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(F)Ansicht - Holger Andrae über PSYCHOTIC WALTZ

18.02.2020 | 17:03

Wenn ein Fan 24 Jahre auf ein neues Album seiner Lieblingsband warten muss, was passiert da? Wir sprachen mit unserem Redaktionskollegen Holger Andrae darüber und gruben ein paar Anekdötchen aus der Anfangszeit aus.

Wie ist es eigentlich für einen langjährigen Hardcore-Fan, wenn seine Lieblingsband nach 24 Jahren mit einem neuen Album aufschlägt? Diese Frage habe ich mir selbst natürlich gestellt, aber noch viel spannender ist es, mit Kollege und PSYCHOTIC WALTZ-Fanatiker Holger Andrae darüber zu sprechen, immerhin kennt und liebt er die Band schon seit seligen Demo-Tagen.

Wie und wann hast du denn eigentlich PSYCHOTIC WALTZ kennengelernt?

Das war 1989 auf einer damals legendären Plattenbörse in Hamburg, wo ich immer nach Neuheiten und nicht ganz legalen Tonträgern [sprich Bootlegs - PK] gesucht habe. Dort habe ich wie immer auch einen Stand von einem Herrn namens Clemens Väth besucht, der später "Just For Kicks" gegründet hat. Der kannte mich bereits und hat mir dann gleich das Demo mit den Worten "das ist genau dein Ding" in die Hand gedrückt. Also habe ich ihm zehn Mark gegeben und es mit nach Hause genommen.

Wie war dein Eindruck als das Tape dann endlich lief?

Nun, Clemens hatte natürlich Recht und es war wirklich genau mein Ding. Ich denke, das Tape lief so oft, dass sogar meine Eltern es mitsingen konnten, obwohl das natürlich so gar nicht ihre Musik war. Ab da wurde natürlich jede Info und jedes Interview in Erwartung an das erste Album aufgesogen, das dann auch irgendwann kam und alles hielt, was ich mir damals davon versprochen hatte. Natürlich musste man das Album dann in jeder möglichen Variante haben, weil ja damals die CD drei Songs mehr hatte als die LP, die hatte aber dafür das tolle Cover im Großformat.

Wann hast du PSYCHOTIC WALTZ dann zum ersten Mal live gesehen?

Das war beim Dynamo Open Air 1991. Da sind wir extra für nach Holland gefahren, um die Band zu sehen und das war dann auch auf der Festivalbühne genauso großartig wie auf Platte. Und ab da haben wir dann jede naheliegende und manchmal auch nicht so naheliegende Möglichkeit wahrgenommen, um die Band live zu sehen. Darunter dann auch der wirklich legendäre Gig im "Cult" in Werl. Das war schon einer dieser Gigs mit mehr als zwei Stunden Dauer, obwohl ja zu der Zeit nur "A Social Grace" veröffentlicht war. Da wurden dann auch schon diverse Songs von "Into The Everflow" und zudem einige Coverversionen unter anderem von BLACK SABBATH und METALLICA gespielt. Überhaupt war das ja mehr eine riesige Party, wo man zudem auch Gelegenheit hatte mal mit der Band zu sprechen. Dabei habe ich mir auch Autogramme von allen Bandmitgliedern auf mein T-Shirt malen lassen, was ich sonst wirklich nie mache. Die kann man sogar heute noch erkennen. [Stimmt. Siehe unten. - PK]

psychotic waltz

Wie oft hast du seitdem PSYCHOTIC WALTZ live gesehen?

Das kann ich so genau gar nicht sagen, aber ich glaube, das war so 22 oder 23 Mal. Da hatte man als Hamburger auch den Vorteil, dass die Band hier einfach ziemlich oft gespielt hat, weil ja das zweite und dritte Album bei Labels erschienen, die in bzw. bei Hamburg ansässig waren. Außerdem haben sie ja eine Weile sogar hier gewohnt, weil sie ihren Proberaum hier hatten und auch ein Album hier aufgenommen haben. Das war natürlich ein ziemlicher Vorteil.

War das legendäre Konzert im "Cult" denn auch das beste für dich?

Nein, das war eines auf der "Bleeding"-Tour. Ich bin nicht mehr ganz sicher, ob es die Tour 1996 oder 1997 war. Auf jeden Fall kam da die Band wegen Verkehrschaos erst nach Mitternacht in Hamburg an und erst irgendwann um halb zwei oder zwei Uhr morgens auf die Bühne. Einige von uns hatten halt ausgeharrt, weil es immer hieß, die Band sei "gleich" da. Es ging also mitten in der Nacht los und nach dem dritten Song fragte Devon, ob wir schlafen gehen wollen oder sie lieber weiterspielen sollen, bis die Bahn wieder fährt. Obwohl es in der Woche war, wollten natürlich alle, dass die Band weiterspielt und so haben die Jungs dann auch bis irgendwann nach halb fünf Uhr morgens gespielt. Ich habe dann noch etwas mit der Band gequatscht, bin dann von da aus zum Bäcker, habe in aller Ruhe gefrühstückt und Kaffee getrunken und dann von da aus zur Arbeit. Wie du dir vorstellen kannst, war da eben auch die Atmosphäre eine ganz besondere, denn wir Fans waren total aufgeputscht und dankbar. Das war wahrscheinlich für mich bis heute das beste Konzert, bei dem ich je war.

Durch solche Erlebnisse ist dann auch der persönliche Kontakt zur Band entstanden?

Ja, auch. Man kannte sich von den Konzerten, aber da die Jungs ja eine Weile hier gewohnt haben, waren sie häufiger auch mal bei mir im Laden [Holger arbeitete zu der Zeit bei der früheren, großen Musikhandelskette "WOM" - PK], zudem war ich zu der Zeit auch mit dem Labelboss von Dream Circle Records, wo "Into The Everflow" erschien, befreundet. Es war dann vor allem Dan [Rock, gt. - PK], zu dem ich schnell einen Draht hatte. Mit ihm habe ich über alles mögliche reden können, auch außerhalb der Musik. Und als sie wieder in die USA zurück sind, habe ich mit ihm auch noch Briefverkehr gehalten. Auch mit den anderen und vor allem Devon hatte ich etwas Kontakt, aber in erster Linie war es Dan. Das hat übrigens auch meinen Musikgeschmack beeinflusst, denn durch den persönlichen Kontakt habe ich mir dann Bands angehört, die Dan z.B. gehört hat. So kam ich dann beispielsweise auf KING CRIMSON oder habe mal vernünftig BLACK SABBATH gehört, wovon ich vorher nur zwei Alben kannte.

Bist du denn mit der Truppe nach dem Split in Kontakt geblieben?

Nur lose mit Devon, der ja mit DEADSOUL TRIBE immer präsent geblieben ist. Da ich 1997 noch kein Internet hatte, ist das dann einfach etwas im Sande verlaufen. Die Band ist ja auch nicht so plötzlich auseinandergebrochen, zumindest nicht so offensichtlich für uns, sondern es war ja eher so, dass dann einfach nichts mehr kam. Ich hatte da auch gar keine Erwartung, denn spätestens als Devon dann mit DEADSOUL TRIBE kam, war klar, dass da erst mal nichts mehr kommen würde.

psychotic waltz

2011 kamen dann die Reunion-Pläne und dann auch recht bald die Tour mit NEVERMORE und SYMPHONY X. Was hat das in dir ausgelöst?

Nun, erst einmal war ich überrascht, dass es diese Reunion-Pläne überhaupt gab, denn nach meinem Wissen ist das damals nicht ganz harmonisch zu Ende gegangen. Und es war schon sehr typisch für PSYCHOTIC WALTZ, dass die Band gleich erst mal auf Tour ging nach der Ankündigung und nicht direkt ins Studio und nur an einem neuen Album arbeitet. Das ist einfach eine Live-Band. Aber ja, da war ich auch gleich angefixt, obwohl ich auch da noch nicht daran geglaubt habe, dass es wirklich ein neues Album geben würde. Zumal ich ja von früher wusste, dass die Herren eher langsam denken und arbeiten und alles immer viel Zeit in Anspruch nahm.

So langsam dran glauben konnte man vielleicht als sie beim Gig in Berlin 2017, wo wir gemeinsam waren, mit 'While The Spiders Spin' einen ersten Song gespielt haben, der uns jetzt noch nicht komplett euphorisiert zurückgelassen hatte. Wie hast du das damals wahrgenommen?

Ja, du hast schon Recht, ganz euphorisiert war ich auch nicht, aber in erster Linie war ich erstmal froh, dass überhaupt ein neuer Song gespielt wurde. Mein Eindruck war, dass es eher in Richtung "Bleeding" gehen würde, also etwas grooviger und kompakter. Aber ich habe mir auch gar keine Gedanken darüber gemacht, ob diese Richtung jetzt gut ist oder nicht. Bei PSYCHOTIC WALTZ kann wahrscheinlich erst mal kommen, was will, das finde ich erst einmal gut und es würde wahrscheinlich eine ganze Weile dauern, bis ich das Gegenteil bemerken würde. Ist aber noch nicht vorgekommen.

Kurz vor Weihnachten haben wir dann als verfrühtes Weihnachtsgeschenk das Album bekommen. Was war denn dein Gefühl, als du endlich neue Musik von PSYCHOTIC WALTZ hören durftest?

Ja, als die Email kam, dass ich das jetzt hören kann, bin ich schon leicht hibbelig geworden. Ich hatte an dem Tag frei, hatte aber zu tun und wusste genau, dass ich jetzt die Musik noch nicht hören wollte, sondern mir ganz bewusst Zeit dafür nehmen wollte. Und als das etwas später an dem Tag dann so weit war, war ich schon auch nervös und habe kurz daran gedacht, dass es ja vielleicht auch nicht gut sein könnte. Aber der Gedanke war bereits nach einer Minute verflogen und ich war total gefesselt. Es folgten dann auch gleich noch drei weitere Durchgänge, was ich auch nicht so oft mache. Überhaupt habe ich das Album jetzt sicher schon 30-35 Mal gehört, was für mich wirklich sehr häufig ist. Aber es hat halt auch einen extrem großartigen Klang und ist so detailverliebt, dass ich auch jetzt noch Neues entdecke, obwohl das Werk ja recht eingängig ist.

Was hat dich am meisten überrascht?

In erster Linie, dass sie es geschafft haben nach 24 Jahren Pause diesen speziellen Vibe wieder hinzubekommen. Man hört augenblicklich, welche Band hier spielt und das fand ich schon überraschend, denn Menschen entwickeln sich ja weiter und so hätte es mich nicht gewundert, wenn etwas herausgekommen wäre, das nicht so klingt als wäre es der nächste logische Schritt nach 1996. Dass es doch so ist, lässt mich so euphorisiert zurück, dass ich zum allerersten Mal in meinem Leben acht Wochen vor Veröffentlichung ein Album vorbestellt habe.

Gibt es zum Abschluss irgendetwas was du kritisieren könntest?

Pah.

Gut, das ist Antwort genug. Danke für das Gespräch.

Redakteur:
Peter Kubaschk
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