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TOTENMOND: Interview mit Pazzer

30.07.2005 | 18:43

TOTENMOND haben mit "Tonberg Urtod" mal wieder ein verdammt starkes Album abgeliefert und gehen weiter unbeirrt ihren Weg. Genauso unbeirrt und kompromißlos zeigt sich Frontmann Pazzer auch im Interview und macht seinen Standpunkt, sei es in Sachen Musik, Texten oder der "Metalcore"-Einordnung der Band, deutlich. Dazu kommte eine ordentliche Dosis Humor und ein Ratschlag an alle rechercheschwachen Journalisten. Los gehts!

Herbert:
Erst einmal Gratulationen zum gelungenen neuen Album! Wie sind denn die Reaktionen ausgefallen? So wie immer, wenn ihr etwas Neues rausbringt?

Pazzer:
Ganz genau. Es scheinen sich die Geister zu quälen, wenn wir mal was rausbringen. Das macht auch Mut für Fortsetzungen.
Für mich wäre es traurig, wenn alle "toll" schreien würden, dann lieber so. Wir möchten kantig und unbequem sein. Wir wollen den Hass der breiten Masse auf uns spüren, gröhl.

Herbert:
Würdest du das Album als logische Fortführung der Vorgänger betrachten oder gibt es doch größere Unterschiede?

Pazzer:
Die Unterschiede liegen - wie man hören kann - im Klang, ganz klar. Wir hatten im Studio einfach mehr Zeit zum Probieren. Schließlich wollten wir keine Fortsetzung zum "Unter Knochen"-Album, da sich bis jetzt jedes Album anders als die anderen anhört. Und wir wollten auch diesmal nicht mit dieser Tradition brechen.

Herbert:
Auch auf "Tonberg Urtod" wird von schnell bis doomig und von simpel bis recht komplex wieder eine große Bandbreite geboten. Plant ihr sowas vorher oder ergibt sich das mittlerweile ganz von selbst?

Pazzer:
Das war schon immer so, dass sich das bei uns einfach so ergibt. Da wird nix geplant oder vorher getüftelt. Ich bringe eine Idee und diese wird im Proberaum ausgearbeitet. Wenn uns dann - nach zigmal spielen - der Song immer noch nicht zum Hals raushängt, wird er auf's Album genommen. So einfach ist das.

Herbert:
Ich persönlich empfinde das Album für TOTENMOND-Verhältnisse als recht eingängig und vor allem kompakt, als Hörer findet man leichter Zugang als zu früheren Werken. Würdest du dem zustimmen?

Pazzer:
Keine Ahnung, vielleicht ist das so. Es ist immer schwer, das eigene Material zu analysieren. Das ist für uns auch zweitrangig.

Herbert:
Was mir an der neuen CD und an TOTENMOND allgemein gefällt, ist diese aggressive, rohe, kompromisslose Attitude, die sich durch alle Songs zieht. Ist das etwas, auf das ihr besonderen Wert legt bzw. das du auch als wichtig für euren Sound ansiehst?

Pazzer:
Mir persönlich ist es sehr wichtig, daß der Text stimmt und die Musik dazu passend kommt. Ein Song muss Atmosphäre schaffen können. Ob positiv oder negativ, ganz gleich. Deshalb möchten wir auch auf Soli und Gefrickel verzichten. Ganz davon abgesehen, dass wir das sowieso nicht spielen können, haha. Bei manchen Bands habe ich das Gefühl, die wollen durch ihre Musik nur unter Beweis stellen, was sie an den Instrumenten können, dabei vergessen sie völlig eine Atmosphäre zu schaffen. Ein sauschneller Song ist noch lange kein harter Song und ein harter noch lange nicht intensiv. Naja... ok, ein intensiver vielleicht auch nicht immer gut, aber das ist mir jetzt auch egal, hüstel.

Herbert:
Gibt es manchmal auch Ideen beim Songwriting, die nicht zu TOTENMOND passen? Oder wird das dann passend gemacht?

Pazzer:
Da lassen wir uns nicht stören. Vielleicht wird sich der eine oder andere jetzt wundern, aber es kommt vor, dass wir im Proberaum Sachen wie z.B. 'Child In Time' von DEEP PURPLE oder 'White Room' von CREAM nachspielen. Natürlich mit dementsprechenden Instrumental-Veränderungen. Schlag mich tot, aber das könnte von uns sein, wenn wir das spielen, haha. Es gibt also keine Ideen, die nicht zu uns passen könnten. Da wir es spielen, hört es sich auch nach uns an.

Herbert:
Vom Höreindruck her sind die Texte zwar lautmalerisch interessant, aber auch recht unverständlich. Diese Art der Texte ist ja mittlerweile auch ein Markenzeichen euer Band. Siehst du das genauso und fällt dir diese Art, Texte zu schreiben eigentlich leicht?

Pazzer:
Ich schreibe meistens die Texte erst nach der Musik. Da geht dann auch immer jede Menge Papier drauf, da alles über Nacht für Dreck gehalten wird und nochmal und nochmal ewig lang rumgewerkelt wird, bis mir der Text endgültig gefällt. Da hab ich Probleme damit. Ich denke aber, da geht es jedem Texter so. Ich bin wahrlich kein guter Texter, aber ich bemühe mich, es so zu machen, dass ich 100% zufrieden bin, dann ist mir jede Kritik auch egal. Des Weiteren schreibe ich keine Texte für den Weltfrieden und eine bessere Gesellschaft oder für 9 Punkte im "Rock Hard". Hier geht es nur um mich alleine. Das mag vielleicht arrogant sein, aber ich bin kein Prediger, der die Menschheit retten will und folglich schreibe ich Texte, die vielleicht etwas "undeutlich" sind. Wenn man aber genau hinhört, kann man schon einiges rauslesen und für sich selbst entdecken, aber jeder so wie er will...

Herbert:
Habt ihr schon irgendwelche Tourpläne, um das neue Album live vorzustellen?

Pazzer:
Nein, wir gehen nicht mehr auf Tour. Einzelne Konzerte an Wochenenden sind immer gern zu absolvieren - aber keine Tour, definitiv.

Herbert:
Ihr werdet ja auch als Metalcore bezeichnet. Ist das heutzutage nicht eher Fluch als Segen bzw. könntet ihr dadurch in eine Schublade rutschen, in die ihr gar nicht gehört?

Pazzer:
Erstens kommt das von der Plattenfirma oder von Leuten die mit uns nichts anfangen können, auch wenn sie das komischerweise immer behaupten und zweitens interessieren mich diese Schubladen einen Dreck. Ich frage mich dann nur: Was ist eigentlich Metalcore? Punk mit Metal oder umgekehrt? Waren dann CARNIVORE, S.O.D. oder D.R.I. auch schon Metalcore, oder was? Ist das eine Bewegung, die sich erst in den letzten Jahren gebildet hat? Ich kenne mich da nicht aus. Die Musik, die ich auch privat höre, hat nichts mit all dem zu tun und das spiegelt sich hoffentlich auch in unserer Musik wider.

Herbert:
Wie würdest du jemandem, der euch nicht kennt, einen guten Eindruck von eurer Musik vermitteln?

Pazzer:
Vielleicht möchte ich das gar nicht. Uns kommt es nicht darauf an, welchen Eindruck bei welchen Leuten wir hinterlassen - ganz im Gegenteil. Ich mag kein everybody's darling sein. Und dazu gehört auch einfach sein Ding zu machen, ohne der Masse was vorzugaukeln. Wir sind nicht unsere Plattenfirma, die versucht den Leuten etwas unterzujubeln mit einem falschen Etikett, nur um etwas verkaufen zu wollen. Für 99,9% aller Metaller und Punks sind TOTENMOND ein Scheißdreck. Das ist völlig okay, daran können und wollen wir nichts ändern.

Herbert:
TOTENMOND gehen ja relativ unbeirrt ihren Weg, obwohl es in der Vergangenheit ja auch zum Teil heftige Kritik an euch gab. Ist euch das mittlerweile egal oder reagiert ihr da einfach gelassener?

Pazzer:
Vielleicht klingt das immer unehrlich, wenn wir sagen, uns geht das meilenweit vorbei, aber das ist die Wahrheit. Solange wir selbst mit dem Endresultat zufrieden sind, können uns alle Kritiker mal kreuzweise. Als Beispiel: "Fleischwald" ist unser bestverkauftes Album, da die Kritiken in fast allen Magazinen positiv waren, für uns selber ist es aber das schlechteste, das wir je veröffentlicht haben. Ich meine ganz bestimmt nicht die Songs, ich meine den Sound. Da sind wir wirklich mit einem unguten Gefühl aus dem Studio gegangen und hatten uns sogar ein wenig geschämt. Okay, heute allerdings sehen wir "Fleischwald" eher relaxter. Uns ist es wichtig, was wir selber darin sehen und nicht, was andere davon halten. Klar, wäre es gelogen, zu behaupten, wir würden uns nicht freuen über eine positive Meinung über uns. Man muss wissen: als wir anfingen, hat es sich nicht gehört, Metal mit Punk zu vermischen und dann auch noch in deutscher Sprache zu spielen. Wir wurden mit Flaschen und Büchsen beworfen und man hat uns als Müll bezeichnet. Das ist zwar nur bedingt besser geworden, haha - aber genau das prägt einen ganz entscheidend. Man bekommt eine sehr, sehr dicke Haut.

Herbert:
Ihr habt ja häufiger Besetzungswechsel. Woran liegt das? Ist es schwer, motivierte und fähige Musiker für euren Sound zu finden oder bist du einfach zu dominant?

Pazzer:
Ganz davon abgesehen, dass ich vielleicht sehr dominant und ein - zugegeben - dick-köpfiges Arschloch sein kann, weiß ich gar nicht - wie einige wenige - immer darauf kommen, dass wir häufiger Besetzungswechsel haben. Wir haben einmal - ein einziges Mal - einen Basser wechseln müssen. Der alte ging von selbst und das ist jetzt auch schon fast sechs Jahre her. Woher kommt eigentlich diese "Erkenntnis"? Man sollte sich lieber an die Fakten auf der Homepage und nicht an das Altweiber-Getratsche einiger Affen halten.

Herbert:
Denkst du manchmal darüber nach, wie lange es TOTENMOND noch geben wird? Oder anders gefragt: Gab es schonmal einen Zeitpunkt, wo du dachtest "Das war's, TOTENMOND sind Geschichte"?

Pazzer:
Die Zeit ist bei uns sehr knapp bemessen. Man fragt sich schon des öfteren, welchen Sinn dann das Ganze noch macht, wenn die Zeit für die Band unzureichend ist. Man wird sehen - ich kann dich jedenfalls noch nicht beruhigen, indem ich dir jetzt das Ende von TOTENMOND ankündige - tut mir leid für dich, haha.

Herbert:
So, erstmal vielen Dank für das Beantworten meiner Fragen, jetzt ist noch Platz für ein knackiges Abschluss-Statement.

Pazzer:
Vielen Dank für das knackige Interesse.

Redakteur:
Herbert Chwalek

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