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SLUMBER: Interview mit Ehsan Kalantarpour

01.01.1970 | 01:00

Etwas komisch ist es ja schon. Da kommt aus dem Nichts eine Band, wobei ich Schweden natürlich nicht als Nichts bezeichnen möchte, und legt mit dem Debüt "Fallout" eine Scheibe vor, die zunächst reichlich gewöhnungsbedürftig, aber angenehm eigenständig und erwachsen klingt. Erwachsen im Sinne packender Arrangements, die erst entdeckt werden wollen, bevor sie richtig zünden. Die Band firmiert unter dem Namen SLUMBER und ist soeben mit wehenden Fahnen bis in die "10 x Dynamit"-Kategorie des deutschen Rock Hard-Magazins vorgedrungen. Eigentlich sehr beachtlich für eine Band aus dem Nichts. Legt man aber die Qualität des Materials zu Grunde würde man niemals auf einen Erstling tippen und seinen eigenen Arsch auf weit- und tiefreichende Bandwurzeln verwetten.

Dem ist aber nicht so, wie mir Keyboarder und Songwriter Ehsan versichert. "Jari, Siavosh und ich trafen uns eines nachts Anfang des Jahres 2002, um einfach mal miteinander und noch einigen weiteren Musikern zu jammen. Wir merkten dabei sehr schnell, dass wir in der sowohl zwischenmenschlichen, als auch musikalischen Kommunikation keinerlei Probleme hatten. Die Musik, die wir da vor uns hin spielten, überwältigte uns förmlich. Wir beschlossen dabei, gemeinsam die Mucke zu machen, die wir selbst gerne hören würden und die man in dieser Form nirgendwo zu hören bekommt. Also schrieben wir in dieser Konstellation 'A Wanderers Star'. Zu diesem Zeitpunkt war bereits beschlossene Sache, dass wir dieses Projekt professionell angehen wollten. Wir rekrutierten im Anschluss einige sehr gute Sessionmusiker. Ted an den Drums, Mike am Bass und Daniel Albertsson an der Klampfe. Innerhalb eines Jahres schrieben und produzierten wir zwei Demos, die Karmageddon Medias Interesse auf uns lenkte. Die Geschichte endet vorerst damit, dass wir die Tracks 2004, innerhalb von nur zwei Wochen, in den Panic Room Studios erneut aufnahmen."
Kurz und knapp, was man über den Namen der Band ebenfalls sagen kann. Jedoch finde ich diesen Bandnamen sehr untypisch für die Kategorie der dargebotenen Musik, die sich irgendwo zwischen symphonischem Gothic und metallischer Epik einsiedelt. "Wir einigten uns auf diesen Namen, nachdem wir uns selbst einmal unter den richtigen Rahmenbedingungen in der Musik fallen ließen. Mit Kopfhörern bewaffnet, allein in einem dunklen Raum und mit geschlossenen Augen. SLUMBER soll dieses Erlebnis in Schriftform darstellen. Du kannst in dieser Musik wirklich so verloren sein, dass du außerhalb der Töne und Takte alles in deinem Leben vergisst. Das bedeutet der Name SLUMBER für mich!"

Trostlos, symphonisch und düster sind die Meisterwerke auf "Fallout" definitiv. Anders als bei den meisten anderen kommerziell mehr oder weniger erfolgreichen Bands verlieren sich SLUMBER aber nicht in zu viel Plüsch und Seide, sondern betonieren ihre Traurigkeit in meterdicken Gitarrenwänden. "Wir sind absolute Perfektionisten wenn es um den Sound geht. Und zwar alle Mann. Wir wollten von Anfang an einen Sound, der so hart wie irgend möglich klingen sollte. Wir hielten einige Zeit Ausschau nach einem geeigneten Produzenten und entschieden uns schlussendlich für Plec. Die Aufnahmen selber war zu gleichen Teilen die sowohl härteste aber auch schönste Zeit in meinem Leben." Was die meisten Musiker von den Produktionszeiten ihrer großen und kleinen Meisterwerke zu berichten wissen. "Das Studio ist riesig, was uns eine sehr individuelle Aufnahmearbeit ermöglichte. Es war sehr cool, morgens um vier Uhr vor einem Tempel aus Computern und Keyboards aufzuwachen, nach einer langen und konzentrierten Aufnahmesession daran vorbeizuschlendern um drei Meter weiter pissen zu gehen. Dabei sieht man dann die Anderen, wie sie sich die Haare an ihren Instrumenten raufen. Herrlich! Die Kreativität war allgegenwärtig. Keine Grenzen! Andererseits hatten wir ausschließlich zwei Aufnahmewochen, was für die Ausmaße unserer Musik eigentlich viel zu wenig ist. Wir rissen uns aber die Ärsche auf und arbeiteten so hart wie noch nie zuvor an etwas. Jeder von uns! Wir wollten das absolute Optimum aus uns rausholen und das ist uns, denke ich, gelungen. Für die nächste Scheibe haben wir dann weit mehr Zeit und deshalb vielleicht auch einen etwas improvisierteren Sound. Dabei wird Plec auf jeden Fall wieder unser Produzent sein. Er ist unser Mann!"

Zwei Wochen vollste Konzentration auf einen Fokus, nämlich die definitive Debütscheibe zu erschaffen. Wie versetzt man sich in eine solche Stimmung? "Kein Problem! Ich studiere SoundEngineer/Producer an der Uni," lacht mir ein gut gelaunter Tasten-Ehsan entgegen. "Tagsüber mache ich Interviews und natürlich meine Hausarbeiten. Am Wochenende treffe ich mich dann mit den Jungs im Studio und wir feilen detailliert am Material für eine mögliche Scheibe. Das ist eigentlich alles. Ich habe realisiert, dass ich mich zur Zeit in einer Periode meines Lebens befinde, in der ich die Weichen für meine Zukunft stellen muss. Und meine Wünsche sollen nicht ewig pures Gedankenspiel bleiben. In zwei Jahren ist die Schule vorüber und dann wird es Zeit, das Leben richtig zu entdecken und zu genießen." Zu entdecken und zu genießen? "Alle Farben des Lebens," antwortet Ehsan nachdenklich. "Wie die Musik von SLUMBER. Musik, dramatisch und in den verschiedensten Stimmungen und Phrasierungen inszeniert. Ein Tauchgang in den Soundozean der Kontraste!"

Starke, plastische und blumige Worte eines Mannes, der tatsächlich in Form seiner songschreiberischen Fähigkeiten emotional zu bewegen weiß. "Ich traf mich mit Jari und Siavosh jeden Freitag und wir arbeiteten an meinen Ideen bis Sonntags durchgehend. Dabei wurden diese Sessions fast schon zu einer Art Ritual. Es ist fast wie Sex mit einer wunderschönen und grazilen Lady. Du musst sie jedoch erst in die richtige Stimmung bringen. Ohne diese Stimmung gibt’s auch keinen Sex. Wir bringen uns in diese musikalische Stimmung indem wir zunächst einige verschiedene Musikrichtungen absorbieren. Dann dimmen wir das Licht, erschaffen eine Atmosphäre sanften Grusels und beginnen um die festen Arrangementstrukturen herumzujammen. Es dauert dann manchmal Stunden um aus einer Idee ein fertiges Konstrukt werden zu lassen. Es gibt wirklich nichts Schöneres auf der Welt, als mit diesen, mit meinen zwei besten Freunden, Musik zu erschaffen. Wir sind musikalisch miteinander verbunden. Jeder treibt den anderen zu seiner bestmöglichen Performance. Ich liebe diesen Teil meines Lebens."

Wenn ein solches Schwelgen über das Entstehen der Musik möglich ist, interessiert natürlich auch die lyrische Komponente, die dem tieftraurigen Treiben Konturen geben soll. "Ich werde meine Lyrics nicht interpretieren. Das soll sich einzig und alleine in deinem Kopf abspielen", offeriert ein ernst gestimmter Ehsan. "Ich werde jetzt nicht das Mysterium und das Geheimnisvolle an unserer Musik zerstören. Lausche einfach den Tönen, schau dir die Bilder an, lies das Booklet und die Texte und bilde dein eigenes Universum daraus. Deutet selbst!" Auf den internationalen Presserummel um die Scheibe angesprochen, wirkt der Songwriter und Keyboarder etwas überrascht und verhalten. "Ich wusste bis jetzt nichts von unser Dynamit-Platzierung im deutschen Rock Hard-Magazin. Aber das sind großartige Neuigkeiten, haha. Danke! Das internationale Feedback ist bislang einfach großartig ausgefallen. Ich bin überglücklich, so viele Menschen gefunden zu haben, denen diese Musik so viel bedeutet wie mir. Ich lass mir diesen Erfolg aber nicht zu Kopf steigen. Ich bin eigentlich jetzt schon voll auf das nächste Album fokussiert." Interessant, aber ungewöhnlich, dass eine Band direkt nach dem Release eines Albums schon mit der Entstehung der nächsten Scheibe beschäftigt ist. "Ja, wir haben bereits drei fertige Nummern am Start und arbeiten in jeder freien Minute an neuem Stoff. Das nächste Album wird ziemlich sicher im nächsten Sommer eingetütet werden und voraussichtlich acht bis elf Tracks enthalten. Es sollen natürlich die besten werden, die wir jemals geschrieben haben, haha. Die bisherigen stellen aber unserer Meinung nach das "Fallout"-Material in den Schatten, obwohl natürlich in der Entstehungsphase eines Tracks der nötige Abstand fehlt, um das wirklich beurteilen zu können. Sicher ist aber, dass die Streichsektionen auf dem nächsten Album in Natura interpretiert werden, ebenso die Chöre."

Das klingt nach jeder Menge Intensität, die man live nur schwer umsetzen kann. "Falsch", meint Ehsan. "Das Album "Fallout" präsentiert nur einen kleinen Teil der Intensität, die wir live umzusetzen in der Lage sind. Wenn wir live performen, liegt unsere ganze Seele in der Situation. SLUMBER kann man live nicht nur hören und sehen, sondern auch fühlen." Vollmundige Aussagen, dir mir ordentlich das Wasser im Mund zusammen laufen lassen. "Deutschland und Japan sind die Länder, die wir am ausgiebigsten bereisen wollen. Momentan ist aber noch nichts spruchreif. In diesem Winter wird es jedenfalls nichts mehr, obwohl der Winter so inspirierend ist." Inspiration, die sich Ehsan in Vergangenheit nicht nur durch Wetterlagen holte. "In den letzten drei Jahren stand ich unter starkem Drogeneinfluss und lebte ein ziemlich wildes Leben. Ich testete alle Limits aus, die ich finden konnte. Ich war fasziniert von den Wurzeln des Geheimnisvollen und beschritt auch sehr gefährliche Lebenswege. Im Verlauf dieser letzten Jahre wandte ich mich aber immer mehr von den Halluzinogenen ab und immer mehr der Musik zu, bis ich in ihr völlig versank. Meine Welt bekam endlich wieder Konturen und heute bin ich ein starker Charakter, der das tut, was er am besten kann. Und das ist die Musik."

Starke abschließende Worte eines begnadeten Künstlers. Und wer will ihm angesichts des bärenstarken SLUMBER-Erstlings "Fallout" ernsthaft wiedersprechen? Ich nicht, gehört doch das allerletzte Wort sowieso dem symphatischen Schweden: "Put your headphones on, get comfortable, turn off the lights, press play on your stereo and get lost in SLUMBER. It is an experience. Cheers! Until we meet again, pretty soon I think." Ich hoffe es…

Redakteur:
Alex Straka

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