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TRIVIUM: Interview mit Paolo Gregoletto

14.10.2008 | 14:58

Der Wiesbadener Auftritt im "Schlachthof" stand für den "The Black Crusade"-Tourtross unter einem schlechten Stern. Wenige Tage vorher ist der Vater von MACHINE HEAD-Gitarrist Phil Demmel plötzlich verstorben. Phil Demmel ist zeitnah in die Staaten zurückgereist, um gemeinsam mit seiner Familie zu trauern. Verständlich, denn jeder von uns hätte in so einem Moment genauso gehandelt, weshalb dieser Umstand auch bei hartmetallischen Musikern keinen Unterschied macht.

Ohne Sechssaiter führt die Truppe die Tour weiter, was man der Band hoch anrechnen muss. Stattdessen springen Musiker von allen Bands in die Bresche, wobei den Löwenanteil Matt und Corey von TRIVIUM bewältigen. Da zum Zeitpunkt des Interviews das Duo unüberhörbar MACHINE HEAD-Songs probt, habe ich die Ehre mit Paolo das Interview zu führen. Auch für ihn eine ungewohnte Rolle, da in der Regel Matt und Corey die Pressearbeit über sich ergehen lassen müssen.

Auch hier muss man den Umstand, dass die Promotermine kurzerhand nicht abgesagt wurden, dem Management und allen voran den Musikern hoch anrechnen. Dabei stellt sich im Laufe des Gesprächs heraus, dass Paolo ein sehr angenehmer Zeitgenosse ist und zumindest in Sachen Promoarbeit dem bekannten Gitarren-Duo das Wasser reichen kann. Überdies ist er mit Leib und Seele Musikfan, was in jeder Sekunde des Gesprächs durchschimmert. Warum der Tieftöner in seinem Wohnort vor Stalkern keine Angst haben muss, wie sich die Band ihren Erfolg erklärt, warum musikalische Seitensprünge nicht an der Tagesordnung liegen und wie wichtig die kommende Scheibe für die Band ist, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen.

Tolga:
Zuerst einmal herzliches Beileid bezüglich des Todes von Phil Demmels Vater. Muss sehr hart für alle Beteiligten der Tour sein, oder?

Paolo:
Ja. Phil war ein Familienmensch und hatte ein sehr enges Verhältnis zu seinem Vater.

Tolga:
Und gerade schafft ihr euch das MACHINE HEAD-Material drauf? (Im Hintergrund ist 'Halo' zu hören, welches beim Soundcheck auf der Bühne gezockt wird - Anm. d. Verf.)

Paolo:
Gestern hatten wir einen Day-Off und wir waren im selben Hotel wie MACHINE HEAD. Einige andere Leute wie Fréd (Leclerq - Anm. d. Verf.) von DRAGONFORCE und Chris (Amott – Anm. d. Verf.) von ARCH ENEMY kamen ebenfalls ins Hotel. Wir haben in Robs Zimmer gejammt. Songs, Riffs. Auch die Chöre wurden geprobt, weshalb wir jetzt zusammen auf der Bühne als komplette Band das Material unter realen Bedingungen proben.

Tolga:
Abgesehen von der Tragödie um Phils Vater - verläuft die Tour gut?

Paolo:
Ja, sie verläuft prima! Sie führt uns nach Europa, einschließlich England und Australien. Wir durchleben eine großartige Zeit und es könnte nicht besser laufen.

Tolga:
Wie sind die Reaktionen von der Publikumsseite, angesichts der Tatsache, dass ihr Co-Headliner seid?

Paolo:
Wir co-headlinen nicht in Europa, lediglich in Großbritannien und Australien. Um ehrlich zu sein, hat sich seit unserer letzten Tour nicht allzu viel verändert. Es fühlt sich so an, als ob die Fans immer noch hinter uns stehen. Auf der anderen Seite ist es so, dass diejenigen, die uns noch nicht kennen oder uns zum ersten Mal sehen, ebenfalls etwas mit unserer Musik anfangen können. Es ist wunderbar und alle Bands haben ihren Spaß auf dieser Tour.

Tolga:
Und ist die Beziehung der Bands untereinander ebenfalls gut?

Paolo:
Yeah! Ich glaube, am meisten waren wir bisher mit MACHINE HEAD unterwegs. Das ist unsere zweite Tour mit den Jungs. Es ist großartig! Die Beziehungen unter den Bands ist gut. Jeder steht für jeden ein. Das zeigt sich auch in dieser Situation, denn wenn es einem beschissen geht, dann sind die Freunde für einen da. Rob würde in solch einer Situation bei uns ebenso handeln.

Tolga:
Könnt ihr euch an euren letzten Auftritt im "Schlachthof" erinnern?

Paolo:
Yeah, yeah!

Tolga:
Was ich damals bemängelt habe, war die Tatsache, dass der Sound nicht der Optimalste war.

Paolo:
Hoffen wir das Beste für heute abend. Auf dieser Tour haben wir unseren Sound und alles Drumherum auf den Punkt gebracht. Ich bin sehr zuversichtlich gestimmt, weil z.B. Matt und Corey andere Amps benutzen, um mit ihrem Sound zu experimentieren. Der Sound dürfte dabei das geringste Problem darstellen, wenn man sich die bisherigen Auftritte dieser Tour anschaut.

Tolga:
Wenn man sich euer Debüt "Ember To Inferno" und euer letztes Werk "The Crusade" anschaust, merkt man schon, dass ihr euch musikalisch sehr weiterentwickelt habt. Was können wir in der Zukunft erwarten?

Paolo:
Das ist eine natürliche Entwicklung, hin zu einem natürlicheren Sound und zu definieren, was der wahre TRIVIUM-Sound ist. Das haben wir schon auf den letzten beiden CDs getan, aber die nächste CD muss für uns DIE Scheibe schlechthin werden. Es muss das Album sein, welches uns die nächsten zehn, fünfzehn, zwanzig oder wer weiß wieviele Jahre unsere musikalische Karriere andauert, prägen muss. Es muss das Album sein, welches diesen Ansprüchen gerecht wird.

Tolga:
In den Staaten seid ihr schon groß...

Paolo:
Ohhh, ich denke wir sind in England und Europa weitaus erfolgreicher als in den Staaten.

Tolga:
Wie geht ihr damit um, dass ihr immer erfolgreicher werdet? Leidet eure Privatsphäre darunter?

Paolo:
Das stellt kein wirkliches Problem dar. In den letzten Jahren hatte ich nie ein Problem damit, wenn ich nach einer Tour wieder nach Hause gegangen bin. Es gibt schon ein paar TRIVIUM-Fans in meiner Wohngegend, aber im Großen und Ganzen klopfen die nicht an meiner Tür an. Es ist nicht so schlecht. Wir haben schon Fans in den Staaten, aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Leute nicht wissen wer du bist, ist sehr hoch.

Tolga:
Eine Freundin von mir hat euch auf dem "Rock am Ring" vor ein/zwei Jahren gesehen, wo sich gerade Mal zweihundert Leute vor der Bühne getummelt haben. Wenn man das mit heute vergleicht...

Paolo:
Yeah, wir haben – gerade in Europa – einen riesigen Sprung hingelegt. Ich glaube, wir sind zum siebten oder achten Mal in Deutschland unterwegs. Es hat verdammt lange bis dahin gedauert, was aber auch darin begründet liegt, dass wir immer wieder zurück kommen und uns nicht auf einige Orte oder Festivals fokussieren, wobei viele denken, dass sie sich auf den Festivals eine Fanbasis erspielen können. Auf der letzten Tour haben wir jede mögliche Stadt in Europa gebucht.

Tolga:
Ich habe euch zweimal live gesehen: Einmal in Wiesbaden und das Jahr zuvor in der Batschkapp. Ich fand den Gig in der 'Kapp besser und intimer als den in Wiesbaden.

Paolo:
In der Regel gingen die Shows in größeren Hallen über die Bühne. Heute abend ist's zwar ebenfalls eine große Halle, aber es ist immer noch sehr intim, wenn man's mit dem Kölner Paladium vergleicht. Die Halle war bis weit nach hinten voll mit Fans.

Tolga:
Heute wird's ebenfalls voll.

Paolo:
Es ist unglaublich! Ich kann's immer noch nicht glauben, weil jede Band ihren Teil zur Tour beiträgt. Natürlich ist es ein verdammt starker Headliner und wir haben uns unsere Fanbase erarbeitet. Die Europatour könnte nicht besser über die Bühne gehen.

Tolga:
Ihr tourt schon eine geraume Zeit. Leidet die Beziehung der Bandmitglieder untereinander?

Paolo:
Èher im Gegenteil. Die Beziehung zwischen uns wird stärker. Vor zwei Jahren haben wir uns noch gezofft, wenn der eine dem anderen mal querkam. Das hielt dann einige Tage an. Wir zoffen uns nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit, und wenn dies der Fall sein sollte, dann wird's nie persönlich. Das löst gar nix! Nach 600 Shows sollte es einem schon zu denken geben, wenn's nicht mehr untereinander funktioniert. Dann könnten wir auf der Stelle die Zelte abbrechen, nach Hause fahren und die Band auflösen.

Tolga:
Du hast ja die musikalische Weiterentwicklung erwähnt, weshalb ich mich frage, ob ihr Spaß daran habt die "Ascendancy"-Songs zu zocken?

Paolo:
Ich liebe es die Tracks zu zocken. Wenn man sich nach "The Crusade" über die "Ascendany"-Songs hermacht, haben sie neues Leben in sich. Das hat uns ebenfalls inspiriert. Wenn man ein bisschen Abstand zu den Songs gewonnen hat und sie nach einer Weile wieder spielt, trennt sich dabei die Spreu vom Weizen. Wir haben einige Songs aus der Setlist rausgeschmissen und diese durch andere Tracks ersetzt. Das macht es für uns und das Publikum abwechslungsreicher.

Tolga:
Ich weiß, das "Ascendancy" euer Durchbruch war, dennoch bevorzugen die Meisten "The Crusade".

Paolo:
Es ist unterschiedlich. Die Alben wurden unterschiedlich besprochen und fühlen sich anders an. Wenn man sich anschaut, wo wir stehen, hat uns "Ascendancy" schon sehr geholfen. Auf der anderen Seite haben wir die meisten Erfolge in Europa mit "The Crusade" gefeiert. Mit dem nächsten Album wollen wir ein Fundament errichten. Wir wollen beweisen, was wir draufhaben und uns definieren.

Tolga:
Hast du Pläne abseits von TRIVIUM? Wie z.B. Matt, der an der "Roadrunner United"-CD beteiligt war.

Paolo:
Musikalisch nicht. Da wollen wir uns schon auf das kommende Album konzentrieren. Alles andere würde die Chemie innerhalb der Band nur stören. Wir müssen hundertprozentig hinter TRIVIUM stehen. Wenn wir für andere Projekte etwas schreiben, bringen wir das kommende Album damit in Gefahr. Es muss wirklich perfekt sein! Dabei darf nix Halbgares herauskommen.

Tolga:
Hast du dir die letzte SLAYER-CD zu Gemüte geführt?

Paolo:
Yeah!

Tolga:
Und, magst du sie?

Paolo:
Yeah! Sie tritt definitv Arsch!

Tolga:
Was erwartest du in dem Zusammenhang von der kommenden METALLICA-CD? Sie arbeiten darauf nämlich mit Rick Rubin zusammen, der beim Klassiker "Reign In Blood" hinter den Reglern stand.

Paolo:
Es ist hart zu umschreiben, aber ich habe gehört, dass er das Feuer in ihnen entfachen möchte, dass sie auf ihren ersten Alben noch hatten. Das ist eine coole Sichtweise. Auf den letzten Alben haben sie viel experimentiert und ihren ursprünglichen Sound links liegen lassen. Jetzt ist's für sie an der Zeit, zu schauen, was geklappt hat, und was nicht. Ich liebe METALLICA! Sie sind meine Lieblingsband. Ich hoffe, dass es wieder ein starkes Album wird.

Tolga:
Das einzig Gute an der Sache ist, dass es nicht schlimmer werden kann als "St. Anger".

Paolo:
Ich glaube, sie sind nicht konzentriert an die Sache rangegangen. Immerhin haben sie ein Album wie "Master Of Puppets" veröffentlicht. Sie wissen wie sie's anpacken müssen. Manchmal ist es eben so. Ich denke, jede Band kann nachvollziehen, wenn man kein Ziel vor Augen hat. Musik schüttelt man sich nicht einfach so locker aus dem Handgelenk.

Tolga:
Natürlich kann man es von der Warte aus sehen. Auf der anderen Seite war es ein wichtiger Schritt für METALLICA, wenn man sich die Krise von James Hetfield vor Augen führt.

Paolo:
Ich bin ein Fan. Ich unterstütze die Jungs zu hundert Prozent.

Tolga:
Hat euch für die kommende Tournee jemand gefragt, ob ihr sie supporten möchtet?

Paolo:
Das ist uns nicht bekannt. Natürlich würden wir gerne den Support-Slot übernehmen. Ich würde mich geehrt fühlen für sie zu eröffnen. Davon habe ich schon immer geträumt.

Tolga:
Gibt es neben Rockmusik und Rockmusikern noch andere Stilarten von Musik die dich beeindrucken?

Paolo:
Ich liebe Bluesmusik.

Tolga:
Und welcher Bluesgitarrist hat's dir angetan?

Paolo:
Ich liebe STEVIE RAY VAUGHAN. Überdies finde ich DOUBLE TROUBLE gut. Sie sind eine großartige Band. Was ich an Blues, Jazz und Soul so liebe, ist die Tatsache, dass es sich um bassorientierte Musik handelt. Die ganzen Melodien und Melodieführungen werden vom Bass vorgegeben. Auch bei Metalbands ist es so, dass ich diejenigen mag, die eine ähnliche Herangehensweise an den Tag legen, wie z.B. IRON MAIDEN. Die ganzen Melodien, die Steve Harris spielt, sind mächtige Akkorde. Das ist für Metal- und Rockmusik nicht gerade üblich, macht's wiederrum für mich sehr interessant.
(Ich lobhudel über die Vorzüge von Richie Kotzen und erkläre ihm, wo er schon überall seine Finger im Spiel hatte – Anm. d. Verf.)

Tolga:
Hast du irgendwelche abschließenden Worte an unsere Leser oder etwas mitzuteilen, was ich vergessen habe zu fragen?

Paolo:
Wenn ich i.d.R. so etwas gefragt werde, danke ich meistens den Leuten, dass sie uns unterstützen und eine faire Chance gegeben haben und hoffe obendrein, dass sie die "The Black Crusade"-Tour besuchen und unterstützen.

Redakteur:
Tolga Karabagli

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