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TENHI: Interview mit Ilkka Salminen

01.05.2006 | 10:33

Auch wenn TENHI sicher keine Art von Metal spielen, sprechen die drei Finnen mit ihrer melancholischen und naturverbundenen, mystischen Musik doch auch viele Menschen an, die sich ansonsten eher im Metal zu Hause fühlen. Von Illka Salminen erfahren wir unter anderem, warum sich so viele Metaller mit TENHI anfreunden können und wie sich die finnische Seele in der Musik dieser außergewöhnlichen Band widerspiegelt.

Rüdiger:
Mit TENHI macht ihr eine sehr spezielle Art von Musik, die sich nicht leicht kategorisieren lässt. Sie klingt naturverbunden und erdig, sie hat folkloristische Elemente, ist aber auch progressiv... Wie würdest du TENHIs Musik selbst beschreiben?

Ilkka:
Ich glaube, du hast es so akkurat wie möglich beschrieben. Es ist sehr schwierig für uns, unserer Musik ein spezielles Label aufzudrücken und ich halte es auch vernünftig, Schubladen in dieser Art zu vermeiden. Um es poetisch auszudrücken: TENHI ist eine mentale Landschaft in der drei Seelen durch einen Herbstwald wandern, und in der aus allem, was man sieht und fühlt, ein Märchen entspringt. Was die Musik an sich angeht, wäre die treffendste Einordnung vielleicht "folk-beeinflusste, progressive Musik".

Rüdiger:
Ihr spielt zwar definitiv keinen Metal, aber dennoch stoßt ihr in der Metalszene auf sehr viel Interesse. Woran könnte das liegen?

Ilkka:
Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens veröffentlicht unser Label vor allem Metal-Musik und betreibt natürlich am meisten Promotion in den Metal-Medien. Zweitens findet sich in unserer Musik viel Schwermut, düstere Gefühle und weitere schwere Elemente, obwohl wir keine traditionellen Metal-Instrumente wie verzerrte Gitarren verwenden. Wir glauben, dass man auch mit akustischen Instrumenten Musik erschaffen kann, die heavy ist. Drittens sind wir mit Metal aufgewachsen und für mich persönlich war es das, was ich studierte, als ich als Teenager anfing Instrumente zu spielen und Musik zu machen.

Rüdiger:
Die Atmosphären, die ihr erschafft, sind meistens sehr dunkel und melancholisch. Welche Emotionen und Erfahrungen bewegen euch dazu, diese Art von Musik zu erschaffen?

Ilkka:
Die Inspiration kommt von allem um uns herum, aber speziell aus der Natur und aus den dunklen Gefühlen in uns selbst. Das sind Gefühle, die wir nur dadurch ausdrücken können, dass wir sie in Musik umwandeln. Ich glaube, eine gewisse Melancholie ist dem finnischen Wesen eigen und wir werden damit geboren.

Rüdiger:
Eure Texte sind komplett auf finnisch und der Promo lagen keine Übersetzungen bei, also würde es mich interessieren, was ihr lyrisch so alles behandelt.

Ilkka:
Das Hauptthema auf "Maaäet" ist das Loslassen und der Kreislauf des Lebens. Der Verlust der Hoffnung und die Anstrengung sie wieder zu finden. Alle Texte des Albums beziehen sich auf gewisse Weise darauf, sind aber dennoch eigenständige und unabhängige Gedichte. Die Geschichten spielen in der Natur oder beschreiben ein spezielles Naturereignis, das oft als Metapher verwendet wird. In all unseren Booklets sind auch englische Versionen der Gedichte, die dem Hörer einen tieferen Einblick in das geben sollen, worüber wir singen.

Rüdiger:
Ihr bleibt hoffentlich bei der finnischen Sprache. Das passt perfekt zur Musik und ist etwas Besonderes. Es droht also kein Wechsel ins Englische?

Ilkka:
Ich glaube, die finnische Sprache ist essentiell für TENHIs Ausstrahlung. Wegen ihrer Intonation und ihres Klanges könnte sie durch keine andere Sprache ersetzt werden, ohne das ganze Konzept der Band zu verändern.

Rüdiger:
Wenn wir gerade bei Finnland sind: Viele finnische Folk-Metal-Bands haben ja die eher positiven und fröhlichen Humppa-Vibes in ihrem Sound. Andererseits sind die Finnen aber auch als sehr melancholisches Volk bekannt. Wie gut repräsentiert deiner Meinung nach die Humppa-Sache die "finnische Seele"? Und wie siehst du demgegenüber die dunklere und traurigere Seite der finnischen Folklore, die sich in TENHIs Musik widerspiegelt?

Ilkka:
Es gibt fröhliche und tragische Themen in der finnischen Folklore, aber wenn ich zum Beispiel an die berühmtesten Gemälde denke, dann repräsentieren sie meist den Tod. Wenn ich an die traditionelle finnische Folk-Musik denke, dann kommen die melancholischeren Einflüsse aus der slawischen Tradition und die "positiveren" Einflüsse aus der skandinavischen Tradition. Kulturell kämpfte Finnland immer um seine eigene Persönlichkeit in Mitten dieser beiden Haupteinflüsse. Für mich hat TENHI mehr gemein mit den "weinenden Hymnen" Kareliens, welche die angesehenen "Klageweiber" bei Begräbnissen, Hochzeiten etc. aufführten, als mit der skandinavischen Humppa-Tradition. Aber wir können gut auf solche Etiketten verzichten. Wir haben unsere musikalischen Einflüsse aus verschiedenen Quellen bezogen, diese vermischt und sie in unser eigenes Schaffen eingeflochten.

Rüdiger:
Wie siehst du die finnische Metalszene? Gibt es einheimische Metalbands, die du gerne magst?

Ilkka:
Ich stehe nicht mehr so sehr auf Metal, und wenn ich Metal höre, dann ist das eher SLAYER oder METALLICA als irgend eine aktuelle Band. Generell haben wir aber eine tolle Metalszene in Finnland und Metal-Musik ist hier sehr populär, bekommt viel Airplay und dominiert sogar die offiziellen Charts. Was aktuelle Bands angeht, möchte ich meine alten Freunde CHILDREN OF BODOM erwähnen. Sie ziehen ihr eigenes Ding durch, glauben an das, was sie tun und sie machen es mit der richtigen Einstellung.

Rüdiger:
Kommen wir nun zu einer Standard-Frage, die im Falle TENHI vielleicht doch interessanter ist als sonst. Was sind eure musikalischen Einflüsse? Es wird sich ja wohl weniger um Metalbands handeln, die euch geprägt haben, so dass unsere Leser sicher was Neues kennen lernen könnten.

Ilkka:
Als wir mit der Band anfingen, fuhr ich sehr stark auf extremen Metal und auf Bands wie ULVER und ARCTURUS ab. Wir benutzten sogar verzerrte Gitarren auf unserem Demotape "Kertomuksia". Etwas später befasste ich mich mehr mit progressiver Musik und entdeckte zum Beispiel die PINK FLOYD der Siebziger, die mich sehr stark beeinflusst haben. Ich spreche hier nur für mich selbst, weil die anderen TENHI-Mitglieder andere Lieblingsbands haben. Tyko und Ilmari stehen zum Beispiel sehr auf Nick Cave und DANZIG. Tyko ist außerdem sehr stark von dem finnischen bildenden Künstler Hugo Simberg inspiriert.

Rüdiger:
Zurück zum Naturbezug der Band. Viele Menschen empfinden eure Musik als naturverbunden. Wie siehst du die Natur und wie reflektiert eure Musik diese Einstellung zur Natur. Spielen ökologische Gedanken eine Rolle oder sind es mehr schamanistische und heidnische Naturbezüge, die TENHI prägen?

Ilkka:
Ich genieße es sehr, durch die Wälder zu laufen, oder an der Küste entlang. Das inspiriert mich und gibt mir mentale Stärke für das Tagwerk. Ich bewundere die perfekte Balance zwischen Beständigkeit und Wandel, die in der Natur herrscht. Leider lebe ich jedoch in der Stadt und habe nur selten die Möglichkeit das zu tun. Die Natur ist der ewige Spiegel für alles, was wir tun, und die Leute sollten der Umwelt und ökologischen Werten generell mehr Beachtung schenken, was ihre täglichen Entscheidungen angeht. Der Respekt vor der Natur beeinflusst mein tägliches Leben und die Art und Weise, wie ich über die Welt und die Menschheit denke.

Rüdiger:
Wie würdest du die musikalische Entwicklung TENHIs seit eurem Debüt "Kauan" beschreiben? Was hat sich verändert, was ist konstant geblieben?

Ilkka:
Ich glaube nicht, dass es einen speziellen Wandel gegeben hat. Weiterentwicklung würde es besser treffen. Aus meiner Sicht ist "Maaäet" sogar näher an "Kauan" als "Väre". "Maaäet" ist karger und reduzierter als die Vorgängeralben. Es gibt weniger verschiedene Elemente, dennoch ist die Essenz stärker. Ich glaube, wir sind der "Vervollkommnung" einen Schritt näher gekommen.

Rüdiger:
Die musikalischen Arrangements auf "Maaäet" scheinen mir mit viel Liebe zum Detail entstanden zu sein. Ich gehe davon aus, dass das viel Zeit in Anspruch genommen hat.

Ilkka:
Das Erschaffen des Albums war wie das Malen eines minimalistischen Gemäldes aus mehreren Schichten Farbe. Es war ein langes und aufwändiges Projekt, die wenigen Elemente, die wir nutzen, zum Blühen zu bringen. Aber letzten Endes war das Resultat ein großer Lohn, mit dem wir sehr zufrieden sind. Zuerst dachten wir daran, ein "Bandalbum" zu machen. Nur ein paar Instrumente und die Aufnahmen in einer kurzen, intensiven Session. Aber als wir dabei waren, ergab es sich, dass wir auf diese Weise kein zufrieden stellendes Resultat erzielen konnten. Als mussten wir die Sachen wieder und wieder überarbeiten, um den Sound und die Arrangements zu finden, die uns vorschwebten.

Rüdiger:
Das Konzept TENHIs für die Bühne zu produzieren wäre sicher ein großer Aufwand. Können wir irgendwann mal wieder einen TENHI Live-Gig erwarten?

Ilkka:
Wir haben bisher nur ein paar Konzerte gespielt. Vielleicht insgesamt zwanzig. Wir hatten Pläne, im kommenden Herbst einige Shows zu geben, aber ich habe Zweifel ob das klappen wird. Es ist schwierig, die ganzen Terminpläne abzustimmen, da wir vier Session-Musiker mit auf die Bühne nehmen. Das Material von "Maaäet" ist vielleicht sogar schwieriger auf die Bühne zu bringen als das ältere Material, weil es weniger Instrumente sind und mehr auf der Atmosphäre beruht.

Rüdiger:
Sonstige Zukunftspläne mit TENHI und euren anderen Projekten, über die du uns bereits Auskunft geben kannst?

Ilkka:
Wir haben Pläne für eine spezielle Veröffentlichung anlässlich TENHIs zehntem Jubiläum. Sie soll unser erstes Demotape "Kertomuksia" und eine Menge raren und unveröffentlichten Materials enthalten. Ilmari und Tyko arbeiten außerdem gerade am neuen Album ihrer anderen Band HARMAA.

Rüdiger:
Gibt's sonst noch was, das du loswerden willst?

Ilkka:
Cheers! Alle eure Leser sollten sich mal "Maaäet" anhören.... Danke, und passt auf euch auf!

Redakteur:
Rüdiger Stehle

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