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VICIOUS RUMORS: Interview mit Geoff Thorpe

10.09.2020 | 19:56

Starkes 13. Studioalbum, neue Musiker, Jubiläen und Corona - Gesprächsthemen gab es reichlich.

Es gibt Bands und Menschen, die sind einfach unverwüstlich. Die US-Power-Metal-Band VICIOUS RUMORS und ihr Mastermind, Gitarrist, Teilzeit-Sänger und Produzent Geoff Thorpe gehören definitiv dazu. Vor vierzig Jahren gegründet, gehörten sie zwar immer zum inneren Kreis der Bay-Area-Bewegung, konnten aber vom Thrash-Hype nicht wirklich profitieren. Mit dem Tod von Ausnahmesänger Carl Albert (22.04.1995) endete die Hochzeit der Kalifornier abrupt. Fortan kämpfen vor allem Schlagzeuger Larry Howe und eben Geoff Thorpe gegen die ewigen Vergleiche mit ihren Glanztaten Ende der Achtziger bis Anfang der Neunziger und dem sich ständig drehenden Bandkarussell – vor allem auf der Sängerposition kehrt nie Ruhe ein. Der übermächtige Schatten scheint zu groß. Dieser Tage ist ihr 13. Studioalbum "Celebration Decay" erschienen, das weltweit großartige Kritiken erhält. Ein guter Grund, sich mit einem gut gelaunten Geoff Thorpe auf einen kleinen Plausch zu treffen, in dem der Überlebenskünstler mit der eigenen Vergangenheit im Reinen und sich der Probleme der Gegenwart durchaus bewusst zu sein scheint.

Erst einmal: Glückwunsch zum Charteinstieg. Ihr dürftet mächtig stolz sein?

Es fühlt sich wirklich großartig an. Mit dem letzten Album "Concussion Protocol" sind wir noch gerade so auf Platz 100 gerutscht, jetzt haben wir sogar Platz 79 erreicht. Und auch die amerikanischen Charts haben wir geknackt (#85). Es ist wirklich schön zu sehen, dass "Celebration Decay" so viele positive Kritiken erhält. Das macht mich schon ein wenig stolz.

Und das zu Recht. Ein wirklich starkes und vor allem energetisches Album, das zumindest wieder wie aus einem Guss klingt. Woher nimmst du nach über 40 Jahren noch immer die Motivation und Inspiration?

Wir alle in der Band sind große Musikfans und sprechen die ganze Zeit über andere Bands und Songs – halt alles, was damit zu tun hat. Speziell dieses Mal hat uns die Tour zum 30jährigen Jubiläum von "Digital Dictator", die immerhin 108 Konzerte beinhaltete, einen Extra-Schub gegeben. Wir haben das gesamte Album von Anfang bis Ende so oft gespielt, das hat in jedem Einzelnen ein zusätzliches Feuer entfacht. In den letzten Jahren habe ich bestimmt über 120 Ideen festgehalten – Riffs, Intros und einzelne Parts. Als es dann daran ging, daraus Songs zu machen, konnten wir irgendwie die positive Live-Chemie konservieren.

Ich finde, man hört dem Album auch einen gewissen Old-School-Vibe an ('Arrival Of Desolation', 'Masquerade Of Good Intentions'). War das beabsichtigt oder dann am Ende doch ganz natürlich?

Ich wollte einfach nur ein richtig geiles VICIOUS RUMORS-Album machen. Ich habe nicht wirklich versucht, irgendwelche Sachen neu aufzuwärmen oder zu kopieren. Natürlich wollte ich mich auch nicht allzu sehr von unseren Markenzeichen entfernen, aber ich wollte auch zeigen, wo wir jetzt und heute stehen. Darauf war ich fokussiert und es fühlte sich verdammt gut an. Zweifellos habe ich als Fan und Musiker immer einen gewissen Old-School-Ansatz, den werde ich wohl auch nie los. Und wenn sich etwas nach unserer eigenen Bandgeschichte anhört, habe ich damit natürlich auch kein Problem.

Gibt es denn auch manchmal Riffs oder gar ganze Songs, die du am Ende nicht verwendest, weil sie sich vielleicht gar nicht nach VICIOUS RUMORS anhören?

Ja, auf jeden Fall. Ich spiele gerne mit vielen verschiedenen Sachen herum und nehme sie auf. Wir sind uns aber unserer Verantwortung gegenüber dem klassischen VR-Sound durchaus bewusst. Es gibt viele Facetten in unserem Sound, die man als Songwriter und Produzent nie aus den Augen verlieren sollte – bei all der notwendigen Vielfalt und Weiterentwicklung. Trotzdem bin ich sehr froh, dass wir in unserem Stil nicht so eingeengt sind. Wir haben schon immer viel in unserer Musik experimentiert. Selbst den Einfluss von Classic Rock oder atmosphärischem Zeug kann man heraushören. LED ZEPPELIN ist beispielsweise schon immer ein großer Einfluss gewesen. Ich war schon immer davon begeistert, wie sie viele verschiedene Stile gemischt haben und es trotzdem immer nach ihnen geklungen hat.

Auffallend ist, dass du seit "Something Burning" regelmäßig auch den Hauptgesang für einen oder zwei Songs pro Album übernimmst. Dieses Mal leihst du deine Stimme 'Darkness Divine' und 'Collision Course Disaster'. Gibt es dafür einen bestimmten Grund? Immerhin hast du einen viel dunkleren und tonal tieferen Ansatz, als es bei VICIOUS RUMORS üblich ist…

Schau dir eine Band wie KISS an, in der verschiedene Leute mit unterschiedlichen Ansätzen singen. Das bringt eine spezielle Würze in die Band. Oder wie bei THE CARRS, wenn Benjamin Orr (verstorbener Bassist und Sänger) ein paar Sachen gesungen hat, das klang immer irgendwie anders. Das gehört einfach auch zu der angesprochenen Vielfalt. Ich mag das Singen wirklich und versuche immer, Songs zu nehmen, die zu meiner Stimme passen. Ich bin auch sehr froh, dass gerade diese Stücke vom neuen Album sehr oft positiv in der Presse erwähnt werden. Meine deutlich dunklere Stimme kannst du natürlich nicht mit der Ausnahmestimme von Carl Albert vergleichen, das wäre wirklich unfair. Wenn du meine Stimme aber einfach so nimmst wie sie ist und sie nicht mit irgendjemand anders vergleichst, dann haben die Songs vielleicht auch eine reale Chance. Es geht ja nicht darum, besser oder schlechter als jemand anders zu sein. Mir geht es mehr darum, verschiedene Stimmungen und Abwechslung auf einem Album zu erzeugen.

Kommen wir mal zu den Texten, die sehr dunkel und apokalyptisch daherkommen, oder?

Als Produzent Juan Urteaga und ich die Riffs zusammengefügt hatten, klang das alles sehr aggressiv. Ich wollte einfach ein Album machen, auf dem die Texte genauso heftig sind wie die Musik. Die Idee mit "Celebration Decay" und diesem düsteren Weg, den die Menschheit seit einiger Zeit beschreitet, hatte ich schon sehr, sehr früh. Das war so die Initialzündung für das gesamte Album. Es passt wie die Faust aufs Auge im Moment. Wenn du dir die menschliche Geschichte anschaust, ist da wenig von Zusammenhalt, füreinander einstehen und sich gegenseitig helfen zu sehen.

Du hast gerade gesagt, dass Juan und du Riffs zusammengefügt habt – wann hast du das letzte Mal ein Album gemeinsam mit der Band im Proberaum geschrieben? Vermisst du diese Zeit?

Ja, definitiv. Es war toll, als die Band nur maximal 100 km auseinander gewohnt hat. Nun haben wir aber ganze Ozeane zwischen uns. Aktuell wohnen die meisten Jungs immerhin wieder an der Westküste der Vereinigten Staaten – Washington, Oregon, Kalifornien. Beim letzten Album haben wir alle gemeinsam einfliegen lassen und sie waren während der ganzen Produktion vor Ort. Das bedeutet aber auch für jeden Einzelnen, dass er viel Zeit mit Warten verbringt. Dieses Mal haben wir sie einzeln einfliegen lassen und waren daher bei den Aufnahmen komplett fokussiert. Vielleicht ist das sogar effektiver, weil es das Warten minimiert. Auf der anderen Seite entsteht natürlich ein großartiger Vibe, wenn alle anwesend sind. Es ist sehr schwierig, mich für einen Weg zu entscheiden. Beim letzten Album hat es super funktioniert, als alle gleichzeitig da waren, jetzt hat es super funktioniert, als jeder einzeln gekommen ist. Es geht vor allem darum, immer das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen, seine Hausaufgaben zu erledigen und bereit zu sein, wenn es darauf ankommt. Wir haben dieses Mal auch viel Platz für Spontaneität gelassen. Die Jungs haben viele Parts in unterschiedlichen Varianten aufgenommen, um einfach im Mix zu schauen, was wirklich am besten passt. Es hat auf jeden Fall sehr viel Spaß gemacht.

Und wie viel Anteil hat Juan Urteaga am Bandsound?

Juan ist einzigartig. Er hat so viele großartige Ideen und ist wie ein zusätzliches Bandmitglied. Er ist sehr talentiert und ein wichtiger Baustein für den VICIOUS-RUMORS-Sound – und das schon die letzten zehn Jahre. Seit "Warball" [von 2006 - Chris] freue ich mich immer, ein neues Album mit ihm machen zu dürfen. Juan ist eine große Nummer hier und hat schon mit allen großen Bay-Area-Bands [u.a. MACHINE HEAD, TESTAMENT, HEATHEN und LÄÄZ ROCKIT - Chris] zusammengearbeitet.

Seit eurer Zusammenarbeit mit SPV erscheint jedes Studioalbum auch in einer schicken Vinyl-Edition. Bist du selbst Vinyl-Liebhaber?

Ich liebe Schallplatten und müsste eigentlich eine große Sammlung mit etlichen Raritäten haben, aber bei zahlreichen Umzügen und Touren sind sie irgendwie verschwunden. Ich finde es super, dass die Alben auf Schallplatte herauskommen. Das hat so einen schönen Old-School-Vibe. Wenn du die Scheibe in der Hand hast, das tolle Cover bewundern kannst, wirkt alles irgendwie noch größer. SPV macht in dieser Hinsicht einen sensationellen Job, denn die Scheiben haben ja auch alle diese unterschiedlichen und verrückten Farben.

Kommen wir mal zu den erneuten Veränderungen im Line-up. Starten wir bei Sänger Nick Courtney. Wo hast du denn diesen jungen Mann schon wieder aufgetrieben? Und was ist mit dem Holländer Nick Holleman passiert?

Ganz ehrlich? Ich habe in meinem Haus einen riesigen, kalten und übel riechenden Keller, in dem ich diese ganzen Musiker halte. Immer wenn ich einen neuen Sänger brauche, verfrachte ich den alten nach dort unten. Außerdem nenne ich sie alle der Einfachheit halber Brian oder Nick (lacht). Nein, im Ernst: Als ich Nick Holleman fand, hatte er bereits seine Symphonic-Rock-Band POWERIZED am Start. Das ist absolut sein Baby. Er liebt es, beim Singen auch zu Schauspielern, hatte schon immer große Visionen. Nick [Holleman] hat einen fantastischen Job bei VICIOUS RUMORS gemacht, aber die Band ist auch ziemlich zeitintensiv. Wenn nicht gerade eine Pandemie herrscht, sind wir ständig am Touren oder planen irgendwas. Nach vier Jahren wollte er sich einfach wieder mehr auf seine ursprüngliche Band konzentrieren. Das kann ich komplett verstehen. Der neue Nick [Courtney] ist ebenfalls fantastisch, gesanglich ein bisschen aggressiver und passt perfekt in unseren Sound. Auch die Fans mochten ihn auf der Tour sehr. Für uns war das wirklich ein sehr geschmeidiger Übergang. Und nicht zu vergessen: Wir hatten zwischenzeitlich Brian Allen kurz zurück in der Band (lacht).

Das wird mir jetzt etwas zu kompliziert … bei der Gelegenheit: war denn Keven Gorski (Sohn des verstorbenen Sängers Carl Albert) jemals eine ernstzunehmende Option?

Verdammt, Keven war immer eine Option. Er hat aber eine sehr kleine, nette Familie, die für ihn absolut an erster Stelle steht. Keven ist ein absoluter Familienmensch. Das respektiere ich natürlich total – schweren Herzens, denn er klingt wie sein Vater, unfassbar. Es ist unglaublich, wie nah seine Stimme an der von Carl ist. Und das, ohne es wirklich darauf anzulegen oder zu üben – völlig natürlich. Das müssen die guten Gene sein. Wir haben es jedenfalls brutal genossen, mit ihm zusammen diese Special Events und Reunion-Shows [auf dem KIT und BYH - Chris] zu spielen.

Kommen wir zum neuen Gitarristen Gunnar DüGrey.

Er ist ein Monster. Als er aufwuchs und seine Freunde alle am Strand waren und Bier getrunken haben, saß er zu Hause und lernte ein Yngwie-Solo oder so. Er ist ein unglaublich talentierter und sehr ernsthafter Musiker. Es ist großartig, ihn in der Band zu haben. Das erinnert mich gerade sehr an die alte Magie, die zwischen mir und dem legendären Mark McGee herrschte. Wir haben viele verschiedene Ansätze, die aber zusammen sensationell harmonieren. Sein Stil ist ziemlich aggressiv. Das hat mich enorm gepusht. Ich liebe diese Energie, die er in die Band gebracht hat. Je älter ich werde, desto härter scheinen wir zu werden. Außerdem sind Gunnar und Nick auch sehr nette Kerle. Larry und ich genießen das sehr.


Und was ist schon wieder bei euch am Bass los? Robin Utbult ist auf allen Fotos abgelichtet, eingespielt hat das Album aber ein gewisser Greg Christian (ex-TESTAMENT). Ist Robin denn jetzt überhaupt noch in der Band?

Robin ist unser Live-Bassist. Machen wir es doch mal chronologisch: Wir haben ursprünglich mit Cody Green auf der Tour zu "Digital Dictator" gearbeitet. Er ist übrigens ein Weltklasse-Gitarrist und hat sich den Bass nur umgeschnallt, um uns einen Gefallen zu tun. Cody und Gunnar sind wirkliche Virtuosen und zocken auch in der Band CHRONOLOGICAL INJUSTICE zusammen. Als es aber dann um die Aufnahmen ging, wollten wir einen klassischen Bassisten, der auch wie einer denkt. Juan kam mit Greg Christian an, weil er gerade bei einigen Projekten mit ihm gearbeitet hatte. Ich kenne Greg schon fast 40 Jahre. Wir waren immer befreundet, haben aber tatsächlich jetzt erst zum ersten Mal miteinander gearbeitet. Er hat einen fantastischen Job gemacht, deshalb haben wir ihn auch schön laut gedreht (lacht). Um den Kreis zu schließen, haben wir Cody eingeladen, ein paar Soli auf dem Album zu spielen ('Long Way Home', 'Any Last Words'). Als dann direkt nach Fertigstellung der Produktion ein paar Shows im März anstanden, erinnerte sich Larry an Robin, der zuvor mit seiner Band AIR RAID ein paar Supportshows auf der "Digital"-Tour gespielt hatte. Das passte perfekt.

War denn Greg Christian jemals ein Kandidat als festes Mitglied bei VICIOUS RUMORS?

Er ist dafür offen, mit uns ein paar Konzerte zu spielen. Aktuell arbeitet er mit vier oder fünf Projekten gleichzeitig und ist ziemlich ausgelastet. Er will sich nicht allzu sehr an etwas binden, damit er jederzeit verfügbar ist für Dinge, die er gerne machen möchte. Das könnte für uns mal passen, aber letztendlich wollen wir jemanden haben, auf den wir uns mehr verlassen können. Wenn Greg mal die eine oder andere Show mit uns spielen würde, wäre das dann etwas Besonderes. Außerdem ist er auch in ein paar Videos zum Album mit uns zu sehen. Wir sind eben eine große Familie.


Wäre es in diesem Zusammenhang nicht für euch einfacher - auch für die Fans und die Presse - in Zukunft nur noch Promofotos von Larry und dir zu veröffentlichen – und die anderen Jungs sind Musiker, die kommen und gehen?

Natürlich wäre es einfacher und weniger verwirrend, aber ich hatte von Anfang an diese Vision von einer Band. Ich liebe dieses romantische Bild einer Einheit, einer nicht zu stoppenden Macht. Ich liebe es, mich mit talentierten Musikern zu umgeben. Nick und Gunnar haben einen solch großartigen Job gemacht seit sie dabei sind. 108 Konzerte in eineinhalb Jahren. Außerdem waren sie lange Zeit weg von ihren Familien. Das konstante Touren ist nicht einfach und erfordert das eine oder andere Opfer. Das hat mir gezeigt, dass dies genau die Leute sind, mit denen ich mich umgeben und zusammenarbeiten will. Da gehört es sich, dass man ihnen den Respekt entgegenbringt, den sie verdienen. Sie sollen sich aufgehoben, akzeptiert und als Teil der Band fühlen. Immerhin haben sie auch viel Arbeit in die neue Scheibe gesteckt. Es ist auch ihre erste internationale Veröffentlichung, da dürfen und sollen sie auch maximal stolz darauf sein können.

Kannst du denn aber auch verstehen, dass Leute aufgrund der vielen Musikerwechsel das Interesse an der Band verloren haben, weil irgendwie die Identifikation fehlt?

Sicher. Ich glaube, das passiert einfach, wenn man sich mit einer Band zu stark identifiziert und die Musik mag. Dann willst du nicht, dass sich daran etwas ändert. Man darf nicht vergessen, VICIOUS RUMORS existieren nun schon seit 41 Jahren. Es gibt nicht viele Bands, die auch nur 20 Jahre aktiv sind und immer noch die gleichen Musiker in der Band haben. Klar ist gerade der Sänger ein zentraler Fixpunkt und die fehlende Konstanz auf dieser Position ist nicht unbedingt ein Pluspunkt für uns. Die Wahrheit aber ist, es ist schwer genug, auch nur zwei Personen zusammen zu halten, geschweige denn fünf. Veränderungen im Line-up sind leider die Realität. Mit Larry und mir sind immerhin noch zwei Originalmusiker mit an Bord. Sein powervolles Schlagzeugspiel und mein Songwriting sollte man nicht unterschätzen. Natürlich klingen die Alben mit unterschiedlichen Musikern, vor allem verschiedenen Sängern, immer anders, aber Larry und ich versuchen den Spirit von VICIOUS RUMORS auf jedem Album am Leben zu erhalten.

Macht es dich denn manchmal müde, wenn Personen jedes neue Album direkt mit euren Klassikern vergleichen? Und jeder neue Sänger an Carl Albert gemessen wird?

Ja, definitiv (lacht). Lass es mich so sagen: Ich bin wirklich unglaublich stolz, Alben gemacht zu haben, die Fans so dermaßen schätzen. Deshalb hoffe ich auch, dass wir niemals aufhören werden, über Alben wie "Digital Dictator", "Vicious Rumors" oder "Welcome To The Ball" zu sprechen – und natürlich Carl Albert. Als Carl starb (1995) waren wir wirklich ganz kurz davor, die Band aufzulösen. Wir hatten gerade einen der besten Sänger der Welt verloren, wie sollte es da weitergehen? Doch wir hatten noch so viel zu sagen und ich bedauere es nicht, weitergemacht zu haben. VICIOUS RUMORS ist meine Freude, mein Leben. Ich versuche immer, mein Bestes zu geben und auf dem höchsten Niveau des jeweiligen Zeitpunktes abzuliefern. Alles andere liegt nicht in meiner Hand.

Auf höchstem Niveau wolltet ihr sicherlich auch im März abliefern, als ihr für ein paar Shows nach Europa kamt und euch dann Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.

Das war unbeschreiblich und werde ich nie vergessen. Wir haben die Aufnahmen Ende Februar abgeschlossen und kamen dann für ein paar Festivals und Klubshows Anfang März rüber nach Europa. Es war wirklich verrückt. Jeden Tag kamen neue Horrormeldungen – und es wurde gefühlt immer schlimmer und schlimmer. Es passierte alles so schnell. Gerade spielten wir noch ein großartiges Festival in Dänemark [The Viborg Metal Festival - Chris] und fuhren für zwei Konzerte nach Holland, da fiel der komplette Vorhang. Alles war von einem Moment zum nächsten vorbei. Totale Panik, zumal wir auch alarmierende Nachrichten aus den USA bekamen. Unser guter Freund Will Carroll (DEATH ANGEL, ex-Schlazeuger von VICIOUS RUMORS) hatte sich mit COVID-19 angesteckt und ist letztendlich dem Tod nur wirklich ganz knapp von der Schippe gesprungen. Auch einige weitere Musiker und Crew-Mitglieder von TESTAMENT, EXODUS und DEATH ANGEL waren infiziert. Man realisiert dann, wie nah wir an dieser Geschichte tatsächlich dran waren und wie viel Glück wir letztendlich hatten. Es war eine bizarre Situation, die die gesamte Musikindustrie zerstört hat. Ich bin wirklich dankbar dafür, dass SPV das Album trotz Pandemie Ende August veröffentlichen wollte. Somit ist "Celebration Decay" für mich persönlich nun der Höhepunkt des Jahres. Natürlich haben wir auch darüber gesprochen, die Veröffentlichung zu verschieben und dann direkt eine Tour anzuschließen. Ich glaube aber trotzdem, dass es die richtige Entscheidung war. Wir haben vielleicht auch etwas gebraucht, mit dem wir uns beschäftigt halten können – mit Interviews, Videos etc. Wir versuchen einfach, das Beste aus der Situation zu machen. Natürlich gibt es Familien, die Personen an diese Krankheit verloren haben, die es noch viel schlimmer erwischt hat und ich fühle definitiv mit ihnen, aber für die Musikindustrie ist das ein harter Schlag. Viele Klubs wissen jetzt noch nicht, ob sie die Krise überhaupt überleben werden. Aber VICIOUS RUMORS hat so viele Nackenschläge in der Karriere wegstecken müssen – wir schaffen auch das.

In diesem Jahr hätte euer "blaues" Album 30jähriges Jubiläum, im nächsten Jahr steht das Jubiläum für "Welcome To The Ball" an. Aufgrund der positiven Erfahrungen der Tour zu "Digital Dictator" sind da auch irgendwelche Specials geplant?

Absolut. Eigentlich wollten wir schon dieses Jahr das "blaue" Album gemeinsam mit "Celebration Decay" feiern. Wir werden uns definitiv was Cooles für nächstes Jahr einfallen lassen. Vielleicht spielen wir auch Shows, wo wir beide Atlantic-Alben am Stück spielen. Mal sehen. Der Vorteil einer Band wie unserer ist, dass wir jetzt Jahr für Jahr monumentale Jubiläen haben, die wir feiern können. Ich liebe es, Dinge aus der Vergangenheit gebührend zu feiern, aber trotzdem schauen wir natürlich immer auch nach vorne.

Wo wir gerade bei der Vergangenheit sind: Hättest du heute die Chance nach dem Tod von Carl Albert mit deinem alten Ich zu sprechen, was würdest du ihm raten?

Wow. (lange Pause) Ich würde ihm sagen: glaube an dich. Es wird ein langer, steiniger Weg. Schau, dass du dich mit talentierten und guten Menschen umgibst. Wenn du das tust und all die nötige Arbeit in die Musik steckst, dann kannst du immer stolz darauf und den damit einhergehenden Erfolg sein – wie auch immer er aussieht.

[Chris Staubach]

Redakteur:
Chris Staubach

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