TURBOKILL: Interview mit Stephan Dietrich und Daniel Kanzler

18.11.2019 | 13:09

Ein neuer Stern am klassischen Schwermetallhimmel? Wer weiß, aber das TURBOKILL-Debüt "Vice World" wird vollkommen zurecht von der Fachpresse gefeiert. Das nahmen wir selbstverständlich zum Anlass, der Band ein wenig auf den Zahn zu fühlen und baten Sänger Stephan Dietrich und Klampfmann Daniel Kanzler zum Gespräch. Herausgekommen ist ein durch und durch tolles Interview, das wir euch natürlich nicht vorenthalten möchten.

Dankeschön, dass ihr euch ein wenig Zeit für meine Fragen nehmt. But first of all: Wie geht es euch? Wie ist die Stimmung bei TURBOKILL?

Daniel: Grüß dich Marcel, danke auch dir für das Interview! Bei uns ist alles in bester Ordnung. Nach der doch ziemlich stressigen ersten Hälfte des Jahres 2019 sind wir jetzt deutlich entspannter. Die Suche nach einem vollkommen zu uns und unseren Ambitionen passenden Label - was wir mit SPV/Steamhammer gefunden haben - und das Recording zu unserem Album "Vice World" waren wirklich anstrengend, aber dafür sind wir umso zufriedener mit dem Endergebnis. Jetzt bereiten wir uns natürlich intensiv auf die nächsten Live-Auftritte vor und sind dahingehend voller Tatendrang! Es wird also nicht langweilig bei TURBOKILL.

Stephan, dich kennt man ja schon von deinen Arbeiten bei ALPHA TIGER. Doch wer steckt noch hinter der Band TURBOKILL? Stellt euch doch kurz mal vor.

Daniel: Stephan hast du ja schon erwähnt. Durch seine Arbeit mit ALPHA TIGER hat er sich ja einiges an Reputation, nicht nur in der nationalen Heavy-Metal-Szene, erarbeitet. Mit seiner Stimme begeistert er auch uns immer wieder. Die Vergleiche der Presse mit Michael Kiske, Geoff Tate und Rob Halford kommen nicht von ungefähr.

Stephan: Darüber hinaus spielen wir in der klassischen Metalband-Besetzung bestehend aus zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug. Rhythmusgitarrist Ronny Schuster nennen wir gern unseren Mastermind. Er kommt praktisch wöchentlich mit frischen Riffs, Songideen und Melodien um die Ecke, die uns jedes Mal aufs Neue umhauen. Er hat einfach das Gespür dafür, was einen guten Song ausmachen muss. An der Leadgitarre wirbelt Daniel Kanzler. Er haucht den Songs mit seinen Flitzefingersoli Leben ein! Aber nicht mit Gewalt, sondern immer mit der Prämisse, dass die Soli auch hundertprozentig zum Lied passen müssen (eine alte Weisheit von Wolf Hoffmann von ACCEPT, die sich mehr Gitarristen zu Herzen nehmen sollten!). Am Tieftöner trumpft Marco "Fox" Grünwald auf. Er hat schon viele Bühnen dieser Welt gesehen. Mit seiner Erfahrung und seinem Können bildet er zusammen mit Philipp "Nafta" Dießl die berühmt-berüchtigte Rhythmusgruppe. Nafta hat vor TURBOKILL zusammen mit Ronny schon in vielen Bands gespielt, unter anderem bei der Symphonic-Metal-Band EBONY WALL. Ein wahres Tier am Schlagzeug!

Vielen Dank dafür. Nun steht mit "Vice World" der erste Rundling in den Startlöchern. Welche Bedeutung hat das Album für euch und wie lange habt ihr insgesamt an der neuen Scheibe gearbeitet?

Stephan: Natürlich hat ein Debütalbum immer einen riesigen Stellenwert für die Diskographie einer Band. Letztes Jahr hatten wir mit der EP ja schon ein erstes Werk veröffentlicht und es war uns klar, dass wir die vier Songs davon auch mit auf das erste richtige Album nehmen wollen. Wir haben daran intensiv seit Anfang Januar gearbeitet. Seit klar war, dass wir zu SPV gehen, setzten wir alle Hebel in Bewegung, um das Album noch in diesem Jahr auf den Markt zu bekommen. Es musste ein Coverartist gefunden werden, ein Tonstudio, ein Fotograph, ein Graphiker fürs Booklet und natürlich viel Zeit zum Proben, Verfeinern und Aufnehmen der Songs investiert werden. Alles in allem haben wir daran sieben Monate lang mit Hochdruck gearbeitet. Der ganze Aufwand hat sich wirklich gelohnt, wir sind sehr zufrieden mit der Scheibe. Und natürlich stolz. Wenn man nach wochenlangem Arbeiten das finale Produkt zum ersten Mal hört, ist das wie eine Offenbarung, der ganze Stress fällt ab. Daher freuen wir uns auch riesig über die zahlreichen positiven Rückmeldungen der Presse und der Leute, die das Album schon hören konnten. Sowas gibt einem ein gutes Gefühl und Motivation, noch mehr Gas zu geben.

Hand aufs Herz: Wieviel ALPHA TIGER steckt in TURBOKILL? Wie sind beide Bands musikalisch miteinander vergleichbar, worin liegen die Unterschiede?

Daniel: Stephans Karriere bei ALPHA TIGER hat ihn natürlich geprägt und in der Szene bekannt gemacht. Seine markante und virtuose Stimme war DAS Markenzeichen von ALPHA TIGER. Natürlich kann man allein deshalb schon einen Vergleich von TURBOKILL zu der Band ziehen. Wir geben Stephans Vocals vielleicht noch ein bisschen mehr Raum und Platz zur freien Entfaltung. Bei uns hat er die Möglichkeit, seine gesamte Bandbreite an Können auszuschöpfen - und das nicht nur in den ganz hohen Lagen. Der Kern beider Bands ist klar der 80s Heavy Metal - zumindest in der Phase von ALPHA TIGER mit Stephan. Während ALPHA TIGER eher beeinflusst war von IRON MAIDEN, haben wir mehr einen JUDAS PRIEST-Touch. Dazu wird bei TURBOKILL noch mehr Wert auf die Leadgitarrenarbeit gelegt. Im Kern sind beide Bands also durchaus vergleichbar.

Steckt ein spezielles Konzept hinter "Vice World"? Wenn man sich das Artwork anschaut, könnte man meinen, dass ein Titel wie "Gambling With The Devil" besser gepasst hätte, oder?

Stephan: Das Konzept hinter "Vice World" behandelt die vielfältigen Schattenseiten der heutigen westlichen Welt, was das Cover optisch hervorragend untermalt. Krieg, Dekadenz, Armut, Umweltkatastrophen etc. - wir versuchen mit dem Album einen Blick hinter die Fassade unserer "schönen, neuen" Welt zu werfen. Ich finde, dass man gerade auch als Musiker dazu verpflichtet ist, unsere angeblich so makellose und perfekte Gesellschaft auch mal kritisch zu hinterfragen. So geht es in 'Global Monkey Show' um den heillosen Konsumwahn, um das Verlangen nach immer mehr unwichtigen materiellen Gegenständen, nur um einem künstlich erschaffenen Standard hinterherzuhecheln und zu entsprechen. Buy the trash, burn your cash! Das beleuchten wir in den Songs ironisch, aber zugleich kritisch. Der Titel 'Track n' Spy' handelt von der Abhängigkeit der Menschen von Smartphones & Co., und wir fragen uns: Wer will schon ein gläserner Mensch sein, dessen Aktivitäten rund um die Uhr beobachtet, analysiert und ausgewertet werden? Das Ganze könnte man wirklich auch als Spiel mit dem Teufel bezeichnen, denn wenn die Entwicklung so weiter vonstatten geht, dann können wir uns in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft nach einem neuen Ort zum Leben umschauen. Dieses Verhalten ist alles andere als intelligent. Apropos: ein passendes Wortspiel dabei ist auch "Vice World", was ausgesprochen genauso klingt wie "Wise World", aber praktisch das Gegenteil bedeutet.

Inwiefern sind die ersten beiden Single-Auskopplungen 'End Of Days' und 'Pulse Of The Swarm' repräsentativ für das gesamte Album? Worin liegen die Stärken einer Band wie TURBOKILL auf diesem rundum gelungenen Debüt?

Daniel: Ich glaube, dass wir mit den Singles eine gute Wahl getroffen haben, um das Album schmackhaft zu machen. 'End Of Days' mit seinem hymnenhaften Charakter, einem wuchtigen Break gefolgt von einem energischen Gitarrensolo ist ein gutes Beispiel dafür. Der Song ist getragen von einer eingängigen Melodie. Eine, wie man sie auf dem ganzen Album entdecken kann. Thematisch behandelt der Song eines der großen Laster unserer Zeit: den Krieg. Aber nicht nur das! Es geht um Götterdämmerung, Apokalypse und er verbreitet eine gewisse Endzeitstimmung. Der Refrain in 'End Of Days' verkörpert außerdem eine Lobpreisung auf den Zusammenhalt in der Metal-Gemeinde, ähnlich dem Charakter von Liedern wie RUNNING WILDs 'Prisoner Of Our Time' oder 'United' von JUDAS PRIEST. Da ist Stephan der Verführung des Metal-Klischee-Textes mal kurz erlegen, haha! Mit 'Pulse Of The Swarm' als Single-Auskopplung möchten wir unsere Vielseitigkeit zur Schau stellen. Der Song beginnt mit einem brachialen Riff, wieder mal untermalt von einer tragenden Melodie. In der Strophe haben wir ein ziemlich atonales Gitarrenriff eingebaut, was aber mächtig groovt und den Titel nach vorne peitscht. Ich glaube, dass genau diese Vielfältigkeit im Songwriting die große Stärke bei TURBOKILL am besten beschreibt. Wir haben auf der Platte super schnelle Nummern wie 'War Thunder' oder 'Fortress Of The Universe' untergebracht, aber auch Midtempo-Songs wie 'Don't Deal With The Devil' oder 'Turbokill' und mit 'Global Monkey Show' ist sogar ein Hardrock-Song vertreten. Für alle Geschmäcker also etwas dabei, haha! Genau das macht TURBOKILL auch aus, diese Vielzahl an musikalischen Kniffen und auch Einflüssen, welche wir alle wie in einem Schmelztiegel vereinen und daraus unseren eigenen Stil formen. Wir kommen alle aus den unterschiedlichsten Ecken der Metalwelt. Während Stephan großer QUEENSRYCHE-Fan ist, kommt Nafta eher aus dem Hardcore-Bereich. Fox steht auf PANTERA und groovigen Metal. Ronny hat früher Symphonic Metal gemacht und ich stehe auf 80s Heavy Metal wie JUDAS PRIEST, ACCEPT, RUNNING WILD und Konsorten. Was uns auch enorm stark macht, ist der große Zusammenhalt der Bandmitglieder untereinander. Wir sind wie eine Familie, wo jeder dem anderen hilft. Das macht es auch viel einfacher, zusammen an einem Strang zu ziehen. Natürlich wird auch sehr viel zusammen gefeiert, haha! So vergeht zum Beispiel kein Probenwochenende ohne eine zünftige Party.

Ich persönlich hatte schon die Gelegenheit, euer Debüt zu hören und bin noch immer total begeistert. Ob es jetzt das famose Titelstück ist oder auch Songs wie 'War Thunder' und 'Global Monkey Show', die Platte macht einfach unheimlich viel Spaß! Mit welchem Ziel seid ihr an die Arbeiten zu "Vice World" herangetreten?

Stephan: Vielen Dank, lieber Marcel. Wir hatten von Anfang an ein ganz klares Ziel vor Augen: ein Album zu schreiben, was uns vollkommen zufrieden stellt. Und das ist nicht einfach bei fünf Perfektionisten in einer Band, haha! Unsere Intention war es, dass alles genauso klingt, wie wir es im Proberaum und auf der Bühne auch erleben: authentisch, klar, mit so viel Power wie möglich und einer Produktion, die sich vor den Alben unserer Vorbilder nicht verstecken braucht. Wir wollten den klassischen Heavy-Metal-Sound in ein zeitgemäßes Gewand verpacken. Das ist uns auch gut gelungen, denke ich. Ein Debütalbum muss auf ganzer Linie überzeugen, auch das war ein wichtiges Ziel von uns. Wir wollen eine ernsthafte Duftmarke mit "Vice World" hinterlassen.

Ihr werdet in der Fachpresse ja schon als "next big thing" im Heavy Metal gefeiert. Wie seht ihr das, wie reagiert ihr auf diese Lorbeeren?

Daniel: Es ehrt uns natürlich unglaublich, wenn wir von der Presse mit solchen Lorbeeren überschüttet werden. Wir bekommen so viel positives, fast schon überschwängliches Feedback zu "Vice World". Darauf sind wir mächtig stolz und auch sehr dankbar, denn wir haben alle unser ganzes Herzblut in dieses Album gelegt. Solche Rezensionen, wie auch von dir, sind für uns ein großer Ansporn, dass wir den von uns eingeschlagenen Weg weitergehen werden. Mit absoluter Entschlossenheit!

 

Wo seht ihr persönlich den Heavy Metal in zehn bis 15 Jahren, wenn Bands wie JUDAS PRIEST, IRON MAIDEN, SAXON oder Konsorten wohlmöglich in der Rente sind? Aus welchen Bands besteht eurer Meinung nach die nächste Generation des Heavy Metals?

Daniel: Da sprichst du ein gutes Thema an. Ich glaube es kann sich noch niemand so richtig vorstellen, wie es in der Zeit nach JUDAS PRIEST und IRON MAIDEN aussehen wird. Auf jeden Fall wird die wohlverdiente Rockerrente dieser Herrschaften eine große Lücke in die Metalwelt reißen. Wir können froh sein, wenn diese Bands noch fünf gute Jahre haben. Ich meine, JUDAS PRIEST geht nächstes Jahr auf 50-Jahre-Jubiläumstour! Nicht jeder will wie THE ROLLING STONES noch mit Mitte 70 auf der Bühne stehen, haha. Ich habe Hochachtung vor diesen Bands. Sie gehen selbst im gehobenen Alter noch regelmäßig auf Tour, manchmal für Monate. Sowas verlangt dem Körper einiges an Kraft ab. Deswegen ist es zwingend notwendig, dass da jetzt nach und nach neue Bands in diese Bresche springen werden. Ich sehe da allen voran Größen wie ENFORCER, SKULL FIST, EVIL INVADERS, LUNAR SHADOW, IDLE HANDS, NIGHT DEMON, ETERNAL CHAMPION oder auch HAUNT an vorderster Front. Natürlich wollen auch wir zu diesem Kandidatenkreis dazuzählen. Mit Sicherheit wird die Zukunft im Heavy Metal rosig sein, für genug Nachwuchs ist weltweit definitiv gesorgt. Diese Bands werden mit Sicherheit in den nächsten Jahren Alben veröffentlichen, die in den nächsten 30 Jahren als die neuen "Defenders Of The Faith", "Somewhere In Time", "Thundersteel" oder "Port Royal" gelten werden.

Wie wird es denn mit TURBOKILL in den kommenden Monaten weitergehen?

Stephan: Natürlich haben wir einiges vor in den nächsten Monaten! Zunächst einmal steht jetzt die Promotion von "Vice World" klar im Vordergrund. Wir wollen so viel wie möglich live spielen, um das Album unter die Leute zu bekommen. Derzeit arbeiten wir an einer neuen Bühnenshow und man darf gespannt sein, was wir für einen neuen Coversong aus dem Hut zaubern werden. Außerdem schreiben wir aktuell kräftig weiter an neuen Songs. Das ist ein Prozess, der bei uns niemals endet. Wir haben so viele Ideen, welche alle noch in Form gebracht werden wollen. Leerlauf gibt's bei TURBOKILL nicht! Wir wollen 2020 zu unserem Jahr machen.

Jungs, damit wäre ich mit meinen Fragen auch soweit durch und möchte mich noch einmal bei euch bedanken. Euch gebühren die letzten Worte, was möchtet ihr unseren Lesern noch mit auf den Weg geben?

Daniel: Danke dir für deine Zeit, Marcel! Wir halten es einfach mal mit Rob Halford und sagen: "Stop on the red, cross on the green - never take a ride in a stranger's machine! And always make sure you're burning on TURBO power!"

 

Redakteur:
Marcel Rapp

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