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TOXIC BONKERS: Interview mit Kuba Ziomkowski

01.08.2007 | 22:01

Grindcore oder kein Grindcore? TOXIC BONKERS entstammen der Hochgeschwindigkeitsszene, öffnen sich auf "Progress" aber dem Death Metal und Hardcore(-Punk) und verzieren ihren Sound zusätzlich mit vielen Groove-Parts. Dadurch wird die Gruppe der Fans unter den 180-bpm-Fetischisten naturgemäß erheblich dezimiert, aber gleichzeitig sollten die Polen ein größeres Publikum erreichen können. Speziell BOLT THROWER- und SEPULTURA-Anhänger müssten ihre stilistischen Vorlieben nicht völlig neu definieren, um dem vierten Album des Sextetts was abzugewinnen (auf http://www.myspace.com/toxicbonkers kann das getestet werden). Aber so untypisch Grindcore, wie die Jungs über weite Strecken musikalisch zu Werke gehen, so typisch Grindcore sind die Texte: direkt und gesellschaftskritisch. Insofern passt es gut ins Bild, dass Schreihals Kuba "qboot" Ziomkowski im Verlauf des Interviews ein düsteres Bild seines Heimatlandes zeichnet.


Oliver:
Kuba, akzeptiert die Grindcore-Basis weniger als permanentes Blastbeat-Gehämmer pro Song?

qboot:
Ha, gute Frage. Lass es mich so sagen: TOXIC BONKERS hatten Grindcore-Phasen, aber wir bezeichnen unsere Musik als "Toxic Fuckin' Grindcore". Das definiert unseren Stil. Die Grindcoreler haben oft mit unserer Musik Probleme und sagen, dass es nicht wirklich Grind sei. Aber in jeder Gruppe von Leuten sind welche, die auf ein Genre limitiert sind und sich nicht für verschiedene Arten von Musik öffnen wollen. Für die sind TOXIC BONKERS zu melodisch. Ich sage nicht, dass es schlimm ist, von den festgefahrenen Leuten nicht akzeptiert zu werden. Jeder kann sich anhören, was er will.

Oliver:
"Progress" ist keine Standard-Grind-Scheibe. Seht ihr euch dennoch im Grindcore-Boot?

qboot:
Ich persönlich habe Probleme, unsere Musik zu beschreiben. Vielleicht bin ich zu nah dran, um da klare Sicht zu haben. Also sage ich, dass es "Toxic Fuckin' Grindcore" ist. Wir haben aber nichts dagegen, wenn Leute unsere Musik einordnen. In Reviews ist das auch ein bisschen notwendig. Ich habe schon Begriffe wie "Brutal Grindcore", "Death Metal", "Deathcore", "Crust/Grind" gesehen. Da kann mich nichts mehr überraschen, denke ich.

Oliver:
Ihr seid auch nach wie vor in der Grind-Szene unterwegs. Gib mal ein paar Insider-Infos.

qboot:
Wir haben das Forum www.brutal-death-grind.prv.pl, woran sich die meisten Leute der polnischen Szene beteiligen. Dort sind alle Infos zu den Bands, MySpace-Seiten, Gigs. Wir haben zwei große Grindcore-Festivals: das "Mosh Festival" in Lublin und das "Napalm Over Warsaw Fest", wo dieses Jahr großartige Bands wie REGURGITATE und EXTREME NOISE TERROR gespielt haben. Einige Leute organisieren auch Touren von polnischen und ausländischen Bands. Es steht also nicht so schlecht. Aber wir haben immer noch zu wenige Leute, die sich Grindcore anhören, um reine Grindcore-Gigs zu machen. Es entwickelt sich aber ganz gut.

Oliver:
Euer Bassist Wojtek Grelewski ist nach den Aufnahmen zu "Progress" ausgestiegen, jetzt ist er schon wieder zurück. Er hat allerdings nicht mehr den Bass umhängen, sondern kümmert sich um die Samples und ein paar Vocals. Wie kam es dazu?

qboot:
Nachdem Wojtek die Band verlassen hatte oder genauer gesagt gefeuert wurde, hatten wir die Idee, die Samples von "Progress" bei Gigs live abzurufen. Klimer (Marcin Klimaszewski; dr. – Anm. d. Verf.) wollte, dass ich das übernehme, aber ich war damit nicht glücklich, weil ich schon genug Arbeit mit den Vocals habe. Wir dachten dann, dass Wojtek die ideale Person für den Posten wäre. Er war zehn Jahre Teil der Band, er kennt alles, und wir kennen ihn sehr gut. Und kurz nachdem er die Band verlassen hatte, kaufte er sich sogar einen Sampler, was ein glücklicher Zufall war. Wojtek war sehr froh, die Möglichkeit zu haben, wieder einzusteigen. Und jetzt sind wir ein Sextett, was mich sehr freut.

Oliver:
Ist Wojtek auch für die fiesen Screams auf der Scheibe verantwortlich?

qboot:
Nein, Wojtek hat nur ein paar zusätzliche Growls beigesteuert, der Rest stammt von mir. Aber bei Gigs singen wir oft zusammen, um die Power der CD rüberzubringen.

Oliver:
Man hat euch schon öfter mit SEPULTURA verglichen, was ihr nicht so recht nachvollziehen könnt. Aber zumindest deine Stimme klingt wie 'ne Mischung aus Max Cavalera und NAPALM DEATH-Barney.

qboot:
(lacht) Schwer zu sagen. Ich weiß es wirklich nicht. Aber wenn du das so siehst, ist es gut. Es ist ein toller Vergleich, der mich sehr stolz macht. Danke.

Oliver:
Ein weiterer Name: BOLT THROWER. Sind die Engländer eine Inspiration für euch?

qboot:
Das Lustige ist, dass wir bei unserer Musik nicht von BOLT THROWER oder auch NAPALM DEATH beeinflusst werden. Wir zielen nicht darauf ab, Riffs wie ihre zu schreiben. Mumin (bürgerlich: Rafal Przybylak – Anm. d. Verf.) oder Bartek (Wojtysiak – Anm. d. Verf.) kommen mit Riffs, wir kombinieren die miteinander, und dann – tadam! – haben wir einen Song. Mehr ist es nicht. Natürlich hören wir uns BOLT THROWER und NAPALM DEATH oft an, aber genauso oft auch MACHINE HEAD, PANTERA oder WOLFBRIGADE. Und wenn wir dann 'ne CD veröffentlichen, bekommen wir Informationen darüber, von wem wir beeinflusst sind (lacht).

Oliver:
Denkst du, dass es nach wie vor die alten Vorurteile gegenüber polnischen Bands gibt, was beispielsweise die vermeintlich fehlende Professionalität betrifft? Und müssen polnische Bands deshalb härter arbeiten, um Aufmerksamkeit zu erregen, als Bands aus anderen europäischen Ländern?

qboot:
Ich glaube, das ist wahr. Einige Leute haben mir gesagt, dass wir so was wie Stars in der Szene wären, wenn wir aus England kämen. Aber wir sind aus dem armen Polen. Es ist gut, dass wir der EU beigetreten sind, denn somit wissen mehr Leute, wo unser Land liegt. Aber wir sind jetzt auch billige Arbeitskräfte für andere europäische Länder. Millionen von jungen Leuten haben das Land verlassen, um hart, aber immerhin für gutes Geld zu arbeiten. Das ist eigentlich sehr traurig. Mit der Musik verhält es sich ähnlich. Polnische Bands können noch so großartige Musik machen, sie werden erst beachtet, wenn sie bei einem großen Label unter Vertrag stehen, wie ANTIGAMA (mittlerweile bei Relapse – Anm. d. Verf.). Mit der Musik Geld zu verdienen, ist unmöglich – außer du bist VADER oder BEHEMOTH. Aber diese zwei Ausnahmen bestätigen die Regel.

Oliver:
Du hast die EU gerade angesprochen. Was sagst du zu den Spannungen zwischen deinem Land und dem Staatenverbund?

qboot:
Ich interessiere mich nicht besonders für Politik. Ich höre jedoch die ganze Welt über uns lachen – wegen unserer Regierung. Aber was soll ich tun? Ich kann nur wählen gehen. Es ist zu traurig, um darüber zu reden oder nur nachzudenken. Für mich als Polen ist es eine Schande. Da denke ich lieber über die BRUTAL TRUTH-Reunion oder die neue WOLFBRIGADE-CD nach (lacht).

Oliver:
Welche Art Fortschritt ist mit dem Albumtitel gemeint? Bezieht sich der Titel auf den "fortschrittlichen" "1984"-artigen Überwachungsstaat, den du auch im Text des entsprechenden Songs ansprichst?

qboot:
Er basiert auf George Orwells Roman. Als ich ihn zum zweiten Mal gelesen habe, bin ich an dem Satz über den Fortschritt in ihrer Welt hängen geblieben. Und es fiel mir auf, dass es nicht nur Fiktion ist; es passiert heutzutage. Die polnische Regierung besteht aus rechtslastigen Politikern, einigen Nationalisten und Populisten wie dem Vizeministerpräsidenten (Roman Giertych – Anm. d. Verf.), der sogar ein Krimineller ist. Und mit seinem "Radio Maryja" betreibt ein katholischer Priester (Tadeusz Rydzyk – Anm. d. Verf.) den Hauptpropagandasender, der von der Regierung hofiert wird. Wir hören, wie sie ihre antisemitischen Meinungen verbreiten oder Politiker der anderen Seite als Lügner oder Mörder bezeichnen. Es scheint zu vielen Themen nur eine richtige Meinung zu geben, und ich fühle mich manchmal, als würde ich von der Obrigkeit emotional kontrolliert werden. Aber selbst die Leute auf der Straße sehen mich an, als wäre ich 'ne Art Freak, weil ich etwas anders aussehe. In ihren Augen scheine ich ein Junkie oder ein dreckiger Mörder zu sein. Das ist ein weiterer Nachteil des Lebens in Polen.

Oliver:
Ein Songtitel wie 'Anti-Violent' spricht für sich. Hast du persönlich Erfahrungen mit Gewalt gemacht?

qboot:
Ich lebe in Lodz, und die Stadt ist berüchtigt für ihre zwei rivalisierenden Hooligan-Gruppen, die aggressiv sind und oft Probleme machen. Wir hatten hier außerdem einen Zwischenfall mit einer Krankenhausnotaufnahme: Die Ärzte haben Menschen umgebracht, um die Leichen an Bestattungsunternehmen zu verkaufen. Wenn ich mich recht erinnere, war da auch mal ein Elternpaar, das vier ihrer Kinder tötete und sie für einige Jahre in Fässern in ihrem Haus aufbewahrte – es gibt 'ne Punkband, die CHILDREN FROM THE BARRELS heißt und aufgrund des Namens in den Medien Empörung hervorrief. Und zwei kleine Kinder – eineinhalb und zwei Jahre alt – wurden von ihren jeweiligen Vätern schwer misshandelt. Eines von ihnen wird für den Rest seines Lebens weder sehen noch hören noch sprechen können, und das zweite wurde sogar zu Tode geprügelt.
Also alleine meine Stadt ist kein schöner Ort zum Leben. Wir haben auch die sogenannten "Townies". Das sind Kids aus armen Familien, oft Alkoholiker oder Kriminelle, die im Zentrum der Stadt leben und eine Bedrohung für andere Leute sind. Ich hatte bisher Glück und wurde nicht auf der Straße zusammengeschlagen, aber fast alle meine Freunde haben diese Erfahrungen gemacht. Das Gewaltproblem ist hochaktuell.

Oliver:
In 'Denial' vertrittst du atheistische Ansichten, was in einem katholischen Land wie Polen nicht unbedingt Jubelstürme hervorrufen dürfte.

qboot:
Ja, wir sind ein katholisches Land. Aber größtenteils findet der Katholizismus sonntags in der Kirche statt, der Rest ist typischer "polnischer Katholizismus": deinem Nachbarn übel mitspielen, so oft es geht. In der Kirche hörst du, dass Juden schlecht sind oder wen du wählen sollst. Ausländerfeindlichkeit, Nationalismus und Intoleranz sind die Merkmale polnischer Katholiken, überwiegend die der älteren. Ich respektiere die Religion der anderen, aber warum zur Hölle respektiert man meine agnostischen Ansichten nicht? Einige Leute können sich nicht mal vorstellen, dass irgendjemand anders denkt, sich anders verhält oder sich anders anzieht. Sie können es nicht verstehen, und deshalb wollen sie mir einreden, dass ich schlecht bin und mich ändern soll. Ich kenne solche Leute. Aber ich habe auch Freunde, die jeden Sonntag in die Kirche gehen, beten und einfach versuchen, gute Menschen zu sein. Und wir haben keine Probleme, nebeneinander zu existieren. Es ist also möglich, sogar hier.

Redakteur:
Oliver Schneider

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