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CELLAR DARLING, FOREVER STILL und OCEANS - München

01.11.2019 | 18:51

23.10.2019, Backstage Club

Die Kleinen sind immer die Größten!

Ich mag diese kleinen Konzerte. Man kann die Bands völlig frei von allen Seiten betrachten, man ist nah an den Musikern dran und mit etwas Glück huschen sie sogar durchs Publikum. Auf das heutige habe ich mich besonders gefreut, denn endlich sehe ich Anna Murphy mal live. Dass ich die Schweizerin als eine der derzeit interessantesten Musikerinnen im progressiven Bereich betrachte, dürfte hier kein Geheimnis mehr sein. Ob Mundart-Folk (FRÄNKMÜNDT), Prog (NUCLEUS TORN), Experimental Rock (LETHE) oder solo im Singer-Songwriter Gewand, Musik mit ihrer Beteiligung ist immer etwas Besonderes. Seit 2017 hat Anna, die Frau mit der Drehleier, nun endlich eine eigene, feste Band. Zusammen mit anderen ex-ELUVEITIE-Musikern formte sie CELLAR DARLING. Einer der ersten Gigs dieses Trios fand dann tatsächlich auch im Münchner Backstage statt, doch ich habe ihn leider verpasst.

Oceans - München Backstage 2019Vor CELLAR DARLING spielen aber mit FOREVER STILL und OCEANS zwei weitere tolle Bands. Der Opener OCEANS ist für mich und die meisten Anwesenden hier die große Unbekannte. Es handelt sich laut Aussage des sympathischen Sängers Timo um den erst achten Gig der Band, deren Musiker aus Berlin, Wien und Coburg stammen. OCEANS ist neu im Stall von Nuclear Blast und wird das Debüt-Album "demnächst" veröffentlichen. Und nach der halben Stunde bester Unterhaltung werde ich hier wohl meiner Finger danach ausstrecken. Denn der Mix aus ruppigem Death Metal und atmosphärischem Post Rock wirkt sehr eigenständig, vor allem weil die facettenreichen Vocals einfach sitzen. Frontmann Timo deutet an, dass man den Härtegrad der Musik ein wenig an die folgenden Bands "angepasst" habe, aber ich finde die Band gerade in den Momenten so richtig toll, wenn sie Gas gibt. Doch auch die atmosphärischen Passagen, in die man "sich fallen lassen" soll, werden bei gutem Sound sehr überzeugend dargeboten. Überraschung gelungen.

FOREVER STILL - München 2019Stichwort Überraschung: "Breathe In Colors" von FOREVER STILL ist bei mir Anfang des Jahres eingeschlagen wie eine Bombe. Allen voran Sängerin Maja Shining und ihre messerscharfen Ohrwurm-Melodien rauben mir allenthalben den Atem. Und als die Dänen dann mit 'Fight!' loslegen, bin ich sofort "on fire".

FOREVER STILL - München 2019 Doch irgendetwas stimmt nicht. Die Band ist nur zu dritt, der Bassist und zweite Bandkopf Mikkel Haastrup ist nicht auf der Bühne (Bandscheibenvorfall, wie ich später von Maja erfahre), doch Blickfang Inuuteq Kleemann hat auch tiefe Saiten auf der Gitarre. Ein wenig fehlt aber trotzdem der Druck im Sound. Und auch Sängerin Maja habe ich mir viel extrovertierter und agiler vorgestellt, oft steht sie am Rand der Bühne, entweder hinterm Keyboardturm oder sie bedient andere Instrumente wie z.B. das Themerin. Bald bemerke ich aber, dass Maja eine schwere Erkältung zu haben scheint und sichtlich davon geplagt ist. Doch das ist auch genau der Moment, als ich anfange, großen Respekt vor dieser Musikerin aufzubauen. Denn die Stimme bleibt trotz allem magisch. Die Dame ist mit voller Hingabe dabei, gibt Alles, und das beschert mir ein ums andere Mal Momente der Freude. Vor allem die Ballade 'Say Your Goodbyes' gewinnt in dieser intimen Atmosphäre noch einmal enorm an Tiefe. Und 'Breathe In Colors' ist eh einer der besten Songs dieses Jahres und bringt mich live in Ekstase, selbst wenn die aggressiven Passagen wegen der angeschlagenen Stimme clean gesungen werden und das Volumen untenrum etwas fehlt. Doch wie wird das erst, wenn alles optimal ist? Supertolle Band!

Jetzt aber CELLAR DARLING. Gespannt schaue ich zu, wie Anna und ihre Kollegen ihr Equipment vorbereiten, vor allem die Drehleier braucht viele Streicheleinheiten, die verstimmt sich wohl sehr leicht. Ich war mir bislang nicht sicher, welche Sounds auf den CELLAR DARLING-Alben diesem wundersamen Instrument zuzuordnen sind, doch dieses Konzert wird hier Klarheit schaffen.

Bei aller Liebe zu Annas Musik muss ich gestehen, dass ich mit "The Spell", dem aktuellen Konzeptalbum von CELLAR DARLING, immer noch im Gefecht bin. Und so bin ich in der ersten Hälfte des Konzerts eher neutral-interessierter Zuhörer als ein jubelnder Fanboy. Leider wirkt das Material auch live noch ein wenig zerfahren und anfangs klingt Annas Stimme sogar ein wenig schrill in meinen Ohren. Doch das schöne Querflöten-Solo in 'Death' bringt das Eis zum Schmelzen und die tirilierende Erkennungsmelodie von 'The Spell' ist auch einen Sonderapplaus wert. Doch erst nach 'Drown' wendet sich die schüchterne Musikerin erstmals ans Publikum und fragt, ob man auch ältere Songs hören möchte. Na klar, Anna! Und lass Dir sagen: Hits wie 'Black Moon' oder 'Fire, Wind & Earth' vom überragenden Debüt haben zumindest bei mir mehr Steine im Brett als das allzu ernsthafte, etwas progressiv verkünstelte "The Spell"-Material. Auch 'Six Days' und der überraschende Schlusssong 'Redemption' von "This Is The Sound" sind überragend vorgetragen. Hier stimmt einfach das Verhältnis von Anspruch und Herz, ich bekomme Gänsehaut! Und die kleine Menge fordert lautstark Zugaben.

Hier sorgt CELLAR DARLING nun für eine faustdicke Überraschung, denn man covert die Uncoverbaren: QUEENS 'The Prophet's Song' wird in einer völlig in einen CELLAR DARLING-Track verwandelten Version dargeboten. Vor allem den Mittelteil mit den Echoeffekten meistert Anna mit einer beeindruckenden künstlerischen Bravour. Wow! Der größte Moment ist allerdings, als sie sich in einer herzerwärmenden Art beim Publikum fürs Kommen bedankt, dafür dass es Menschen gibt, die an einem Wochentag einen Abend opfern, um so etwas Schönes unterstützen und sich dann so offen und begeistert von der Musik zeigen. Sie lädt jeden ein, später am Merch-Stand mit der Band Kontakt aufzunehmen.

Dort steht auch schon Maja Shining von FOREVER STILL, die eigentlich ins Bett gehört, aber den Fans trotzdem brav Rede und Antwort steht und sich über jede positive Resonanz zu ihrer Musik wie eine Schneekönigin freut. Ich nehme ihr eine CD ab, packe noch eine LETHE und die Deluxe-Variante von CELLAR DARLINGS "The Spell" ein und gehe glücklich nach Hause.

Ich danke Nico Müller für die Fotos!

Setliste: Pain, Death, Love, The Spell, Insomnia, Freeze, Drown, Black Moon, Starcrusher, Fire, Wind And Death, Six Days, Redemption; Zugaben: The Prophet's Song (QUEEN-Cover), Avalanche

Redakteur:
Thomas Becker

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