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Carpathian Forest - Berlin

22.01.2005 | 04:45

20.01.2005, K17

Spiegelein, Spiegelein an der Wand, wer ist der zur Zeit verrückteste Tourtross im Land? Die Antwort fällt in diesen kalten und dunklen Tagen eindeutig aus: CARPATHIAN FOREST und Anhang haben den Wahnsinn für sich gepachtet. Das ist an diesem Donnerstagabend im Berliner K17 nicht anders. Die Verrücktheiten beginnen bei den 19 Euro für den Eintritt... Für vier Bands definitiv zu viel...

...und dann ist da noch der Irrsinn, dass die erste Band E-FORCE heißt, nirgendwo wirklich angekündigt wurde, nicht in dieses Billing passt und vor allem keinesfalls den Job als Opener "verdient" hat. Denn hinter E-FORCE steckt niemand anderes als Eric Forrest, der Ex-Sänger von VOIVOD. Musikalisch ähnlich und doch anders präsentieren sich E-FORCE. In den kurzen Augenblicken, die der Schreiber dem Treiben der Kanadier noch lauschen kann, bevor sie nach sieben Songs schon wieder packen, in dieser kurzen Zeit überzeugen sie durch gekonnt technische Breaks und mörderische Intensität. Ein Fan danach: "Völlig geil, nur wegen denen bin ich hier." Die Wertschätzung vom Publikum bekommen E-FORCE jedoch nur in Klatschform, zum Haare schütteln traut sich noch niemand vor die Bühne im kleinen Konzertsaal des 17. Dennoch grinsen die Musiker allesamt, als sie ihre Instrumente abbauen...

... vielleicht in weiser Voraussicht auf WYKKED WITCH, die den Reigen der geschminkten Bands für den restlichen Abend beginnen - ab jetzt trägt jeder Musiker schwarz-weiß im Gesicht. Bei WXKKED WITCH ist die halbdeutsch-halbtürkische Frontfrau Iper der optische Mittelpunkt auf der Bühne. Ob ihr Äußeres dabei jedem Fan im Publikum gefällt, ist jedoch eine ganz andere Frage: Die kleine Frau ist mit Corpsepaint eingeschmiert, doch trotzdem kann die Farbe schon nicht mehr die Falten im Gesicht verstecken. Da eignet sich das rote Haar besser, dass ihr wirr vom Kopf herabhängt. Der Rest ihres Körpers ist in eng anliegende Lederklamotten gepackt. Dazu schwenkt sie entweder mit einem Mikro, einem Bier oder beidem. Wenn Iper das Mikro benutzt, entweichen ihrer Kehle derbe Grunz- und Kreischvocals. Fast schockierend ist es da, als mitten im dreckigsten Black Metal-Geschredder plötzlich noch eine Art Opernstimme ertönt - ob vom Band oder live, dass ist in dieser Schrecksekunde nicht genau nachvollziehbar. Ansonsten ist die Frontfrau mit diversen Bieren mehr als beschäftigt und stößt immer wieder mit den Fans in den ersten Reihen an. Das sich bietende Bild wirkt oberflächlich schon fast wie TANKARD auf Black Metal. Nur das Keyboard stört diese Vorstellung, klingt es doch ziemlich Panne im recht rauen Sound der Band aus Florida. Doch ohne das Tasteninstrument wäre natürlich Klimperer Salvatore nicht mit auf die Tour gekommen - und keiner hätte die grausam aussehende schwarze Fleischerschürze aus Leder sehen können, in der er steckt. Auch der Rest der Band präsentiert sich originell herausgeputzt. Doch verbessern ausgefallene Frisuren und Outfits die Musik von WYKKED WITCH nicht unbedingt, vieles klingt altbacken und fast schon friedlich. Und eben Iper - eine echt grenzwertige Sängerin... Nur einem Glatzkopf vor der Bühne gefällt sie wohl wirklich, so viele Fotos schießt er von der Schreifrau. Was sich dabei in seiner Hose tut, soll an dieser Stelle nicht erörtert werden...

... viel interessanter ist da schon die Frage, warum in Deutschland eine Band wie TSJUDER nahezu unbekannt ist. Zu dritt sind sie doppelt so aggressiv, doppelt so schnell und doppelt so geil wie der Six-Pack von WYKKED WITCH. TSJUDER besitzen wie so viele norwegische Bands einen gerade zu magischen Drive, in ihren hintergründigen Melodien spiegelt sich die raue Schönheit des skandinavischen Lands wieder. Seit 1993 sind TSJUDER aktiv, schon immer halten sie an ihrem harten und kompromisslosen Stil fest. Mit Bassist Nag und Gitarrist Draugluin besitzt das Trio zudem zwei göttliche Kreischköpfe, die sich abwechselnd die Stimmbänder ruinieren. Als dann noch das BATHORY-Cover von 'Sacrifice' in rabenschwärzester Finsternis durch den Saal schallt, ist alles zu spät: Die ersten Reihen vor der Bühne moshen eh schon seit Beginn der Show und brüllen die Musiker ihrerseits an, doch nun gerät auch der Rest im Saal in Wallung. Da grinst Nag von der Bühne herunter, das geronnene Blut auf seiner Brust und sein fies schwarz-weiß geschminktes Gesicht machen aus dem Lächeln eine durchaus dämonische Geste. Musikalisch sind TSJUDER an diesem Abend nicht zu toppen...

... auch nicht von den wahren Meistern des schlechten Geschmacks, dem Sauhaufen von CARPATHIAN FOREST. Die Jungs spielen trotzdem göttlich, denn hier treffen sich Rock'n'Roll und Black Metal zu einer infernalisch-dekadenten Orgie aus Sex, Suff und anderen neckischen Drogen - der Anspruch ist einfach ein anderer als bei TSJUDER. Schon die T-Shirts, welche die vier infernalischen Boys from Uptown-Norway wieder mit nach Deutschland gebracht haben, schon diese Stücke Stoff sind der Hammer: Die weiblichen Fans dürfen ihre Rundungen mit einem Girlie bedecken, dass die Aufschrift "Daddys Little Fuckgirl" trägt. Kerle greifen zur robusten "Carpathian Mongos"-Variante. Dem Niveau der Shirts entsprechend betritt auch Hellcommander Nattefrost die Bühne im roten Samtkleidchen, Patronengurt und schweren Kriegsstiefeln. Darüber hat er sich Plastiktitten geschnürt. Und los gehts, wie Furien prügeln sich CARPATHIAN FOREST durch die jeweils recht kurzen Songs der Bandgeschichte. Die Stücke klingen allesamt simpel gestrickt, wirken aber gerade durch ihre Einfachheit und rocken wie die Hölle. Damit erinnern die Norweger irgendwie an MOTÖRHEAD auf schwarzmetallischen Drogen. Ein Rätsel bleibt dabei, wie Bassist Tchort in dieses Inferno passt, schließlich ist er gleichzeitig auch das Mastermind der irre genialen Melancholic-Progger GREEN CARNATION - für die CARAPATHIAN FOREST-Sänger Nattefrost übrigens nur Hohn und Spott übrig hat. Aber irgendwie funktioniert dieses Gespann wunderbar, auch an diesem tollen Abend. Bei Songs wie 'Black Shining Leather' tobt die Halle, fast jeder im Saal lässt die Haare kreisen. Nattefrost liefert dabei auf der Bühne jede erdenkliche Art von Posing ab, ob mit Bier, Mikro oder Kreuz. Zwei Schreie streut er immer wieder unters ausrastende Volk: "This is Rock'n'Roll" und "True Norwegian Black Metal". Wenn die restliche Welt doch auch so einfach einzuteilen wäre... solch philosophische Gedanken kommen natürlich erst lang nach der Show. Denn während des Konzerts gibt es nur heftige Lacher bei coolen Bühnenansagen der Marke: "Wir spielen nun einen Staubsauger."

Päderädddddddddddääääääääääng.
Bumm. Krach. Bumm. AAAAAAAAAAhhhhhhhhhhhhhh.

Mehr "Evil" geht nicht. Mehr Party nach einem Auftritt nur selten. CARPATHIAN FOREST, bitte werdet nie, nie, nie erwachsen!

PS: Und wer sich über politisch unkorrekte Shirts, Statements und Dekadenz aufregt: das wahre Böse lauert auf dem Heimweg ein paar Ecken weiter in Form von besoffenen Glatzen und Hooligans, die einige Fans verprügeln wollen. Zum Glück ist in diesem Fall die Berliner Polizei mehr als schnell zur Stelle und nimmt ein paar der Kunden fest. Noch ein Grund zum Feiern...

Redakteur:
Henri Kramer

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