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TWISTED SISTER: Interview mit Dee Snider

02.05.2007 | 15:03

Ein Interview mit TWISTED SISTER-Sänger Dee Snider kann so einfach sein. Einfach die Nummer der Sekretärin anrufen, Termin vereinbaren, Nummer bekommen, herausfinden, dass es die falsche Nummer ist. Noch mal anrufen, gesagt bekommen, dass es die falsche Vorwahl ist, noch mal versuchen, besetzt, noch mal versuchen, und dann endlich, Dee Snider am Telefon. So einfach ist das. Und wenn man ihn schon mal an der Strippe hat, nimmt man die Gelegenheit war, um die ganzen 25 Jahre TWISTED SISTER Revue passieren zu lassen.

Lars Strutz:
Ihr habt ja jetzt sechs reguläre Alben und nun das neue Weihnachtsalbum. Welches wäre für dich das Beste und welches das schlechteste Album der TWISTED SISTER-Karriere?

Dee Snider:
Nun, also erstmal gibt es für mich kein gut oder schlecht, sondern eher mein am meisten bevorzugtes. Und am meisten bevorzuge ich "You Can't Stop Rock'n'Roll. Ich schreib ja alle Songs und ich würde nie Songs schreiben, die für die Band nicht taugen würden. Also fragst du an sich die falsche Person, aber für mich persönlich ist es "You Can't Stop Rock'n'Roll". Von der Zeit her, der Produktion und dem Bandgefühl her war es wirklich spitze.
Zum Thema schlechtesten Album, das ist dann für mich eher von der Produktion her schlecht, und da wäre es "Under The Blade". Wir hatten kaum Budget, die Umstände waren mehr als schlecht. Es gibt zwar Leute, die das Album eben wegen der rauen Klangqualität mögen, aber ich wollte einfach auch mehr Zeit im Studio haben, es in besserer Qualität aufnehmen, und so ist das Album für mich persönlich dann doch nichts geworden. Wenn Leute "Under The Blade" mögen, ist das toll, aber ich wollte damals keine raue Aufnahme machen, sondern ein richtig gutes Studioalbum.

Lars Strutz:
Viele eurer Songs sind ja legendär geworden. Welcher ist dein legendärster Song?

Dee Snider:
Am wichtigsten ist für mich 'You Can't Stop Rock'n'Roll'. Es hat mich als Songwriter damals herausgefordert, aber es war trotzdem noch richtig Metal. Wenn du Songs schreibst, die richtig Metal sein sollen, verlierst du meistens an Qualität, und wenn du Qualität haben willst, verlierst du den Metal. Und bei 'You Can't Stop Rock'n'Roll' gelang eben beides. Und damals waren es eben noch die hungrigsten Zeiten von TWISTED SISTER.

Lars Strutz:
Auch tourtechnisch hattet ihr ja viele Legenden an eurer Seite. Mit welcher Band hat es am meisten Spaß gemacht zu touren?

Dee Snider:
MOTÖRHEAD. Lemmy ist ein echt netter Typ. Meistens macht es den Leuten keinen Spaß, mit mir zu touren. Ich mach keine Parties, häng nicht in irgendwelchen Bars rum oder versuche mich anzufreunden, und in den 80ern war ich sehr viel wütender als heute. Nun ist das natürlich ein bisschen anders, jetzt geh ich schon mal weg, aber damals hab ich mich von anderen Leuten richtig gehend ferngehalten. Und Lemmy ist richtig klug und nett, und ich respektiere ihn sehr, und für mich ist er ein richtiger Freund.

Lars Strutz:
Und am wenigsten?

Dee Snider:
DIO. Ronnie wird ausflippen, wenn er das hört. Ich mag Ronnie. Aber auf Tour, da ist er richtig fies zu seinen Vorbands. Er macht keinerlei Zugeständnisse für die Vorbands, egal ob Equipment, Sound oder Stagedekoration. Als wir mit ihm damals auf Tour waren, durften wir auf der Bühne überhaupt nichts umstellen. Und wir wurden direkt im Licht positioniert, man konnte uns also überhaupt nicht sehen. Und als wir dann Ronnie darauf angesprochen hatten, fing er sofort an: "Oh mein Gott, das ist ja schrecklich. Nicht zu glauben. Ich werde sofort alles daran setzen, um das zu ändern." Und wir waren natürlich begeistert und haben uns bedankt. Als wir dann nachfragten, wer für diese Änderung verantwortlich war, sagte man uns: "Ronnie natürlich." Ronnie erlaubt es absolut niemandem, irgendwas anzupassen, und somit war es überhaupt kein Spaß, mit ihm zu touren.

Lars Strutz:
Wie sieht es bei den TWISTED SISTER-Lyrics aus?

Dee Snider:
Nun, die hab ich natürlich auch selbst geschrieben, darum ist das für mich etwas schwer. Aber an sich wäre es 'Wake Up The Sleeping Giant' von der "Love Is For Suckers". Am schlimmsten für mich ist immer noch 'You're Right' vom zweiten Album. 'Be Cruel To Your School' find ich allerdings auch sehr gelungen.

Lars Strutz:
Und bei den ganzen Festivals, welches wäre denn für dich das genialste?

Dee Snider:
Ganz klar Wacken 2004. Auf der wir auch die DVD aufgenommen haben. Oder war es 2003? Ach ne, stimmt, 2003. Als ich damals von der Bühne abging, hab ich noch zu den Jungs auf der Bühne gesagt: "Können wir jetzt aufhören?". Alle lachten und ich sagte: "Nein, das meine ich ernst." Denn für mich war es eine 1a Show, mit einem spitzen Publikum, und es würde nie wieder besser werden. Alles andere konnte nur noch schlechter werden, also wäre es am besten, jetzt aufzuhören. Naja, und das wollte die Band nicht. Und ich bin so froh darüber, dass wir das aufgenommen haben, einfach weil wirklich alles perfekt war. Darum wollte ich aufhören, aber die Jungs sagten nur: "Nein." Also mussten wir noch ein paar Tage damit warten.
Ich bin bei Shows meistens sehr kritisch, und du wirst mich sehr selten sagen hören, das eine Show gelungen war. Aber hier muss ich ganz ehrlich sagen, dass es absolut genial war. Und nie besser werden wird. Was auch ganz interessant ist, dass diese Show in unserer Reunion-Zeit passiert ist. Die meisten Bands haben ihre besten Konzerte immer in den 80ern gehabt, und wir nachdem unsere Karriere vorbei war.

Lars Strutz:
Euer neustes und wahrscheinlich letztes Werk beschäftigt sich ja mit Weihnachten. Welches war dein schönstes Weihnachten?

Dee Snider:
Das dürfte mit meine erste Weihnacht mit meiner Frau sein, die damals noch meine Freundin war. Ich komme ja aus einer Familie, wo wir nicht viel Geld hatten, da bekam man zu Weihnachten vielleicht eine Sache, die man wollte, und der Rest nur Sachen, die man brauchte, wie etwa Socken. Und als ich dann mit meiner Frau und ihrer Familie Weihnachten feierte, haben die regelrecht um sich geschossen mit Geschenken. Das war für mich eine völlig neue Erfahrung. Ich hatte meiner Frau extra drei Geschenke gekauft um sie zu beeindrucken, und sie überhäufte mich geradezu mit Geschenken. Seitdem sag ich mir immer zu Weihnachten, vergiss Bescheidenheit, wir holen uns so viele Geschenke wie nur möglich, und haben so viel Spaß wie nur irgendwie geht.

Lars Strutz:
Auch habt ihr über die Jahre eine ganze Menge guter Albencover angesammelt. Wie siehst du das ganze jetzt im Nachhinein?

Dee Snider:
Das Beste war für mich "Come Out And Play", richtig mies war "You Can't Stop Rock'n'Roll", welches überhaupt nichts mit der Band zu tun hatte. Das Label kam damals mit diesem Metalllogo, das mir sogar gefiel, aber dann packten sie es auf das Album mit einem braunen Hintergrund, und so hatten wir ein Spitzenlogo, aber auf einem braunen Hintergrund.

Lars Strutz:
Mit den vielen Alben gingen auch sicher eine Menge Aufnahmestudios einher. Wo war es am besten?

Dee Snider:
Das wären die Saw-Studios in England, für "You Can't Stop Rock'n'Roll". Ein unglaubliches Studio, in einer unglaublichen Umgebung, gebaut von Gus Dodgeon, der Elton John produzierte. Ich weiß nicht wie viel das gekostet hat, aber Gus bekam dadurch sogar finanzielle Probleme, so dass er es an Jimmy Page (LED ZEPPELIN) verkaufen musste. Man konnte da wohnen, es gab Fenster im Aufnahmeraum selber, durch die man raus auf die Landschaft schauen konnte. Und da draußen gab es einen Fluss, Pferde liefen rum, es schneite und das alles während man gerade am Aufnehmen war. Normalerweise sind diese Räume ja total von der Außenwelt abgeschottet, und nun konnte man das alles während den Aufnahmen beobachten. Das war wirklich unglaublich.

Lars Strutz:
Und bei den ganzen Labels, welches ist dein Favorit?

Dee Snider:
Atlantic Records Europe waren die besten, damals von unserem Entdecker Phil Carson gegründet. Jeder von ihnen war ein echter Rocker. Jeder war hinter unserer Musik, es gab richtig oldschool Promotion, indem sie einfach auf die Straße gingen. Einmal sollte unsere Single zum Presswerk gebracht werden, und als Phil Carson erfuhr, dass es über den Postweg über zwei Tage dauern würde, sagte er einfach nur "Was erzählt ihr da für eine Scheiße?", stieg in sein Auto und fuhr das Tape eigenhändig zur Fabrik hin. Er, als Präsident des Labels.

Lars Strutz:
Ihr seid ja vor allem wegen eurer extravaganten Kostüme bekannt. Zu welcher Tour hattet ihr den richtigen Geschmack getroffen?

Dee Snider:
Das beste Stageoutfit hatten wir bei der "Come Out And Play"-Tour. Vom Songmaterial über die Stageoutfits bis hin zum Stageset und den Videos, alles zusammen genommen funktionierte wirklich großartig. Aber das Stageset von "Stay Hungry" war auch nicht schlecht, vom Image her, weil wir da anfingen, diese Art von Frauenklamotten zu tragen. Da hatten wir endlich nach einer langen Zeit zu unserem Outfit gefunden. Meine Frau machte all die Zeit lang die Kostüme und die Frisuren, und bei der "Stay Hungry"-Tour hatte sie endlich raus, was TWISTED SISTER eigentlich waren.

Lars Strutz:
Und welche Tour hatte die besten Showeffekte?

Dee Snider:
Wieder "Come Out And Play". Und zwar die U.S.-Tour, es war fast schon ein Broadway-Stageset. Wir konnten das ganze Set leider nicht nach Europa transportieren, sonst hätten wir es da auch so gemacht. Ich finde es nur schade, dass dieses geniale Stageset nie gefilmt wurde.

Lars Strutz:
Welches Ereignis eurer Geschichte ist bei dir am meisten in Erinnerung geblieben?

Dee Snider:
Das Beste war, als "Stay Hungry" weltweit den Durchbruch schaffte. Es gab uns das Gefühl, dass das, was wir machten, genau das Richtige war, und der Erfolg war wirklich großartig. Das Schlimmste war das Ende der Band in 1987. Und dass "Come Out And Play" in den USA nicht richtig akzeptiert wird. Und da wir nicht den gewünschten Erfolg in den USA hatten, gaben uns Atlantic Records US leider auch auf, und unterstützen uns nicht mehr. Das war auch sehr schlecht. Kein Erfolg, und dann auch noch die Unterstüzung zu verlieren, das war wirklich hart.

Lars Strutz:
Eure Songs wurden ja häufig gecovert. Welche Band hatte deiner Ansicht nach die beste Arbeit abgeliefert?

Dee Snider:
Die meisten würden sagen, DIMMU BORGIRs 'Burn In Hell', in den USA ist das wirklich weit verbreitet und sehr beliebt. Für mich persönlich ist es aber VISION OF DISORDER mit 'Don't Let Me Down' vom "Twisted Forever Tribute Album". Das war wirklich spitze. Und Lemmy, wie er mit MOTÖRHEAD 'Shoot 'Em Down' spielt, das ist wirklich großartig.

Lars Strutz:
Weißt du eigentlich, wie Jay Jay French damals bei der Gründung auf den Namen TWISTED SISTER gekommen ist?

Dee Snider:
Er hat mir mal erzählt, wie der Sänger der NEW YORK DOLLS während einer Party betrunken aufwachte, und gleich rumbrüllte: "Hey, ich weiß einen perfekten Namen für uns, TWISTED SISTER", und danach gleich wieder umkippte. Gut, einen Tag später konnte er sich nicht mehr daran erinnern, aber daher gab es den Namen.

Lars Strutz:
Nun, da TWISTED SISTER Geschichte sind, wer führt deiner Meinung nach das Erbe weiter?

Dee Snider:
Stimmt schon, wir haben viele beeinflusst, wie ANTHRAX, OVERKILL, POISON, CINDERELLA und so weiter. Aber die besten wären für mich MARYLIN MANSON. Ich wusste, das Brian Warner ein großer TWISTED SISTER-Fan ist, und als ich ihn zum ersten Mal sah, hab ich gegrinst. Denn sie haben es. Sie haben den Geist, sie haben den Humor, sie haben die Dunkelheit, einfach alles. Sie führen wirklich das Erbe fort. Es geht mir nicht darum, ob es eine Band gibt, die genauso klingt wie wir, ich meine, das ist 20 verdammte Jahre her, sondern welche, die die Idee weiter tragen.

Lars Strutz:
Wann hättet ihr spätestens aufgehört, wenn nicht jetzt?

Dee Snider:
Also anfangs wollte ich ja nach Wacken aufhören. Das wir jetzt aufhören, hat den Grund, dass wir seit vier Jahren Reunion-Shows machen, und noch machen wir sie gut, aber ich möchte nicht zu dem Punkt kommen, wo wir sie nicht mehr gut machen. Ich möchte, dass die Leute eine gute Erinnerung an Dee Snider haben. Ich werde aber vielleicht weitermachen, wenn das Interesse an unserer Scheibe groß genug ist. Wir hatten noch nie soviel Aufmerksamkeit, egal ob Presse, Geschäfte oder Privatperson. Wir haben seit den 80ern nicht mehr so viele Vorbestellungen gehabt. Und nun sagen wir uns, jetzt aufhören, jetzt wo es so gut läuft? Nun denken wir uns, wenn das weiterhin so gut läuft, wo ist da der Grund aufzuhören? Also, sag deinen Leuten, dass TWISTED SISTER erst aufhören, wenn diese Platte nicht gut läuft.

Lars Strutz:
Ein Lebenszeichen von dir kann man ja auf "The Arockalypse" von LORDI hören. Wie war das mit den Jungs so?

Dee Snider:
Ich hab sie auf einer Show getroffen, und sie kamen sofort zu mir und wollten Photos mit uns machen und sagten uns, was für große Fans sie wären. Danach nahmen sie über ihrer Plattenfirma Kontakt mit uns auf und fragten, ob wir auf ihrem nächsten Album spielen wollten. Dann nahm ich in meinem Studio die Sachen auf, schickte sie rüber und mehr gab's leider nicht. Und ihr Sieg beim Eurovision Song Contest freut mich wirklich sehr. Es gab in diesem Contest so lange einfach nur Bullshit, und nun kommen LORDI und bringen den Rock'n'Roll auf die Bühne, der so lange ignoriert wurde. Und ich muss sagen, es hat was für sich, diese LORDI-Platin-CD an der Wand zu haben.

Redakteur:
Lars Strutz

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