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SUBSIGNAL Listening Session

27.07.2009 | 15:53

Das Debüt einer Band mit bekannten Musikern, ein klarer Fall für eine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit Material, von dem zumindest die Prog-affine Leserschaft sicher schon Einiges erwartet, wenn die Namen SIEGES EVEN, DREAMSCAPE und SUN CAGED fallen. Na, dann wollen wir mal.

Das hier ist kurz vor'm Ende der Welt. Ganz sicher. Hier gibt es bestimmt noch Dinosaurier. Ich könnte nach dem Weg fragen, aber wer weiß, welche prähistorischen Laute die Ureinwohner dieser verlassenen Gegend von sich geben würden? Und man hat ja schon von Kannibalenvölkern gehört. Na gut, bislang hat mich das Navi nur einmal in eine Sackgasse geschickt, und da sah die Baustelle noch ganz neu aus. Vielleicht ist es auch besser, wenn ich nicht anhalte. Seeheim. Steht immerhin an der Autobahn. Nur, hier soll ein Studio sein? Ich fahre einen Berg hinauf und sehe einen dunkelhaarigen Metaller - ja, unverkennbar - sich mehrfach umgucken und dann auf ein Gartentor zusteuern. Ha, hier traue ich mich dann doch zu fragen. Und siehe da, es ist ein Kollege von My Revelations, der meiner Einschätzung, hier gäbe es wirklich ausgesprochen viel Idylle, lachend zustimmt.


Aber wir sind da, hier ist das Kohlekeller-Studio von Kristian Kohlmannslehner, der nämlich die Debütscheibe der Band SUBSIGNAL produziert hat. SUBSIGNAL sind die Hälfte der aufgelösten SIEGES EVEN, sozusagen der vordere Teil, nämlich Sänger Arno Menses und Gitarrist Markus Steffen, auf denen die Hoffnungen vieler Progfans ruhen, die wie ich noch immer ziemlich angefressen sind ob des unerwarteten Endes einer der besten Progressive-Metal-Formationen aller Zeiten, die mit "The Art Of Navigating By The Stars" und "Paramount" tatsächlich Maßstäbe gesetzt haben. So gehe ich mit gemischten Gefühlen die Steintreppe hinunter, wo mich entweder ein weiteres Meisterwerk oder eine bittere Enttäuschung erwartet.

Wie angekündigt ist die ganze Band anwesend, also neben den beiden erwähnten Herren auch noch Ralf Schwager (Bass) und David Bertok (Keyboards), beide bekannt durch DREAMSCAPE, sowie der SUN CAGED-Drummer Roel Van Helden. Ja, SUBSIGNAL sei eine richtige Band und nicht nur das Projekt von Markus und Arno, als das es einmal geplant gewesen war. Während Streetclip.tv sich die beiden eben genannten für ein Interview schnappt, gibt es die Möglichkeit zu einem Plausch mit den anderen Musikern und ein überdimensioniertes Thai-Food-Büffet. Und das um 14.00 Uhr, wo ich gerade gegessen habe. Dabei sieht das so lecker aus.

Zur Einstimmung gibt es erstmal eine selbst gemachte Aufnahme vom Auftritt des Vortages, als SUBSIGNAL auf der Freilichtbühne Loreley im Rahmen des "Night Of The Prog"-Festivals aufgetreten waren. Die Band scheint sichtbar Spaß gehabt zu haben. Natürlich wurde das neue Album gespielt, aber Keyboarder David bestätigt, dass man auch den einen oder anderen Song von SIEGES EVEN im Repertoire habe. Aber der Fokus liegt auf dem eigenen Material. Ja, das versteht man natürlich, trotzdem mag man die Hoffnung auf ein gelegentliches 'Lonely View Of Condors' oder 'Tidal' nicht aufgeben. Wie es scheint, muss man das auch nicht.

Dann ist es Zeit, die Stunde der Wahrheit ist gekommen - jedenfalls ungefähr, denn das Album dauert knapp länger als eine Stunde. Im Studio klickt Kristian das Album auf den Bildschirm, stellt uns die Lautstärke ein, wünscht uns viel Spaß und verschwindet. Wir drei - zu uns stieß noch Georg vom Radio Bermuda aus Mannheim - lauschen gespannt den ersten Tönen. Im Folgenden möchte ich gerne meine ersten Eindrücke wiedergeben, die ich mir direkt während des Hörens gemacht habe:


1. Where Angels Fear To Tread
Die erste Überraschung ist natürlich keine, denn da ich weiß, dass es einen festen Keyboarder gibt, sind die häufig und vordergründig eingesetzten Tasteninstrumente nicht ganz unerwartet. Dass sie allerdings derartig dominant sein würden, ist dann doch nicht vorhersehbar gewesen. Auch ist Markus' Gitarrenspiel weit weniger fragil als bei SIEGES EVEN. Und ich dachte immer, der Stilwechsel nach "Uneven" hätte vor allem mit Markus Steffen zu tun gehabt. Zumindest das charakteristische Gitarrenspiel taucht in diesem Song überhaupt nicht auf, statt dessen haut er einige fettere Riffs raus, überlässt aber den vordergründigen Part dem Keyboard. Statt Gefrickel überwiegt eine Mischung aus ENCHANT, neueren FATES WARNING und Stadionchören. Kling vielleicht etwas seicht, entfaltet aber seine Wirkung. Guter Auftakt!

2. Paradigm
Wieder dominiert das Keyboard nach einem ruhigen Beginn, und der Prog tritt zugunsten der Melodie in den Hintergrund. Wenn ein Instrument einen härteren Akzent setzt, so ist das die Gitarre. Ich bin ob dessen immer noch verwundert, da ich einen anderen Stil erwartet hatte. Gleichzeitig muss ich Roel an den Drums ein Extralob spendieren, der hier ganz schön in die Kessel haut. Nach einem Keyboardsolo folgt ein ruhiger Mittelteil. Bislang ist mir nichts im Ohr geblieben, obwohl ich der festen Überzeugung bin, sehr gute Melodien gehört zu haben, doch sind sie so unaufdringlich, dass man wohl ein paar Spins braucht, um die Lieder zu summen. Das macht ja nichts, eher im Gegenteil. Jedenfalls muss hier das Stadion mal aussetzen zugunsten von Prog ohne Gefrickel, der mit einem atmosphärischen Part endet und direkt übergeht in...

3. The Sea
Aaah, Drums, unverzerrte Gitarre, und darüber Arnos markante Stimme. Ja, das klingt jetzt eher nach SIEGES EVEN, die kompositorische Handschrift der beiden ist nicht zu leugnen. Arno dominiert den Beginn des Songs, er singt rauer und ist mehr in den Vordergrund gemischt. Die Keys dürfen aber auch wieder brillieren und erinnern in der Mitte des Songs an MARILLION der frühen 90er Jahre, während Markus seine Gitarre weiterhin moderner und kräftiger rannimmt als bei seiner vorherigen Band. Am Ende kommt noch ein tolles Solo, das aber weit im Hintergrund rumschwirrt, so dass man hinhören muss. Bislang mein Highlight, und ich bin sicher, dass dieser Song mir die Wehmut nach SIEGES EVEN weitgehend nehmen wird.

4. The Trick Is To Keep Breathing
Nun geht es sogar fast in AOR hinüber, ein Fakt, der mich zwar überrascht, aber auch erfreut. Guter Melodic Rock ist gar nicht so häufig, und über die Qualität mache ich mir nach den ersten drei großartigen Stücken keine Gedanken mehr. Die Keyboards verbreiten ein wenig Jahrmarktsatmosphäre, der seichte Song enthält noch einen gesprochenen Teil und ein paar unaufdringliche Chöre, bevor er etwas merkwürdig endet.

5. Walking With Ghosts

Wieder geht es anfangs ruhig zu, aber hier kommt der progressive Aspekt deutlich zum Vorschein, den Arno immer betont, denn SUBSIGNAL seien eine Progressive-Rock-Band. Das Ganze findet sich irgendwo in der Kuschelecke mit ARENA, ENCHANT und TILES wieder. Die zweite Hälfte erinnert dann wieder ein wenig an SIEGES EVEN, und obwohl ich mir vorgenommen hatte, diesen Vergleich zu vermeiden, schleichen sich solche Gedanken immer wieder ein. Gut, daran sind die Musiker selbst schuld, warum komponieren sie auch solche Referenzwerke. SE mit Keys. Ja, cool.

6. I Go With The Wind
Einer der kürzeren Songs mit etwa fünf Minuten, der wiederum die ruhige Seite der Band unterstreicht. Markus Gitarrenspiel hat etwas von Steven Rothery, der Song hat einen sehr angenehmen Fluss und harmoniert toll, allerdings bleibt er wiederum nicht sofort im Ohr. Aber - siehe oben.

7. To Hope The Road Is Long
An die modernen Gitarrensounds muss ich mich tatsächlich erst gewöhnen, auch an den Kontrast, den David Bertok dazu hinterlegt. Ein ruhigerer Teil mündet in einen coolen und sehr melodischen Chorus, der mir als der bislang eingängigste erscheint, bevor mal wieder etwas geproggt werden darf. Zum Ende hin kommt ein treibender Part, der live sicher gut abgehen wird. Mein zweites Highlight.

8. Beautiful And Monstrous
Der Titelsong ist zugleich der längste auf dem Album und kann wiederum gewisse stilistische Parallelen zu "The Art Of Navigating By The Stars" nicht verleugnen, aber eben mit Keyboards. Der Pianopart ist großartig, aber die Violinen sind noch besser. Als Kontrast gibt es Samples im Hintergrund und elektronisch verzerrte Drums, bis wieder die sehr organisch klingenden Percussions von Roel einsetzen. Markus spielt sein fettestes Riff bisher, eine echte Wand. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich ihn am Sound nicht wiedererkennen. Die schöne Melodie, die ich erneut mit ENCHANT vergleichen möchte, lässt dann Raum für einen opulenten Part mit Streichern und der ganzen Band in Overdrive, jeder darf mal, jeder macht mal, und auch gerne gleichzeitig. Hm, jetzt bin ich skeptisch - war 'The Sea' besser oder ist dies der Höhepunkt des Albums? Das wird wohl erst die Zeit weisen. 

9. The Last Light Of Summer

Zum Abschluss gibt es noch eine echte Ballade, wie seichte SIEGES EVEN gemischt mit "Seasons End"-MARILLION. Sehr reduziert und wieder mit sehr dominanten Keyboards.

10. Rain Is The Most Beautiful Color
Nett, wir kriegen auch den Bonustrack vorgespielt, der nur auf der Limited Edition erhältlich sein wird. Zu Beginn setzen Drums ein mit einem fetten Hall, zu dem Kristian, der mittlerweile wieder zu uns gestoßen ist, kurz anhält und erzählt, dass es irgendwo in Deutschland ein paar Freaks gibt, die einen alten Turm erworben haben, an einer Seite (oben oder unten weiß ich jetzt nicht) Lautsprecher und an der anderen Seite ein Mikrophon installiert haben. Nun kann man seine Sounds per Internet da hinschicken, die spielen sie im Turm ab, nehmen sie am anderen Turmende wieder auf und senden sie zurück. Man erhält sozusagen ein paar Dutzend Meter Hall. Klingt schon fett, muss man zugeben. Kristian beginnt dann nochmal von vorn, damit wir diesen außergewöhnlichen Song in Gänze genießen können. Denn Arnos Stimme ist verzerrt, der Song ist härter als alles bislang Gehörte und weniger eingängig. Es gibt lange Instrumentalpassagen, die spannend und frisch klingen. Bonustrack? Das Ding ist eigentlich viel zu schade dafür.

Nach einer guten Stunde sind wir wieder draußen, reden noch etwas mit den Musikern. Das Interview kriegt ihr aber erst zum Veröffentlichungstermin, damit ihr das Album auch kennen könnt. Als Fazit bleibt aber schon mal zu sagen, dass SUBSIGNAL das Progressive behalten haben, aber Metal gegen Rock getauscht haben. Der neue Sound steht ihnen gut zu Gesicht und macht auf jeden Fall Spaß. Natürlich muss man das Album erst einige Male hören, bevor ein abschließendes Urteil möglich ist, aber der erste Eindruck ist ausgezeichnet.

Am 25. September wird "Beautiful And Monstrous" erhältlich sein, nach dieser Session scheint mir eine Kaufempfehlung bereits jetzt gefahrlos machbar zu sein, zumindest wenn man sich und seinen Musikgeschmack in den obigen Beschreibungen wiederfindet. Ach ja: Und auf jeden Fall die Limited Edition wegen des Bonustracks vormerken!

Redakteur:
Frank Jaeger

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