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SPOCK'S BEARD: Interview mit Nick D'Virgilio

24.11.2005 | 23:46

Nicht wenige haben die amerikanischen Prog-Rocker SPOCK'S BEARD nach dem überraschenden Ausstieg von Sänger, Songwriter und Sympathie-Träger Neal Morse abgeschrieben. Aber mit dem etatmäßigen Drummer und "Neu-Sänger" Nick D'Vergilio haben die Bärte einen würdigen Nachfolger gefunden. Zwar schien es unmöglich Morse zu ersetzen und ich gebe zu, dass auch ich ernste Bedenken hatte, aber die Alben "Feel Euphoria" (2003) und "Octane" (2005) und die dazugehörigen Touren haben eindrucksvoll das Gegenteil bewiesen, auch wenn man die beiden Sänger nicht unbedingt vergleichen kann. Eine Band wie SPOCK'S BEARD erfindet sich ohnehin wie kaum eine andere Truppe mit jedem Album neu und hält Überraschungen bereit. Vor dem (saustarken!) Konzert in Flensburg konnte ich kurz mit Nick, einem der nettesten und zuvorkommensten Musiker, die ich bislang getroffen habe, sprechen und den Inhalt des Gespräches seht ihr hier in schriftlicher Form...

Martin:
Ihr seit jetzt schon ein paar Tage auf Tour. Wie ist es bisher gelaufen?

Nick:
Soweit sehr gut. Das ist ja nun schon der zweite Teil der aktuellen Europa-Tour zum Album "Octane", was die Sache dahingehend etwas schwer macht, da wir teilweise in gewissen Städten und Gegenden – jetzt nicht Flensburg, aber halt in anderen – aufpassen müssen die Dinge etwas anders zu machen, um für die Fans aufregend und interessant zu bleiben und damit sie schlicht und einfach nicht zweimal das selbe sehen. Aber bei euch in Deutschland haben wir immer ein fantastisches Publikum. Wir haben immer eine Menge Spaß bei euch, ganz klar! Und wir haben das dazugehörige Live-Album von und zur aktuellen Tour dabei... (lacht)

Martin:
Das passt gut zur nächsten Frage. Nick, ihr seit schon lange Stammgäste in deutschen Clubs und auch die aktuelle Doppel-Live-CD "Gluttons For Punishment" ist hierzulande – sprich in Karlsruhe und Aschaffenburg – aufgenommen worden. Es gibt also eine besondere Beziehung SPOCK'S BEARD und Deutschland bzw. umgekehrt? Erzähl doch mal...

Nick:
Ja, das beruht definitiv auf Gegenseitigkeit! Wir verkaufen in Deutschland mit Abstand die meisten Platten, und wenn wir auf Tour gehen, stehen bei euch die meisten Konzerte pro Tour an und auch was die geschäftliche Seite angeht, läuft es hervorragend bei euch. Und wie bereits erwähnt, sind die deutschen Fans unglaublich. Es scheint zu passen und irgendwas scheinen wir es richtig zu machen. Da kommen wohl verschiedene Sachen zusammen. Du siehst es auch daran, dass wir eine deutsche Plattenfirma haben. Die ganze Geschichte ist in den letzten Jahren so herangewachsen.

Martin:
Du kannst es wahrscheinlich nicht mehr hören, aber kurz die Frage nach Neal. Wie ist eure momentane Situation mit oder Beziehung zu ihm? Kennst du beispielsweise seine aktuelle CD und verfolgt er euren weiteren Werdegang?

Nick:
Klar kennen wir die jeweils anderen CDs, auch wenn ich seine aktuelle CD noch nicht gehört habe, aber wir tauschen uns aus und senden uns gegenseitig Exemplare. Und ich denke, er weiß ungefähr, was wir so treiben, denn er verkauft auch unsere CDs über seine Website. Wir haben allerdings nicht mehr so den engen Kontakt wie früher und schließlich wohnt er zum Beispiel 2000 Meilen entfernt von mir. Aber der Kontakt reißt nicht richtig ab, denn es gibt ja auch Emails und so.

Martin:
Noch so eine wahrscheinlich nicht sehr originelle, aber dennoch interessante Frage. Wie würdest du kurz und knapp euren Sound für jemanden beschreiben, der keinen Schimmer hat, was SPOCK'S BEARD ist und was euch ausmacht?

Nick:
Obwohl wir das oft gefragt werden, ist das immer schwierig zu beantworten. Also, ich denke GENESIS/YES/PINK FLOYD trifft auf Pop-Musik. Wir haben viele Songs zum Mitsingen, sind aber auch sehr rockig und natürlich recht progressiv. Du siehst, das ist echt schwer zu benennen. Leuten, die nichts mit Progressive Rock anfangen können, muss man erstmal erklären, worum es da geht und so. Es gibt wohl kein absolut passendes Label für unseren Sound. Fragen mich beispielsweise ältere Leute, die generell wenig mit Musik zu tun haben oder sich eben nicht mit aktueller Musik auskennen, dann antworte ich meist, dass wir Rock spielen. Das vereinfacht es manchmal ziemlich... (lacht)

Martin:
Okay, belassen wir es dabei. Wie entstehen eure Songs? Gerade bei einem derart komplexen Sound stellt sich diese Frage natürlich immer schnell.

Nick:
Wir schreiben mittlerweile alle zusammen. Normalerweise kommt einer mit einer eigenen Idee an und schickt uns per Email Teile oder Fragmente und wir fügen entweder etwas hinzu oder proben die entsprechenden Passagen einfach. Gerade im Studio kommt es oft vor, dass wir einfach nur so jammen. Songs entstehen so auf viele Arten und prinzipiell ist jedes Mitglied der Band viel mehr involviert und produktiver, als das früher der Fall war. Ich sag mal so, solange ein Song gut ist und zu SPOCK'S BEARD passt, ist völlig egal von wem er kommt oder wie er entstanden ist.

Martin:
Für dich speziell, ist es da einfacher einen kurzen und prägnanten Song zu schreiben oder eher längere, epische und progressivere Nummern? Oder hängt das individuell von der Situation ab?

Nick:
Klar hängt das immer von vielen Dingen ab, aber ich schreibe viel leichter kürzere Nummern. Neal hatte früher immer dieses Händchen für die langen Nummern, die aber nie den Spannungsbogen verloren.

Martin:
Ihr habt mittlerweile alle Familien und seid bedingt durch die Musik sehr lange unterwegs und fern der Heimat. Wie geht man damit um?

Nick:
Das ist ein Problem für beide Seiten, keine Frage. Vor allem weil daheim immer etwas passiert, wenn wir auf Tour sind. Das ist echt irre, obwohl ich da nur für mich sprechen kann, aber auch die anderen haben hier und da mal etwas in dieser Richtung "erlebt". Immer wenn wir unterwegs sind, egal ob Europa oder Amerika, passiert irgendetwas Komisches. Mal wird ein Haustier krank, mal jemand aus der Familie, mal ist ein Autoreifen platt oder die Klimaanlage fällt aus [Was für Amerikaner so ziemlich das Schlimmste ist. - Anm. d. Verf.]. Also, für die Familie daheim ist das schlimmer als für uns, da sie die normalen Alltagsprobleme bewältigen müssen, denn auch wenn wir endlos lange im Bus sitzen, Duschen teilen müssen und solche Sachen, stehen wir jeden Abend auf der Bühne und spielen vor tollen Fans, was wirklich Spaß macht.

Martin:
Ihr alle seid erfahrene Studio-Musiker und habt schon in vielen anderen Bands und Projekten gespielt. Du beispielsweise hast u.a. auf "Calling All Stations" von GENESIS (1998) getrommelt und kürzlich mit FATES WARNING gespielt. Gibt es dennoch musikalische Träume oder irgendjemanden, mit dem du gerne mal arbeiten möchtest?

Nick:
Sicher, klar die gibt es. Ich bin immer auf der Suche nach neuen interessanten Möglichkeiten. Da kann man wirklich nicht davon sprechen, dass ich schon viel erreicht habe oder diesen Teil meiner Karriere bereits ausgeschöpft habe. Vielleicht gibt es nicht den einen Musiker, der mich reizen würde, aber... warte mal. DAVID BOWIE wäre ein Traum. Steve Wilson von PORCUPINE TREE wäre auch so ein Kandidat, denn der macht tolle Sachen. Im Grunde genommen gibt es eine Million reizvolle Aufgaben. Und ich meine nicht nur Rock'n'Roll, sondern verschiedene Stile. Neue Konstellationen der Zusammenarbeit sind immer eine Menge Spaß und helfen den Kopf frei und die Ideen frisch zu halten. Man sollte seinen Horizont immer offen halten und einfach interessante Dinge tun.

Martin:
Habt ihr schon Pläne für die Zeit nach der Tour?

Nick:
Nein, momentan ist ja gerade die Live-Scheibe "Gluttons For Punishment" erschienen und darauf konzentrieren wir uns momentan. Ich habe viel Zeit und Kraft in diese Scheibe gesteckt und jetzt ist sie fertig und ich bin froh wieder live zu spielen. Es ist noch nichts über die Tour hinaus geplant, aber ich bin sicher, dass wir im nächsten Jahr wieder eine Scheibe in Angriff nehmen werden. Und Alan Morse, unser Gitarrist, hat gerade ein Solo-Album fertig gestellt, das demnächst erscheinen dürfte.

Martin:
Vielen Dank für das Interview, Nick!

Nick:
Kein Problem! Ich habe zu danken!

Redakteur:
Martin Stark

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