AMON AMARTH, ARCH ENEMY, HYPOCRISY - München

16.11.2019 | 18:11

15.11.2019, Zenith

Erst dunkel, dann kraftvoll und zum Abschluss heiß.

Das ist mal ein ungewöhnliches Ereignis, denn das ich auf ein Death Metal-Konzert gehe, ist nicht an der Tagesordnung. Aber das aktuelle Tour-Package hat ja auch einiges an Melodie zu bieten und ist für meinen Geschmack ziemlich gut zusammengestellt. Wie es scheint, trifft der Dreier auch den allgemeinen Metaller-Geschmack, denn das Konzert heute abend ist ausverkauft. So mache ich mich auf den Weg nach München, um im Zenith, das ich tatsächlich erstmals besuche, ein paar Stunden Growls und fettes Riffing mit feinen Gitarrenmelodien abzufeiern. Im Vorfeld ist mein Favorit ARCH ENEMY, mal sehen, wie sich die Band schlagen wird gegen eines der Schwergewichte der Szene.

Ich bin überpünktlich losgefahren, was sich als weise Maßnahme erweist, denn ich stelle fest, dass das Zenith direkt am M.O.C. ist, wo gerade mit dem Münchner Spielwies'n eine Messe stattfindet. Dementsprechend voll sind die Straßen. Trotzdem kriege ich leicht einen Parkplatz in der Tiefgarage, wahrscheinlich ist jetzt fliegender Wechsel zwischen Messebesuchern und Headbangern, und bin früher da, als notwendig. Also schaue ich mir die Halle erstmal an. 5880 Personen ist das Fassungsvermögen der über einhundert Jahre alten Fabrikhalle, es handelt sich durchaus um eine beeindruckend große Location. In der Halle ist noch eine Garderobe, mehrere Bars und ein großer Merchandise-Stand, vielleicht sind es dadurch etwas weniger Personen Fassungsvermögen. Notwendig, aber schade, draußen laufen durchaus noch einige Ticketsuchende umher.

Ein wenig Unmut erregt die Tatsache, dass wir Fotografen uns außerhalb der Halle treffen, um dann gemeinsam in die Halle und bis in den Fotograben zu marschieren. Draußen ist es nasskalt und mit dicker Jacke ist das Fotografieren schwierig, obendrein kühlen die Objektive aus und können in der wärmeren Halle beschlagen. Da üblicherweise nur die ersten drei Lieder fotografiert werden darf, sind wir natürlich nicht so glücklich über dieses Arrangement. So hat jede Profession ihre kleinen Fallstricke. Aber unsere Angst ist unbegründet, zum einen geht es recht pünktlich rein und es bleiben noch einige Minuten, sodass Beschlagen kein Problem darstellt, zum anderen dürfen wir für die anderen Bands von innen wieder in den Fotograben gehen. Noch besser ist, dass es uns von allen Bands erlaubt ist, sogar während des ganzen Abends aus dem Publikum Fotos zu machen. Das ist ungewöhnlich, zeigt aber, dass die drei Bands und deren Management verstanden haben, dass es sowieso jede Menge Handyfotos geben wird. Warum also diejenigen, die mit ordentlicher Ausrüstung gute Fotos machen würden, nicht auch einfach Bilder schießen lassen? Diesbezüglich ein großes Lob an alle Entscheider, die uns das Leben damit viel einfacher gemacht haben. Ich hoffe, das macht Schule.

 

Jetzt aber zum ersten Teil, den dunklen. HYPOCRISY beginnt den Reigen der Rachenkranken heute abend. Ich habe die Band in diesem Jahr bereits auf dem SUMMER BREEZE für ein paar Lieder gesehen. Ich muss sagen, obwohl das ja nicht in mein traditionelles Futterspektrum passt, machen Peter Tätgren und seine Mannen immer ansprechende Konzerte und nachvollziehbare Musik mit genug Melodie, so dass ich, der ansonsten eher ein Fan von Tätgrens Schaffen mit PAIN ist, durchaus gut unterhalten bin. Die Lieder kann ich nicht alle unterscheiden, aber der regelmäßige Leser dieser Seite wird das von mir sicher nicht erwarten. Die Setliste habe ich von der Webseite setlist.fm, bei der ich auch gerne Listen der von mir besuchten Konzerte verewige. HYPOCRISY ist auf der Bühne aktiv und fesselt, allerdings empfinde ich das Licht als eintönig und vor allem sehr dunkel. Das mag auch daran liegen, dass ich Fotos mache und dadurch ein bisschen mimosenhaft reagiere, aber auch später aus dem Publikum empfinde ich das Ganze als ziemlich düster. Okay, düster passt zum Sound und als Covermodelle für die Playgirl gehen die Vier auf der Bühne vielleicht eh nicht durch. Aber trotzdem bin ich, als nach einer halben Stunde der Klassiker 'Roswell 47' ertönt, sehr zufrieden. 30 Minuten empfinde ich als eine absolut passende Spielzeit, ungefähr ab diesem Zeitpunkt beginnen Death Metal-Gigs für mich zumeist, langweilig zu werden. Ich meine zwar, das HYPOCRISY auf dem SUMMER BREEZE noch mitreißender gewesen ist, aber auch heute hat mir das Ganze gut gefallen. HYPOCRISY ist definitiv mehr als nur ein Anheizer.

Setliste: Fractured Millennium; Adjusting the Sun; Fire in the Sky; War-Path; Eraser; The Final Chapter; Roswell 47

 

Kommen wir zu kraftvoll. Nach etwa 25 Minuten Pause legt nämlich ARCH ENEMY mit der absoluten Powerfrau Alissa die Halle in Schutt und Asche. Meine Güte, was ist der Enthusiasmus und die Energie der Frontdame ansteckend. Heute in ein merkwürdiges Kostüm der Marke "Hexe trifft Batman in engem Lederbeinkleid", für das sie aber auch die passende Figur hat, gehüllt steht Alissa kaum still, springt, rennt, post und growlt dabei so mitreißend, dass ich wirklich keine Death-Metal-Band bisher gesehen habe, die den Schweden das Wasser reichen kann. Dabei erledigen die ansonsten männlichen Musiker ihren Part ebenfalls bravourös und der Sound ist außerdem sehr klar und differenziert. Dazu viel Licht, ARCH ENEMY sucht den Kontakt mit dem Publikum und will gesehen werden. Ich bin kein echter Kenner der Diskographie und besitze selbst nur die brillante "Will To Power"-Scheibe, sodass ich mich freue, dass es gleich mit 'The World Is Yours' losgeht. Zwischendurch werden ein paar ältere Songs für die Fans eingestreut, aber natürlich liegt das Hauptaugenmerk auf den letzten beiden Rundlingen. Der Tatsache, dass man als zweite Band heute etwas mehr als 50 Minuten Zeit hat, ist wohl das Fehlen von Brechern wie 'The Race' oder 'Murder Scene' geschuldet, aber auch so treibt die Band das Publikum mit zahlreichen schnellen Liedern, die von gut platzierten Midtempo-Stampfern aufgelockert werden, zu euphorischen Gefallensbekundungen. Alissa sucht auch immer die Interaktion, fordert zum Mitsingen auf, sucht den Blickkontakt, wenn sie nicht gerade wie das absolute Postergirl für Death-Metal-Posen mit ihrer Präsenz die Bühne füllt. Ich möchte die Wirkung der Band aber wirklich nicht nur auf Alissa zurückführen, hier stimmt einfach das Gesamtpaket und als die letzten Töne eines mir unbekannten Liedes mit dem nachvollziehbaren Text "One For All, All For One" verklingen, finde ich es schade, dass diese metallische Vollbedienung schon vorbei ist. ARCH ENEMY? Jederzeit gerne und in beliebiger Länge. Toll.

Setliste: The World Is Yours; War Eternal; My Apocalypse; You Will Know My Name; Ravenous; The Eagle Flies Alone; First Day in Hell; As the Pages Burn; Avalanche; Nemesis

 

Dann wird es heiß. Das heißt, erstmal wird noch ein riesiges "Berserker"-Banner gespannt, hinter dem der eigentliche Bühnenaufbau versteckt wird. Diesmal ist es ein großer Wikinger-Helm mit den üblichen Hörnern, auf deren Authentizität wir mal nicht eingehen wollen. Hier behauptet ja auch niemand, historisch unbedingt akkurat zu Werke zu gehen, beeindruckend ist das Ganze auf jeden Fall, als es nach ein bisschen 'Run To The Hills' von IRON MAIDEN zum Warmsingen losgeht. Zu dem Riesenhelm sieht man zwei eingebaute LED-Wände und Pyros. Eine Menge Pyros. Eigentlich brennt dauernd irgendwas, neben Flammenwerfern auch mal riesige Runen, und wenn mal gerade nicht für Hitze gesorgt wird, gibt es ja noch Nebelmaschinen. Dazu wird aber auch nicht mit Licht gegeizt, sodass der Auftritt akustisch wie visuell stark ausfällt. "Wollt ihr eine Party wie 793?" fragt Sänger Johan Hegg und macht seine Ansagen teilweise in deutscher Sprache. Natürlich erntet er von dem gut angeheizten und AMON AMARTH-treuen Publikum lauthals Unterstützung und lässt dann mit seinen ebenfalls sehr aktiven Musikern eine beachtliche Show vom Stapel. Auch hier tue ich mich mit den Songs schwer, womit ich allerdings eine absolute Ausnahme bin, erkenne aber immer wieder einzelne Stücke, auch weil der Sound ebenfalls sehr gut ist. Nicht ganz so klar wie zuvor, aber der Sound der headlinenden Schweden ist auch dreckiger, roher, als der eher technische Stil der Vorband. Auch die neuen Lieder, von denen mit 'Fafner's Gold' und 'Crack the Sky' zwei mitten im Set platziert sind, passen sich gut in das Set ein und bedeuten keinen Stimmungsabfall. Dass 'Shield Wall' laut mitgesungen wird, ist selbstverständlich. Dann kommt eine Klassikerriege und plötzlich ist schon Zugabenzeit! Noch zwei Lieder und der Spuk ist vorbei.

Setliste: Raven's Flight; Runes to My Memory; Death in Fire; Deceiver of the Gods; First Kill; Fafner's Gold; Crack the Sky; The Way of Vikings; Prediction of Warfare; Shield Wall; Guardians of Asgaard; Raise Your Horns; Zugabe: The Pursuit of Vikings; Twilight of the Thunder God

 

Nein, natürlich werde ich jetzt nicht in das Lager der Halskrankenfraktion wechseln, aber trotzdem komme ich nicht umhin, diese Tour ausdrücklich zu empfehlen. AMON AMARTH habe ich dreimal gesehen und meine, dass hier eine echte Headliner-Band unterwegs ist, die auch das Zeug zum Topact der Sommerfestivals hat. ARCH ENEMY ist für mich das Beste, was der Death-Bereich zu bieten hat, und HYPOCRISY ist ebenfalls ein sehr ordentlicher Anheizer. Diese Tour sollte man sich nicht entgehen lassen, falls man noch ein Ticket bekommt, denn es sind schon einige Termine ausverkauft. Ich ringe gerade mit mir, ob ich nicht heute nochmal rasch nach Ludwigsburg düsen soll, da findet das Spektakel eine neue Auflage...

Redakteur:
Frank Jaeger

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