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Tourtagebuch: Death in the West Tour

17.09.2011 | 07:52

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass bei einer Mini-Tour bei der nur drei Gigs gespielt werden und die Spielstätten nur jeweils eine Auto-Stunde von einander entfernt sind, nicht viel schief gehen kann - Falsch! Und dabei sind schlecht-gelaunte Soundtechniker, Konkurrenzveranstaltungen und fehlende Drummer nur die Spitze des Eisberges.

Freitag, 26.08.2011 - Sansibar, Koblenz

Perfektes Wetter für ein Konzert. Zumindest wenn es In-Door stattfinden soll, denn für Rheinland-Pfalz gibt es heute eine Unwetterwarnung und der Weg zur Location macht nur bedingt Spaß. Bei heftigem Regen ist es wirklich bedauernswert, dass die eigentliche Lokalität der Koblenzer Jam Club wegen eines defekten Sicherungskasten gewechselt werden musste. Denn dort hätte man direkt am Gebäude parken können. So muss man etwas außerhalb parken und den einen Kilometer langen Weg Richtung Sansibar, die in der Innenstadt zu finden ist, auf sich nehmen.

Befürchtungen dass man um fast 21 Uhr schon einiges vom Gig verpasst hätte sind unbegründet. Denn das Konzert, dass um 19 Uhr die Tore öffnen sollte, kann aufgrund akuter Abwesenheit des Besitzers erst mit fast dreistündiger Verzögerung starten, dass das so manchem Besucher zu lange dauert, ist fast zu erwarten. So verlassen auch einige Metaller das Venue schon vor den ersten harten Klängen. Denn die musikalische Beschallung im Bar-Bereich hat mit Metal nicht das geringste zu tun, sondern fällt wohl eher unter die Kategorien Indie, Pop und Lounge.

Trotzdem muss man dem Sansibar-Team danken, dass sie so kurzfristig eingestiegen sind, damit der Gig noch stattfinden kann. Ein anderes Problem konnte allerdings nicht gelöst werden. Bis zuletzt wurde versucht dem Drummer der türkischen Band BURIAL INVOCATION ein Visum für Deutschland zu besorgen, aber der Deutsche Amtsschimmel ließ sich nicht erweichen. Auch Optionen wie Drum-Computer oder Ersatzschlagzeuger erwiesen sich als nicht annehmbar und die Musiker aus Ankara verzichteten das komplette Wochenende auf ihre Gigs. Was gewissen Unmut bei den anderen Bands auslöst.

Einer Band, die sich allerdings nicht die Stimmung vermiesen lässt, sind die belgischen GOAT VOMIT. Die Crust-Death-Metaller wirbeln auf beziehungsweise vor der Bühne herum. Denn auf den wenigen Quadratmetern ist kaum mehr als für ein Schlagzeug und die übrige Technik Platz. Sänger Julien wirkt wie LG Petrov und weist den selben Hang zur Selbstzerstörung auf. Er benimmt sich wie eine verrückte Frontsau und wirkt nach dem Auftritt wie ein Marathonläufer nach einem 42-Kilometer-Rennen im Hochsommer.

Auch DEATHRONATION aus  Nürnberg ziehen alle Register und  wirken mit all ihren Nieten und  oberkörperfreien Outfits wie eine  War Metal Band. Der Sound ist so  auch eine Mischung aus Death Metal  der alten Schule verbunden mit der  Energie, die man von rotzigen Black  Metal Bands á la IMPIETY und  SACROFAGO her kennt. Die Setlist  beinhaltet dabei viele Songs von der  neuen EP "Exorchrism", was sich als  gute Entscheidung erweist, da es die  Besucher fast geschlossen mitreisst.

Die zum Co-Headliner  aufgestiegenen Holländer FUNERAL  WHORE sind ähnlich wie BURIAL  INVOCATION ohne Drummer  angereist, da ihr Schlagzeuger einen  Trauerfall in der Familie zu beklagen  hat und verständlicherweise andere  Sorgen hatte als die drei Auftritte in  Deutschland. Aber dennoch zieht  man den Auftritt durch und nutzt als  Live-Schießbude einen Drum-  Computer. Das funktioniert besser  als gedacht, auch wenn der kalte  elektronische Sound natürlich nicht einen richtigen Drummer ersetzen kann. Aber spätestens der Rausschmeißer und GRAVE-Tribut 'Into The Grave' gespielt wird, ist auch der letzte Besucher überzeugt und man feiert die Niederländer ab.

Interessante Randnotiz in der Pause, der Clubbesitzer schleppt mehrere Gießkannen auf die Terrasse der Lokalität, um seine Pflanzen im strömenden Regen (!) zu gießen. Ebenso wischt das Clubpersonal auch mal gerne während der Auftritte durchs Publikum, was bei dem Mosh-Faktor in der ersten Reihe schon mal gefährlich werden kann.

Zurück zur Musik: OBSCURE INFINITY sind auf einmal der Headliner und können sich nicht verkneifen einen kleinen Seitenhieb in Richtung BURIAL INVOCATION abzulassen, in dem Sänger Jules den Türken zynisch dafür dankt, dass sie nicht gespielt haben.

Ob nun mit oder ohne Osmanen, wie immer zocken die Westerwälder ein Wahnsinns-Brett. In bester Spiellaune spielt man ältere Hits der ersten Demo wie  'Maniac Destroyer', aber ebenso auch ganz neue Songs wie 'Absurd Existence' und 'Sign Of The Nightsky', das eines der besten Gitarrensolos beinhaltet was man in Sachen deutschem Death Metal finden kann. Auch zu den Highlights zählen die Coverversionen von 'Evil Dead' und 'To Asgard We Fly', die gebührend gewürdigt werden.

Nach dem Konzert lassen die Bands dann den Abend im Jam Club, wo wie gesagt die Show eigentlich stattfinden sollte, bei Bier, BBQ und guter Stimmung ausklingen, bevor es am Samstag auf den Weg Richtung Limburg geht.

 

Samstag, 27.08.2011 - Unrockbar, Limburg

Nach einer langen Nacht in Koblenz trudeln die Bands tröpfchenweise in der Limburger Unrockbar ein. Ironischerweise treffen als erste von allen anderen in der Rockkneipe die Jungs von BURIAL INVOCATION ein. Leider wird sich auch heute Abend abzeichnen, dass die Türken nicht spielen werden. Zum Glück haben sich die Belgier GOAT VOMIT bereit erklärt spontan einen weiteren Gig zu spielen und sind nun der Opener des Abends. Ähnlich wie am Tag zuvor ziehen sie eine enthusiastische Show runter und nehmen erneut die Bühne geradezu auseinander. Die installierte Bühnenbeleuchtung gerät jedenfalls stark ins Wanken, aber hält der Darbietung von Julien und Co noch Stand. Aber Schaden nimmt dann doch jemand. Der GOAT VOMIT-Gitarrist holt sich bei einem Zusammenstoß mit dem Instrument seines Kollegen eine fette Platzwunde, die notdürftig mit dem Verbandskasten in der Bar versorgt wird. Aber wie heißt es so schön: "Metal takes ist price. Bonded By Blood!"

Überraschend gut kommen die Bayern DEATHRONATION in der Domstadt an. Vielleicht auch weil ihr Sound gut zu den Schwarzmetallern passt, die im Umkreis von Limburg wohnen. Gerade bei einem Song wie 'Church Of Salvation' ist die Stimmung super und die anwesenden Besucher schütteln trotz sehr schwülen Verhältnissen in der Bar ordentlich die Birne.

Viele Gäste verbringen wegen diesen Temperaturen im Innenraum die Zeit zwischen den einzelnen Auftritten (so mancher auch währenddessen) vor der Kneipe und genießt das sehr viel kühlere Klima auf der Straße. Dadurch ergeben sich zum Teil auch ganz witzige Geschichten. Denn ein Stockwerk unter der Unrockbar befindet sich eine Diskothek, in der trendaffines Publikum zu Elektro, RnB und Hip-Hop abgeht. Da ist ein aufeinandertreffen der Kulturen kaum zu verhindern. So wagen einige mutige Normalos einen kurzen Ausflug nach oben, um das Dargebotene zu begutachten. Allerdings ist anhand der Kürze ihres Aufenthalts zu merken, dass ihnen Death Metal nicht wirklich zusagt. Umgekehrt lässt sich OBSCURE-INFINITY-Gitarrist Stefan es nicht nehmen, den Türsteher des Elektroschuppen auf den Arm zu nehmen. Denn nachdem der Death-Metaller scherzhaft bemerkt, dass der fehlende Tankdeckel eines in der Nähe stehenden Sportwagens geradezu dazu einlädt, eine aufgerauchte Zigarette darin zu entsorgen, kommentiert der Security-Typ dies mit einem zynischen "Versuchs doch!"

Gesagt, getan. Und schon fliegt die Kippe Richtung Auto (aber natürlich nicht Richtung Tank und auch auf gar keinen Fall nachmachen!). Darauf reagiert der Türsteher nur bedingt erfreut. Da sich schnell herausstellt, dass es seine Karre ist. Aber natürlich traut er sich nichts zu machen, Denn immerhin reagiert der OBSCURE-INFINITY-Klampfer geistesgegenwärtig und holt sich GOAT-VOMIT-Growler Julien zur Hilfe. Der versteht zwar nichts, scheint aber eine so abschreckende Wirkung zu haben, dass der tankdeckellose Autofahrer von jeder Vergeltungstat absieht.

Zurück vor der Bühne machen sich FUNERAL WHORE bereit, um den zweiten Auftritt mit Drumcomputer zu absolvieren. Auch hier stört sich keiner an der Tatsache, dass nur drei von vier Begräbnishuren bei der Arbeit sind und es bricht erneut eine heftige Party los. Auch wenn man gestehen muss, dass sich ab der zweiten Hälfte des Abends der Club wieder etwas leert. Was wohl mit dem unangenehmen Temperaturen im Innenraum zusammenhängt und der Tatsache das mit dem SAM-Festival einige hundert Meter weiter ein kostenloses Open-Air-Konzert mit lokalen Bands stattfindet. Allerdings ist es eine Schande ein so fettes Todesstahl-Brett zu verpassen. Heute muss man zwar leider auf 'Into The Grave' verzichten, da die Zeit drängt. Aber auch eigene Lieder wie 'The Bitch Died' haben genug Feuer im Arsch, um den hessischen Metallern zu zeigen, wo der Frosch die Locken hat.

 

Aufgrund des erwähnten Zeitmangels (In Limburg sind Konzerte nach 24 Uhr in der Innenstadt eine schwierige Angelegenheit) müssen OBSCURE INFINITY bei Umbau hetzen und haben keine Zeit für einen ausreichenden Soundcheck. Aber so oder so scheinen die Sondmänner irgendetwas gegen die Westerwälder zu haben. Denn Wünsche nach mehr Lautstärke werden damit kommentiert, dass man das doch selber am Verstärker einstellen solle. So was erlebt man auch nicht alle Tage bei einem Auftritt. Dementsprechend unzufrieden sind die Old-School-Deather dann auch mit ihrer Vorstellung. Das man wegen dem Zeitdruck sein Set kürzen muss, trägt da nicht zur Besserung der Laune bei. Aber immerhin darf man mit 'To Asgard We Fly' eine Zugabe spielen, die noch mal das letzte aus jedem einzelnen Fan herausholt.

 

Nach dem Konzert bietet sich ein bizarres Bild. Während gegen 3 Uhr, die ersten Band- und Crew-Mitglieder ihr Nachtlager auf der Bühne aufschlagen. Sind immer noch einige Gäste und Musiker an der Theke, hören Metal und trinken Bier. Jeder Gast, der noch zur späten Stunde hereinschneit, wundert sich erst mal über diese Form von Pyjama... eh After-Show-Party.

 

Sonntag, 28.08.2011 - Vortex, Siegen

Nach einer extrem-kurzen Nacht (ich  selbst habe zwei Stunden in meinem  Schlafsack  zwischen Theke und  Kühlschrank gepennt) erwacht das  Auffanglager für Extreme-Metaller zu  neuem Leben und langsam zerstreut sich  die Gruppe (fürs Erste). GOAT VOMIT  sind bereits Samstagabends nach  Belgien zurückgereist, da sie wegen  beruflicher Verpflichtungen, den Gig in  Siegen nicht begleiten können. BURIAL  INVOCATION verlassen auch direkt nach  dem Aufstehen Limburg und machen sich  auf den Weg nach Kopenhagen, wo ein  Ersatzdrummer wartet, mit dem man  wenigstens einen Teil der Gigs spielen  wird und so wird auf sie die Bühne in NRW  vergebens warten müssen.  DEATHRONATION wollen noch ein wenig  Sight-Seeing betreiben und reisen als  erste Richtung Siegen ab.

So besteht der Tour-Tross, mit dem ich fahre  nur aus OBSCURE INFINITY und FUNERAL  WHORE.

Nach einer abenteuerlichen Fahrt über  kurvige Landstraßen und Umleitungen durch Westerwälder Wohngebiete erreicht man mit etwas Verspätung die Universitätsstadt. Von allen Spielstätten ist das Vortex an Professionalität nicht zu überbieten und hat die bisher beste Bühne anzubieten.

Leider macht das die Ausgangssituation nicht optimaler. Sonntage sind einfach keine Weggeh-Tage für die meisten Menschen. Selbst Studenten finden heute nur selten den Weg in die Location und so beginnt das Konzert vor einem knapp 30-Mann-starken Publikum. Aber DEATHRONATION machen keine Abstriche. Zwar gesteht der bayrische Fronter, dass es drei harte Tage waren, dennoch gibt man noch mal alles und spielt eine Show, die nicht hinter den anderen beiden Dates zurücksteht

Dasselbe gilt auch für FUNERAL WHORE. Auch sie hauen ordentlich rein und zocken heute sogar wieder das allseits-bekannte Cover von 'Into The Grave'. Allerdings muss man bevor man überhaupt anfangen kann, erst einmal klarstellen, dass man nicht dem rechten Lager angehört. Denn irgendein Witzbold scheint dem Veranstalter erzählt zu haben, die Holländer hätten was mit "White Power" zu tun. Jemand wie ich, der die Niederländer schon seit einiger Zeit kennt, kann angesichts solcher lächerlicher Vorwürfe nur mit dem Kopfschütteln.

Ganz andere Probleme haben OBSCURE INFINITY bei ihrem Gig, den auf einmal versagt die Gitarre von Rhythmus-Klampfer Flo. Aufgrund der anderen Stimmweisen kann auf die schnelle auch keine andere Axt besorgt werden und nach einigen Songs wird einfach mit einer Saite weniger weiter gezockt. Sorgen muss man sich trotzdem nicht machen, denn die Rheinland-Pfälzer kommen auch damit klar und zocken auch unter diesen Bedingungen ein Klasse Set. Die Stimmung ist zwar bei allen Bands heute nicht so stark wie Tags zuvor. Jedoch sei auch hier wieder erwähnt, dass Sonntage keine leichten Tage sind und die zahlenden Gäste wohl eher den Abend zur Entspannung als zum Abgehen nutzen wollen.

Alles in allem bleibt aber festzuhalten, dass diese Mini-Tour eine großartige Erfahrung war und Death Metal der alten Schule endlich mal wieder in Ecken von Deutschland gebracht hat, in denen ansonsten Ska, Indie und Metalcore das Feld beherrschen. Allein für diese Missionsarbeit gebührt allen Bands ein fettes Lob und vielleicht klappt es bei BURIAL INVOCATION beim nächsten mal auch mit den Visa.

 

Redakteur:
Adrian Wagner

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