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TUSMØRKE: Interview mit Benediktator

11.04.2018 | 09:39

Sumerische Götter an einer Grundschule, Wege in Parallelwelten und warum Hippies gefährlicher sind als Black Metaller: Der Benediktator gibt Antworten.

Seit nun mehr bald einer Dekade treibt ein Phänomen sein Unwesen, gerade auch in Metal-Kreisen, das dort auf den ersten Blick nichts verloren hat. TUSMØRKE aus Oslo spielt psychedelischen Prog im Stile der frühen 70er, ganz ohne Gitarren, dafür aber mit Flöten, Glockenspiel und allem, was der Markt der analogen Synthesizer so hergibt. Höchste Zeit also, einmal nachzufragen, was es mit der Truppe so auf sich hat, die zuletzt im November unsere Soundchecker mit einem Album für Grundschulkinder mächtig verwirrte. Auf meine vorsichtige Anfrage erklärt sich Bassist, Sänger und Glockenspieler Benediktator spontan bereit zu einem Interview und bereits zwei Stunden später habe ich den sympathischen Herrn am Telefon.

Zunächst ist es Zeit, die Band vorzustellen. "TUSMØRKE ist die Band, die mein Zwillingsbruder Krizla und ich schon immer haben wollten. Seit wir Kinder waren, wollten wir zusammen Musik machen und so haben sich über die Jahre eine Menge Ideen angesammelt. Momentan besteht die Band aus mir, meinem Bruder, Marxo Solinas am Keyboard und HlevagastiR (beide auch bei WOBBLER) am Schlagzeug." Das mit der langen Vorgeschichte ist ein guter Hinweis, denn in letzter Zeit haben uns TUSMØRKE mit einer wahren Flut an Veröffentlichungen überrascht, letztes Frühjahr "Hinsides", im Herbst dann "Bydyra" und im Mai folgt bereits "Fjernsyn I Farver". "Ja, und es wird dieses Jahr noch mindestens ein weiteres Album folgen, vielleicht sogar zwei. Seit wir mit "Bydyra" zum norwegischen Label Karisma Records gewechselt sind, haben wir die Möglichkeit, mehr zu veröffentlichen. Unser altes Label Svart Records wollte nur einmal im Jahr, eher noch seltener ein Album von uns veröffentlichen, jetzt können wir aber so oft zuschlagen, wie wir wollen."

Das ist natürlich schön und wenn man auf bald 25 Jahre gemeinsames Musizieren zurückschauen kann, hat man ja auch eine Menge an Songideen rumfliegen, aber warum dennoch die Eile beim Aufnehmen? Dafür gibt es gute Gründe: "Ich habe über die Jahre in vielen Bands gespielt und in den meisten ändert sich das Line-up sehr oft. Menschen bekommen Kinder, wechseln den Job oder ziehen um und plötzlich ist die Musik, die man gemeinsam geschrieben und gemacht hat, verloren. Momentan haben wir eine stabile Truppe und da nehmen wir eben so viel wie möglich auf, denn wer weiß, wie lange es uns in dieser Kombination gibt. Warum sollten wir da länger warten, als nötig? Wir haben einen riesigen Berg an Songs, die immer noch nicht aufgenommen wurden und mein Bruder und ich haben einen regelrechten Wettstreit, wer mehr Material für TUSMØRKE schreiben kann, deshalb wird es immer mehr." Die Rivalität zwischen Geschwistern kann also auch positive Folgen für eine Band haben, wenn auch nicht immer für die Mitmusiker. "Ja, es ist manchmal schwer für die anderen, Krizla und ich bauen ganz viele Referenzen in unsere Songs ein, die meist nur wir verstehen. Wir haben angefangen einen Kanon zusammenzustellen an Büchern, Platten und Filmen, die die anderen kennen sollten, aber sie sind da noch lange nicht durch. Es kann aber auch sehr unangenehm für die anderen werden, denn wenn wir uns mal streiten, stehen sie zwischen zwei Brüdern und allem, was sich da in einem gemeinsamen Leben so angestaut hat, das ist sicher nicht leicht."


Begeben wir uns also von den Vorzügen und Schwierigkeiten der Banndkonstellation zum letztem Output. "Bydyra" verschreckte im November den einen oder anderen Soundchecker mit Kinderchören und anderen Eigenheiten, wie kam es dazu? "Mein Bruder arbeitet in der Nachmittagsbetreuung einer Grundschule und als diese ein Musical aufführen wollte, hat er sich bereit erklärt, die Musik dazu zu schreiben. Das war etwas, das wir beide schon lange vorhatten, wir haben häufiger darüber gesprochen und das war dann die Gelegenheit. Wir haben dann zwei kurze Musicals geschrieben und nach der Aufführung lag es nahe, die auch im Studio aufzunehmen, so ist "Bydyra" entstanden. Inzwischen hat Krizla bereits die nächsten Musicals geschrieben, so dass wir dieses Jahr noch ein solches Album veröffentlichen werden." Dabei werden die Themen immer wagemutiger und interessanter, wenn wir sie mit anderen Kindermusicals vergleichen. "Im nächsten Musical geht es darum, wie man mit alten Kinderreimen einen Übergang in eine magische Welt, das Reich der Feen öffnen kann. Da kommen dann aber auch eine Menge an Elementen aus der mesopotamischen Mythologie ins Spiel, denn mein Bruder ist ein Experte in diesen Dingen."

Feen und Mesopotamien - wer denkt, damit sei das Ende der Fahnenstange erreicht, wird von TUSMØRKE aber eines besseren belehrt: "Im nächsten Musical geht es dann um eine neue Form des Internets, das die Schule übernimmt und irgendwie spielen sumerische Götter dabei eine Rolle. Ich habe das selbst noch nicht ganz verstanden und auch für die Kinder wird das etwas schwieriger zugänglich sein als die Themen auf "Bydyra", aber mein Bruder hat auf der Arbeit viel Zeit, sich solche Konzepte auszudenken." Das ist zweifelsohne eine interessante musikalische Frühbildung, die die Kinder in Oslo da bekommen, man stelle sich nur mal vor, was geschehen würde, wenn hierzulande eine Grundschule ihre Schüler mit Psychedelic Rock, sumerischer Mythologie und Science-Fiction beim nächsten Schulfest auf die Elternschaft losließe. Viele dieser Themen finden sich auch auf den anderen Alben der Band wieder, wie Benedikt erklärt: "Auf dem kommenden Album gibt es einen Song von mir, in dem geht es um all diese alten Pflanzen, die magische Eigenschaften haben, die gibt es in Oslo im botanischen Garten und früher haben Hexen und Magier sie genutzt, um ein Tor in eine andere Welt, eine andere Existenzebene zu öffnen, darüber singe ich dort." Parallelwelten sind eine große Faszination von Benedikt und tauchen bei TUSMØRKE immer wieder in den Texten auf. "Ja, ich war schon immer davon fasziniert und habe mir vorgestellt, dass es da noch andere Welten, andere Ebenen der Existenz gibt. Ich liebe es, Fantasyromane zu lesen, habe Rollenspiele gespielt oder gehe auch einfach nur in den Wald und stelle mir vor, es gäbe da draußen keine Städte, keine Straßen und Autos und Züge, so etwas habe ich schon immer gemacht und es regt meine Fantasie an." Fantasie und Realität, das sind Dinge, die Benedikt schon lange umtreiben und gerade Entwicklungen der jüngeren Zeit beobachtet er da sehr optimistisch. "Als ich aufgewachsen bin, hieß es immer: 'Das ist die Realität und das ist Fantasie und es ist wichtig, beides nicht zu verwechseln', aber das gilt heute nicht mehr unbedingt. Es gibt inzwischen Leute, die sagen, sie seien von ihrer Persönlichkeit eine Katze und die den ganzen Tag als Katze verkleidet herumlaufen und das wird akzeptiert, so etwas finde ich eine schöne Entwicklung."


Verkleidung ist ein gutes Stichwort, denn auch TUSMØRKE tritt live in Kostümen auf: "Es ist mir aber wichtig, dass wir uns hier nicht verkleiden wie im Rollenspiel, wenn wir in Kostümen auftreten, dann ist das für mich real, kein Rollenspiel oder Theater, das ist ein Moment, wo Fantasie Realität ist." Auftritte von TUSMØRKE sind außerhalb Norwegens bisher sehr rar und selbst dort lange eher schwierig gewesen, wie Benedikt berichtet: "Als wir angefangen haben, Musik zu machen, war gerade Black Metal angesagt, was bis heute so ist und wir waren die Hippies, die da rausgefallen sind. So haben wir am Anfang mit Punk- und Hardcore-Bands zusammengespielt und als wir nach Oslo gezogen sind, haben wir oft in besetzten Häusern und anderen Läden gespielt, die eher keine typischen Konzertlocations sind, weil man uns eher nicht buchen wollte. Anscheinend hatten die Leute vor uns mehr Angst also vor Black-Metal-Bands. Hippies sind vielleicht doch gefährlicher..." Doch im Sommer wird sich das hoffentlich ändern, wenn TUSMØRKE zusammen mit ihren Freunden WOBBLER und JORDSJØ auf dem Burg Herzberg Festival den norwegischen Retroprog nach Deutschland bringt. Bis dahin können sich Freunde der versponnenen Musik von TUSMØRKE auf "Fjernsyn I Farver" freuen und sich auf die Suche nach anderen Welten begeben.

Redakteur:
Raphael Päbst

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