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VOYAGER: Interview mit Danny Estrin

14.01.2008 | 09:50

Faszinierende, raffiniert zwischen hart und zart balancierende Musik betört das Ohr, der Geist taucht ein in multidimensionale Klangwelten, poetische Eleganz spielt mit orchestraler Pracht und gebiert zauberhafte Melodien. Paradiesische Zustände herrschen in der künstlerischen Welt der Australier VOYAGER. Auf ihrem zweiten Album "Univers" jongliert die multikulturelle Truppe um Sänger und Mastermind Danny Estrin wieder einmal spielerisch leicht mit bunten Bällen aus symphonischem, melodischem und progressivem Metal sowie dezenten Düster-Sounds und viel moderner Klassik. All das ergibt einen einzigartigen Genuss für scheuklappenfreie Gourmets und Feingeister, dem sich hoffentlich noch viele Musik-Freunde hingeben werden – findet natürlich auch Danny, der bereitwillig zum Interview antrat.

Martin:
Danny, VOYAGER gibt es seit dem Jahre 2000, das Hauptquartier der Band befindet sich im australischen Perth. Zum Line-Up gehören allerdings Musiker aus vielen verschiedenen Ländern. Wie habt ihr damals zusammen gefunden und wie sah eure Vision aus von dem, was VOYAGER einmal werden sollte?

Danny:
Australien ist einfach ein sehr multikulturelles Land, wo Menschen verschiedenster Nationen zusammen finden und unter anderem halt auch musizieren. Deshalb ist es kein großer Zufall, dass unsere Besatzung deutsch-italienisch-schottisch-englisch-russisch-amerikanisch ist. Die Anfänge der Band waren allerdings weniger ethnisch geprägt, damals ließ sich wohl vor allem das Deutsch-Russische in mir in der Musik blicken. Ehrlich gesagt gab es zunächst auch keine wirkliche Vision, wir wollten einfach niveauvollen melodischen Metal spielen, womit wir anno 2000 in Australien eine ziemliche Ausnahmeerscheinung waren. Das, was man die heutige "VOYAGER-Vision" nennen könnte, ist erst später entstanden.

Martin:
"Univers" ist extrem vielseitig, anspruchsvoll und zugleich sehr berührend. Wie würdest du jemandem, der noch keine Note von VOYAGER gehört hat, eure Musik erklären? Oder um es noch ein wenig schwieriger zu machen: Wie würdest du jemandem, der nicht (mehr) hören kann, eure Musik beschreiben?

Danny:
Tja, wie würde ich Beethoven in seinen letzten Jahren erklären wie VOYAGER klingen? Sehr interessante Frage, warte mal... Ich würde vielleicht sagen, das Ganze ähnelt einem indischen Gericht: viele Gewürze, viele verschiedene leckere Gemüsesorten, ein Hauch Kardamom, mächtig viel Chilli - der Metal-Anteil eben -, und all das partiell gebändigt und abgerundet mit einem Klacks frischem Joghurt. Fragt sich nur, ob Beethoven jemals anständiges indisches Essen gekostet hat...

Martin:
Das Jahr 2006 hat zwei Besetzungswechsel gebracht, euer Ur-Drummer Geoff Callaghan wurde durch den Niederländer Mark Boeijen ersetzt, zudem stieß Simone Dow an der Gitarre dazu. Wie kam es zu diesen Ereignissen? Wie haben die beiden neuen Persönlichkeiten das Konzept, die Musik und die Bandchemie verändert?

Danny:
Tja, leider ist im Namen des Fortschritts manchmal die eine oder andere Veränderung nötig. Mark Boeijen schätze ich schon seit Jahren als Drummer sehr und wollte, seitdem ich 17 war, immer mal mit ihm jammen. Irgendwie hat das bis 2006 nicht geklappt und jetzt spiele ich mit ihm in derselben Band, das ist wirklich toll. Ich bin so überglücklich darüber, weil sein Stil einzigartig ist, besonders im Beckenbereich (Hoohoho...! *grins*). Simone ist einfach eine fantastische Gitarristin, sie hat Rhythmus, Melodie, Gefühl - halt alles, was ein guter Musiker oder eine gute Musikerin braucht. Übrigens hat vor kurzem ein blutjunger Bursche bei uns den Bass übernommen, also ist die Dynamik der Band jetzt auch etwas anders. Alex Canion heisst der junge Mann, er ist ein wahres As. Das hat er auf unserer letzten Tour bewiesen. Alle zusammen ergeben meiner Ansicht nach die ideale Besatzung des Traumschiffs VOYAGER.

Martin:
Könntest du mal versuchen, die einzelnen Charaktere, ihre Eigenschaften und Rollen im Bandgefüge zu beschreiben?

Danny:
Gar nicht so einfach, aber ich will es versuchen. Fangen wir mal an mit Mark DeVattimo an der Gitarre: ein echter italienischer Casanova und Meister des Gitarrenzirkus. Er kann seine Gitarre dazu bringen, wie ein gähnendes Nilpferd zu klingen! Außerdem kann er seine Stimme zu wahnsinnigen Schreien pushen, er ist zum Beispiel für diesen intensiven letzten Part im Song 'Pulse 04' verantwortlich. Außerdem fährt Mark unseren Tourbus und gestaltet das gesamte Artwork.
Die zweite Gitarristin, Simone Dow, ist eine feurige kleine Schottin, die sich von keinem etwas gefallen lässt. Sie ist eine wahre Virtuosin und die Schöpferin atemberaubender Melodien, außerdem betreut sie unsere Myspace-Seite. Alex Canion ist erst 19 und schon ein begnadeter Bassist, an den ich wohl bald eine Menge Aufgaben delegieren werde, hehehe! Mark Boeijen ist unser holländischer Drumgott, der Unmengen an Cola-Bourbon wegstecken kann. Es ist, wie schon gesagt, eine wahre Freude, ihn in der Band zu haben, denn sein Stil passt perfekt zu VOYAGER. Ich selbst bin im richtigen Leben Rechtsanwalt, bei VOYAGER Sänger und Keyboarder und Zuständiger für alles, was mir bisher nicht gelungen ist abzugeben.

Martin:
Wie entsteht denn für gewöhnlich so ein wunderbar farbenfroher, gefühlvoller VOYAGER-Song?

Danny:
Wenn ich das selbst so genau wüsste, müsste ich nicht jedes Mal so leiden, bis einer fertig ist... Ich will es mal so formulieren: Durch einen komplizierten, mir bisher unbekannten Prozess, landet eine Rohversion in meinem Kopf, die wird dann auf meinem Keyboard als "Draft" aufgenommen, der Band präsentiert, und die bastelt und werkelt daran herum, bis sich langsam ein vollständiger Song heraus kristallisiert. Die Jungs und Mädel sind sozusagen meine kreativen Polierer!

Martin:
Gibt es einen Song auf "Univers", der dir musikalisch oder aufgrund seiner ganz speziellen Entstehungsgeschichte besonders am Herzen liegt?

Danny:
Ich habe zu den meisten Nummern eine intensive Beziehung, aber besonders heraus heben würde ich 'Between The Sheets'. Diesen ziemlich kurzen Song habe ich vor Jahren schon aufgenommen und er hat irgendwie jeden, der ihn gehört hat, sehr berührt. Er hat irgendetwas Magisches an sich und etwas zutiefst Melancholisches.

Martin:
Euer Debüt "Element V" erschien über das tolle kleine Prog-Metal-Label DVS Records, das der einzigartige Rene Janssen führt (oder führte muss ich inzwischen wohl sagen, denn die Aktivitäten von DVS sind offenbar eingestellt - schade!). Wie seid ihr damals mit Rene in Kontakt gekommen und wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

Danny:
Eigentlich ist er mit uns in Kontakt getreten, als unser Album in Australien bereits veröffentlicht war. Die Zusammenarbeit war anfangs sehr gut, zuletzt hatte Rene aber sehr viel anderes zu tun, da seine Frau ein Kind bekam und er mit den Progpower Festivals auch so einiges um die Ohren hat. Am Ende hatte Rene einfach keine Zeit mehr für sein Label. Wir sind ihm aber für seine Unterstützung ungemein dankbar. Ohne ihn wären wir nicht das, was wir heute sind.

Martin:
Was habt ihr in den drei Jahren zwischen "Element V" und "Univers" eigentlich so alles getrieben?

Danny:
Oh, auf jeden Fall eine ganze Menge! Wir waren als Support von Steve Vai auf Tour, dann haben wir ja das Progpower 2006 in Holland gespielt, sind ein paar Mal in Deutschland aufgetreten und eigentlich ständig hier in Australien. Schließlich haben wir die "Sober"-Single veröffentlicht, die ganzen Line-Up-Wechsel haben uns eine ganze Weile beschäftigt. Aber ich kann dir garantieren, dass wir bis zum nächsten Album nicht wieder so extrem lange brauchen werden.

Martin:
Die Single "Sober" erschien letztes Jahr noch bei DVS, oder? Das Album kommt nun über Dockyard1, was euch sicher recht sein dürfte – eine größere Firma hat selbstredend auch eine bessere Vertriebsstruktur und gibt mehr Geld für Promotion aus.

Danny:
Die Single wurde eigentlich von uns selbst als limitierte Edition veröffentlicht, also hatte das mit DVS sehr wenig zu tun. Mit Dockyard1 haben wir ein super Label gefunden, das in der Tat eine sehr gute Voraussetzungen bietet und exzellente Arbeit leistet. Mit dem Ende von DVS brauchten wir ja sowieso dringend ein neues Label, daher kam das Angebot von Dockyard1 wie gerufen.

Martin:
Ich möchte gerne mit dir über eure Texte sprechen. Sie enthalten einerseits recht direkte, positive Botschaften, können aber auch sehr poetisch und schwebend sein. Könntest du mir anhand der Beispiele 'Higher Existence', 'Everwaiting', 'Sober' und 'Pulse 04' mal erläutern, wie VOYAGER-Texte funktionieren und was die Geschichten hinter den Texten sind?

Danny:
Tja, einige Texte sind wirklich sehr positiv und lebensfroh, einige weniger, manche sogar ziemlich traurig. 'Higher Existence' handelt von alternativen Eindrücken und Denkweisen, nicht zuletzt durch den Einfluss diverser Substanzen, wenn du verstehst was ich meine. 'Everwaiting' ist ein recht schlichtes Liebeslied, oder besser Liebesleid-Lied. 'Sober' handelt von jemandem, der innig verehrt und geliebt wird, dieses jedoch einfach nicht zurück geben kann, was ihn zutiefst unglücklich macht. 'Pulse 04' befasst sich mit Stresssituationen und wie man damit umgeht. Ich schreibe immer Texte zur Musik, niemals anders herum. Der Text muss zur Musik passen, sonst klingt irgendwas nicht ganz richtig.

Martin:
Selbst im Info eurer Plattenfirma steht noch was von "für Fans von RHAPSODY und NIGHTWISH", was meiner Meinung nach extrem an den Haaren herbei gezogen ist. Was sagst du zu diesem Vergleich, wie erklärst du ihn dir?

Danny:
Ach, dieser Vergleich stammt, wenn ich mich recht erinnere, vom Rock Hard-Magazin. Ich stimme dir zu, dass er eigentlich nicht so besonders viel Sinn macht. Viele Journalisten finden es halt schwer, VOYAGER zu definieren, was ich sehr gut verstehen kann. Da Musik-Schreiberlinge trotzdem den Lesern irgendwie eine Eselsbrücke geben müssen, damit diese nicht völlig ratlos da stehen, denke ich, dass solche Vergleiche ihren Zweck am Ende womöglich doch erfüllen. Hey, wenn sich Fans von NIGHTWISH und RHAPSODY aufgrund dieses Vergleichs näher mit VOYAGER beschäftigen, ist das bestimmt kein Problem für mich!

Martin:
Wenn ich richtig informiert bin, spielen drei deiner Mitmusiker noch in einer eher rohen, martialischen Metal-Band namens PSYCHONAUT. Wie passt das zu dem filigranen Sound von VOYAGER?

Danny:
Überhaupt nicht! Mittlerweile sind es auch nur noch zwei meiner Kollegen, die dort mitspielen. Weißt du, wir sind alle ziemlich extrovertierte und kreative Menschen. Da möchte man einfach hin und wieder auch mal völlig andere Sachen spielen. Mich stört PSYCHONAUT überhaupt nicht, ich habe selbst auf dem ersten Album mitgespielt, gesungen, gegrunzt und meinen Spaß gehabt. Es ist nicht unbedingt meine Art von Musik, aber als eine Art kreatives Überlaufventil, besonders für Mark, ist diese Band sehr hilfreich und ich unterstütze ihre Aktivitäten zu 100%.

Martin:
Gibt es dein Solo-Ambient-Black-Metal-Projekt NACHTHIMMEL eigentlich noch? Wirst du unter diesem Namen noch einmal etwas veröffentlichen?

Danny:
Wie zur Hölle kommst du denn darauf? Wie peinlich, hahaha! Nein, unter diesem Namen wird bestimmt nichts mehr veröffentlicht. Ich habe, als ich so 16, 17 war, zwei Alben unter diesem Namen gemacht, die ich aber tief in meinem Keller verstecke.

Martin:
Welche Musik kommt bei Danny Estrin zu Hause so in den CD-Player? Was waren die letzten CDs, die du dir selbst gekauft hast?

Danny:
Bei mir kommt alles Mögliche ins Haus und in meinen MP3-Player. Von EMPEROR bis INFECTED MUSHROOM, Klassik, ethnische Musik und manchmal sogar BAP! Zuletzt gekauft habe ich mir "Virus" von HEAVENLY, ein wirklich geniales Album, dann "Extraordinary Ways" von CONJURE ONE, das ist ein Nebenprojekt von FRONTLINE ASSEMBLY mit einer unglaublich coolen Sängerin namens Poe. Dann war da noch eine Platte namens "Lounge Safari" - eine indische Fusion-CD, sehr interessantes Zeug.

Martin:
Interessierst du dich eigentlich auch insgesamt für Kunst im weitesten Sinne, ich meine für Malerei, Literatur und so weiter? Sind Musik und Texte von VOYAGER von Bildern, Büchern und Filmen beeinflusst?

Danny:
Abgesehen von dem Puschkin-Zitat auf dem neuen Album in 'Cross The Line' befasst sich die Musik von VOYAGER eigentlich kaum direkt mit den höheren Künsten. Für bildende Kunst, Theater, Literatur und dergleichen interessiere ich mich persönlich aber sehr. In Sachen Malerei bin ich ein großer Fan von den alten Meistern Pieter Brueghel und Hieronymus Bosch, ganz besonders liebe ich aber Hendrick Avercamps "Winterlandschaft mit Schlittschuhfahrern". Ich mag auch gerne Aborigine-Malerei aus Australien. Gelesen, wenn die Zeit es erlaubt, wird besonders Douglas Adams, P.G. Wodehouse und John Steinbeck.

Martin:
Danny, ich bin am Ende mit meinen Fragen. Abschließend gebe ich dir noch die Gelegenheit, ein paar letzte Worte an unsere Leser zu richten, wenn du möchtest!

Danny:
Traut euch mal an VOYAGER heran, ich denke, in unserer Musik ist für jeden etwas drin. Ich bedanke mich bei allen, die VOYAGER schon eine Chance gegeben und sich mit unseren metallisch-melodischen Klängen angefreundet haben. Wir spielen im April 2008 ein paar Konzerte in Deutschland, also, in diesem Sinne, SEE YOU ON TOUR!

Redakteur:
Martin van der Laan

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