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SACRED STEEL: Interview mit Gerrit P. Mutz

01.01.1970 | 01:00

Als SACRED STEEL am 22. Februar zur Release-Party ihrer neuen CD "Slaughter Prophecy" eingeladen haben, wollte ich mir das natürlich nicht entgehen lassen - schließlich ist dieses Album ja auch richtig gut geworden. Da ich ziemlich pünktlich da war und mir dann im Foyer des "Scala" auch noch Gerrit P. Mutz (v.) über den Weg gelaufen ist, habe ich diese Chance sofort ergriffen, um ihm ein paar Fragen zur neuen Platte und zu SACRED STEEL ganz allgemein zu stellen - auch wenn ich dadurch von der ersten Band, RITUAL STEEL, nicht mehr viel mitgekriegt habe.

Martin:
Zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zu eurer neuen Platte. Ich denke, dass "Slaughter Prophecy" sehr gut geworden ist!

Gerrit:
Vielen Dank.

Martin:
Wie sind denn sonst die Resonanzen auf das neue Album gewesen?

Gerrit:
Eigentlich viel zu gut... Wir hatten das nämlich nicht erwartet - also vor allem ich nicht. Wir sind an diese Platte anders rangegangen als beispielsweise an die dritte. Mit der dritten Platte wollten wir es allen beweisen, und wir haben gedacht, dass wir einen riesigen Schritt vorwärts machen - so das typische "Make It Or Break It"-Album. Aber ich habe mich dabei mit einer Konzeptstory völlig übernommen, die dann hinterher keiner mehr geschnallt hat. Ich musste die Story sowieso auf die Hälfte kürzen, da sonst nicht alles ins Booklet gepasst hätte, und am Schluss wusste ich selber nicht mehr so ganz genau, was ich da eigentlich geschrieben habe. Ich hätte mir damit vielleicht etwas mehr Zeit lassen sollen. Ich hätte zum Beispiel mit der fünften Platte so ein Konzept auspacken sollen und nicht mit der dritten schon. Und auch sonst war alles irgendwie recht stressig. Wir mussten relativ früh ins Studio, da der Termin schon stand, aber wir waren mit dem Songwriting gerade erst fertig und hatten noch gar nichts richtig ausgefeilt. Außerdem hat Jörg (Knittel (g.) - d. Verf.) auf dem Album fast alles selber geschrieben, und das war natürlich auch scheiße, weil dann die Abwechslung fehlt, wenn einer alles allein macht. Und so mussten wir eben mit diesem Album eher mit einer Notlösung leben. Wenn man das Album fertig macht, sieht man das selber aber nicht - man denkt: Geiles Album! Ich bin tatsächlich bei Metal Blade reinmarschiert und habe gesagt: "Das ist eines der geilsten Alben, das je bei Metal Blade herausgekommen ist." Das würde ich heute nie mehr sagen, aber damals war ich eben wirklich so begeistert. Rückblickend war es jedenfalls ein Fehler, die Platte so schnell einzuspielen und zu viel übers Knie zu brechen. Das war damals einfach alles zu hektisch. Und mit der neuen Platte haben wir uns dementsprechend viel, viel Zeit gelassen - wir sind beinahe schon richtig faul gewesen. Wir haben auch die ersten drei oder vier Songs weggeschmissen, die eigentlich ganz okay waren, aber eben nicht das, was wir wollten. Es waren halt diese typischen "Journey To The City Of The Dreaming Dead"-Bonustracks, also ganz okay, aber eben nichts, was uns wirklich Spaß gemacht hätte. Und dann haben wir uns eben mit den Songs Zeit gelassen, und wir sind dann ins Studio bzw. haben den Studiotermin dann gemacht, als wir uns gedacht haben: Jetzt haben wir's dann bald. Dementsprechend ist die Platte reifer und trotzdem auch spontaner, weil die Songs ohne Druck entstanden sind. Wir haben uns selber keinen Druck gemacht, wir haben von außen keinen Druck gehabt - neues Label und so. Ich weiß jetzt nicht, was die für Erwartungen hatten, aber wir haben gesagt: "Scheißegal. Wir machen das, worauf wir Bock haben." Und das haben wir mit dieser Platte extrem kompromisslos umgesetzt. Wenn es nach mir gegangen wäre, also jetzt rückblickend, dann hätte ich manche Sachen noch kompromissloser gemacht. Aber wenn du in der Sache drin bist, dann war es zum Teil schon verdammt gewagt, was wir auf der Platte gemacht haben - vor allem für eine Band wie SACRED STEEL, mit den Death-Vocals, und so weiter, und so fort. - Jetzt habe ich natürlich die Grundfrage vergessen - aber egal... (lacht)

Martin:
Und wie seid ihr selber mit "Slaughter Prophecy" zufrieden?

Gerrit:
Ja, ich sag´s mal so - du bist nie zu 100% zufrieden... Wenn du die Platte dann fertig hast, dann hörst du sie dir an - 100mal oder so. Davor beschäftige ich mich nie so stark mit den Songs, aber wenn ich sie dann habe, dann höre ich sie mir auf den verschiedenen Anlagen an und denke mir mal ´Boah, super!´ und mal ´Boah, voll scheiße!´. Ich glaube, ich kann das gar nicht beurteilen. - Ich bin aber zu 90% zufrieden. Ich hätte mir gewünscht, ich hätte bei manchen Songs noch ein bisschen mehr mit dem Gesang experimentiert, ich hätte vielleicht hier und da doch noch ein paar tiefere Sachen miteinbauen sollen, wie ich es jetzt nur beim Opener gemacht habe und bei einem anderen Song, den wir jetzt nicht auf der Platte haben. Leider - den hätten wir doch noch mit draufpacken sollen.

Martin:
Seit vier Alben spielt ihr in unveränderter Besetzung. Gibt es ein Geheimnis für diese Verbundenheit?

Gerrit:
Na gut, wir streiten uns natürlich schon und wir haben auch extreme Meinungsverschiedenheiten über dies und das. Und nach der "Bloodlust" hatten wir eigentlich nur die Option, entweder wir lösen uns auf, weil uns das so in der Art keinen Spaß macht, nur mehr mit Stress - du hast den ganzen Stress, aber siehst kein Geld und gar nix. Und damit musst du erstmal klar kommen. Nun gut, so Träume wie Rolls Royce hat keiner, aber das wenigstens mal die GEMA-Gebühren gezahlt werden oder so, also so Kleinigkeiten... Ich bin immer noch im Minus bei der GEMA, obwohl ich schon acht Platten aufgenommen habe. Und das ärgert einen dann schon. - Aber jetzt habe ich schon wieder die Frage vergessen... (lacht)

Martin:
Und wie war dieses Mal eure Arbeit im Studio?

Gerrit:
Genauso relaxt wie ich es mir gewünscht habe eigentlich. Mit der "Bloodlust" - wie gesagt - war alles etwas stressig, und wir waren im Zeitdruck und so, und mit der Neuen haben wir im Vorfeld schon alles abgeklärt gehabt, wir sind ins gleiche Studio gegangen, mit dem gleichen Produzenten. Wir haben eigentlich eine unter Stress erfolgreiche Formel in Ruhe umsetzen können. Und deshalb war es eine entspannende Sache. Ich habe eigentlich noch nie so entspannt eingesungen, oder ich habe mir auch noch nie so spontan Sachen überlegt - aber wir haben auch zusammen überlegt. Für einen Song, "Crush The Holy, Save The Damned", hatte ich noch gar keine Gesangslinien - das haben wir uns dann im Studio überlegt, wie wir das machen. Das war dann natürlich schon sehr relaxt. Nicht so wie sonst - so nach dem Motto ´Jetzt aber schnell fertig, und das muss noch, und das muss noch,...´. Wir haben uns viel Zeit genommen für die Intros, für die Outros, für den ganzen Kram eben. Das ganze Packaging war auch vorher schon festgestanden, damit einfach auch bei Jörg, der viel macht - Management, Layout und so -, kein Stress aufkommt, weil er auch beruflich - wie wir alle - viel um die Ohren hat. Es war also eine sehr relaxte Platte und dementsprechend auch eine, die wir so exakt eigentlich machen wollten. Jetzt im nachhinein würde ich natürlich was verändern - würde jeder... Wenn einer ein Buch schreibt, würde er hinterher auch denken: Den Charakter habe ich vielleicht nicht ganz so... Aber ich bin schon sehr zufrieden, und ich denke, auf jeden Fall mehr als mit der "Bloodlust" und mit der ersten Platte sowieso. Mit der "Wargods..." war ich sehr zufrieden und mit der Neuen bin ich auch sehr zufrieden.

Martin:
Ihr habt ja nun schon das zweite Mal mit Achim Köhler (u.a. PRIMAL FEAR) zusammengearbeitet. Welche Rolle spielt er bei der Produktion?

Gerrit:
Es ist einfach nur so, dass er das Studio hat, das gleich um die Ecke ist und dass das Studio gut ausgerüstet ist, und dass der Achim einfach ein netter Kerl ist, der weiß, was er tut. Es ist aber nicht so, dass er in den Sound eingreift. Denn wir wissen ja, wie wir klingen wollen, und das haben wir ihm mit der "Bloodlust" ja schon gesagt, und er hat es ja auch so umgesetzt wie wir ihm das gesagt haben. Und deshalb war es dieses Mal natürlich ein Kinderspiel zu sagen: "Hey, das Gleiche wie letztes Mal quasi - nur vielleicht noch 'ne Ecke härter." Das war kein Problem.

Martin:
Das Album klingt ja ziemlich kompromisslos - so hart wie auf der aktuellen Scheibe waren SACRED STEEL wohl noch nie!?

Gerrit:
Richtig. Wobei kompromsslos waren wir bislang eigentlich immer, nur hängt es natürlich auch vom Songmaterial ab, das du kriegst. Und wenn ich jetzt zum Beispiel irgendwelche Songs kriege, die etwas melodischer sind, dann kann ich da nicht draufrum blöken oder irgendwie zu extrem singen, sondern ich probiere mich schon am Song zu orientieren. Und bei der "Bloodlust"-Scheibe war es halt so, dass fünf von den zehn Songs einfach etwas gediegener waren und auch ein bisschen ruhiger vielleicht, und dann war es im Endeffekt auch nicht so extrem. Wenn ein Song melodisch ist, dann kann ich da eben nicht drauf gröhlen. Auf der neuen Platte waren die Riffs halt - weil wir gesagt haben, jetzt wollen wir wieder Bock drauf haben und es soll uns selber wieder Spaß machen, damit ich auch selber wieder Lust habe, die Platte einzulegen, anstatt jedes Mal zu denken ´Oohh...´, oder das oder jenes, oder ´Das haben wir unter Stress aufgenommen´ oder sonst was. Und deshalb ist "Slaughter Prophecy" was geworden, weil wir das zu dem Zeitpunkt so wollten und es uns völlig scheißegal war, was irgendjemand darüber denkt. Also egal wer - ob das nun ein Die Hard-Fan ist, der denkt: ´Oh Gott, ich Wixer, ihr verwendet jetzt Death Metal-Vocals´, oder ob das irgendjemand ist, der uns eh hasst, oder wer auch immer - scheißegal. Wir machen das für uns, weil wir - wie gesagt - eh keine Kohle davon sehen und weil wir es aus Spaß wieder machen wollen. Und deshalb ist die Platte eben aus dem Bauch raus entstanden - extrem aus dem Bauch raus sogar. Und ich hoffe, das bleibt auch so, dass dieser ganze Schlendrian, oder dieses ganze Gefühl wie ´Boah, wir müssen wieder eine Platte machen´ und so was, wie es dann vor der dritten Platte schon war, dieses ´Tour - Platte´ und was weiß ich nicht alles. In diesen ganzen Modus wollten wir eigentlich nie rein - wie es so viele Bands machen müssen. Weil wir sind ja keine Auftragsjungs - wir müssen nicht davon leben, wir kriegen - wie gesagt - eh keine Kohle, also was soll das? Was bleibt uns, wenn wir in uns gehen, an der Musik und warum machen wir das? Weil es uns Spaß macht und weil wir die Musik lieben. Und das haben wir probiert, auf die Platte zu kriegen, dieses Spontane und Ungezügelte ein bisschen. Und ich würde mir wünschen, auf der nächsten Platte noch mehr...

Martin:
Aber ihr geht auf "Slaughter Prophecy" auch weitaus experimenteller zu Werke als in der Vergangenheit. Ich denke da zum Beispiel an das fast schon epische "Invocation Of The Nameless Ones".

Gerrit:
Das war etwas, was ich schon immer machen wollte. Es war irgendwie ein Traum von mir, aber nicht wirklich so geplant. Ich habe schon immer gesagt, schon vor sechs Jahren, oder vor fünf Jahren, ich hätte gern irgendwann so einen Song wie "Satan´s Fall" von MERCYFUL FATE oder so - mehrere Breaks, viele Stimmungen... Aber auf der ersten Platte ging´s nicht, weil das Ding quasi schon rausgeschossen war, bevor wir es geschrieben hatten, das war ein Ultra-Schnellschuss, bei der zweiten, die ging auch ultra-ruckzuck hinterher, bei der dritten hatte ich dann auf einmal dieses Konzept am Start, das ich schon seit der ersten Platte mit mir rumgeschleppt habe. Und erst jetzt eigentlich habe ich zum Songwriting von der neuen Platte gesagt: "Ich hätte gern so etwas in der Art." Und dann kam der Jens (Sonnenberg (b.) - d. Verf.) an mit so einem Grundgerüst von einem 5-Minuten-Song, der so leicht episch klang. Und dann habe ich gesagt: "Mensch, ich habe gerade eine Kurzgeschichte geschrieben, oder einen Text in der Art. Das würde passen. Wenn man das vielleicht noch ein bisschen ägyptischer macht..." - weil ich ja total auf NILE stehe und solche Sachen - "... wenn man da noch ein Intro davorhängt und ein paar Breaks mit rein..." Und dann haben wir das einfach mal etwas ruhen lassen, und dann für einen etwas längeren Zeitraum als für uns eigentlich üblich ausgearbeitet, und ich habe dann noch meine ungefähren Vorstellungen gesagt, bei denen die alle nicht wussten, was ich eigentlich meine. Und im Studio habe ich dann noch einen Großteil einfach improvisiert, von den Stimmen her und wie ich mir das eben vorgestellt hatte. Und es ist echt so geworden wie ich mir das gewünscht habe. Ich denke, die Band war selber überrascht, wie es im Endeffekt klingt - ich auch. (grinst) Aber ich hatte es so im Kopf und ich hatte die Vorstellung von so einem Song, und ich war froh, dass ich in dem Fall dieses Grundmaterial so geliefert bekommen habe.

Martin:
Stilistisch ist die Platte dieses Mal ja deutlich breiter gefächert. Wollt ihr in dieser Richtung in Zukunft noch weiter gehen?

Gerrit:
Das hoffe ich doch. Wie schon gesagt - ich kann ja nur bedingt auf das Songwriting eingreifen. Insofern kriege ich halt irgendwelche Songideen auf Tape, und dann wird das zu einem Song gemacht - oder auch nicht, wenn es eben nicht gut klingt. Ich hoffe, dass die Jungs meine Interviews lesen, die ich überall gebe und in denen ich sage, ich würde gerne noch einen Tick extremer... Ich liebe alles, was mir im Metal irgendwie gefällt, also extrem langsam, wirklich ultra-langsam, ultra-tief, ultra-extrem-hoch, ultra-schnell - ich mag einfach alles. Und ich sehe es einfach nicht ein, warum wir uns - obwohl wir vielleicht den Leuten mit den drei Platten logischerweise dieses Bild gegeben haben, dass wir nur Power Metal machen und so was... Aber das ist eben nur ein Teil von unserer Persönlichkeit. Jörg hat noch eine Death Metal-Band am Start, ich habe mit Jörg seit elf Jahren eine Doom Metal-Band am Start - wir sind ja nicht nur Power-Metaller, sondern wir lieben alles, was guter Metal ist. Und da wäre es einfach schwachsinnig, in seiner Hauptband, wo man die besten Möglichkeiten hat und wo man auch Ideen in solche Richtungen hat, immer eine Schere im Kopf zu haben und immer zu sagen: "Gut, aber: Das dürfen wir nicht!" Und bei dieser Platte haben wir diese Schere einfach mal aus dem Kopf genommen und uns gesagt, dass wir einfach keinen Bock mehr auf so einen Stress haben, uns selber überlegen zu müssen, ob wir einen bestimmten Text schreiben dürfen oder nicht - "Lay Me To My Grave" ist eigentlich ein DAWN OF WINTER-Text, von der Grundstimmung und von allem her. Aber ich habe dieses Riff gehört und mir kam diese Melodie und ich habe einfach so mal "Lay Me To My Grave" dazu gesungen. Und dann denke ich mir: Hey, vor drei Jahren hätte ich noch gesagt: "Können wir nicht machen!" Und dann hätte ich den Song "We're Marching To Battle" genannt oder so was. Aber das ist ja nicht ehrlich. Und wir wollen nun mal ehrlich zu uns selber sein und dementsprechend auch zu den Leuten, und da ist es eben logisch, dass du irgendwann deine Türe etwas aufmachen musst und sagen musst: "Hey, wir sind SACRED STEEL, aber das heißt nicht zwingend, dass wir eine Power Metal-Band sein müssen bis wir sterben!" Ich hoffe, dass das die Leute eben irgendwann kapieren, dass True Metal eben nicht Italo-Lalala-Zeug ist, sondern - für mich gesehen - vom extremsten Doom Metal bis zum extremsten Black Metal alles sein kann - Hauptsache, es ist hart, heftig und extrem, weil dann ist es Metal für mich. Wenn es irgendwie Lalala ist und jede Hausfrau mitpfeifen kann, dann ist es kein Metal für mich.

Martin:
Insbesondere deine Stimme hat mich sehr überrascht. Auf dem aktuellen Album ist ja von tiefen Growls bis zu wirklich KING DIAMOND-mäßigen Kreischern alles vertreten.

Gerrit:
Das war halt ein Versuch, aber ich bin selber extrem glücklich darüber, dass es geklappt hat. Es hätte auch furchtbar in die Hose gehen können, weil ich vorher noch nie so gesungen habe. Aber es klang einfach so gut über den Kopfhörer im Studio, dass ich gesagt habe: "Ich probier's mal so!" Und - wie gesagt -, wir hatten vorher schon festgesetzt, das wird der Opener-Song, und wir haben den dann dementsprechend so tief gelegt, dass es vielleicht ein Risiko ist, für manche Leute, die das Ding dann wegschmeißen und sagen: "Das soll SACRED STEEL sein? Kauf ich mir nicht!" Egal - da darf man einfach nicht dran denken. Man muss es einfach machen, weil es einem selber Spaß macht.

Martin:
Vor allem beim Titelsong ist es beeindruckend, wie dicht die Growls und Kreischer beieinander liegen.

Gerrit:
Ich habe diesen Song vorhin beim Soundcheck gesungen, und es ist ganz bestimmt nicht so, dass ich mir damit sehr leicht tu... Ich habe mir schon auch überlegt, ob nicht die tieferen Parts einer von den anderen übernimmt - zumindest davor, vor den hohen Schreien. Aber jetzt habe ich es so oft im Proberaum probiert, und ich krieg's ja hin. Na gut, es ist vielleicht nicht so powervoll wie auf Platte, aber dafür ist es lauter - wegen PA und sonst was. Ich denke, es wird schon ordentlich klingen und wird schon passen. Und wir sind ja auch nicht die BACKSTREET BOYS oder irgendeine Band, die super-professionell an solche Sachen herangeht, sondern wir probieren einfach - wenn wir mal live spielen -, das einigermaßen so rüberzubringen wie wir es eben auch im Proberaum haben, und ich hoffe, dass es den Leuten trotzdem gefällt. Aber ich will jetzt auch nicht zu viel Technik oder irgendwas dahinterlegen oder Rollen verteilen: "Du musst jetzt aber das, sonst kann ich das nicht genauso..." - Ich sag es immer wieder gern: "Ich bin jetzt 32, kriege einen Bierbauch - was soll der Scheiß?" Was sollen wir da jetzt perfekt einen auf QUEENSRYCHE oder DREAM THEATER machen - wenn bei uns mal eine Gitarre daneben liegt, dann liegt sie halt daneben.

Martin:
Habt ihr euch gerade beim Schreiben dieses Songs Gedanken darüber gemacht, ob und wie sich das live umsetzen lässt?

Gerrit:
Eigentlich erst im Nachhinein. Als wir "Invocation Of The Nameless Ones" dann fertig hatten, saßen ein paar Leute im Proberaum, die sagten: "Hey, der ist ja geil, den müsst ihr live spielen!" Da haben wir nur kurz gesagt: "Ja klar, spielen wir dann bei der Release-Party." Dann haben wir das Ding aufgenommen und dann quasi fertig gehabt - im Proberaum hatten wir ja nur das Grundgerüst gespielt. Und so wie der Song jetzt auf CD ist, kann man ihn aber nicht reproduzieren. Und das will ich auch nicht. Ich glaube, die Stimmung kriegen wir einfach nicht hin. Und ich will mir auch selber den Spaß nicht verderben - oder wie sollen wir das Ende bringen, mit diesen verschiedenen Stimmen übereinander? Da trauen wir uns einfach nicht... Ich würde da sagen: "Das lassen wir." Und deshalb wird der Song wohl nie live gespielt werden, auch wenn wir es ja ursprünglich wollten. Logisch - aber du denkst, wenn du einen Song schreibst, nicht ´Oh Gott, den können wir nicht live spielen´. Sondern wenn der Song dann fertig auf CD ist, merkst du irgendwie: Wie machen wir das jetzt live? "Slaughter Prophecy" ist da das beste Beispiel. Das Ding war auf CD, und kaum war es aufgenommen, habe ich mich gedacht: Oh, Scheiße, wie mache ich das jetzt live? Und seitdem haben wir es halt im Proberaum probiert, drei-, viermal geprobt, und ich habe es einfach probiert, und es geht ja. Und wir spielen den Song - das kannst du ja jetzt wissen, aber du sagst es natürlich keinem (inzwischen ist es ja kein Geheimnis mehr - d. Verf.) - erst als Opener auf Zugabenteil. Insofern bin ich dann warm gesungen, ich kann aber auch noch Luft holen und im Backing etwas rumgröhlen, damit ich die Stimme auf die Tieflage runterkriege, und dann geht das auch - denke ich...

Martin:
Bei der Release-Party zu eurer letzten CD - "Bloodlust" - hattet ihr noch drei weitere Bands engagiert, und heute sind es nur zwei. Waren vier Bands doch zu viel für einen Abend?

Gerrit:
Das war zu viel. Ganz klar. - Damals war bei uns so ein bisschen im Kopf: Dritte Platte, und jetzt geht's voll ab, und die Platte ist geil, und jetzt werden wir auch die super Noten kriegen, und so. Wir haben mit der neuen Platte jetzt viel bessere Reaktionen als mit der dritten - was ich eigentlich, im Nachhinein, auch verstehe. Aber damals war ich echt enttäuscht, ich habe gedacht: Jetzt rennen sie uns die Bude ein, und SACRED STEEL geht voll ab, weil die Platte einfach super ist, und alles. So denkst du halt manchmal. Und dann haben wir auch gedacht: Geil, machen wir ein kleines Festival daraus, am besten gleich vier oder fünf Bands. Es waren dann aber zu viele, die spielen wollten - am Schluss haben wir es auf die drei reduziert, aber das war auch schon zu viel. Dann war der Zuschauerschnitt sogar noch ein wenig unter dem, was wir auf der Release-Party davor hatten. Das war echt so ein kleines Down für uns, und wir dachten dann: Ups, wir sind wohl doch noch nicht so weit wie wir eigentlich dachten. Vielleicht haben wir auch einfach zu viel geplant, zu viel mit dem Kopf gemacht, zu viel Stress alles... Aber das war ja jetzt bei der neuen Platte gar nicht. Ich habe zwar keine Ahnung, wie viele Leute jetzt heute kommen. Ich weiß es nicht. Mir haben viele Leute erzählt: "Oh Gott, oh Gott, soundsoviele kommen." Ich mache mir da gar keine Gedanken. Ich hoffe ganz einfach, dass zwei-, dreihundert da sind - dann passt das, dann ist das okay.

Martin:
Gibt es bestimmte Gründe, weshalb die Wahl ausgerechnet auf RITUAL STEEL und WIZARD gefallen ist?

Gerrit:
Ja. RITUAL STEEL kommen zwar von weit her, wollten aber kein Geld - und wir haben kein Geld. Wir müssen gucken... Wir wollten den Leuten was bieten, das zu uns passt, und das ehrlicher und altbackener Metal ist. Und was die machen - die sind so eine richtig extrem-knarzige Band, MANILLA ROAD und so ein Kram, die haben auch gerade eine Vinylsingle rausgebracht, und das ist einfach sehr sympathisch, und ich kenne einen von denen schon ziemlich lange. Und als wir dann gesagt haben, dass wir eine CD rausbringen, haben sie gemeint: "Können wir das vielleicht irgendwie zusammenlegen?" Und wir haben uns gedacht: Trifft sich gut - sie wollen kein Geld, sie fahren umsonst hier runter - klar, machen wir. WIZARD kriegen zwar ein bisschen Kohle, sind aber so alte Kumpels. Außerdem sprechen sie ein identisches Zielpublikum an - kann man sagen -, und sie haben hier schon selber die Clubs vollgemacht und ziehen hoffentlich noch ein paar Leute dazu, und sie sind - wie gesagt - alte Kumpels und waren schon auf der zweiten Release-Party dabei. Mir wäre es auch noch recht gewesen, GODDESS (OF DESIRE - d. Verf.) hätten noch gespielt, aber dann wäre es halt wieder zu viel gewesen, und auch zu viel Aufwand und so, und es musste finanziell halt auch im Rahmen bleiben.

Martin:
Wie sehen denn die weiteren Live-Ambitionen bzw. Tourpläne aus - wird es in diesem Jahr noch eine größere Tour geben?

Gerrit:
Ich glaube nicht. Einfach deshalb, weil wir alle ziemlich Stress haben, jobmäßig, einer von uns eine Umschulung macht, oder Weiterbildung, so PC-mäßig eben. Und da kriegst du die Urlaubsdaten ja vorgegeben. Na gut, wenn jetzt eine supergeile Tour kommen würde, mit Ausnahmegenehmigung und allem, und wir könnten es finanzieren, und die Platte würde sich wirklich gut verkaufen - du weißt schon, diese Wenns und Abers -, dann eventuell. Aber sonst - fix in Planung ist gar nichts. Und ich bin auch gar nicht böse drum, weil ich gehe eigentlich nicht gerne auf Tour.

Martin:
Und wie sieht es mit Festival-Auftritten aus?

Gerrit:
Wir würden - sofort. Wir würden Bang Your Head spielen, wie würden Wacken spielen. Aber wir sind denen jahrelang hinterhergerannt, und haben immer gesagt: "Lasst uns doch bitte mal wieder!". Und jedesmal hat man uns was versprochen, zumindest das Bang Your Head hat uns was versprochen, und es ist nix draus geworden. Und jetzt bin zumindest ich es einfach leid, immer wieder drauf zu warten, sich das ganze Jahr drauf zu freuen, und dann heißt es doch wieder kurz davor: ´Nee, klappt doch nicht´ oder sonst so was. Also jederzeit, wenn entweder der Horst oder der Holger von den beiden Festivals das Ding hier lesen: Hey, wir spielen, keine Frage! Wir sind eh da, also was soll's. Vielleicht können wir wieder kurzfristig einspringen, so wie damals bei MARDUK in Wacken. Machen wir, keine Frage.

Martin:
Eure letzte Tour mit PRIMAL FEAR und CHILDREN OF BODOM habt ihr ja aus der eigenen Tasche bezahlt. War diese Tatsache mit ein Grund dafür, dass ihr von Metal Blade zu Massacre Records gewechselt seid?

Gerrit:
Jein. Ich sage es mal so: Der Hauptgrund, Metal Blade - als Band - zu verlassen, war, dass der Vertrag, der uns von Metal Blade für die nächsten drei Platten angeboten wurde, einfach nicht das war, was wir uns vorgestellt hatten. Und dadurch, dass wir über unseren Bassisten und Gitarristen ein eigenes Label am Start haben, Iron Glory Records, ist es allerdings so, dass wir uns dann gesagt haben: Hey, dann können wir das auch selber machen. Warum sollen wir nochmal für drei Platten einen Vertrag unterschreiben, der uns gar nicht weiterbringt. Machen wir es doch selber, oder hören wir uns doch mal um, ob nicht irgendjemand Interesse hat. Und dann kamen so viele Angebote - was wir echt nicht erwartet hatten -, und unter anderem eins von Massacre. Jetzt ist Massacre nicht gerade ein Label, bei dem ich gedacht hätte: Boah, da will ich unterschreiben. Man hört ja auch so dies und jenes, und man hat ja auch sein Bild von einem Label. Dann hat aber der Jörg, unser Gitarrist und Manager, einfach so lange mit denen gequatscht und abgecheckt und den Vertrag geprüft, den sie uns gegeben haben, und wir haben uns zigmal unterhalten, und das war so gut und so vielversprechend, was sie uns da schwarz auf weiß vorgelegt haben, dass wir gesagt haben: Hey, was haben wir zu verlieren. Weißt du, wenn die uns haben wollen - und die wollen uns wirklich und haben uns dies und jenes versprochen, LP, Digipack und was weiß ich, mehr Promotion im Ausland -, dann machen wir es halt. Wenn wir damit floppen sollten oder wie auch immer, dann machen wir es halt doch auf dem eigenen Label. Wir haben ja wirklich kein Risiko... Der Hauptgrund war also der bessere Vertrag. Denn sonst bin ich ja als Mitarbeiter von Metal Blade sehr froh dort - Metal Blade Deutschland ist auch ein geiler Haufen Metaller, absolut, es ist super dort zu arbeiten und alles. Nur - die Verträge werden natürlich von den Amerikanern abgesegnet, und für die Amerikaner ist SACRED STEEL eine Lachnummer. Wir haben in ganz Amerika von irgendeiner Platte 2000 Stück verkauft - ich weiß gar nicht mehr, von welcher. Und das ist für die Amis natürlich ein Witz. Und wenn die dann von einem deutschen Büro hören, dass wir mehr Geld wollen oder bessere Bedingungen, dann sagen die halt auch: "Nee, die kriegen das, und gut ist's." Das kann ich schon auch verstehen.

Martin:
Und wie wird es mit SACRED STEEL nun weitergehen? Gibt es schon irgendwelche Ideen, Pläne, etc.?

Gerrit:
Ja, eigentlich leben wir von jetzt auf nachher. Diese ganze Vorausplanerei und irgendwelche Luftschlösser und so was - das ist abgehakt. Wir werden nie von der Musik leben können, da bin ich mir inzwischen extrem sicher. Und wir werden auch nie so viele Leute ansprechen, dass es auch nur ansatzweise zu irgendwas langt. Also können wir als Band, die so extreme Musik macht, zufrieden sein, wenn wir den Status, den wir jetzt haben, behalten können. Vielleicht können wir den im Ausland noch etwas ausbauen - ich würde halt gerne irgendwann mal wieder in Griechenland, Spanien und Italien spielen, oder auch in ein paar Ländern, wo wir noch nicht waren, Polen oder so was, also Ostblock. Das sind so die kleinen Träume, die ich noch habe. Aber eigentlich haben wir als SACRED STEEL extrem viel erreicht - für so eine Mucke, für so eine Art von Auftreten... Ich merke es ja immer: Wenn wir eine Platte machen, dann kommt im Rock Hard halt immer ein Leserbrief: Hey, warum ist die Platte so gut bewertet? Bei jedem anderen kommt: Scheiße, meine Lieblingsband ist so schlecht bewertet. (lacht) Also wir spalten die Leute immer noch irgendwo in der Mitte, und das ist so auch okay für uns. Ich wollte nie eine Kommerzband haben, ich wollte nie so singen wie es jeder gern hätte, und das ist okay. - Die Zukunftspläne sind einfach zu hoffen, dass wir fünf uns noch eine Weile auf den Sack gehen können, ohne uns wirklich anzustressen, und dass uns das Ganze noch Spaß macht und dass wir noch ein paar Platten machen können.

Martin:
Die Musik von ist ja sehr stark vom US-Metal beeinflusst. Habt ihr denn mittel- oder langfristig auch Aktivitäten in den USA geplant?

Gerrit:
Nee, gar nicht. Denn den US-Metal, von dem wir beeinflusst sind, gibt es in Amerika seit zehn Jahren so gut wie nicht mehr, jetzt mal abgesehen von TWISTED TOWER DIRE und solchen Bands, es sind ganz wenige. Und ich habe Amerika auch als Land selber völlig abgeschrieben - die haben ja nichts anderes zu tun als den ganzen Tag nur Kriege zu führen. Also ich weiß nicht... Ich glaube, metal-technisch ist das Land echt am Boden, und da sind mir andere Länder weit näher am Herzen - wenn ich da mit Griechen rede, oder eben auch mit Spaniern und Italienern, die haben noch weitaus mehr Feuer unterm Arsch als jetzt die meisten Amerikaner, die ich treffe. Es gibt trotzdem geile US-Bands, aber das Land ist so groß und unübersichtlich - da rüberzufahren? (schüttelt den Kopf) Ich glaube, da würden wir eine Tour machen müssen, wo wir jeden Abend 50000 Kilometer, von Club zu Club, zurücklegen müssten, um dann in einer Kaschemme vor 30 Idioten zu spielen, die einem danach das Bier an die Fresse hauen oder sich prügeln. Also, ich habe keinen Bock auf Amerika. Außerdem habe ich Flugangst und will da sowieso nicht hin.

Martin:
Ihr wart in der Vergangenheit ja unter anderem auch schon mit WARDOG auf Tour, und mit Tom Gattis seid ihr ja auch schon aufgetreten. Kennst du denn auch seine neue Band BALLISTIC?

Gerrit:
Ja, finde ich geil. Ich habe das Demo gehört, und noch ein paar andere Songs, und ich finde es echt geil. Er macht immer so die gleiche Schiene, und man erkennt es sofort - also ich habe sofort gehört, dass das Tom Gattis ist. Ich hoffe, dass er bald einen Deal hat - auf jeden Fall!

Martin:
Ursprünglich hatte Tom seine Band ja AFTERBURN genannt - so wie auch der Chefredakteur von Powermetal.de. So eine großzügige Geste ist im heutigen Musikbusiness auch nicht unbedingt selbstverständlich, oder?

Gerrit:
Ja, das habe ich mitgekriegt. Aber davon mal abgesehen, dass ich den Namen AFTERBURN scheiße finde... (lacht) Aber ich denke, dass BALLISTIC jetzt auch nicht gut klingt - hört sich an wie Ballisto (lacht) -, aber immer noch besser als AFTERBURN...

Martin:
Wie denkst du denn über Online-Magazine, im Vergleich zu den herkömmlichen Print-Magazinen?

Gerrit:
Finde ich wirklich gut. Ich gucke jeden Tag - jetzt nicht gerade auf Powermetal.de (grinst), denn ich finde Vampster immer noch interessanter, weil die einfach öfter upgedatet werden. Ich finde, dass sie auch etwas übersichtlicher sind. Deshalb... - Aber ich habe fest bei meinen Faves... - ich gucke jeden Tag bei Vampster drauf, und alle drei bis vier Tage bei Powermetal.de und bei ein paar anderen noch. Ich fühle mich eigentlich durch die paar, die ich anchecke, ganz gut informiert. Ich finde aber auch, dass es nicht zu viel werden sollte, denn ich mag Print-Magazine auch sehr gern und ich freue mich auch über jedes Fanzine, das ich in die Hand kriege, weil ich es einfach geil finde, wenn das nicht ganz ausstirbt. Ich hoffe, dass nicht irgendwann jeder anfängt, ein Online-Magazin zu machen. Denn es gibt eben gute - wie eures -, professionelle, auflagenstärkere - oder anklickstärkere, wie auch immer (grinst) - ich denke, Vampster und Powermetal.de sind die zwei, die wohl den besten Ruf haben in Deutschland - soweit ich das mitkriege. Ich finde Powermetal.de halt noch ein bisschen zu... - es sieht etwas trocken und lustlos aus, gerade die Startseite. Wenn du dagegen Vampster aufmachst - das ändert sich jeden Tag, es springt dir irgendwas Farbiges ins Auge, und die Updates sind auch etwas leichter ersichtlich als bei euch.

Martin:
Und wie stehst du sonst zum Internet, insbesondere zu der MP3-Problematik?

Gerrit:
Internet ist super, und MP3 ist mir egal. Für einen echten Metaller ist MP3 völlig uninteressant, weil früher gab es Tape-trading und sonst was, und da hat sich auch niemand drüber aufgeregt. Denn wo sich jemand den Appetit für eine neue Platte holt, ist eigentlich scheißegal. Und wenn er sich die ganze Platte aus dem Internet holt und meint, dass ihm das langt, dann ist das okay, aber dann ist er halt kein richtiger Metaller in meinen Augen. Im Metal ist das anders als im Pop - im Pop geht es um das schnelle Konsumieren, und darum, am laufenden Band möglichst schnell die Top 10 runterzuladen, um immer up-to-date zu bleiben und beim Kumpel gut anzukommen: "Ich hab die Nummer eins schon - super!" Im Metal ist es ja aber so, dass du das aus Überzeugung hörst und weil dir das was gibt und was bedeutet. Und wenn dir eine Band was bedeutet, dann willst du auch die Formate haben, die diese Band selber rausbringt. Denn wenn du nur runterlädst, dann kriegt die Band ja nichts davon, und dann stirbt die Band irgendwann. Aber ein richtiger Fan will ja nicht, dass seine Band stirbt, weil niemand mehr ihre Platte kaufen will. Und ich selber kaufe mir von allem, was mir wirklich gefällt, die Picture-Platte, die LP und die CD. Ich habe meistens alles dreifach, wenn es geht vierfach, und oft kaufe ich mir dann noch ein Shirt. Von NILE habe ich mir alles gekauft - bis auf das Digi von "In The Beginning", das habe ich noch nicht, aber sonst habe ich alles. Und ich habe mir auf der kompletten Tour jeden Abend ein anderes Shirt oder das gleiche als Longsleeve oder sonst was gekauft, weil ich die Band einfach geil finde. Vielleicht schließe ich ja zu unrecht von mir auf andere, aber ich kenne eigentlich nur Metaller, die das auch so sehen. Wenn sie etwas geil finden, dann kaufen sie es. Notfalls spart man darauf oder überspielt es sich zuerst und hört sich solange daran tot bis man die Texte braucht, und dann holt man sich die Platte oder die CD. Also ich sehe im Internet absolut null Gefahr für den echten Heavy Metal, weil es eben keine Musik für Hunderttausende ist, sondern nur für einen gewissen Kreis, und diese Leute unterstützen das dementsprechend.

Martin:
Das sehen METALLICA und Co. natürlich etwas anders...

Gerrit:
Das ist doch mir scheißegal. Das sind Berufsmusiker, aber uns kann es doch scheißegal sein. Wenn wir keine einzige Platte mehr verkaufen - na gut, dann nehmen wir halt nur noch für uns auf. Wir haben ja nicht den Druck, wir sind ja nicht eine Band, die... - ganz schlimm sind die Bands dran, die gerade an der Grenze sind, davon leben zu müssen. Denn die müssen ja immer wieder das Gleiche wiederholen, mit dem sie mal Erfolg hatten, die können ja keine Platte wir wir jetzt machen. Die können nicht einfach sagen: "Scheiß auf die Leute", oder so was. Das geht ab einer gewissen Größe nicht mehr. Vielleicht, wenn du mal so groß wie METALLICA bist, dann verkaufst du immer noch ein paar Millionen - egal, was du machst, die könnten auch Handtücher aufnehmen, oder was weiß ich. (lacht) Aber so eine Band in einer kleineren Größenordnung, ICED EARTH zum Beispiel - wenn die nächste Platte von denen aus was weiß ich für Musik besteht, dann sind die weg vom Fenster. Die müssen ihr Klientel immer so bedienen, weil sie so einen Status haben, um gerade davon leben zu können. Und ich will diesen Status gar nicht haben - ganz ehrlich! Denn ich will mich nicht prostituieren, ich will auch nicht immer das Gleiche machen, ich will dann aufhören, wenn ich keinen Bock mehr habe, und so weiter, und so fort.

Martin:
So, das war's von meiner Seite. Vielen Dank für das Interview!

Gerrit:
Bitte, bitte. Kein Problem. Und jetzt gehen wir erstmal ein Bier trinken... (grinst)

Redakteur:
Martin Schaich

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