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Rock-Opern im Duell - AVANTASIA & AYREON in der Gruppentherapie

15.01.2008 | 06:03

AVANTASIA und AYREON sind wohl unwidersprochen die Messlatten für Rockopern. In der grundsätzlichen stilistischen Ausrichtung zwar doch deutlich verschieden, gelten beide dennoch als die Speerspitze eines wachsenden Genres, das mehr und mehr Nachahmer gefunden hat. Man denke nur an GENIUS oder AINA. Am 25. Januar werden jetzt die neuen Werke "The Scarecrow" und "01011001" auf die Rocker losgelassen. Damit ihr wisst, worauf ihr euch da einlasst, haben sich große Teile der Redaktion mit beiden Werken beschäftigt. Nehmt euch Zeit, lehnt euch zurück und lest selbst.

Eigentlich war Tobi Sammets AVANTASIA-Projekt mit "The Metal Opera Pt. II" im Jahr 2002 abgeschlossen, und weitere Aktivitäten wurden maximal in der ganz fernen Zukunft gesehen. Die ganz ferne Zukunft scheint in unserer schnelllebigen Zeit zügig näherzukommen, so dass nun die - Bingo! - dritte Platte vorliegt, um das Grundkonzept der Vorgänger fortzuführen. Erneut konnte Sammet jede Menge Musiker ranschleppen, die sich in den Tracks schadlos halten. Der Großformat-Melodic-Rocker 'Carry Me Over' und 'The Toy Master', das von Alice Cooper veredelt wird, ragen leicht aus dem Material heraus. Daneben wiegen die Doublebass-Stücke 'Another Angel Down' und 'Devil In The Belfry', der Slow-Banger 'Twisted Mind' sowie der elfminütige, im Mittelteil kurz absackende Titeltrack Geht-so-Kram wie die käsige Single 'Lost In Space' sowie die (vor allem) im Refrain zu beliebigen 'I Don't Believe In Your Love' und 'Shelter From The Rain' auf. Zweimal muss man zudem ganz tapfer sein. Entgeht 'What Kind Of Love' aufgrund der Gesangsleistung von Amanda Somerville und Metal-Dauerbrenner Michael Kiske noch haarscharf einem Celine-Dion-Balladen-Totalschaden, rappelt's bei 'Cry Just A Little' heftig: glitschig, "gefühlvoll" wie Ditze-Bohlen-Auswürfe, ungenießbar. Der schlichte Alois, der mit seiner Freundin zu dieser Nummer romantisch werden will, kriegt hoffentlich umgehend eine gezimmert. Nichtsdestotrotz ist "The Scarecrow" knapp gut und im AVANTASIA-Rahmen abwechslungsreich.

Tom Englund (EVERGREY), Jonas Renkse (KATATONIA), Anneke van Giersbergen (ex-THE GATHERING), Daniel Gildenlöw (PAIN OF SALVATION), Hansi Kürsch (BLIND GUARDIAN), Floor Jansen (AFTER FOREVER), Steve Lee (GOTTHARD) - das sind die Sänger des "01011001"-Openers (!) 'Age Of Shadows (incl. We Are Forever)'. Reicht, oder? Es dauert auch nur die knapp elf Minuten dieses fabelhaften Tracks, und alle Rock/Metal-Oper-Erschaffer weinen bitterlich, weil ihnen (erneut) vor Augen geführt wird, dass sie Arjen Lucassens Gespür für vielschichtige Kompositionen einfach nicht besitzen. Und bis zum Ende der ersten CD des Doppel-Teils dürfte der Zellstoff-Vorrat bereits aufgebraucht sein, da die wundervollen 'Comatose', 'Beneath The Waves' und 'Ride The Comet', das mit THIN LIZZY-Zitaten gespickte 'Newborn Race', der Achtminüter 'Liquid Eternity', das leichtfüßige und schweinegroßartige 'Connect The Dots' (mit Lead-Vocals von KING'S X' Ty Tabor) und der Akustikgitarren-Song 'Web Of Lies' den Holländer in glänzender Form zeigen: Sci-Fi-Keyboard-Sounds, ein dickes Riff zur rechten Zeit, dichte Atmosphäre, Dynamik und Tiefgang. T-I-E-F-G-A-N-G - ja, so was ist erlaubt. Und es ist ebenfalls erlaubt, in der zweiten Hälfte genauso weiterzumachen. 'The Fifth Extinction' und das beschwingte 'The Truth Is In Here' knüpfen qualitativ an das Vorprogramm an und werden nur noch überflügelt von 'E=mc2', dem schwebenden 'Waking Dreams' sowie 'The Sixth Extinction', die jeden AYREON-Fan umgehend ins Glück schießen. Alle hinterherhinkenden Kollegen Lucassens können allerdings endgültig entnervt aufgeben und zur Abwechslung mal mit dem Hund rausgehen.

[Oliver Schneider]

Ich muss gestehen, ich hatte ja meine Zweifel, dass es Tobias Sammet mit AVANTASIA noch einmal gelingen würde an die fantastischen beiden "Metal Opera"-Scheiben heran zu kommen, ohne sich selbst zu wiederholen oder allzu sehr in Bombast und Kitsch zu verfallen. "The Scarecrow" aber belehrte mich von der ersten Minuten an eines Besseren. Der entscheidende Schritt weg vom eben nicht unendlich wiederholbaren Märchen- und Musical-Feeling hin zu einem deutlich straffer arrangierten, höchst eingängigen und absolut mitreißenden Sound irgendwo zwischen modernem Melodic Metal und dem Stadion-Hardrock der mittleren und späten Achtziger ist mit Glanz und Gloria gelungen. Das enorm druckvolle, stampfend rockende 'Twisted Mind' mit seinem ganz und gar unwiderstehlichen Über-Chorus ist der perfekte Opener, eine Nummer mit dem Zeug zum Klassiker. Der überlange, sehr stimmungsvolle Titeltrack begeistert nicht weniger. Unter die Haut geht das leicht nachdenkliche 'Carry Me Over', das vom einfühlsamen Gesang lebt. Dass die zwei von den Vorab-Singles bekannten 'Another Angel Down' und 'Lost Space' Volltreffer sind, wusste man ja schon. Völlig weggehauen haben mich aber das brettharte, treibend-hypnotische 'Toy Master' und die packende Uptempo-Nummer 'Devil In The Belfry'. Schwachpunkte gibt es nur sehr wenige: Der Speed-Metal-Track 'Shelter From The Rain' ist etwas schlicht ausgefallen, dasselbe behaupte ich mal von den Ballade 'Cry Just A Little'. Und mit dem Melodic-Rocker 'I Don't Believe In Your Love' kann ich nicht so viel anfangen. Das war es dann aber auch schon. Somit haben mich AVANTASIA mit "The Scarecrow" positiv überrascht, eine tolle Platte ist das geworden mit großem Unterhaltungswert, perfekt auch fürs Auto, werde ich bestimmt noch sehr oft hören.

 

Ungleich ambitionierter, visionärer und monumentaler tönt dagegen das neue Werk von Genius Arjen Lucassen und seinem Baby AYREON. Der epochale Vorgänger "The Human Equation" raubte mir mit seiner düsteren Intensität und beinahe schmerzhaften emotionalen Dichte fast den Verstand. Dagegen ist der aktuelle Doppeldecker mit dem etwas seltsamen Titel "01011001" trotz einiger schwermütiger Momente insgesamt positiver, beschwingter und ich möchte fast sagen romantischer ausgefallen. Allerdings sprechen wir hier von einer Art futuristischer Post-Romantik im AYREONschen Sinne. "01011001" saugt den Hörer förmlich in sich auf und entfernt ihn meilenweit von den Banalitäten des Alltags. Von der ersten bis zur letzten Minute bekommt man hier mal elektronisch-bombastisches, mal ganz leises, mal in Soundscapes schwebendes oder einfach nur satt rockendes Kopfkino der Extraklasse geboten. Die gesanglichen Charaktere ergänzen sich brilliant, scheinen auf wundersame Weise miteinander zu spielen. Der gigantische Opener 'Age Of Shadows', den ich gar nicht wieder aus dem Hirn kriege, gehört zum Besten, was ich je zu Ohren bekommen habe. Trotz aller Größe und Erhabenheit muss ich gestehen, dass mir persönlich "The Human Equation" noch etwas mehr gegeben hat. Für meinen Geschmack gibt es auf "01011001" zu wenig warme (Akustik-)Gitarren und zu viel großflächige Science-Fiction-Synthesizer. Etwas weniger David Bowie hätte mir wohl besser gelegen. Das ändert aber nichts daran, dass Arjen seiner beeindruckenden Diskographie ein weiteres, einzigartiges Meisterwerk hinzugefügt hat. Vom künstlerischen Standpunkt aus gewinnen AYREON den Vergleich mit AVANTASIA haushoch, doch der Anspruch beider Platten ist auch ein anderer. Betrachte ich das subjektive Hörvergnügen, liegen beide etwa gleich auf – die Nasenspitze knapp vorn haben AYREON allerdings immer noch.

[Martin van der Laan]

"The Human Equation" war thematisch gesehen ein Ausreißer in der AYREON-Diskographie, denn auf "01011001" space-rockt es wieder von vorne bis hinten: Außerirdische bevölkern die Erde, und Arjen Anthony Lucassen liefert den dazu passenden Soundtrack. Doch vor allem musikalisch geht der holländische Hüne lichtjahreweit zu seinen Ursprüngen zurück und dürfte mit dem überwiegend getragenen Song-Material vor allem Anhänger der älteren Alben begeistern. Zu denen zähle ich nicht unbedingt, aber die Riege der Vokalisten - ganze 17 an der Zahl - ließ mich dem neuen Doppelalbum förmlich entgegenfiebern. Neben zwei alten Bekannten - die wie immer gute Anneke van Giersbergen und die eher verzichtbare Floor Jansen - teilen sich mit Daniel Gildenlöw, Jonas Renkse, Tom S. Englund, Hansi Kürsch und Jorn Lande u. a. etliche Stimmen den Mikrophonständer, die bereits meine heimische Plattensammlung bevölkern. Leider gehen ein Paar davon aufgrund der pro Kopf entsprechend zeitlich begrenzten Showtime ein wenig unter, können sich nicht so profilieren, wie dies auf dem Vorgänger beispielsweise Devon Graves oder Eric Clayton mit Bravour taten. Und so sticht neben dem erfreulicherweise partiell grunzenden, ansonsten gewohnt entrückt tönenden Renkse vor allem Jorn "ich singe überall, wo ich darf" Lande hervor, weil er einfach tut, was er immer tut, und improvisierenderweise herrlich gegen den Strom seiner oft viel zu ernsthaften Mitstreiter anschwimmt. Und die Songs? Einige der auf den ersten Blick etwas spannungsarmen Kompositionen wachsen sicher mit der Zeit. Spontan kann ich mich am meisten für 'Age Of Shadows', 'Liquid Eternity', 'Unnatural Selection' und 'The Sixth Extinction' begeistern, die allesamt zu den etwas beschwingteren Tracks des Opus gehören. Persönliches Fazit: Nach dem immer noch genialen Vorgänger ist "0110100" etwas zwiespältig, um nicht zu sagen enttäuschend.



Die Nähe zu seiner Stamm-Formation EDGUY ist für AVANTASIA-Gründer Tobias Sammet zugleich Segen und Fluch. Ganz sicher werden die immer zahlreicher werdenden EDGUY-Fans allein schon wegen der stilistischen Nähe auch die dritte AVANTASIA-Platte antesten. Doch wer die Hessen (nicht zuletzt wegen Tobis umstrittenem Humor) bislang als belanglose Spaß-Power-Metal-Kapelle kategorisiert hat, dürfte den Strahlemann, der wie zuvor auf Teil I und II von "Avantasia - The Metal Opera" einen beachtlichen Teil der Vocals bestreitet, in Zukunft weiterhin nur als drittklassigen Trittbrettfahrer im Bereich der Rock- und Metal-Opern abstempeln. Ich persönlich habe die bisherigen AVANTASIA-Platten zwar nie als Meilensteine, aber - ähnlich wie EDGUY - stets als gut gemachte, kurzweilige Unterhaltung wahrgenommen, woran sich auch mit "The Scarecrow" nichts ändern wird. 'Twisted Mind', 'The Scarecrow', 'Carry Me Over, 'Devil In The Belfry' und 'Lost In Space' sind mitreißende Songs zwischen (Speed-)Metal, (Hard-)Rock, ein bisschen Folk und Klassik, die unabhängig vom Gesamtkonzept der Scheibe auch gut für sich allein stehen können. Und mit den AVANTASIA-Veteranen Bob Catley und Michael Kiske sowie Eric Singer, Jorn Lande, Rudolf Schenker und dem etwas enttäuschenden Alice Cooper hat sich Sammet eine Reihe hochkarätiger Mitstreiter ins Boot geholt, denen man den Spaß an der Sache förmlich anhört. Selbst die einzige weibliche Rolle in Form von Amanda Somerville wurde gut besetzt, auch wenn die dazugehörige Ballade 'What Kind Of Love' etwas arg kitschig geraten ist. Der geplante Auftritt auf dem kommenden Wacken Open Air (man darf gespannt sein, in welcher Besetzung) verheißt, dass Tobi mit AVANTASIAs drittem Werk kräftig durchstarten will. Und ich bin mir sicher, dass neben 'Avantasia' vom Debüt künftig auch das eine oder andere Werk vom Drittling unter der EDGUY-Setliste zu finden sein wird. Denn "The Scarecrow" macht von vorne bis hinten Laune - genau so, wie ich es erwartet habe.
[Elke Huber]

 

Tonnenschwer muss die Last sein, die auf den schmalen Schultern von Tobias Sammet gelastet hat, hat er doch mit den ersten beiden AVANTASIA-Teilen dem Genre Metal-Oper neues Leben eingehaucht. Gelingt dieses Unterfangen auch beim dritten Teil "The Scarecrow"?! Wenn man die Bandbreite und die Qualität der Songs sich anschaut, dann kann man diese Frage mit "Ja" beantworten. Wobei man dazu sagen muss, dass sich Mr. Sammet in der Rolle als Strippenzieher sehr gefällt und oft der Lichtkegel auf die Gaststars ausgerichtet ist. Einige Nörgler werden ihm vorwerfen, mit 'Lost In Space' zu sehr ins Stadionrock-Genre geschielt zu haben. Ich persönlich finde die Nummer Klasse! Nicht in Worte zu fassen ist hingegen der Titeltrack, der mit dem keltischen Anfang und einer Hammerdarbietung zu den Highlights der Scheibe gehört und schon jetzt Metal-Geschichte geschrieben hat. Ansonsten fragt man sich immer wieder, warum eine HELLOWEEN-Reunion mit Michael Kiske nicht zustande kommt ('Shelter From The Rain'), freut sich, dass ALICE COOPER mit 'The Toymaster' nach Jahren den zweiten Teil des "Hey Stoopid"-Abschlusstracks 'Wind Up Toy' gezimmert hat und kuschelt mit seiner Liebsten beim Sommerville/Sammet-Duett in den Schlaf ('What Kind Of Love'). Wer die ersten beiden Teile im CD-Schrank stehen hat, kann auch hier beherzt zugreifen. Einziger Wermutstropfen ist hingegen die Tatsache, dass Herr Sammet versucht hat, seinen Gaststars jeden Song förmlich auf den Leib zu schreiben, wodurch seine Leistung etwas ins Abseits gerät.


Wenn ich den aktuellen AVANTASIA-Rundling "The Scarecrow" mit einer Pizza vergleiche, die dezent mit Salami belegt ist und einem knusprig-weichen Teig aufwartet, so ist die neue AYREON-Scheibe "01011001" eine Mafiatorte mit extra Käse, Schinken, Salami und dickerem Teig. Im Klartext heißt das, dass die Pizza Salami schnell verschlungen ist, man für die Mafiatorte hingegen mehr Zeit und Geduld aufbringen muss, um sie länger zu genießen. Dafür hält sie aber auch länger satt!

Gleich der Opener 'Age Of Shadows' ist der ideale Einstieg in den knapp hundert Minuten lange Silberling. Des Weiteren haben sich alle Gastmusiker voller Herz und Hingabe einbracht und somit meiner Meinung nach das beste AYREON-Werk zusammengezimmert. Die Tracks sind bis ins kleinste Detail durchdacht, und auch nach zig Durchläufen packen einen die Nummern an den Eiern. So ganz nebenbei hat Ty Tabor den besten KING'S X-Song seit langem auf CD-Rillen gepresst ('Connect The Dots'), versprüht 'Newborn Race' zwischendurch mehr THIN LIZZY-Spirit als John Sykes mit seiner aktuellen Begleitmannschaft und schaffen Nummern wie 'The First Extinction' und 'The Truth Is In Here' mehr Mittelalterflair als alle veröffentlichten Werke von BLACKMORE'S NIGHT. Dabei ist das Niveau durchgehend auf einem sehr hohen Level angesiedelt und die Abnutzungserscheinungen tendieren gen Null. Erwähnenswert ist noch das Bonbon 'Unnatural Selection', bei dem Steve Lee (GOTTHARD) mit einer ungewöhlich harten Performance glänzen kann, die man ihm so nicht zutrauen würde.

Um nochmal an den Pizzavergleich anzuknüpfen: Tobias Sammet hat ohne Frage mit "The Scarecrow" einen würdigen dritten Teil abgeliefert, doch gegen Arjen Lucassens aktuellen Output kann er kaum anstinken. Das ist zwar so, als ob man Äpfel mit Birnen vergleicht, doch manchmal ist das musikalische Leben ungerecht. Den Fan wird’s trotzdem freuen, hat er doch Möglichkeit, sich zeitgleich zwei starke Scheiben zuzulegen. Zwar spielen diese - musikalisch gesehen - in einer untschiedlichen Liga, doch das sollte Fans des Genres nicht davon abhalten, am 25. Januar den nächstbesten Laden zu stürmen.
[Tolga Karabagli]

 

Dass Arjen Lucassen ein Gespür für große Stimmen und unvergleichlichen Bombast hat, ist unbestritten und so braucht man auch bei seinem neuen Meisterwerk nicht lange suchen, um diese Elemente in einer perfekten Mischung zu finden. Ohrwürmer, psychedelische Klangreisen, eine faszinierende Gegenüberstellung von tollen Stimmen (alleine das Duett zwischen Anneke van Giesbergen und Jorn Lande ist unschlagbar und Jonas Renkse von KATATONIA steuert ebenfalls einige traumhafte Parts bei) und der unverkennbare Bombast-Stempel der Marke Lucassen machen das neue AYREON-Werk wieder zu einem spannenden Stück Musik, welches bei jedem Hören eine neue Facette offenbart und sich so erst nach mehreren Hördurchgängen richtig beweisen kann. Und dass Arjen seiner Phantasie wieder freien Lauf gelassen hat, beweist auch die spannende Story hinter dem Konzeptalbum. Stark, abwechslungsreich und trotzdem nie kitschig oder belanglos, AYREON in Bestform eben!

 

Was haben AVANTASIA mit dem Begriff Rock-Oper gemeinsam? Nicht wirklich viel in meinen Ohren, denn als Rock-Oper geht das lauwarme Powermetal-Spektakel kaum durch. Da hilft es auch nichts, dass Tobias Sammet sich so wohl klingende Namen wie Alice Cooper, Jorn Lande (dessen tolle Stimme bei seinem AYREON-Einsatz einfach viel besser zur Geltung kommt) oder Roy Khan mit an Bord holt. "The Scarecrow" klingt überladen, kitschig bis zum Abwinken und die poppigen Balladen sind absolut vorhersehbar und seicht. Die wenigen Interessanten Songstrukturen, wie etwa das pompöse Streicherintro des Titeltracks helfen auch nicht wirklich über den negativen Beigeschmack hinweg. Wie man Rock-Opern-Kunst richtig zelebriert, das zeigen hier eindeutig AYREON am Besten!

[Caroline Traitler]

 

Um es gleich vorwegzunehmen, ich bin bei dieser Besprechung einer der (wahrscheinlich) wenigen, die sich für die AVANTASIA in dem Duell aussprechen. Gründe dafür gibt es viele, da wäre zum einem die große Menge an Hits ('Another Angel Down', 'Devil In The Belfrey', 'Lost In Space', 'The Scarecrow', 'The Toy Master' und viele viele mehr), zwei außergewöhnliche Gastmusiker (Alice Cooper und Michael Schenker) und vor allen Dingen Jorn Lande und Tobias Sammet in Höchstform. Zudem gibt es eine frische Story ohne Elfen und Außerirdische, sowohl rockiges Zeug, als auch lange Tracks und ergreifende Songs und die Aussicht auf einen zweiten Teil. Einziger Kritikpunkt wäre vielleicht der hohe Anteil an gefühlvollen Songs, aber wer bei dem Duell nach dem Album mit dem höchsten Böllerfaktor sucht, würde sich sowieso nie für die AYREON entscheiden. Zudem kann die große Menge an Songs, an denen Jorn Lande mitwirkt, als Kritikpunkt gelten, da der hyperaktive Musiker (Solo, mit Russel Allen, auf der AYREON, ehemals bei MASTERPLAN usw.) seine Stimme sowieso schon auf jeden zweiten Tonträger gepresst hat. Kann man allerdings auch als Pluspunkt werten.

 

Warum also gewinnt AYREON nicht? Denn an sich ist die CD wirklich großartig, um nicht zu sagen grandios. Allein die Anzahl an Gaststimmen ist eindeutig ein Pluspunkt beim Duell (neben den auf beiden Alben vorhandenen Jorn Lande und Bob Catley gibt es noch Hansi Kürsch, Daniel Gildenlöw, Simone Simonens, Floor Jansen, Jonas Renkse und viele weitere Ausnahmestimmen), genauso die Kompositionen, die, wie bei AYREON zu erwarten, wirklich gelungen sind. Und an sich hätte die Tiefe, die dieses Album besitzt, eindeutig am "simplen" Metal auf der AVANTASIA vorbeiziehen und "01011001" auf den Thron hieven müssen. Das Problem jedoch ist bei mir ein persönliches: ich find "The Human Equation" einfach zu geil. Der starke metallische Anteil, die unglaubliche Story, die Gänsehautmomente, die dich schon vom ersten Durchlauf an packen, all das geht der etwas "ruhigeren" "01011001" ab. Zudem kann ich ehrlich gesagt keine Aliens mehr sehen, so dass ich während des Hörens die ganze Zeit erfolglos auf Songs wie 'Loser' oder 'Mystery' wartete. Natürlich zündete auch das Album und ich erwische mich öfter dabei, in Gedanken die Songs wieder und wieder abzuspielen, doch leider ist der Vorgänger für mich zu übermächtig, und da AVANTASIA seine Vorgänger für mich eindeutig übertrumpft hat, geht AYREON tatsächlich nur wegen diesem Detail auf Platz 2 ins Ziel.
[Lars Strutz]

 

 

Mir gefielen die ersten beiden vollständigen AVANTASIA-Alben ausgesprochen gut. Tobi Sammet hat es mit "The Scarecrow" geschafft, meine recht hohen Erwartungen an diese Scheibe in vollem Maße zufriedenzustellen. Aus meiner Perspektive ist "The Scarecrow" keinen Deut schwächer als die beiden Vorgängeralben. Auch auf dem neuesten Geniestreich von Tobi Sammet gibt es griffigen und einprägsamen Melodic Metal der gehobenen Art zu hören. Schlichtweg genial fällt der über elfminütige Titeltrack aus, der kompositorisch sicherlich zu den drei besten Songs gehört, die Tobi Sammet jemals erdacht hat. Einflüsse aus der irischen Folklore und ein spannungsreich aufgebautes Arrangement des Titels lassen ganz schön aufhorchen. Aber auch der kraftvolle Opener 'Twisted Mind' sowie das leicht poppig angehauchte 'Carry Me Over' weisen satte Ohrwurm-Qualitäten auf. Nicht zu unterschätzen ist auch das etwas düster klingende und leicht orientalisch angehauchte 'The Toy Master' mit Alice Cooper als Gastsänger.

Wermutstropfen dieses Albums ist für mich das relativ schwülstige 'What Kind Of Love', das mir erst im letzten Viertel dank des kraftvollen Tobi-Sammet-Refrains zusagt, aber aus meiner Sicht ein verzichtbarer Füller ist. Unter dem Strich bietet "The Scarecrow" jedoch zehn gute bis erstklassige Melodic-Metal-Stücke, tolle Refrains mit Ohrwurmpotenzial, darunter Perlen wie der Titelsong und Uptempo-Kracher wie 'Devil In The Belfry' und 'Another Angel Down', und der Bombast-Faktor dieses Albums ist ansehnlich. Auch im Hinblick auf die Gastsänger lässt sich Tobi Sammet nicht lumpen: Alice Cooper, Michael Kiske (der eine feine Performance auf 'Shelter From The Rain' hinlegt) und Roy Khan (KAMELOT) sowie Bob Catley (MAGNUM) sind Namen, die aufhorchen lassen. Eines steht fest: Mein Daumen zeigt in punkto "The Scarecrow" ganz klar nach oben. Eine feine Scheibe, die garantiert keinen AVANTASIA-Fan enttäuschen wird.

Bevor ich das siebte AYREON-Werk "01011001" in geraffter Form würdige, muss ich eines anmerken: "01011001" ist - ich traue mich kaum, das zu sagen - das erste AYREON-Werk, mit dem ich mich intensiv beschäftigt habe. Und dieser AYREON-Release hat es in sich. Mastermind Arjen Lucassen hat mit "01011001" ein Musikepos erdacht und inszeniert, das im Prog-Metal-Spektrum seinesgleichen sucht. Verdammt facettenreich und mit enormem musikalischen Tiefgang gibt es hier auf sage und schreibe über 100 Minuten Spielzeit Progessive Metal der feinsten Sorte zu hören. Tracks wie 'E=MC2' überzeugen mit satter Heaviness, grandioser Melodieführung und sind einfach absolut unkitschig - ein Punkt den man AVANTASIA an der einen oder anderen Stelle schon ankreiden könnte, wenn man böse ist. 'Newborn Race' versetzt den Zuhörer mit hinreißender Meldieführung, satter Power und einem netten Gastauftritt von Hansi Kürsch (BLIND GUARDIAN) in einen regelrecht Trance-artigen Zustand. "01011001" ist ein Werk, das fesselt und regelrecht süchtig macht.

Auch wenn mir das neue, ausgesprochen gelungene AVANTASIA-Werk sehr zusagt - gegenüber der neuen AYREON-Scheibe “01011001" zieht "The Scarecrow" im Hinblick auf den Bombastfaktor und den Anspruch der Kompositionen doch den Kürzeren. Denn die auf “01011001“ festgehaltenen Lieder scheinen mir eher Garant für ein langes Hörvergnügen ohne nennenswerte musikalische Abnutzungserscheinungen zu sein als die neuen AVANTASIA-Titel.

In Sachen Gastsänger hat die neue AYREON- gegenüber der AVANTASIA-Scheiblette nur knapp die Nase vorn, wenn überhaupt. Ausnahmesänger Jorn Lande zeigt sich auf "01011001" zwar von seiner allerbesten Seite und Anneke van Giersbergen beziehungsweise Floor Jansen (AFTER FOREVER) liefern nicht minder geniale gesangliche Leistungen ab. Dennoch würde ich in Sachen Gastsänger eher ein Unentschieden zwischen beiden Werken konstatieren, denn mit den tollen Kiske-Gesangsspuren und dem Aufritt von Onkel Alice Cooper bietet das AVANTASIA-Album ebenfalls klasse Gesangsdarbietungen renommierter Sänger.

[Martin Loga]

 

Wow, Tobias Sammet konnte für AVANTASIA sogar Bon Jovi gewinnen. Stimmt nicht? Richtig. Es klingt aber so, leider. Ich habe mir im Vorfeld der Rezension noch ein paar Mal die ersten zwei AVANTASIA-Scheiben angehört. Genau wie beim ersten Hören stellte sich nach kurzer Zeit die obligatorische Gänsehaut, das Eintauchen ohne Wiederkehr in die Geschichte ein. Und jetzt "The Scarecrow". Was für ein Abstieg. Aus Fantasy mach Stadionrock, aus Metal mach softes Rumgeleier, aus anspruchsvollem, guten Gesang mach eine Bon-Jovi-sound-alike-Show. Und die Geschichte? Ist mir doch völlig egal. Wegen dieser Rock-Oper-light-Version habe ich gar keine Lust, auch nur ein bisschen in diese Welt der Stränchen-Strichmännchen-Kurzhaar-Rocker entführt zu werden. Aber das Schlimmste ist, dass es nicht bei diesem Verriss bleiben kann. Denn (und das ist so verdammt traurig): Immer wieder blitzen da diese spitzbübische Genialität, das Gefühl für messerscharfe Riffs und geile Melodien, dieser scheinbar dem Olymp entstiegene Gesang und diese großartige Musik auf, welche Sammets Schaffen für mich bis dato ausgemacht hat. Deswegen ist das absolute Highlight dieser Scheibe auch 'The Toy Master' mit Alice Cooper. Dieses Lied steckt alle jüngeren Veröffentlichungen des Horror-Rockers mit Abstand in die Tasche und zeigt, was Sammet eigentlich kann. Aber leider kommt danach halt dann wieder der Weichzeichner ins Spiel und macht alles zunichte.

Fazit: Für mich ist es völlig unverständlich, wie man das geniale AVANTASIA-Projekt nur mit so etwas in Grund und Boden rammen konnte, aber vielleicht bin ich auch nicht zeitgemäß oder hip genug, um das richtig gut zu finden (und wenn Bon Jovi schon nicht singt, so hat er doch das Songwriting übernommen).

 

Kommen wir nun zum Gewinner des Rock-Oper-Diven-Contests. Und der Gewinner ist: Arjen Anthony Lucassen. Denn bei AYREON passiert genau das, was ich bei AVANTASIA vermisse: das Entstehen von Atmosphäre. Und das gelingt Lucassen vor allem durch den geschickten Einsatz verschiedener Instrumente, ein gutes, hartes Songwriting und den Mut zu ruhigen, anspruchsvollen Instrumentalpassagen. Was mir an dieser Veröffentlichung dennoch am besten gefällt, sind die verschiedenen Gastsänger, die sich jeder mit seiner ganz eigenen Note erstens super ins Gesamtbild einfügen, zweitens aber auch immer wieder für individuelle Gänsehaut-Momente sorgen. Neben Jonas Renkse (KATATONIA) und natürlich Lucassen selbst, hat mir vor allem Hansi Kürsch außerordentlich gut gefallen. Haben mir die letzten BLIND GUARDIAN-Veröffentlichungen ziemliche Falten auf die Stirn gezaubert, zeigt Kürsch unter der Anleitung von Lucassen deutlich, was immer noch in ihm steckt. Alle Daumen hoch. Die Geschichte selbst werden meine Gruppentherapiemitstreiter sicher mit dem einen oder anderen Wort erwähnen, folglich gehe ich jetzt nicht weiter darauf ein. Nur eines: Es macht Spaß, der Geschichte zu folgen.

Fazit: So, ich verabschiede mich jetzt in die holländische Entstehungsgeschichte der Welt und träume von fremden Welten, welche hier wirklich wunderbar präsentiert werden.

[Julian Rohrer]

 

Altmeister Arjen Lucassen liefert mit dem mittlerweile siebten AYREON-Werk wie nicht anders erwartet solide Arbeit ab. "01011001" ist mit einer Spielzeit von über 100 Minuten ein wahres Epos, der obligatorische Handlungsstrang klar auf zwei CDs verteilt. "Back to the roots" scheint immerhin das musikalische Motto zu sein, denn besonders bei den Stücken der ersten CD findet man so viele Prog-Elemente, wie man sie bei AYREON schon lange nicht mehr gehört hat. Auf CD zwei geht es mitunter wieder bombastischer zu, und diese ist meiner Meinung nach deutlich besser als CD eins. Die Riege der Gastmusiker lässt dem Musikliebhaber wieder einmal das Wasser im Mund zusammenlaufen, und auch die musikalischen Elemente kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen. So erklingen bei 'The Truth Is Here' folkige Elemente, während 'Ride The Comet' eher auf Electro setzt. Auch Balladen dürfen hier gewiss nicht fehlen, doch der Fokus liegt deutlich auf den ausgearbeiteten, komplizierten Stücken, und darin ist Herr Lucassen noch immer stark wie kein anderer. Zugegeben, teilweise sind mir einige Passagen doch einen Tick zu langatmig, doch im Großen und Ganzen ist "01011001" ein weiterer Beweis dafür, dass Arjen Lucassen in seinem Feld einfach ein Genie ist. Auch die Thematik des Werks (die Abhängigkeit der Menschen von Machinen) ist topaktuell und perfekt in die musikalischen Stücke integriert. Trotzdem braucht es definitiv mehr als nur einen Durchlauf, bis sich die neue AYREON-Veröffentlichung dem Hörer vollständig erschließt.

 

Im Gegensatz dazu ist "The Scarecrow", die neue AVANTASIA-Scheibe, sofort beim ersten Hören greifbar. Straighte Riffs, knackige Melodien und eingängige Refrains gibt es hier zuhauf. Gerockt wird hier allemal, und auch die eine oder andere Gänsehautballade wird präsentiert. Die Gastmusiker, die Tobias Sammet hier um sich geschart hat, können sich ebenfalls sehen lassen. Und für Alice Coopers Part in 'The Toy Master' vergibt mein Fangirl-Herz natürlich gleich einen Extrapunkt.

Wer schon immer eine kleine Rock-Oper hören wollte, aber AYREON zu abgehoben findet, der ist mit AVANTASIA definitiv gut bedient. Wie beim Konkurrenten findet man auch auf "The Scarecrow" keltische Elemente (zum Beispiel im Titeltrack), doch hier geht es weniger um psychedelische Atmosphäre, sondern um schlicht und einfach gute Songs. 'I Don’t Believe In Your Love' ist zum Beispiel ein richtiger Kracher, und auch bei 'Carry Me Over' oder anderen Tracks kann ohne Vorbehalt mitgegrölt werden. Trotzdem gibt es auch hier eingebaute Finessen, wie beispielsweise der Opener 'Twisted Mind' und der Titeltrack beweisen; Bombast ist ebenfalls genügend vorhanden.

Einen definitiven Vergleich zwischen AYREON und AVANTASIA anzustellen, ist schwer, denn obwohl beide in der Rock-Oper-Schublade daheim sind, sind sie dennoch ganz unterschiedlich. Tobias Sammet hat die Genialität, die Arjen Lucassen immer wieder beweist, (noch) nicht verinnerlicht, so dass "01011001" definitiv mehr Tiefgang bietet und sich als das erfüllende musikalische Erlebnis entpuppt. Von daher hebe ich meine Hand eindeutig für AYREON. Nichtsdestotrotz ist AVANTASIAs "The Scarecrow" einfach die bessere Partyscheibe. Man hat ja nicht immer Zeit und Muße, um in die dunklen Gefilde des Herrn Lucassen einzutauchen.

[Ricarda Schwoebel]

 

Schon der zehnminütige Opener 'Age Of Shadows' deutet es an: Arjen Lucassen brät mit seinem aktuellen Doppeldecker einige Pfunde Härte mehr ab als auf dem eher fröhlich klingenden Vorgänger "The Human Equation". Es wummert und dröhnt an allen Ecken und Kanten, und auch die Sängergarde, die dieses Mal am Start ist, agiert eher in düsteren Gefilden. Tom Englund (EVERGREY) oder Jonas Renkse (KATATONIA) zum Beispiel geben dem AYREON-Sound neue farbliche Akzente und lassen "01011001" aufs erste Ohr recht bedrohlich und schwer klingen. Da muss man sich schon mit beschäftigen, es wirken lassen und dann, ja dann stellt man sehr schnell fest, dass eigentlich alles beim Alten geblieben ist. Herrliche Melodien, die sofort das Ohr umschmeicheln und sich dort festsetzen, wechseln sich mit epischen Passagen ab, die niemals langatmig klingen. Das ist Musik mit Langzeitwirkung, Musik, die man genussvoll aufsaugen muss. Da kann ich keine Highlights herauspicken, da alle fünfzehn Kompositionen wie aus einem Guss klingen. Vielleicht ragt 'Newborn Race' allein schon aufgrund der unglaublichen Sangesleistung von Daniel Gildenlöw (PAIN OF SALVATION) etwas heraus. Und 'Waking Dreams' überrascht mit Parallelen zu frühen CHROMA-KEY-Songs. Sehr angenehm. Zwischen all den tiefen, fiesen, fetten Riffs gibt es immer wieder klug eingesetzte Elemente aus der irischen Folklore, die der ganzen Chose eine gewisse Leichtigkeit verpassen. Nach dieser Lobhudelei muss ich aber auch mein persönliches Manko dieses grandiosen Werks beim Namen nennen: Hansi Kürsch. Sorry, aber es bestätigt sich auch hier wieder - wenn auch in abgeschwächter Form -, dass ich mit seiner Stimme absolut überhaupt und gar nichts anfangen kann.

 

AVANTASIA haben mich bisher nicht so wirklich gereizt, was wohl daran liegen dürfte, dass ich auch kein Freund von EDGUY bin und Tobias Sammet als Entertainer ziemlich gruselig finde. Aber ich habe ja auch keinen Humor. Dieser würde mir beim eröffnenden Fön-Frisuren-Brat-Riff von 'Twisted Mind' auch unmittelbar vergehen. Heilige Scheiße, was für ein Brett! Damit hatte ich nicht gerechnet. Diese Nummer bläst mich ehrlich gesagt ziemlich um. Ein wuchtiger, stampfender Rhythmus und ein opulent in Szene gesetzter Chorus wird diese Nummer sicherlich zu einer Livehymne machen. Ganz sicher. Im weiteren Verlauf geht es dann (natürlich) nicht durchgängig so heftig (und erstklassig) ab, denn mit 'Cry Just A Little', Carry Me Over' und ' What Kind Of Love' hat man drei gruselige (Halb-)Balladen an Bord, die selbst für verkuschelte Ohren zu viel Kitsch und Schmalz mit an Bord haben. Wobei mich 'Carry Me Over' an DAN REED NETWORK erinnert, wenn das noch irgendwer kennt. Die anderen beiden Songs könnten aber auch auf einem CELINE DION-Album stehen und sorgen dafür, dass anderswo Schiffe untergehen. Anyway, mit 'Another Angel Down' hat man aber auch noch einen sehr amtlichen Jodel-Banger im Sortiment, der ein breites Grinsen auf meine Lippen zaubert. Geht doch. Und Alice Cooper überzeugt im tollen Hardrocker 'The Toy Master' auch völlig. Nuff said.

[Holger Andrae]

 

Obwohl ich vom Schaffen von Arjen Lucassen schon immer sehr angetan war und die STAR ONE zu meinen Lieblingsscheiben im "Spacey-Prog-Metal" gehört, muss ich leider zugeben, dass ich bisher nie so richtig die Kurve gekriegt habe, mich richtig mit AYREON auseinander zu setzen. So wird das neue Album "01011001" mein erklärter erster Intensivkontakt mit der Stammband des Niederländers, und von Beginn an ist klar, dass wir es hier mit einem Album von enormer atmosphärischer Dichte zu tun haben. Klar, denn ein ambitioniertes Konzept wie das von der per Komet durchs Universum transmigrierenden DNA der "Forever" und deren Einfluss auf die menschliche Evolution kann nicht so einfach in simple und oberflächliche musikalische Motive gequetscht werden.

Die gigantischen tiefgründigen Keyboard-Sounds, die elektronischen Samples und Loops erinnern natürlich sofort ein Stückchen weit an die Genreväter HAWKWIND, wobei das musikalische Grundkonzept natürlich ungleich metallischer ist. Schon im zehnminütigen Opener 'Age Of Shadows' passiert musikalisch mehr als bei so manch anderen Bands und Projekten auf der ganzen Scheibe. Wenn ihr nun erfahrt, dass "01011001" ganze zwei CDs und eine Gesamtspielzeit von über hundert Minuten umfasst, dann könnt ihr euch grob ausmalen, dass es auf dem Doppeldecker, wie von AYREON gewohnt, vor Abwechslungsreichtum nur so wimmelt und dass im Rahmen einer Kurzrezension nie und nimmer auf alle Facetten eingegangen werden kann. Mit Ausnahme des Solos fast ganz ohne Gitarren kommt dann 'Comatose' aus, und doch ist es einer der intensivsten Trips der ganzen Scheibe und hinterlässt eine mächtige Gänsehaut, während das folgende 'Liquid Eternity' gekonnt überbordende Heaviness mit entrückt-verdrogten Psychedelic-Passagen und tollen Akustik-Elementen verbindet.

Das Ausmaß der Kreativität Arjens ist schier unglaublich und seine Kompositionen sind trotz aller Vielschichtigkeit zwingend und stets spannend bis zum Ende. Die Armada an Gastsängern deckt so viele verschiedene Facetten ab, dass es eine wahre Freude für den Freund der stimmlichen Vielseitigkeit ist. Wenn Ty Tabor bei 'Connecting The Dots' seine Stimme einer Hymne verleiht, die Elektropop und Progrock verbindet, oder wenn an einer ganz speziellen Stelle der gut eingesetzte Vokoder seine Reize versprüht, dann erkennen wir mit wie viel Liebe zum Detail hier vorgegangen wird. Ich könnte zu fast jedem Song derartige Details verkünden, doch das würde, wie eingangs gesagt, den Rahmen dieses Artikels sprengen, weshalb ich hier mit den Worten schließen möchte, dass "01011001" ein sehr dunkles und vielseitiges, aber komplett fesselndes und schwer beeindruckendes Album ist, das AYREON-Fans abgöttisch lieben werden und das auch sonst jeden Prog-Metaller, Space-Rocker und sonstigen Freund atmosphärischer Kunst für sich gewinnen sollte. Essentiell.

 

Was gleich auffällt, ist, dass sich Tobi Sammets Projekt fünf Jahre nach den beiden ersten Metal-Opern ein gutes Stück weiter von seiner Stammband EDGUY entfernt hat und dass sich auch die Gedanken an HELLOWEENs "Keeper"-Alben lange nicht mehr so aufdrängen, wie dies seinerzeit noch der Fall war. Klar finden sich auch heute noch etliche klassische Melodic-Speed-Stücke und Passagen, wie etwa beim explosiven 'Another Angel Down'. Die dominierenden Elemente weisen nunmehr jedoch einen deutlich stärkeren Bezug zum klassischen Hardrock auf, was sich in der Auswahl der instrumentalen Gastmusiker teilweise recht eindeutig niederschlägt. Beim Opener tauchen auch etliche passend eingebaute modernere oder gar orientalische Elemente auf, wobei vor allem Letztere zum hier agierenden Gastsänger Roy S. Khan sehr gut passen. Das schöne elfminütige Titelstück bietet eine gelungene Dramatik, lange instrumentale Passagen in RAINBOW-Manier und wird trotz der beträchtlichen Länge fast nicht langweilig, wobei ich mich an dem guten Jørn Lande ein wenig sattgehört habe, weil der in den letzten Jahren doch leider an jeder Ecke auftaucht. Ganz anders sieht's da schon beim folgenden 'Shelter From The Rain' aus, das mit Michael Kiske und Bob Catley zwei ganz große Charakterstimmen vorweisen kann, die für mich und viele andere im Endeffekt der Hauptgrund für den Kauf eines AVANTASIA-Albums sein dürften. So ist das Stück auch ein klares Highlight der Scheibe.

Es lässt jedoch auch wieder offen zu Tage treten, woran AVANTASIA auch heute noch ein bisschen krankt: Die Protagonisten am Mikro sind sich bei aller gebotener Klasse stilistisch und stimmlich etwas zu ähnlich, um das definitive Rock-Opern-Feeling zu erzeugen. Warum darf beispielsweise Kai Hansen nur ein wenig solieren und nicht singen? Herausheben möchte ich vielleicht noch die von Amanda Somerville und den Herren Kiske und Sammet sehr einfühlsam gesungene Ballade 'What Kind Of Love', die wahlweise an Werke von MEAT LOAF oder vom "The Last Unicorn"-Soundtrack erinnert und natürlich das erneut von arabesken Melodielinien geführte 'The Toy Master' mit dem einzigen männlichen Sänger, der hier so wirklich aus dem Rahmen fällt: Vincent Damon Furnier alias Alice Cooper. So bleibt eine sehr gute und gefällige Scheibe mit tollen Sängern, eingängigen Hooks und gelungenen Kompositionen, die allerdings vor allem stimmlich etwas zu gleichförmig ist, um den Anspruch an ein vielschichtiges Konzeptalbum voll zu erfüllen. Dennoch macht es Spaß, die vertretenen Musiker zusammen musizieren zu hören. Vor allem an Michael Kiske hab ich nach wie vor einen Narren gefressen.

[Rüdiger Stehle]

 

Eigentlich habe ich nicht geglaubt, dass Arjen Lucassen noch mal ein Album erschaffen könnte, das von gleicher Qualität und Magie ist wie der großartige, mit Sangesgöttern (Devon Graves, Eric Clayton, Devin Townsend, Mikael Akerfeldt) gespickte Vorgänger "The Human Equation". Doch nimmt man sich ein bisschen Zeit, merkt man schnell, dass "01011001" genau das schafft. Die Sängerriege hört zwar in meinen Ohren auf geringfügig weniger klangvolle Namen und hat mit Jorn Lande und Bob Catley gar zwei Dauerkarteninhaber für die Rock-Oper im Programm, doch ist das Songwriting dafür insgesamt auf einem etwas höherem Niveau, auch weil auf blumige Instrumentale diesmal komplett verzichtet wird. Stattdessen werden die farbenfrohen Keyboardteppiche in äußerst abwechslungsreichen Folk-, Rock- und Metalsongs verwoben und erzeugen so die typische AYREON-Atmosphäre. Die absoluten Asse im Ärmel sind jedoch die Gesangsleistungen von Anneke van Giersbergen (himmlisch), Jonas Renkse (Vocals from out of space) und Phil Lynott, der sich zwischenzeitlich in den Stimmbändern von Jorn Lande versteckt hat und hier für eine Gastvorstellung auftaucht. Ganz klar der erste Höhepunkt des Jahres.

 

Dass Tobias Sammet eine Vorliebe für AOR hat, war mir noch gar nicht so bewusst. Aber nachdem seine Frisur jetzt schon an Bon Jovi erinnert, lebt er das auch auf dem neuen AVANTASIA-Werk "The Scarecrow" aus. Neben dem bombastischen titelgebenden Epos stehen hier vor allem Stadionrocker im Mittelpunkt, wovon einige jeden Output des New-Jersey-Vorbilds an Schmalz meilenweit hinter sich lassen. Dies gilt vor allem für 'What Kind Of Love' (hätte auch eine berühmte "Titanic"-Szene untermalen können) und 'Cry Just A Little', doch auch das eingängige 'Carry Me Over' und die erste Single 'Lost In Space' stehen dem nicht in sehr viel nach. Auf der anderen Seite gibt es aber auch einige gelungene Rocker, die von Jorn, Michael Kiske oder eben Tobias Sammet auch kompetent dargeboten werden. Hier sollten vor allem 'Shelter From The Rain' (Kiske in Topform), 'Another Angel Down' und 'Devil In The Belfry' genannt werden. Schade nur, dass die Sängerriege keine großen Überraschungen bietet, sondern auf altbewährte und oft präsente Stimmbänder zurückgreift. Mindert zwar nicht deren Klasse, aber dafür den Überraschungseffekt. Den besitzt allein Alice Cooper, allerdings war ich nie ein Fan seiner Stimme, und daran wird auch 'The Toy Master' nix ändern. Macht insgesamt ein knapp gutes Album, das aber weder gegen den Backkatalog und schon gar nicht gegen AYREONs "01011001" anstinken kann.

[Peter Kubaschk]

Redakteur:
Peter Kubaschk

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