AVIAN, RAW ENSEMBLE - Ehingen

07.11.2019 | 19:16

26.10.2019, Caddy

Der schwäbische Metal-Untergrund lebt.

Das Caddy ist eine kleine, aber feine Musikkneipe mit fairen Getränkepreisen in Ehingen an der Donau, mitten in der Altstadt gelegen, und in diese Location haben heute Abend zwei regionale Untergrund-Metal-Kapellen geladen, namentlich die unter anderem vom traditionellen US-Power-Metal und klassischen Heavy Metal beeinflussten Ravensburger AVIAN und die Ulmer Thrash-Metaller RAW ENSEMBLE. Der Eintritt ist heute Abend frei und dennoch wird die Bude nicht ganz voll, ja, so verwöhnt sind die Leute heute. Doch das tut der Party keinen Abbruch, denn außer den Bands selbst und deren Anhang finden sich nach und nach doch noch einige "Externe" im Caddy ein und sorgen dafür, dass die Stimmung gut und ausgelassen ist und augenscheinlich Bands wie Zuschauer ihren Spaß am Konzertabend haben sollen.

Den Auftakt zum musikalischen Reigen geben sodann die vor gut zwei Jahren reformierten Oberschwaben-Metaller AVIAN, die heute auch ihre frisch geschlüpfte Comeback-EP feiern, die seit einigen Tagen bei der Band direkt bestellt und auch heute am Merchandise käuflich erworben werden kann. Zum Ungemach des Chronisten und Photographen ist die Bühne den ganzen Abend über in penetrant pinkes Bühnenlicht getaucht, doch das soll der Sause keinen Abbruch tun. AVIAN besteht in der neuen Inkarnation neben den beiden Gründungsmitglieder Mario Düssel (Gitarre) und Armin Pohl (Gesang) auch aus Gitarrist Chris Langhorst, Bassist Michael Sauter und Schlagzeuger Christian Kaiser, und nachdem ich das Quintett heute zum dritten Mal live sehen darf, möchte ich den Jungs definitiv eine von mal zu mal zunehmende Tightness und spielerische Souveränität attestieren. Man merkt der Band an, dass seit dem Comeback sehr viel Fleiß und Engagement ins Proben geflossen sind, und so wird heute Abend das gut 75-minütige Gesamtprogramm absolut souverän präsentiert, das im Wesentlichen aus der kompletten neuen EP, diversen Songs der ersten MCD "Welcome To The Other Side" und dem weiteren neuen Stück 'Decision Of The Apocalypse' besteht, wobei die besten Publikumsresonanzen mit besonders eingängigen Stücken wie dem flotten 'Interstellar', zu welchem die Band auch einen Videoclip gedreht hat, oder 'The New Messiah' erzielt werden, die sogar schon von einigen Anwesenden mitgesungen werden. Die Band hat offensichtlich genauso viel Freude am Konzert wie die Zuschauer und Sänger Armin präsentiert sich nicht nur gut bei Stimme, sondern auch zum Scherzen aufgelegt. Da das Publikum mit der Band sehr glücklich ist und auch die Band ihren Spaß zu haben scheint, gibt es heute sogar noch einen dicken, fetten Zugabenblock, der sage und schreibe aus drei sehr standesgemäß dargebotenen und ordentlich mitgesungenen IRON MAIDEN-Coverversionen besteht. Dafür bleibt das sonst etablierte MANILLA ROAD-Cover heute im Köcher, doch man kann nicht alles und muss auch nicht immer das Gleiche haben. Auf jeden Fall scheint mir AVIAN auf einem guten Weg zu sein und da die Truppe in den nächsten Wochen und Monaten noch etliche weitere Clubgigs nachzulegen gedenkt, unter anderem noch im November in Pforzheim (09.11.) mit GREAT AGAIN, in Weingarten (22.11.) mit DEAD SUNDAY, INSANITY INC. und ANITY, sowie in Mengen (30.11.) mit dem Newcomer-Schwergewicht MISSION IN BLACK, befindet man sich definitiv auf einen guten Weg, seine Fanbase zu vergrößern. Auch fürs nächste Jahr stehen bereits die ersten Dates und zwar am 05.01.2020 in Geislingen an der Steige und am 18.01.2020 im schwäbischen Metalmekka Balingen. Vorbeischauen ist fraglos empfehlenswert.

Setliste: Decision of the Apocalypse; Efrel - Queen of Sorn-Ellyn; Scylredi Attack; Curse Of Immortality; Dreams; Dan Legeh - The Black Citadel; Broch Tuarach; Ready Player One; Gol'gotha; Interstellar (Lost in the Void); The New Messiah // Wasted Years, The Trooper, The Evil That Men Do

Hier und jetzt im Caddy ist es jedoch Zeit für die zweite Band des Abends und für ein wenig Kontrastprogramm, denn mit den Ulmer Thrashern RAW ENSEMBLE wird das Stahlgewitter in Ehingen nochmals um ein paar Schippen heftiger. Die auch schon seit gut zehn Jahren aktive Truppe um die beiden Bandgründer Dennis (Gitarre) und Uffe (Drums) hat inzwischen mit Basser Mad (ex-R.U.DEAD? und ex-ONE PAST ZERO) und Frontmann Brecko ein so stabiles wie stilistisch vielseitiges Line-up, das sich heute Abend sehr tight und spielstark präsentiert und so mit technisch durchaus beeindruckendem extremem Thrash Metal überzeugen kann, der gekonnt den schmalen Grat zwischen Tradition und Moderne wandelt. Wo Gitarrist Dennis mit so brachialem wie klassischen Riffing der Thrash-Schule zwischen Bay Area und Teutonik die Band stilistisch einnordet, da sorgen vor allem Drummer Uffe und Frontmann Brecko dafür, dass bei RAW ENSEMBLE mit dem Schlagwort "traditioneller Thrash Metal" eben doch längst nicht alles gesagt ist. Uffes hin und wieder gnadenlso durchschlagender Hang zum Blasten gibt der Band hier und da einen merklichen Kick in Richtung Death Metal, während Breckos krasse Screams, seine Phrasierung und sein Stageacting - er steht heute meist ins Mikro versunken, die Haare im Gesicht und den Blick gesenkt ins Mikro verbissen im Publikum - die emotionale Härte moderner Death- und Hardcore-Elemente mit einbringt. Doch dann gibt es ja noch den Bassisten und zweiten Leadsänger Mad, der das Klangbild des Quartetts wieder ein gutes Stück zurück ins Feld des traditionellen Thrash Metals zieht, ist er doch in Sachen Bühnenpräsenz und Vocals so etwas wie der Prototyp des teutonischen Thrash-Berserkers, mit grollenden, brachialen Vocals, seinem Namen gerecht werdender irrer Gestik und Mimik, dazu abgedrehtem Bassspiel und schicht charismatischem Auftreten. Gerade das Zusammenspiel und der Wechsel im Gesang zwischen Mad und Brecko macht - neben der rundum überzeugenden instrumentalen Urgewalt - einen großen Teil des Reizes der Band aus und sorgt dafür, dass RAW ENSEMBLE deutlich mehr ist als nur eine weitere generische Thrash Band. Das sieht auch das Publikum im Caddy so, denn selbst wer stilistisch nicht zu hundert Prozent auf den eigenwilligen Stil der Gruppe abfährt, kommt heute nicht umhin, der Band gehobene Klasse zu attestieren. Die meisten Anwesenden haben mit den Ulmern jedenfalls viel Spaß und finden Gefallen am gut einstündigen Set, das zwar unter Ausschluss des Debüts aber dennoch stimmig aus den Songs des Zweitwerks "Suffer Well" und unveröffentlichten Stücken kombiniert ist, da dieses Material den aktuellen Stil der Band natürlich besser repräsentiert als das Debüt.

Setliste: Discontented; Psychomorph; Intensify Your Maze; Killing Polite; Neither Nor; New Love; Weakness And Fear; Apocalypse; 5th Dimension; Endeavour In Vain; Outlaw Killers

Ja, so endet dann auch ein toller Abend im engen, heißen und verrauchten Caddy, und als zum Abschluss ganz klassischer der Schuppen den Zylinderhut herum gehen lässt, um Spenden einzusammeln, geben auch viele Leute bereitwillig etwas mehr als einen Groschen. Auch wenn wir von Herzen jeder Band und jedem Club Eintrittsgelder und Auftrittsgagen gönnen, so ist dieses Konzept des Clubgigs doch irgendwie besonders schön. Selten hat man ein so gutes Gefühl, wirklich eng dran an der Musik und mitten drin zu sein. Daher geht unser Dank an dieser Stelle an das Team vom Caddy in Ehingen und natürlich an die Jungs von RAW ENSEMBLE und AVIAN, die diese saucoolen Konzertabend für uns alle ermöglicht haben. Unterstützt so viel Enthusiasmus, wenn ihr könnt!

Redakteur:
Rüdiger Stehle

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