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BLUE ÖYSTER CULT und QUEENSRYCHE - Köln

06.07.2017 | 21:14

21.06.2017, Live Music Hall

BÖC hat ein Heimspiel in Köln.

45 Jahre nach ihrem ersten, selbstbetitelten Album bequemte sich der BLUE ÖYSTER CULT zu einer kleinen Jubiläumstour durch die alte Welt. Der einzige Auftritt dieser Tournee in Deutschland fand am 21.06.2017 in der Live Music Hall in Köln statt.

Doch zunächst gehörte die Bühne einer anderen Band. Bereits in meiner Kindheit hatte ich mir den Begriff "Lieblingsband" abgewöhnt, weil immer wieder interessante Dinge in der Musik zu entdecken waren. Doch in den 90ern war ich wegen QUEENSRYCHE kurz davor, dieses Wort wieder in den Mund zu nehmen. Aber dann folgte der Totalabsturz "Hear In The Now Frontier", die nur relative Erholung "Q2K", "Live Evolution" als Dokument des Niedergangs einer einst großen Liveband, dann die geballte Ladung Langeweile "Tribe", schließlich die Selbstdemontage "Operation: Mindcrime II". Damit war meine Geduld erschöpft, und ich kaufte keine CD der Truppe mehr, auch nicht die beiden letzten, die durchweg gute Kritiken erhielten. Und nun sah ich sie live wieder. Die Band, die einst als Headliner große Hallen füllte, muss mittlerweile als Vorgruppe neu um Anerkennung kämpfen. In Köln sollte sie ihre Chance nutzen.

Der Auftritt beginnt mit 'Eye 9' von der aktuellen Studioscheibe "Condition Hüman", gefolgt von 'I Don't Believe In Love'. Wie groß die Verunsicherung ist, merkt man daran, dass diese hochemotionale Hymne, die früher begeistert abgefeiert wurde, nur zurückhaltenden Applaus erntet. Aber die Band kämpft mit neueren und vor allem älteren Stücken weiter um das Publikum. Vor allem Sänger Todd La Torre wandert von einem Bühnenende zum anderen und treibt die Zuschauer immer wieder an. Die übrigen Bandmitglieder bleiben meist auf ihren einmal eingenommenen Plätzen, nur Gitarrist Parker Lundgren begibt sich regelmäßig für die Doppellead-Passagen neben seinen Axtkollegen Michael Wilton. Es ist spürbar, wie sich das Publikum immer mehr auf die Band einlässt, und spätestens als der Frontmann 'Take Hold Of The Flame' vom Debütalbum "The Warning" ankündigt, ist das Eis gebrochen. Die Zuschauer singen mit, Fäuste wippen im Takt der Riffs, und am Ende gibt es großen Jubel, der sich noch steigert, als 'Queen Of The Reich' von der EP nachgelegt wird. Jetzt herrscht fast wieder die Stimmung, wie sie bei Konzerten in besseren Tagen der Gruppe üblich war. Leider muss man beim Gesang wie bei den Gitarren wahrnehmen, dass der Sound in den Höhen schwächelt, was umso irritierender ist, da später bei BÖC die Klangqualität keine Wünsche offen lassen soll. Aber das tut der Begeisterung, mit der das finale 'Eyes Of A Stranger' aufgenommen wird, keinen Abbruch. In den nur 40 Minuten des Auftritts hat QUEENSRYCHE viel Kredit wiedergewonnen. Ja, die Band hat eine zweite Chance verdient.
Setliste: Eye 9, I Don't Believe In Love, Operation Mindcrime, Guardian, Empire, Take Hold Of The Flame, Queen Of The Reich, Eyes Of A Stranger

Nach einer Umbaupause, die fast so lang wie der Gig von QUEENSRYCHE dauert, ist es endlich so weit. Die Mitglieder von BLUE ÖYSTER CULT betreten die Bühne und werden lautstark begrüßt. Ebenso wie bei einigen anderen gealterten amerikanischen Rockbands, etwa AEROSMITH, JOURNEY, REO SPEEDWAGON oder STYX, vergingen auch bei BÖC nach einem Studioalbum mal zehn Jahre oder mehr bis zum nächsten. Da auch aktuell kein neues Material in Sicht ist, konnte die Band zur Freude der Fans für die Jubiläumstour ein Greatest-Hits-Programm ankündigen, das sich ausschließlich aus den großen Zeiten der Gruppe in den 70ern und 80ern speist.

Das Publikum in Köln ist offenbar entschlossen, das Gerücht "BLUE ÖYSTER CULT war in Deutschland nie so ganz groß" endgültig zu widerlegen. Gleich beim Einstand 'Stairway To The Stars' wird der Chorus lautstark mitgesungen. Anschließend schmettert die ganze Halle den Eingangschor des fantastischen 'Golden Age Of Leather' und begleitet kennerhaft alle Wendungen und Soli dieses aufwendigen Stückes. Neben den Gründungsmitgliedern Eric Bloom und Buck Dharma Roeser steht ein weiterer alter Bekannter auf der Bühne: Danny Miranda, der um die Jahrtausendwende Bandmitglied war und später zum Liveaufgebot von QUEEN + PAUL RODGERS gehörte, zupft die dicken Saiten. Das folgende 'Before The Kiss, A Redcap', das eine Reihe Songs von der Debüt-LP einleitet, veredeln er und Buck Dharma mit seiner berühmten Schweizer-Käse-Gitarre durch zusätzliche Soli. Das erste Album wird in der heutigen Setlist das am stärksten vertretene sein.

Das kundige und textsichere Publikum feiert Klassiker wie 'Burnin' For You', 'Black Blade' oder 'ME 262' frenetisch ab und singt auch weniger bekannte Titel, die man nicht unbedingt im Liveprogramm erwartet hätte, mit. Jedes Stück wird mit donnerndem Beifall und großem Jubel aufgenommen, und wenn etwa ein Instrumentenwechsel zwischen zwei Liedern etwas länger dauert, branden "BÖC"-Sprechchöre auf. BLUE ÖYSTER CULT ist heute in hervorragender Spiellaune und verrockt auch das leicht poppige, 80er-typische 'Dancin' In The Ruins' - als Vertreter der "Club Ninja" übrigens das jüngste Stück des Abends. Als wahrer Glücksgriff für die Band hat sich Richie Castellano erwiesen. Er wechselt sich mit Eric Bloom an den Tasten ab oder beteiligt sich bei den härteren Nummern an dem berühmten Drei-Gitarren-Sound. Seinen großen Auftritt hat er, als einer meiner Herzenswünsche erfüllt wird. Der BLUE ÖYSTER CULT zelebriert 'Then Came The Last Days Of May' über zehn Minuten lang, und Mr. Castellano und Buck Dharma feuern je ein ellenlanges Solo ab, die beide mit Szenenapplaus honoriert werden.

An ihren verstorbenen Mitgründer Allen Lanier erinnert die Gruppe mit 'True Confessions' von "Agents Of Fortune", das der Geehrte nicht nur geschrieben, sondern als einziges Stück auch gesungen hat. Allmählich biegt das Konzert mit dem von der ganzen Live Music Hall mitgesungenen Knaller 'Godzilla' in die Zielgerade. Nach einem Solospot von Mr. Roeser endet der Auftritt selbstverständlich mit der Hymne '(Don't Fear) The Reaper', das um eine weiteres Solo und einen Jampart ausgebaut worden ist. Die Zugabe fällt mit 'Cities on Flame', dem obligatorischen Konzertfavoriten der ersten Stunde, zwar leider knapp aus, aber die hochzufriedenen Fans in Köln verabschieden BLUE ÖYSTER CULT nach zwei Stunden mit tosendem Jubel von der Bühne. Jetzt tut's denen bestimmt leid, dass sie nur eine Show in Deutschland gespielt haben.

Das war eines der zehn besten Konzerte meines Lebens.

Setlist: Stairway To The Stars, Golden Age Of Leather, Before The Kiss-A Redcap, Screams, She's As Beautiful As A Foot, Burnin' For You, I Love The Night, Black Blade, ME 262, Dancin' in the Ruins, Then Came The Last Days Of May, The Vigil, True Confessions, Tattoo Vampire, Godzilla, Buck Dharma Gitarrensolo / (Don't Fear) The Reaper, Zugabe: Cities On Flame With Rock And Roll

Redakteur:
Stefan Kayser

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