BLIND GUARDIAN fallen mir da zum Beispiel ein. Es ist fast unmöglich, eine Band in einer Besetzung über so viele Jahre zu halten. Die Menschen verändern sich eben, die Bedürfnisse verändern sich, die Lebensumstände der Musiker verändern sich. In den meisten Fällen sind es persönliche und familiäre Gründe oder musikalische Gründe, weshalb die Musiker RAGE nach einiger Zeit wieder verlassen. Damit muss ich halt leben, das ist doch völlig normal, wenn man sich persönlich oder musikalisch verändern will. Bestes Beispiel ist Marcos. Er hat RAGE rein aus persönlichen Gründen verlassen, wir sind nach wie vor miteinander befreundet.

Wo wir gerade dabei sind: Wie ging es nach dem Ausstieg von Marcos weiter?

Als wir die letzte Tour (die ja aufgrund der Corona-Epidemie abgebrochen wurde) absolviert haben, kam schon die Überlegung auf, Stefan Weber dazu zu holen. Er kannte Marcos gut, die beiden haben in Marcos' anderer Band DIO LEGACY bereits zusammen gespielt. Da ich Stefan auch schon viele Jahre kenne, war es dann schnell entschieden, dass RAGE als Quartett weiter macht. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits das "Resurrection Day"-Album in Arbeit. Die ersten Songs waren fertig, das Konzept stand schon weitestgehend. Dann verließ Marcos die Band und Jean Bormann, den ich zunächst gar nicht auf dem Schirm hatte, stieß dazu. Ich kenne Jean aber auch schon ein paar Jahre und konnte ihn schon live mit seinen anderen Bands sehen. Da er auch hier aus der Nähe kommt, passte einfach alles zusammen.  Es hat sich zum Glück alles sehr schnell und sehr gut entwickelt. Wir kommen alle gut miteinander aus.

Kommen wir mal zu "Resurrection Day". Neben dem Titeltrack am Anfang fällt zunächst erst einmal 'Virginity' auf. Der Track ist ja zu Beginn schon fast lupenreiner Thrash, der einen gegen die Wand drückt.

Genau dieser Song ist ein Beispiel dafür, wie verschiedene RAGE-Trademarks miteinander funktionieren. Thrash Metal ist ja schon immer ein Bestandteil meines Sounds gewesen, das haben wir in den letzten Jahren aktiviert. Du hast recht, der Anfang knallt richtig gut, aber auch der hymnenhafte Refrain passt dann gut in das Gesamtbild. An diesem Song wird besonders deutlich, wie gut ich mit Stefan und Jean kreativ zusammen arbeiten kann. Hier haben wir uns alle drei kompositorisch eingebracht und ich finde, das passt wunderbar. Von mir kam die Melodie, von Jean das Anfangsriff und von Stefan der Mittelteil. Man erkennt also schon deutlich die Handschrift der beiden neuen Jungs.

Die von dir vorhin angesprochene Weiterentwicklung von RAGE möchte ich mal am Song  'Arrogance And Ignorance' festmachen. Ein wie ich finde sehr moderner Song, der schon etwas in die Richtung FIVE FINGER DEATH PUNCH tendiert.

Musikalisch ist der Song schon etwas moderner. Wie ich schon gesagt habe, hat Jean viele neue Aspekte mit eingebracht. Der Junge ist gerade mal fünfundzwanzig, da bleiben moderne Elemente gar nicht aus und das ist gut so. Selbst ich höre ja gern neue Bands und bekomme stets neue Eindrücke. Hin und wieder denke ich bei einigen Passagen, dass ich diese Teile vor zwanzig Jahren so nicht gemacht hätte. Dennoch klingen wir immer noch nach RAGE, denke ich.

Zudem offenbart der Songtitel eine gewisse Aussage. Worum geht es da?

Insgesamt ist dieses Album eine philosophische Betrachtung der menschlichen Evolution. Angefangen von der Jungsteinzeit, als die Menschheit vom Jäger und Sammler zur Sesshaftigkeit übergegangen sind. Das ist für mich so etwas wie der Auszug aus dem Paradies, wie er im Alten Testament beschrieben wird. Mit 'Arrogance And Ignorance' möchte ich zum Ausdruck bringen, mit welcher Selbstherrlichkeit wir ignorieren, dass wir Menschen ein Teil des gesamten Lebens sind und keine Sonderstellung innehaben. Die meisten Menschen denken ja immer noch, wir können uns die Erde untertan machen und sie benutzen, wie wir wollen. Dadurch sägen wir letzten Endes den Ast ab, auf dem wir sitzen.

Ich stimme dir auch bei diesem Album zu. Man bekommt 100% RAGE. Aber es sind immer spannende neue Elemente zu entdecken. In diesem Falle ist es zum Beispiel die sehr gute Produktion. Besonders im Falle von 'Age Of Reasons' kommt das zur Geltung. Hier wird der Song einfach von der guten Produktion mitgetragen.

Ja, ich bin auch sehr zufrieden damit. Dani G. (u.a. Gitarrist von LAST DAYS OF EDEN) hat uns einen Grundsound erstellt, den wir schon geil fanden. Zudem habe ich von Anfang an Pepe Herrero aus Madrid mit eingebunden, einen ausgezeichneten Klassik-Komponisten und Arrangeur. Als wir 2019 unser Album "13" in Spanien komplett als klassische Version auf die Bühne gebracht haben, war er für uns als Dirigent des Orchesters dabei. Zudem ist er seit seinen Jugendtagen begeisterter RAGE-Fan. Als ich ihn jetzt fragte, ob er sich für das neue Album mehr einbringen möchte, war er sofort Feuer und Flamme. Er schrieb für vier Songs die klassischen Arrangements und hatte dabei auch völlig freie Hand. Könnte vielleicht auch ein Ausblick für die Zukunft sein, ich würde gern mal ein komplettes Album mit ihm zusammen gestalten.

Da schließt sich nahtlos meine letzte Frage an. Es geht um die Zukunft. Du hast ja in der  Vergangenheit diverse Sachen gemacht, seien es LMO oder der Bundesvision Song Contest. Welchen musikalischen Traum möchtest du dir in der Zukunft noch erfüllen? Was steht bei dir auf der Wunschliste ganz oben?

Musikalisch bin ich eigentlich seit Jahren sehr zufrieden. Ich bin gut ausgelastet und mache ohnehin das, was mir am meisten Spaß macht. Aber bald haben wir 40-jähriges RAGE-Jubiläum. Und neben dem Album mit Pepe wäre es mir dann ein Wunsch, viele Gäste dabei zu haben. Ich würde dann gern ein Album machen, was die Geschichte der Band abbildet. Dazu könnte man eventuell ehemalige Mitglieder einbinden. [Anmerkung der Redaktion: Das Interview wurde unmittelbar vor dem Tod des RAGE-Gründungsmitglieds Jochen Schröder geführt, daher kommt das Ableben des Musikers hier noch nicht zur Sprache.] Auf jeden Fall möchte ich viele Gäste einbinden, mit denen ich in den vier Jahrzehnten zu tun hatte – Freunde, Musiker  und so weiter. Desweiteren schreibe ich derzeit an der Geschichte der Band. Möglicherweise wird daraus sogar ein Buch, das lässt sich aber momentan noch nicht sagen, ich bin ja noch nicht fertig damit.

Warum nicht? TANKARD hat ja auch schon eine Biografie geschrieben.

Ich denke schon, dass ich eine Menge zusammen bekomme. Eigentlich gehöre ich mit der Band ja zu den Urvätern der deutschen Heavy-Metal-Geschichte. Den Heavy Metal gab es ja erst eine relativ kurze Zeit, bevor wir auf den Plan traten. Was RAGE angeht, fängt meine Zeitrechnung mit der Veröffentlichung des ersten Albums 1984 an. Aber ich habe bereits in ähnlichen Bands gespielt, als es den Begriff Heavy Metal in der Form noch gar nicht gab. Wir wollten einfach nur harte Musik machen, egal wie man das dann später nennen sollte. Die Einflüsse reichten von DEEP PURPLE über MOTÖRHEAD bis hin zum Punk, der uns damals sehr gefiel. Von daher macht es Sinn, alles aus den vier Jahrzehnten aus Sicht der Band mal aufzuschreiben. Ich denke, das ist schon ein Stück Zeitgeschichte. Dabei soll es mir nicht nur um RAGE gehen, sondern auch um alles, was auch privat drumherum passiert ist, es könnte also auch eine persönliche Autobiografie werden.

Redakteur:
Frank Wilkens
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