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TUNES OF DAWN: Interview mit Gunter Büchau

26.05.2008 | 17:23

Nachdem ich beim ersten Hören der aktuellen Scheibe von TUNES OF DAWN zunächst ernüchtert doch wieder an oft Gehörtes à la TYPE O NEGATIVE denke, entdecke ich in der zweiten und dritten Hörrunde auch andere Elemente, die es lohnen, sich mit den Ideen der Berliner Gothic-Rocker etwas näher zu befassen. Gunter Büchau, seineszeichens Keyboarder unter den vier Helden ist bereit, Idee, Konzept und den Spaß der Band näher durchleuchten zu lassen.


Erika:
Zunächst interessiert mich, ob es schon erste Rückmeldungen zu eurem neuen Album "Of Tragedies In The Morning..." gibt. Seid ihr damit zufrieden?

Gunter:
Seit Anfang Mai flattern nun die ersten Rezensionen ins Haus und bis dato sind wir durchaus glücklich damit. Natürlich sind auch wieder einige dabei, die nicht unseren Geschmack treffen, aber damit haben wir auch gerechnet. Letztendlich sind das aber alles subjektive Meinungen und wir überlassen es dem geneigten Hörer sich sein Urteil selbst zu bilden.

Erika:
Bei der Auseinandersetzung mit eurem neuen Werk, aber auch bei Recherchen zum vorangegangenen habe ich festgestellt, dass ich nicht die einzige zu sein scheine, die eure Musik mit Bands wie TYPE O NEGATIVE, SISTERS OF MERCY oder HIM in Verbindung bringt. Selbst Hagens Gesang erinnert in Teilen an die Stimmen obiger Bands. In euren Promotexten zur neuen Scheibe legt ihr aber Wert darauf, eure musikalische Weiterentwicklung im Rahmen eures wie es zum Beispiel auf eurer Myspace-Präsentation heißt "diversifizierten Konzeptes" zu betonen. Was ist das Spezifische an diesem Konzept?

Gunter:
Das Konzept bezieht sich hauptsächlich darauf unsere allgemeinen und speziell musikalischen Vorstellungen zu vereinigen und das sowohl in Musik als auch in Texten auszudrücken. Wir wollen Geschichten aus dem Leben von jedem erzählen. Wenn wir an neue Sachen herangehen, stellt sich schnell eine Grundthematik heraus, die sich auch im Titel des Albums widerspiegelt. Wir benutzen unsere verschiedenen Erfahrungen und Blickwinkel darauf und suchen diese in Ton und Wort umzusetzen. Zusammen mit dem Produzenten wird dann der Sache ein abschließender Gesamtschliff gegeben. Wir würden unsere Produktionen jetzt natürlich nicht als Konzeptalben im klassischen Sinne bezeichnen, dafür tobt der Rock'n'Roll erst mal zu frei in uns. Man wird sehen, ob wir dieses Feld in weiteren Machwerken auch mal angehen. Letztendlich sind wir vier Leute mit unterschiedlichen Backgrounds, die sich natürlich auch im Musikverständnis und daraus resultierenden Vorlieben ausdrücken. Es ist uns dabei wichtig, dass nichts einfach ausgeschlossen wird. Bringt also einer eine Idee oder auch schon etwas mehr Ausgearbeitetes, schaut jeder erst mal ganz frei von Prägungen oder Vorurteilen, ob er damit etwas anfangen kann bzw. ob ihm dazu etwas einfällt.
Das haben wir schon immer so betrieben. Letztendlich ist die Grundlage auf der wir arbeiten wie gesagt erst mal Rock'n'Roll. Aus dem, was jeder dann einbringt, hat sich dann mehr und mehr unser Stil formiert. Wie im Promotext angesprochen sind wir dabei davon überzeugt uns immer weiter entwickelt und eine gruppenübergreifende Identität geschaffen zu haben. Das ermöglicht es uns offen und frei über alle möglichen Elemente zu diskutieren, die jeder in das Gesamtkonzept einbringen möchte. Daher sehen wir unsere Einflüsse auch nicht so beschränkt, sondern finden, dass Bands wie PINK FLOYD, BLACK SABBATH oder DEEP PURPLE und viele andere mindestens den gleichen Eindruck in unserer Musik hinterlassen haben, wie TYPE O, SISTERS oder HIM.

Erika:
Wo grenzt ihr euch nach eurer eigenen Auffassung musikalisch und stilistisch von den genannten Vergleichsbands ab?

Gunter:
Die Sache ist halt die, dass wir uns schlichtweg nicht so viele Gedanken darum machen. Wie schon erwähnt hat jeder seine speziellen Vorlieben und wir gehen einfach damit um, indem wir zusammen Musik machen. Wirklich zusammen, ohne dass einer zu große Dominanz ausübt. Das schlägt sich auch in dem Wechselspiel der Instrumente nieder und in der Verschiedenheit der einzelnen Texte. Natürlich haben wir auch Gemeinsamkeiten und haben uns auch immer mehr davon geschaffen. Darin besteht ja gerade die Entwicklung unserer eigenen Linie. Wir denken, wir können deutlich sagen, dass wir niemanden kopieren und wenn nun der eine diese und der andere jene Anklänge bei uns heraushört, lassen wir uns davon nicht kirre machen, sondern verfolgen weiter unseren Weg.

Erika:
Welche Rolle nehmen eure Texte in eurem Gesamtkonzept ein? Auch hier ist ja zunächst einmal festzustellen, dass die Auseinandersetzung mit Liebe und Tod, Freitod und Leben gerade im Gothic-Bereich nicht unbedingt untypisch ist.

Gunter:
Das ist richtig, aber wenn man genau hinschaut, muss man schon feststellen, dass sich nicht alle Texte einfach nur um Liebe und Tod drehen, auch wenn das natürlich durchaus bewegende Themen auch außerhalb der Gothic-Szene sind. Also würden wir sagen, wir sind gleichzeitig typisch und untypisch. Speziell mit einigen Texten, die sich gerade mit einer gewissen Verkrustung eben dieser Szene auseinandersetzen oder auch solche, die schlichtweg albern sind und das auch sein sollen. Ansonsten gilt auch hier, dass die Texte aus uns heraus kommen und wir jetzt nicht immer danach schielen irgendwelche besonderen Erwartungen zu erfüllen. Auch hier pflegen wir einfach zu schreiben was wir wollen.

Erika:
Worin seht ihr die spezifische textliche Botschaft, die der Hörer bei euch gewinnen kann?

Gunter:
Botschaft ist immer eine schwierige Sache. Wie schon erwähnt machen wir erst mal einfach das was uns gefällt. Wir sind ja auch keine Politband oder sehen uns als besondere Vorbilder oder ähnliches. Wenn man aber eine Botschaft sehen möchte, dann vielleicht, den Seiltanz des Lebens zwischen Größenwahn und Nichtigkeit mit Anmut und Witz zu vollführen. Sich seinen Gefühlen hingeben können ohne darin zu erstarren.

Erika:
Nach meiner Auffassung liegt eine Stärke eurer Arbeit darin, eingängige Melodien zu erschaffen, die gut ins Ohr gehen und sicherlich sogar tanzbare Clubhits sein können. Insgesamt jedoch scheinen mir die Songs alle sozusagen "im gleichen Fahrwasser" zu schwimmen. Tempo und Rhythmus sind oft ähnlich und es gibt für mein Empfinden keinen Song, der sich in seiner Andersartigkeit von den übrigen besonders hervorhebt. Wie seht ihr das selbst? Ist das ein Teil des Konzeptes, sozusagen eine Gesamtkomposition zu erschaffen, die den Hörer kontinuierlich in einer Stimmungslage hält?

Gunter:
Erstmal danke für die positive Beurteilung unserer Melodieführung. Ein Clubhit ist ja auch 'ne schicke Sache, wenn er nicht in absolute Trivialität absinkt. Es ist schon richtig, dass wir in unseren Alben auch immer eine bestimmte Gesamtstimmung erschaffen. Das wird dann noch verstärkt durch die gemeinsame Arbeit daran in einem bestimmten Zeitrahmen, in dem wir uns alle aufeinander eintunen. Aber als so kontinuierlich empfinden wir diese eigentlich nicht, sondern schon eher als Wechselbad der Gefühle, wenn auch grundsätzlich eher auf der dunklen Seite des Mondes, aber auch nicht nur. Das Tempo mag jetzt nicht in durchgehende Double-Base-Gewitter mit 250 bpm ausbrechen aber gleich ist es auch nicht wirklich. Also innerhalb der Grundstimmung des Konzeptes, die sich praktisch in der Kompositionsphase selbst erzeugt, wollen wir schon die Extreme ausloten. Diese Produktion war allerdings insgesamt auf unserer etwas ruhigeren Seite gezupft, da werden beim nächsten Mal auch wieder rauhere Töne angeschlagen. Jedesmal ist neu!

Erika:
Es ist bekannt, dass ihr 1993 als Death-Metal-Band begonnen habt und euch erst über die Jahre zu einem melodischen Stil hinentwickelt habt. Nun entdeckt man im aktuellen Werk auch Elemente, die dem Rock'n'Roll zugeordnet werden können (z. B. bei 'Death Is Beatiful') und man schreibt euch klassische und jazzige Anteile zu. Daher die Frage, welche Verbindung ihr jenseits des Gothic Rock und Metals zu völlig anderen musikalischen Genres habt? Was hört ihr privat, welche Konzerte besucht ihr?

Gunter:
Jeder von uns hat seinen persönlichen Geschmack , aber auch solchen, den alle in der Band teilen. Das reicht von Beethoven bis KEITH JARRET, von ELVIS PRESLEY bis hin zu IRON MAIDEN oder ILLDISPOSED, um nur einige zu nennen. Wie schon oben erwähnt bedienen wir uns vieler Mittel solange wir uns einig sind und es uns gefällt. Genauso verhält es sich mit den Konzertbesuchen.
Da wir alle leider noch außerhalb der musikalischen Arbeit Geld verdienen müssen und sehr unterschiedliche Jobs haben, schaffen wir es leider auch viel zu selten alle gemeinsam auf ein Konzert zu gehen. Aber in wechselnden Besetzungen reicht auch das von Klassikkonzerten in der Philharmonie bis zu HILDES POST in der K17. Das letzte, was wir wirklich gemeinsam geschafft haben war dann tatsächlich TYPE O in der Columbiahalle und davor GLUECIFER im SO 36.

Erika:
Ihr seid schon eine ganze Reihe von Jahren musikalisch aktiv. Wie bewertet ihr im Rückblick das bisher Erreichte? Welche Erwartungen im Hinblick auf euer Fortkommen als Band hegt ihr im Zusammenhang mit der aktuellen Veröffentlichung?

Gunter:
Das ist schwer zu sagen, da wir ja, wie viele andere auch, aus purer Lust und Spaß am Musik machen angefangen haben. Wir haben jedoch nie daran gedacht aufzuhören, nur weil sich der erhoffte Erfolg nicht einstellt. Die Geschmäcker innerhalb der Band haben sich im Laufe der Jahre geändert und so sind wir heute da angekommen, wo wir stehen. So richtig große Erwartungen hegen wir nicht, da wir wissen wie schwer es ist mit der Art von Musik, gerade hier in Deutschland einen Fuß in die Tür zu kriegen. Aber wir sind von unserem Produkt überzeugt und schließen so auch nichts aus. Selbstverständlich würden wir uns freuen, wenn wir die Möglichkeit hätten von unserer Musik zu leben und massenweise geile Konzerte zu spielen. Wir sind allzeit bereit.

Erika:
Welche Rolle bei eurer Promotion spielt ein Internetportal wie Myspace? Gewinnt ihr durch euren Auftritt dort deutlich mehr Fans hinzu?

Gunter:
Seit auch wir bei MySpace vertreten sind, ist unsere Hörerschaft deutlich gestiegen, sicher nicht in dem Maße wie bei anderen, größeren Bands, aber für unsere bescheidenen Verhältnisse doch sehr ordentlich. Auch haben wir nicht selten Anfragen bzw. Angebote für Gigs im In- und Ausland, welche dann auch tatsächlich zustande kommen.

Erika:
Jenseits aller wiederkehrenden Fragen: Was möchtet ihr selbst an dieser Stelle zu euch und eurer Arbeit noch loswerden.

Gunter:
Rock on!!!

Erika:
Vielen Dank für deine Bereitschaft zu diesem Austausch.

Redakteur:
Erika Becker

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