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ANTHRAX / PRONG - München

20.06.2003 | 12:53

18.06.2003, New Backstage

Es gibt Bands, deren Qualitäten man zwar durchaus schätzt, die man aber trotzdem nie ins Abendgebet einschließt, weil sie wohl eine Menge guter Alben, aber kaum einmal den absoluten Kracher veröffentlicht haben. Zu dieser Kategorie zählten für den Verfasser bis dato ANTHRAX: lediglich eine richtige Killer-Scheibe, nämlich "Spreading The Disease" (darin gehe ich nur allzu gerne mit dem geschätzten Redaktionskollegen Herbert konform), ansonsten zwar gelungene Alben zuhauf, die aber jeweils nur einige wenige echte Knaller enthielten. Allerdings ergibt auch dies in der Summe einen enormen Fundus an angehenden Klassikern bzw. bereits in diesen Stand erhobenen Songs, ergo konnte ich mich dann doch mal dazu durchringen, mir die Ostküsten-Thrasher live on stage zu geben. Zumal auch das Vorprogramm, namentlich in Form von PRONG, alles andere als von Pappe war.

Hui, lange Vorrede, da müssen wir den Bericht über den Opener, AFTER ALL aus Belgien, entsprechend kürzen. Fällt mir aber nicht schwer, denn ich hab sie nicht gesehen. Ob ich dabei was verpasst hab? Kann ich irgendwie schlecht beurteilen.

Kleine Anmerkung an dieser Stelle: obwohl durchaus als Stammgast -zumindest bei Konzerten- des alten Backstage zu bezeichnen, schaffte es der Autor am Vorabend von Happy Cadaver nach gut einem Jahr des Bestehens erstmals, im New Backstage aufzulaufen. Reife Leistung, oder? Man wird halt nicht jünger, harrharr.
Und wo wir schon beim Thema Backstage, Version 2.0, sind: Der Laden erreicht punktgenau den Charme seines Vorgängers, ist lediglich etwas größer und logischerweise moderner und verfügt im übrigen offensichtlich nach wie vor über das selbe, enorm begeisterungsfähige Stammpublikum wie das Ur-Backstage.

Was sich auch bei den Hardcore-meets-Metal-und-plaudert-dabei-mit-Industrial-und-Elektro-über-Noise-Experimente-Protagonisten (geile Stilbeschreibung, was?) von PRONG deutlich bemerkbar machte: Trotz etwas verhaltenen Beginns hatten Tommy Victor & Co. die ca. 600 Nasen starke Meute von Anfang an fest im Griff und ließen sich ausgiebig feiern. Verdientermaßen, denn die Band gehört zu den stilprägendsten Truppen der späten Achtziger und frühen Neunziger, das steht ganz unzweifelhaft fest.
Und spätestens, als nach ca. einer Viertelstunde der Über-Track 'Beg To Differ' erscholl, war das Publikum kaum noch zu halten, zumal sich die New Yorker mit zunehmendem Verlauf ihres Auftritts in einen wahren Rausch spielten, Tommy Victors charismatischer Gesang peu á peu eine Durchschlagskraft wie in alten Tagen erreichte und die ganz großen Kracher erst noch kamen: Knüller wie 'Snap Your Fingers, Snap Your Neck' oder 'Whose Fist Is This Anyway?' verwandelten das Auditorium -nicht zuletzt dank der extrem tighten Intonierung, wobei vor allem das roboterpräzise Dampfhammer-Drumming zu begeistern wusste- endgültig in ein Tollhaus. 50 Minuten ganz großer Krach von einer Band, die an diesem Tage Pi mal Daumen wie eine Mischung aus OOMPH! und PRO-PAIN daher kam und deren Comeback -hierfür sprach auch die Qualität der an diesem Abend vorgestellten neuen Songs- ein reinrassiger Siegeszug zu werden verspricht.

Kurzer Ausflug in den schnuckeligen Nacht-Biergarten des Backstage, die jeweils arg strapazierten Lungen -fleißig Rauchen und dabei Grölen strengt an- und Ohren -laut, laut, laut- entspannen und über der Frage brüten, warum PRONG auf 'Prove You Wrong' verzichtet haben und dann zurück, denn der Headliner des Abends ließ so lange nicht auf sich warten: ANTHRAX rockten das Haus. Und wie sie das taten, denn schon der Einstieg mit dem Brecher 'What Doesn´t Die', der Midtempo-Nummer 'Superhero' und dem unverwüstlichen "Persistence Of Time"-Mitgrölklassiker 'Got The Time' war ein Paradebeispiel für den außergewöhnlich variablen Stil der Band und ihre nach wie vor bestechende Spielfreude; unweigerliche Konsequenz war eine begeistert moshende Zuschauermenge, welche das Quintett wiederum zusätzlich anspornte.
Die Herren Bello und Ian posten, kasperten und zappelten in ihrem Alter völlig unangemessener Manier -gut so!- herum, der sträflich unterbewertete Ausnahme-Schlagwerker Charlie Benante trommelte wie ein Berserker und der außergewöhnlich charismatische Weltklasse-Frontmann John Bush verblüffte nicht nur mit seinem schier unverwüstlichen Organ, sondern wickelte die Fans zudem noch mit seinem ganz speziellen Charme um den Finger. Lediglich Neu-Klampfer und ROBBIE WILLIAMS-Lookalike Rob Cannigiano hielt sich ein bisschen zurück und konzentrierte sich darauf, die gewiss nicht unkomplizierten Parts seines Vorgängers Dan Spitz möglichst originalgetreu wiederzugeben.
An dieser Stelle ersparen wir uns langatmige Ausführungen und halten fest: Laut war´s, gut sounden tat´s und ein bisschen leuchten und blinken auch, große Showelemente waren ohnehin nicht vonnöten in einer 95-minütigen Tour de Force, die den Bogen von den ganz alten ('Metal Thrashing Mad', 'Madhouse') über die gut abgehangenen (u.A. 'Among The Living,' 'Caught In A Mosh', 'N.F.L.') bis hin zu den neu(er)en Songs (z.B. 'Safe Home', 'Nobody Knows Anything', 'Only') spannte und in 'Bring The Noise'/ 'I´m The Man' / 'Indians' ein krachendes Finale fand.
In toto: grandios! Offen gestanden, hätte ich nicht erwartet, daß die New Yorker nach sovielen Jahren im -für sie mittlerweile deutlich schlechter laufenden- Geschäft mit derart ungebremstem Engagement bei der Sache sind. Und extra für den geschätzten Kollegen Peter: das liegt sicher nur an John Bush *g*

Bleibt die Frage, ob man Scott 'Not' Ian nun, speziell nach seinen Lobes- und Dankeshymnen an das Publikum, seine Ende der Achtziger getätigte Aussage nachsehen kann, wonach die deutschen Fans sinngemäß zu blöd seien, um die Texte der Band zu verstehen und deswegen bei ihm nicht hoch im Kurs stünden. Naja, wollen wir mal ein Auge zudrücken und nicht länger nachtragend sein, vermutlich brauchte Scottie, jung wie er damals noch war, einfach das Geld ;-)

Fazit: PRONG sind wieder da (und wie!), ANTHRAX haben bei mir deutlich an Boden gewonnen und das New Backstage ist genauso cooltig wie sein Vorgänger. Mahlzeit!

Redakteur:
Rainer Raithel

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