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TANKARD: Die Noise-Ära - Teil 2

04.03.2018 | 22:28

Ende Januar war es dann soweit: Nachdem Noise Records genau einen Monat vor dem Weihnachtsfeste 2017 den TANKARD-Fans mit den Wiederveröffentlichungen wohl das größte Geschenk machte, gibt es nun mit den Nachfolgealben den nächsten Re-Release-Rundumschlag.

Und wie schon "Zombie Attack", "Chemical Invasion" und "The Morning After" sind auch die nächsten vier TANKARD-Alben als wunderbare Digipack-Versionen mit jeweils einem 12- bzw 14-seitigen Booklet, Sleevewords, Interview-Schnipseln und allerlei Boni aufgemotzt. Doch der Reihe nach.

Wir schreiben das Jahr 1990. Auf dem vierten TANKARD-Album "The Meaning Of Life" wurde freudig und über beide Backen gegrinst, wie wir es auf dem Backcover sehen. Während Religion, Sport und Politik also mit Grübeln beschäftigt waren, gingen beide TANKARD-Daumen - hier in Form des Aliens und verrückten Professors - steil nach oben. Schließlich haben Gerre und seine damals noch vier weiteren Mitstreiter schon drei tolle Alben veröffentlicht und konnten sich beim vierten Bollwerk einmal mehr richtig austoben. Und das Endergebnis kann sich wirklich hören lassen, die Erfahrung von bis dato vier Alben auf der Habenseite spricht für sich und anstatt Altbekanntes in neuen Schläuchen zu servieren, garnieren die Jungs das Album mit neuen Nuancen.

Doch die Songs werden etwas melodischer, durchdachter und somit auch um einiges griffiger, was uns alleine 'Open All Night', 'Beermuda' und 'Space Beer' zeigen. Allesamt Songs, die auch 28 Jahre später noch immer Hitpotential haben und gerne in der einen oder anderen Setliste der Frankfurter Lausbuben auftauchen. Ja, auch die Produktion kann sich durchaus hören lassen, will die Band auf dem vierten Album doch nichts dem Zufall überlassen.

Von der thrashig-punkigen Marschroute weicht man auch 1990 nicht ganz ab ('Wonderful Life'), nur zeigen sich Gerre und Co. eben auch von einer Zugänglichkeit, die ihnen speziell auf den Folgealben durchaus zu Gute kam. Als Bonus gibt es hier und jetzt fünf kaltschnäuzige und coole Live-Versionen - mit 'Open All Night' leider nur eine vom vorliegenden "The Meaning Of Life"-Album. Doch im Zusammenspiel mit 'Alien' oder auch 'Maniac Forces' ein wirklich nettes Zusatzbonbon.

Und - als ob das noch nicht genug ist - hat die Band ein Jahr zuvor ihren absoluten Karrierehöhepunkt, als sie in der Folge "Schneewalzer" der Erfolgsserie "Ein Fall für zwei" zu sehen ist. Denkt euch hier das kleine Augenzwinkern, denn weiter geht es im Text mit "Stone Cold Sober" aus dem Jahre 1992.

Leider fehlt in den Spendierhosen von Noise Records das Re-Release zur Live-Scheibe "Fat, Ugly And Live". Doch in Anbetracht der Taten, die da noch folgen, kann man über diesen Malus doch hinwegsehen. Wir haben Anfang der 1990er Jahre schon die Befürchtung, dass TANKARD ihrem Lieblingsgebräu die Treue verwehren, doch entgegen dem Titel "Stone Cold Sober" geht es nur zwei Jahre nach der Sinnfrage des Lebens wieder feuchtfröhlich daher. Und steht diese Herangehensweise den Frankfurtern nicht am besten? Na und ob - und so schüttelt TANKARD auf dem fünften Studioalbum einen Brecher nach dem anderen aus dem Ärmel, die Hitdichte auf "Stone Cold Sober" ist beachtenswert. Die knackigen Riffs, die geilen Refrains, die "Wir schwimmen gegen den Strom"-Attitüde gepaart mit Thrash Metal vom Allerfeinsten - mit 'Jurisdiction', 'Ugly Beauty', 'Sleeping With The Past' samt Ohrwurmcharakter und nicht zuletzt 'Behind The Back' hat TANKARD anno 1992 alle Zügel in der Hand. Und anstatt auf Nummer sicher zu gehen, gibt es Gewagtes mit dem Instrumental-Monster 'Of Strange Talking People Under Arabian Skies' auf der einen und altbekannten Humor der Marke 'Blood, Guts And Rock N'Roll' oder 'Freibier' auf der anderen Seite. Hinzukommt das geile Artwork und Live-Versionen von 'Don't Panic', '666 Packs' und 'Shit-Faced' und wir haben einen absoluten Meilenstein der deutschen Metalgeschichte der 1990er Jahre vorliegen. Ja, TANKARD agiert in dieser Zeit als trinkfestes Quintett hervorragend und ruft uns einmal mehr ins Gedächtnis, welches zeitlose Album "Stone Cold Sober" eigentlich ist. Ein Muss für jede noch so fein sortierte Plattensammlung!

War das der Zenit des TANKARDschen Schaffens der 90er? Sollten die Frankfurter in dieser Phase jemals an dieses Über-Album herankommen? Und geht der furchtbare Trend dieser Zeit wirklich an unsere Spielmannstruppe vom Main vorbei? All diese Fragen sollte zwei Jahre später "Two-Faced" beantworten - ein Album, mit dem ich mich persönlich nicht so leicht anfreunden konnte, diesem aber im Zuge der Noise-Records-Veröffentlichungswelle sehr gerne noch die eine oder andere Chance geben möchte.

Der Titel darf zumindest wörtlich genommen werden. Denn dem üblichem Bier-meets-Spaß-Teil steht eine doch deutliche Gesellschaftskritik gegenüber. Das STRASSENJUNGS-Cover 'Ich brauch' meinen Suff' oder das heimatliebende 'Mainhatten' treffen auf ernstes Material wie 'Death Penalty', 'Cyberworld', 'Cities In Flames' und 'Day Of The Gun' - und irgendwie zündet die Platte 2018 doch deutlicher als noch vor einigen Jahren. Insofern hat das "Two-Faced"-Re-Release seine Wirkung überhaupt nicht verfehlt. Gerre deutet zumindest das Singen an - übt dies auf dem Nachfolger noch konsequenter aus - und auch wenn die Platte weiterhin im "Stone Cold Sober"-Schatten steht, kann sich das 1994er Album doch durchaus hören lassen. Das tolle Artwork sowie weitere fünf Live-Tracks sorgen für einen absoluten Hingucker im heimischen CD-Regal. Und Hand aufs Herz, 'Space Beer', 'Alcohol' oder die Evergreens 'Zombie Attack' und '(Empty) Tankard' sind mit der entsprechenden Zuschaueruntermalung äußerst charmant und machen Freude. Und glaubt man dem damaligen Chart-Einstieg, hat TANKARD Mitte der 1990er Jahre mit diesem Album nicht viel falsch gemacht.

Doch leider hat alles einmal ein Ende. Und so einigten sich Ende 1993 beide Parteien darauf, dass der langjährige Schlagzeuger Arnulf von niemand Geringerem als Olaf Zissel, der bis heute an der Schießbude der Frankfurter sitzt, ersetzt werden sollte. Darüber hinaus wurde aus dem Quintett aus gesundheitlichen Gründen ein Quartett. Denn nach dem Ausstieg des Gitarristen und Hauptsongwriters Axel Katzmann blieb TANKARD in dieser Mannstärke, wie wir sie heute kennen und lieben. So markiert "Two-Faced" nicht nur musikalisch einen klitzekleinen Wendepunkt in der TANKARDschen Historie, sorgt doch das folgende "The Tankard" für unterschiedliche Reaktionen.

Und scheinbar sprudelt die Kreativität und der Eifer aus dem Bierkrug nur so heraus, denn nur anderthalb Jahre später - im Oktober 1995 - wird "The Tankard" und damit das letzte hier zu besprechende Album der Noise-Records-Wiederveröffentlichungen von der Leine gelassen. Musikalisch geht es noch melodischer als auf den Vorgängerwerken zu, Gerre singt wie ein - *hust* - junger Gott, 'Minds On The Moon', der bedrohliche 'Grave New World'-Einstieg oder der Gesundheits-Fingerzeig 'Positive' sowie 'Atomic Twilight' gehören mit zu dem besten Material, was TANKARD in diesem Jahrzehnt an den Mann bringt. Einzig das Artwork will nicht zünden. Was ich damit sagen will? Dass "The Tankard" vollkommen unterbewertet ist und vor Kreativität ('Mess In The West'), Durchschlagskraft ('Hope?') und Ohrwurmpotential ('The Story Of Mr. Cruel') nur so strotzt. Und um mit diesem von vorne bis hinten gelungenen Werk einen üppigen Abschluss zu finden, gibt es die TANKWART-"Aufgetankt"-LP als zweite Disc noch obendrauf.

Wer es nicht wusste: Auf dem Album covern unsere Spaßversteher vom Main verschiedene Hits der Neuen Deutschen Welle und des Deutschpunks. Ein bisschen UNITED BALLS oder EXTRABREIT gefällig? Oder doch lieber ein Hauch von RIO REISER und WESTERNHAGEN? Oder zum Abschluss DIE ÄRZTE oder HUBERT KAH? Kein Problem, denn Gerre und seine nunmehr drei restlichen Mitstreiter haben für jeden Geschmack auf "Aufgetankt" etwas in petto und servieren uns mundgerechte Häppchen im typischen TANKARD-Stil.

Was in den nächsten Jahren folgen soll, sind superbe Longplayer wie "Kings Of Beer", "Beast Of Bourbon" oder "A Girl Called Cerveza". Mit "The Tankard" und "Aufgetankt" jedenfalls kommt der Schwung an Re-Releases zu einem wirklich famosen und tollen Ende. Zum einen sorgt sie dafür, dass unterbewertete Schätze wie "Stone Cold Sober" oder eben "The Tankard" mit all ihren Stärken noch einmal vor dem geistigen Auge herumthrashen. Zum anderen bekommt der Hörer als Zusatzbonbons tolle Live-Aufnahmen, seltenes Material oder eben das, was der Noise-Katalog noch so zu bieten hatte.

Verehrte Leser, es war mir eine große Freude, das Schaffen dieser großartigen Band noch einmal näher zu durchleuchten und euch mit auf diese Zeitreise genommen zu haben.

Redakteur:
Marcel Rapp

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