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Weggefährten: MÖTLEY CRÜE

11.01.2016 | 15:11

Eine der krawallträchtigsten Bands hat das Ende angekündigt. Ein persönlicher Blick zurück.

Schluss, aus, vorbei. "All Bad Things Must Come To An End" hieß es als Titel der "Final Tour". Ich war dabei, habe mir den letzten Gig in Stuttgart, wie Nikki Sixx es ausdrückte, angesehen und angehört. Ein paar Songs lassen mich zurückdenken an die frühe Phase der Band, als sie noch unbekannt war. Ich erinnere mich, damals musste man noch in die Plattenläden gehen und gucken, was es Neues gab. Da war dieses recht unscheinbare schwarz-weiß-Cover. "Too Fast For Love", aha. Irgendeiner von uns hat es gekauft, und es wurde natürlich sofort auf mehrere Tapes gezogen. Was war und ist das für ein Opener, 'Live Wire', einer der besten Metalsongs aller Zeiten! Ein aggressives Riff, Stop-and-go-Drumming, Vince Neils ungewöhnliche Stimme, irgendwo zwischen Krächzen und heiserem Eunuchen. Das ganze Album erwies sich als brillant, und natürlich war dann das Erscheinen von "Shout At The Devil" ein besonderes Ereignis. Allein die Erscheinung des Albums, als Gatefold, vorne schwarz mit einem aus glänzendem Drucklack gebildeten Pentagramm, und innen dann diese Fotos der Musiker. Ja, das war arschcool. Dazu dann 'Shout At The Devil' und all diese großartigen Lieder, die es schafften, sogar "Too Fast For Love" in den Schatten zu stellen. MÖTLEY CRÜE war bei den deutschen Metallern ganz oben. Dazu kamen genug wilde Geschichten, um ganze Bücher zu füllen. Oder zumindest eines mit dem Titel "The Dirt". THE CRÜE war die Speerspitze des Rock 'n' Rolls. Und wir waren große Fans, obwohl es zu dieser Zeit wöchentlich neue Bands zu entdecken gab, die einem eine Maulsperre vor Staunen verpassten. Doch die Strahlkraft der beiden ersten Alben MÖTLEY CRÜEs verblasste nicht.

Und dann kam das Monsters of Rock 1984. Da spielte ein unglaubliches Billing, und eröffnen durfte MÖTLEY CRÜE. Nürnberg, Zeppelinfeld, 2. September. Hitze. Aber es sollte noch heißer werden, und den Anfang machten die US Amerikaner, die damals passend zum aktuellen Album in ziemlich wilden Klamotten auftraten, Vince Neil schreiend weiß-blond, Mick Mars in hohen, weißen Stiefeln. Modesünden der besonderen Art, aber egal. Es geht sofort in die Vollen, der Titelsong des neuen Albums, 'Bastard', 'Knock 'em Dead Kid', 'Red Hot'. Und kurz vor dem Ende der Höhepunkt, 'Live Wire'. Großartige Stimmung, nur Vince Neils Ansagen nervten, weil sie eigentlich nur aus "fuck" bestanden. Aber egal, musikalisch waren wir glücklich. MÖTLEY CRÜE war angesagt, originell und obendrein eine wilde Skandalkapelle. Auch wenn sich später herausstellte, dass einiges davon PR-Stunts waren und ihr Manager das "Böse Buben"-Image gezielt lancierte, das dann in das Unglück mündete, bei dem Nicholas Dingley von HANOI ROCKS ums Leben kam.

Doch dann kam "Theatre Of Pain".  Dem Album fehlte all das, was uns vorher so fasziniert hatte: Der Look war weg, und die coolen, rohen Lieder waren auch nur noch ein Abklatsch ihrer Vorgänger. Der größte Hit war 'Smokin' In The Boy’s Room' und der war zu sehr Glam. Insgesamt kam auch Vince' charakteristische Stimme zu selten durch, sodass uns alles fehlte, was die Band ausgemacht hatte.  Auch heute, fast dreißig Jahre später, klingt das Album zu rund und zu wenig nach Rebellion, eher nach big business. Dummerweise führte das zu größerem kommerziellen Erfolg, sodass wir uns damit abfinden mussten und auch "Girls, Girls, Girls" eher lauwarm empfingen.

Klar, man kann ihnen keinen Vorwurf machen, denn der Erfolg war völlig auf ihrer Seite. Die Lieder aber waren auf Refrains getrimmt, die Gitarre eher langweilig, und überhaupt trauerte ich der Frühzeit nach. Das wilde Biest war gezähmt. Dass es mit "Dr. Feelgood" zwar nicht stilistisch anders, aber zumindest etwas besser wurde, war ein Lichtblick. Kommerziell auf dem Höhepunkt, hatte ich mittlerweile meinen Frieden mit dem neuen Stil gemacht. Da traf es sich gut, dass mal wieder ein "Monsters Of Rock"-Festival anstand. Am 31. August spielte die Band in Hannover einen wirklich guten Gig, doch zu der damaligen Zeit ging MÖTLEY CRÜE ziemlich unter im Vergleich zu den anderen Größen auf der Bühne. Man war eindeutig groß in den USA, aber nicht so sehr im kontinentalen Europa. Auch ließ der Auftritt, der zwar gut war, aber nicht bahnbrechend, einfach das Charisma der Frühzeit vermissen. MÖTLEY CRÜE war ganz oben, aber bei uns eher im Bereich des Mittelmaßes angekommen.

Und dann wurde es still. Bis Vince Neil und die Band getrennte Wege gingen, was für mich das Ende von MÖTLEY CRÜE bedeutete. Klar, die Eskapaden der vergangenen Jahre, das anstrengende Tourleben, die Folgen der Erfolge alle forderten ihren Tribut, und es waren ja auch gute Jahre gewesen, die uns zwei grandiose Alben und einige einzelne Hits auf den weiteren fünf Platten beschert hatten. Doch aufgeben wollte die Band nicht. John Corabi übernahm den vakanten Posten, aber das modernere, halbgare Folgealbum war nicht gut genug, um das Vermächtnis weiter zu führen; auch kommerziell war es ein Misserfolg. Irgendwie war MÖTLEY CRÜE ohne Vince Neil nicht mehr MÖTLEY CRÜE. Klar, das Album war nicht mehr wild, aber es hatte auch keine Hits, und die Grunge-Welle hatte die Musikszene umgekrempelt. Das MÖTLEY CRÜE versuchte, den Sound auch in diese Richtung zu lenken, machte alles nur schlimmer. War das das Ende? Zumal man klar feststellen muss, dass das 1993 erschienene Soloalbum von Sänger Vince Neil deutlich besser war und einen ganz anderen Drive an den Tag legte.

Ach was, man kann sich immer wieder zusammenfinden. Vince kehrte zurück und man veröffentlichte "Generation Swine", aber ich bin wahrscheinlich einer der wenigen, die dem Album etwas abgewinnen konnte. Kommerziell auch ein Rohrkrepierer, klang es nicht nach dem erhofften Neuanfang. Dann ging Tommy Lee, doch die Band machte weiter mit "New Tattoo". Hey, und jetzt gab es wieder sehr ordentliche Lieder mit coolen Chören, die Jungs konnten es noch! Da Lee nun nicht der brillanteste Drummer der Welt war, war sein Ausstieg für mich kein Weltuntergang. Doch wie es scheint, ist die CRÜE nur in Originalbesetzung wirklich THE CRÜE. So war es kaum verwunderlich, dass die Musiker alle irgendwelche neue Projekte starteten, sei es SIXXAM, METHOD OF MAYHEM oder BRIDES OF DESTRUCTION. Neil machte Shows im TV, und Mick Mars, der von Jugend an einer schweren Wirbelsäulenkrankheit litt, kümmerte sich um seine Gesundheit. Schluss, Ende, aus. Das war zu dem Zeitpunkt absolut nachzuvollziehen, löste auch nur leichte Trauer aus.

Trotzdem war auch das nicht das endgültige Ende. Denn abermals fand sich die Band zusammen, wenngleich diese Reunion wenig Schlagzeilen im Vergleich zu dem großen Erfolg, den MÖTLEY CRÜE in den Achtzigern hatte, produzierte. Zu diesem Zeitpunkt war die Band ein gefragter Live-Act, mehr als sie mit Studiowerken auf sich aufmerksam machen konnte. Aus der Reunion-Tour resultierte ein Best Of-Album, das den Fans mit drei neuen Songs das Geld aus der Tasche zog. Nur war das berechtigt, denn 'If I Die Tomorrow' war der beste Song der Band seit fünfzehn Jahren, und auch 'Sick Love Song' konnte stilistisch wieder an alte Zeiten anknüpfen. Die CRÜE war wieder da! Natürlich wartete ich auf neues Material, zwei Liedchen und eine Coverversion sind nun wirklich nicht genug, und da die Truppe zumindest teilweise zum alten Sound zurückgekehrt war, wollte ich mehr davon. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, und ein "Shout At The Devil 2" traute ich den Jungs schon zu, weil sie sicher mittlerweile wussten, was ihr Erfolgsrezept gewesen war.

Als wäre ich erhört worden, schlug "Saints Of Los Angeles" ein! Nicht nur waren die kurzen, knackigen Songs zurück, sondern endlich gab es mal wieder eine richtige Hymne in Form des Titelsongs. Ich war bereit, den ganzen Schmonzes zu vergessen und finde noch heute, dass das letzte Studioalbum nach den beiden ersten Alben ihr bestes ist. Ja, besser als "Dr. Feelgood", weil es nicht so geschliffen klingt. Mit Tracks wie 'Welcome To The Machine' war auch die alte Wildheit zurück und der Glam über Bord geworfen. Hey, das hier ist der Nachfolger von "Shout At The Devil"! Die Band war wieder da, und ich war wieder dabei!

Als MÖTLEY CRÜE vor einiger Zeit ankündigte, dass sie nur noch eine Welttournee unternehmen würden, um sich von uns allen zu verabschieden, war klar, dass ich sie noch einmal würde sehen müssen. Im angemessenen Rahmen der Hanns-Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart heizte die Band mir nochmal richtig ein, mit der mittlerweile legendären Show, mit Songs von allen Alben, die die Band in Originalbesetzung eingezimmert hatte, und mit Freude am Spiel. The Final Tour. Hatten sie das nicht schon einmal gesagt? Hey, seien wir ehrlich: Die kommen wieder. Auf dem einen oder anderen Festival, und Tommy Lee hat ja schon nicht ausgeschlossen, dass sie auch noch den einen oder anderen Song zusammen aufnehmen würden. Möglicherweise. Aber das ist mir egal, ich lasse mich auch gerne mehrfach zu einer letzten, ja, absolut allerletzten Tour bitten, und ich werde auch weiterhin ohne Bitterkeit neue Musik von meiner CRÜE empfangen. Doch sollte es nicht so sein, und das war tatsächlich die letzte Tour, und MÖTLEY CRÜE ist nach Abschluss der Rundreise nicht mehr, dann sage ich es mal so: War super, Jungs. Ihr wart cool und habt ein paar unsterbliche Hymnen geschrieben und mehrere absolute Klassiker-Alben. Eine Band, die sich "Too Fast For Love" und "Shout At The Devil" auf ihre Fahne schreiben kann, hat einen ewigen Platz in der Metalgeschichte verdient. Danke!

Redakteur:
Frank Jaeger

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