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Von der Rebellion zur Fachtagung - Eindrücke über einen wissenschaftlichen Exkurs

21.06.2010 | 21:33

Wer nicht selbst dabei gewesen ist, der vermag es sich wohl kaum vorzustellen: Um die 70 Teilnehmer haben vom 03. bis 05. Juni 2010 in der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig aus den unterschiedlichsten Perspektiven rund zwanzig Vorträge zum Wesen des Heavy Metal und seiner Bedeutung als Kultur verfolgt und miteinander diskutiert.
Dem Fachbereich Medienwissenschaften und hier insbesondere Prof. Rolf F. Nohr ist es zu verdanken, dass aus seinen persönlichen Diskussionen mit seinem Fachkollegen Dr. Herbert Schwaab von der Universität Regensburg eine wissenschaftliche Tagung erwachsen ist, von der sich Fans und Forscher gleichermaßen angesprochen gefühlt haben.
Die POWERMETAL.de-Redaktion hat das Geschehen ebenfalls mit Interesse verfolgt. Wir lassen euch teilhaben an der auswertenden Diskussion, die wir im Nachgang zu dieser bisher einmaligen Veranstaltung geführt haben.

Vor Beginn der Tagung konnte ich mir nicht so recht vorstellen, wer da am Ende eigentlich debattieren wird: Szeneferne Professoren aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaften oder tatsächlich der Metalfan selbst. Ich war letztlich positiv überrascht, in welcher Weise sich diese beiden Gruppen überschneiden. Holger Schmenk, der nach einem Studium der Geschichte, Germanistik und Erziehungswissenschaften 2007 promoviert hat und zum Beispiel einen Vortrag über die Entstehung der Metalszene im Ruhrgebiet der Achtziger Jahre gehalten hat, sah zumindest äußerlich selbst doch stark nach Metaller aus, ebenso gehe ich davon aus, dass Julia Eckel, die in Bochum Medienwissenschaften und Sozialpsychologie studiert hat und sich mit der Kutte als Phänomen im Heavy Metal befasst hat, wohl auch selbst ein Teil der Szene ist.
[Erika Becker]

Stimmt, das konnte man deutlich feststellen. Allerdings halte ich das nicht für einen negativen Aspekt, denn um fundierte Einblicke zu erhalten, muss man sich mit der Szene intensiv beschäftigen. Und natürlich wird man dann zum Metal-Fan, falls man es nicht vorher schon war. Denn wer Metal nicht mag, hat sich nur noch nicht damit beschäftigt oder?
[Frank Jaeger]

Wahrscheinlich nicht. Prof. Birgit Richard, die über das archaische Männlichkeitsbild im Black Metal geredet hat, sah auch sehr nach Alt-Rockerin aus. Wenn man sich so intensiv mit einer Sache beschäftigt, muss man auch mit Herzblut bei der Sache sein. Vor allem bei Sascha Pöhlmann ("Green is the new black") war das ersichtlich. Ich glaube, wenn ein Nicht-Metal-Fan über Metal berichten würde, wäre das kaum ergiebig, weil er die Szene nur von außen beleuchten würde und sich nicht tiefgründig damit beschäftigt.
Was erfreulich ist: Die Professoren lesen uns! Andreas Salmhofer, der über Grindcore referiert hat, liest häufig unsere Rezensionen. Als ich ihn darauf angesprochen habe, hat er ausdrücklich gelobt, dass wir uns auch mit extremen Randgenres beschäftigen.
[Pia-Kim Schaper]

Kritikwürdig fand ich, dass manche Vorträge hinsichtlich des Vortragsstiles, aber vor allem auch mit Blick auf die gewählte Sprache nur schwer verständlich waren. Mir ist bewusst, dass ich mich auf einer Fachtagung befand und Fachtermini in der wissenschaftlichen Debatte unentbehrlich sind. Dennoch sollte man es nach meiner Auffassung nicht übertreiben.
Was Diplom-Soziologe Christian Heinisch uns mit seinem Beitrag "Heavy Metal und Dimensionen seiner Stabilisierung" mitteilen wollte, ist mir aufgrund der sprachlichen Verstiegenheit seines Vortrages komplett verborgen geblieben.
[Erika Becker]

Da hast du sicher Recht, allerdings ist eine wissenschaftliche Fachtagung in dieser Hinsicht kein Kindergeburtstag und die sozialwissenschaftlichen Termini sind unverzichtbar, um eben das auszudrücken, was die Wissenschaftler verstehen sollen. Der von dir angesprochene Vortrag war aber vor allem ob des linguistischen Stakkatos des Vortragenden schwer zu verfolgen. Ansonsten fand ich es eigentlich ganz gut verständlich. Sicher auch, weil ich verschiedene Implikationen einiger Fachbegriffe gar nicht verstanden habe. Das Los des Laien.
[Frank Jaeger]

Christian Heinisch habe ich auch nicht gut verstanden. Er hat aber auch sehr schnell und etwas zu leise geredet. Ich war bei einigen Beiträgen vom Inhaltlichen etwas enttäuscht: Nach Jörg Schellers "Vom Schrei zur Schreischule" war ich nicht schlauer und mir ist nicht klar, was er mir damit sagen wollte. Vom Luftgitarrenbeitrag (Mathias Mertens) hab ich mir etwas völlig anderes erhofft – die Verbindung zur Energie hätte man auch in einem Satz herstellen können und dann mit Beispielen, Videos oder ähnlichem weitermachen können; das wäre wesentlich interessanter gewesen.
[Pia-Kim Schaper]

Dass es auch anders geht, haben für mich die Medien- und Kulturwissenschaftler Marcus S. Kleiner und Mario Anastasiadis bewiesen, die aufgezeigt haben, dass Metal durchaus politisch ist. Ihre Beispiele von Bands, die Systemkritik üben oder ihre Musik mit einer Anti-Kriegshaltung kombinieren, waren für mich aufschlussreich. Ich gebe zu, dass die Vorstellung, Metal sei völlig unpolitisch, mir nie so ganz behagte. Es bleibt ja jedem selbst überlassen, sich ein Bild von der Aussagekraft der Songs unterschiedlicher Bands zu machen. Dass Metal aber auch aus der wissenschaftlichen Außenperspektive als politisch identifizierbar ist, finde ich ermutigend. Mir ist es lieber, mich in den Lyrics ab und an mit politischen Positionierungen konfrontiert zu wissen, als mit irgendwelchen Nichtigkeiten jenseits der Realität.
[Erika Becker]

Besonders interessant fand ich in diesem Zusammenhang den Vortrag über den Metal Ungarns und seine Bedeutung für Siebenbürgen. Dass Metal durchaus politisch ist – oder sein kann – wurde da mehr als deutlich. Wenn man weiß, was in den suppressiven Regimen des Ostens in den Achtzigern passieren konnte, haben die Textpassagen doch zu einigem Durchatmen animiert. Ansonsten war mir der Vortrag über den "politischen Metal", so interessant er auch war, deutlich zu weitläufig. Natürlich lassen sich immer Beispiele finden, aber spannender fand ich den jeweiligen zeitlichen Bezug, den die Autoren hergestellt haben. Darüber wüsste ich gerne mehr, vielleicht wäre es hier besser gewesen, sich nur auf einen kleinen Teil, zeitlich oder räumlich, zu konzentrieren, beispielsweise die Amerika-Kritik im Metal der vergangenen Jahre oder auch die Sozialkritik britischer Metalbands der Achtziger. Aber wer weiß, vielleicht war diese Tagung ja erst der Anfang?
[Frank Jaeger]

Zumindest haben uns die beiden Organisatoren Aussicht auf eine Fortführung 2011 gemacht. Den von dir angesprochenen Beitrag über Ungarn fand ich ebenfalls sehr gelungen und ich hab das Gefühl, dabei wirklich etwas gelernt zu haben. Die Musik ist nicht nur politisch, sondern hat den Jugendlichen in Siebenbürgen auch Selbstvertrauen und eine Identität gegeben. Besonders spannend fand ich den Vergleich, dass Bands aus Ländern, in denen der Individualismus hochgelobt wird (allen voran Amerika) in ihren Texten häufig in der Mehrzahl (wir) reden und Bands aus Ländern, in denen das Kollektiv alles ist, meistens in der Ich-Form gesungen haben.
[Pia-Kim Schaper]

Am interessantesten fand ich aber die beiden Vorträge zu Aspekten des Black Metals: Sascha Pöhlmanns Analyse des Werkes von WOLVES IN THE THRONE ROOM, einer amerikanischen Black-Metal-Band, die sich mit einer Art Ökologiekritik beschäftigt und die Pöhlmann in der Tradition der amerikanischen Literaturepoche der Romantik sieht. Und dann Birgit Richard, Professorin für Neue Medien in Theorie und Praxis an der Wolfgang-Goethe-Universität, die sich mit medialen Bildern archaischer Männlichkeit im Black Metal beschäftigt hat. Beide Vorträge haben eine Verbindung zwischen der Weltsicht der Romantik und dem Black Metal hergestellt. Impressionen eines ENDSTILLE- oder IMMORTAL-Konzertes lassen nicht gerade in erster Linie an Casper-David-Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer" denken. Dass der Black Metal mit der ihm unterstellten Affinität zum Satanismus das Individuum in ähnlicher Weise wahrnimmt wie die Romantiker, drängt sich mir nicht auf, scheint mir aber eine interessante Erkenntnis.
[Erika Becker]

Dazu habe ich keine Meinung, weil ich weder im Black Metal noch in Romantik bewandert bin. Hey, ich bin Naturwissenschaftler! Kommt mir nicht mit Romantik. Am besten gefallen haben mir der oben genannte Vortag über die ungarischen Bands der Achtziger und die Geschichte des Metals im Ruhrgebiet. Das Buch, das in Kürze erscheinen wird, muss ich mir wohl zulegen (vorbestellbar bei Amazon.)
Das ist insgesamt meine einzige Kritik an dem Programm und die ist dezidiert individueller Natur: Mir war es zu viel Black-Metal-Thematik. Sicher bietet sich das Genre aufgrund seiner extremen Visualität und Abgegrenztheit an und natürlich fasert der Metal sonst an allen Rändern viel zu stark aus, so dass man überhaupt nicht mehr weiß, wo er beginnt und wo er endet, aber ich kannte halt die meisten der genannten Bands nur dem Namen nach.
[Frank Jaeger]

Das kann ich unterschreiben: Die meisten Themen bezogen sich wenigstens teilweise auf Black Metal – so natürlich auch das Bild des Teufels als Identifikationsfigur. Aber zum Beispiel der Grindcore-Beitrag hat dieses Bild schön aufgelockert, wobei man gemerkt hat, dass sich der Referent unter den vielen Vollblutmetallern etwas verloren vorkam. Immerhin weiß ich jetzt deutlich mehr über Grindcore als vorher – dass er doch politischer ist, als ich dachte, und dass viel mit Ekel und Abscheu in der Covergestaltung gearbeitet wird, ist vor allem hängen geblieben. Aber es war schade, dass kaum Fantasy-Bezüge im True Metal oder Death Metal im Allgemeinen angesprochen wurden, wobei letzteres wenigstens in der Covergestaltung und Horror-Typologie vorkam. Das waren auch sehr interessante Vorträge. Es ist faszinierend, welche Bilder sich die Zeichner als Vorbild nehmen. Dass die verästelten Black-Metal-Schriftzüge von Bäumen abgeleitet sind, war aber wirklich nichts Neues.
[Pia-Kim Schaper]

Prof. Birgit Richards Vergleich unterschiedlicher Männlichkeitsbilder in der Musik (hier: POLARKREIS 18 vs. IMMORTAL) beschäftigt mich noch etwas intensiver. Die Idee, den modernen Mann, den POLARKREIS 18 in ihrem Video zu ihrem Song 'Allein allein' darstellen, einem archaischen Typus gegenüberzustellen, den IMMORTAL  zum Beispiel in verschiedenen Videos präsentieren, in denen die Band im Ringen mit winterlicher Natur gezeigt wird, scheint mir aufschlussreich. Allerdings habe ich den Eindruck, dass der Mann in der harten Natur nicht nur den archaisch getrimmten Black-Metaller fasziniert, sondern ebenso den modernen Mann. Ob der moderne Naturbursche eher dazu bereit ist, seiner Frau im Haushalt zu helfen und die Spülmaschine auszuräumen, als der IMMORTAL-Prototyp, daran habe ich allerdings meine Zweifel.
[Erika Becker]

Das ist ja mal eine freche These, du Hausfrau, du. Der IMMORTAL-Typ würde natürlich die Spülmaschine ausräumen, wenn er nur wüsste, wo er in der Zwischenzeit sein Schwert lassen soll. Im Ernst: Zurück zur Natur, weg von den überbordenden und überfordernden Einflüssen der modernen Zivilisation, das ist sicher nichts, was auf BM beschränkt ist. Aber die Konsequenz, mit der es in diesem Genre verfolgt wird, ist extrem. Wird nicht BM häufig mit Attributen versehen, die auf Kälte und Eis zielen? Auch von uns in den Rezensionen? Irgendwie scheint da etwas dran zu sein. An diesem Vortrag konnte man erkennen, dass sich die Vortragenden doch sehr kurz fassen mussten. 30 Minuten klingt viel, aber eigentlich jeder der Referenten hat verschiedene Aspekte nur anreißen können und dies auch deutlich erwähnt.
[Frank Jaeger]

Ich kann mich gut ein eines der ersten Black-Metal-Reviews erinnern, das ich je gelesen habe: Der Schreiber sprach von "klirrender Kälte", die durch die Musik vermittelt wird. Black Metal und Winter – das gehört einfach irgendwie zusammen. Amüsant fand ich, dass die Studenten von Prof. Richards die männlichen Black-Metal-Anhänger erst so gar nicht männlich fanden: Lange Haare, enge Hosen und Schminke sind auf den ersten Blick wirklich nicht maskulin. Aber Richards hat schön aufgezeigt, dass diese Optik den früheren Kriegern nachempfunden ist und die faszinieren bestimmt jeden Mann irgendwo. Der letzte Beitrag am Samstag hat die Thematik noch mal kurz aufgegriffen: Andreas Wagenknecht hat in seinem Beitrag "Das Böse mit Humor nehmen" noch ein Video von IMMORTAL und danach ein Fan-Video gezeigt, das das Video auf lustige Weise nachstellt. Da standen die Protagonisten nicht in freier Natur, sondern direkt an einer Straße. Vielleicht sieht so ja der Black Metal der Zukunft aus, wenn das Leben in der Zivilisation als Herausforderung angesehen wird.
[Pia-Kim Schaper]

Auf jeden Fall war das Tagungsprogramm bunt, kurzweilig, und das Abendprogramm mit Konzert klasse. Die Luftgitarrenoper – auch wenn das Thema des Musizierens gegen den Teufel klassisch ist – war ebenfalls toll und der Zusammenprall des modernen Metals mit den traditionellen Sounds – wieso hat die eigentlich der Satan bevorzugt? – war spannend umgesetzt. Mir hat das Ganze viel Spaß gemacht, bei einer Neuauflage würde ich jederzeit sofort wieder nach Braunschweig kommen.
[Frank Jaeger]

Auf jeden Fall ist die Tagung gelungen! Allerdings war ich Samstag nach dem letzten Beitrag doch ziemlich erschöpft vom vielen Zuhören. Zwei bis drei Beiträge weniger und längere Pausen wären nicht schlecht. Das Rahmenprogramm ist wirklich gelungen! Mit CAST IN SILENCE, DIARY ABOUT MY NIGHTMARES und HEADSHOT haben sich die Veranstalter auch vielversprechende Bands herausgesucht und die Luftgitarren-Oper möchte ich bitte zukünftig auf ganz vielen Festival-Warm-Ups sehen! Die war wirklich großartig. Ich habe mich erst gefragt, wie sowas umzusetzen ist, ohne den Zuschauer zu langweilen, aber das Schauspiel hat einfach von den sehr gut inszenierten Charakteren gelebt. Ich freue mich auf das Buch, das Rolf F. Nohr und Herbert Schwaab zur Tagung herausbringen möchten.
[Pia-Kim Schaper]

Eindrücke der Tagung und ein paar Stimmen gibt es bei YouTube und weitere Informationen im offiziellen Blog.

Redakteur:
Erika Becker
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