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Amorphis (Listening Session) - Donzdorf

22.06.2007 | 15:36

19.05.2007, NB-Center

Wieder einmal rief Donzdorf, Heimatort von Nuclear Blast, Musikjournalisten aus ganz Europa zusammen, um ihnen ein paar feine Scheibchen vorab vorzustellen. Diesmal ging es um die Finnen aus Helsinki, AMORPHIS. Nachdem "Eclipse" wieder mit einem neuen Sänger und dem lange Zeit verschollenen Growlgesang überraschen konnte, ist die Neugier auf den Neuling "Silent Waters" entsprechend groß. Thematisch ist wieder das Kalevala dran, das finnische Nationalepos, das auch dem Durchbruch von AMORPHIS, "Tales From The Thousand Lakes", als Textvorlage diente. Was auf jeden Fall gleich geblieben ist, ist der Sound des Vorgängers. Wie auch bei "Eclipse" war dasselbe Team am Werkeln und die bei AMORPHIS doch recht häufigen Besetzungswechsel haben nicht stattgefunden. Sowohl der Growlgesang als auch der gute Sound ist geblieben. Aber genug der Vorrede, widmen wir uns dem Songmaterial.

Weaving The Incantation

Gleich zu Beginn des Songs wird man mit einer guten Growlportion empfangen, die Gitarren gehen nach vorne, bevor nach etwas abgeschwächtem Gegrunze zu einem herrlich ruhigen Part übergegangen wird, der von weiblichen Stimmen untermalt ist. Als Refrain gibt es einen unheimlich epischen und eingängigen Part, wo sich Grunz- und Cleangesang herrlich duellieren. Besonders das Break präsentiert eine unglaublich folkige Atmosphäre, die die geniale Stimmung des Refrains noch unterstreicht.

A Servant

Mit flotten Gitarren beginnt einer der potentiellen Hits des Albums. Noch mit Growls ausgestattet, schwingt eine Melodie mit, die sich herrlich pfeifen und genießen lässt. Herrlich schnell und beschwingt geht es dann in einen Refrain mit Cleangesang über, der nicht nur sehr hymnisch, sondern auch sehr folkloristisch klingt.

Silent Waters

Das simple 'Silent Waters' beginnt mit einem ruhigen Klavierintro, das sich langsam steigert, aber trotzdem ruhig bleibt. Die Growls bleiben verständlicherweise außen vor, um dem verträumten Song die Luft zum Atmen zu lassen. Garniert mit einigen guten Soli und einem schönen Finale bringt das Titelstück gut zum Ausdruck, wofür das Album steht: gute Melodien, Atmosphäre und eine gute Portion Düsternis. Vor allem der Refrain wird nach mehreren Durchläufen garantiert zum Liebling.

Towards And Against

Der Einstieg beginnt mit einem kleinen elektronischen Rhythmus, der relativ bald von einer Gitarre unterlegt wird. Wenig später steigt das Tempo, auch Growls kommen hinzu, bevor es dann härter wird und stärker groovt. Wenig später setzen Geigen dezent im Hintergrund ein, und alles explodiert in einem wahrlich göttlichen Refrain. Gegen Ende bietet der Song auch ein fantastisches Finale, das zu überzeugen weiß. Nach mehreren Durchläufen garantiert einer der Hits des Albums.

I Of Crimson Blood

Mein absoluter Liebling auf der Platte. Göttliche Melodie, gelungener Aufbau und ein Refrain, der wirklich Kraft gibt und pure Erhabenheit aufweist. Begonnen wird mit einem Klavierintro, dem wenig später die Akustikgitarre folgt. Der Gesangspart ist hier wieder ausschließlich clean, was vor allem im großartigen Refrain, in dem sich dezentes Growlen in die Stimme mischt, sehr gut zur Geltung kommt. Auch das Auftreten des Klaviers ist herrlich in den Song integriert und macht ihn sowohl verträumt als auch episch. Ein Song, der beim ersten Hören offene Münder hinterlassen kann und auf Konzerten bestimmt abräumt.

Her Alone

Die Ballade des Albums. Ruhige, folkige Gitarren bilden zusammen mit langsamem, melancholischem Gesang einen guten Einstieg. Der Refrain bezaubert mit Epik und einer deutlich spürbaren Sehnsucht. Gegen Ende steigt wieder weiblicher Gesang mit ins Boot und gibt dem Song etwas Geheimnisvolles.

Enigma

'Enigma' präsentiert sich als faustdicke Überraschung, da für die Aufnahmen des Songs der Stecker gezogen wurde. So gibt es ein reines Akustikstück zu hören, das mit Klavier, Gitarre und einem zauberhaften Gesang glänzen kann. Teilweise erinnert das Ganze an SENTENCED, und wie viele Songs des Albums versteht es auch dieser Song hervorragend, eine richtig folkloristische Atmosphäre zu verbreiten.

Shaman

Ein weiterer potentieller Hit. Eingestiegen wird wieder mit einer ruhigen Gitarre, bevor das Ganze Fahrt aufnimmt und die herrliche Stimmung verbreitet, die das Album ausmacht. Zur Stimmungserzeugung dient unter anderem ein dezenter Hintergrundchor, Trommel- und Flötentöne und Klavier. Vor allem die vielen nachvollziehbaren Tempowechsel geben dem Stück etwas Besonderes.

The White Swan

Nach längerer Auszeit übernehmen die Growls wieder einen Teil des Gesangs, was vor allem dem unheimlich ohrwurmtauglichen Refrain guttut. Der Song ist teilweise ziemlich vorhersehbar und einfach, gefällt aber trotzdem oder gerade deswegen. Wenn man Vorschläge für die nächste Single abgeben dürfte, so wäre dieser Song meine Vermutung.

Black River

Zum Abschluss gibt es noch eine Portion Gänsehaut. Eingeleitet mit ruhigem Klavier und Gitarren, gibt es einen Sprechpart, der sich langsam aufbaut und vor allem den Instrumenten viel Platz zum Austoben bietet. Ein angenehmer Abschluss eines Albums, das einen schnell in ein Wechselbad der Gefühle stoßen kann.

Meiner Meinung nach haben AMORPHIS ein Meisterwerk abgeliefert, das vor allem nach mehreren Durchläufen leicht süchtig machen kann, da es nicht nur abseits der Songspur eine Menge zu entdecken gibt, sondern auch, weil hier sehr unterschiedliche Stimmungen beschworen werden - seien es Melancholie, Erhabenheit oder Aggressivität. AMORPHIS schaffen es perfekt, die entsprechende Saite im Körper anzuschlagen. Dazu kommen noch Melodien, die teilweise so schön sind, dass der Wunsch einer Repeat-Taste während der Listening Session geradezu unglaublich stark wurde. Und auch für kommende Live-Situationen haben sich AMORPHIS vor allem mit den Stücken 'I Of Crimson Blood' und 'Enigma' einen absoluten Gefallen erwiesen. Wenn sich die Truppe Ende Oktober mit SWALLOW THE SUN auf die Socken macht, können sie sich sicher sein, vor einem begeisterten Publikum zu spielen.

Redakteur:
Lars Strutz

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