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Carpathian Forest - Berlin

26.05.2006 | 01:17

21.05.2006, K17

Eigentlich ist es ein kleines Wunder, dass die Fans am Ende des CARPATHIAN FOREST-Gigs an diesem Sonntag in Berlin feiern. Denn die größte Enttäuschung des Abends steht schon kurz vor dem Konzert fest: Die als Vorband angekündigten KEEP OF KALESSIN fallen aus, weil Gitarrist und Mastermind Obsidian C. zusammen mit seiner "zweiten Band" SATYRICON einen Auftritt in Finnland hat. Dies stand zwar auch schon so seit Wochen auf der Homepage der grandiosen Norweger, allerdings sagen die K17-Macher, dass sie vorher extra nachgefragt hätten, ob sich dies auf das geplante Konzert in Berlin auswirken würde. Nein, hätten sie vom Tourmanagment als Antwort bekommen, der Gig würde wie geplant stattfinden...
Tut er aber nicht, trotz des vollen, regulären Eintrittspreises gibt es das fantastische neue "Armada"-Album von KEEP IF KALESSIN live nicht zu hören. Und der entstehende Imageschaden bei den Fans bleibt so am K17 hängen, obwohl der Club in diesem nur seinen Konzertsaal an einen anderen Veranstalter vermietet hatte und keinen Einfluß auf das Billing hatte. Sehr blöd gelaufen.

Musiziert wird auch. Quasi als "Ersatz" für KEEP OF KALESSIN spielen die Thüringer von PESTIS - zu dritt fabrizieren sie eine grundsolide Black-Metal-Attacke im Stile früherer IMMORTAL-Werke, ohne jedoch freilich an die Großtaten der norwegischen Epigonen heranzureichen. Für Applaus reicht es trotzdem, denn der Sound ist ordentlich räudig und grell, die schwarz-weiße Schminke des Sängers wirkt verwegen und böse. Nur die Bewegungsfreude auf der Bühne lässt noch zu wünschen übrig.

Eine noch positivere Überraschung sind HATE. Die Polen haben sich inzwischen zu einer echten Death-Metal-Kampftruppe entwickelt. Im Geiste ähnlich ihren Landsmännern von BEHEMOTH mischen HATE modernen Death- und Black Metal und haben jüngst schon mit ihrem neuen "Anaclasis - A Haunting Gospel Of Malice And Hatred"-Album für Furore im extremen Metal-Lager gesorgt. Live setzen sie die Energie dieser Scheibe genial um, jeder der vier Musiker schüttelt seine langen Haare, selbst der formidable Drummer Hexen. Zusätzlich sind bis auf den markerschütternd bellenden Sänger Adam The First Sinner (geiles Pseudonym!) alle dezent weiß im Gesicht geschminkt, was ihrem Auftritt weitere satanische Schwärze verleiht. Dazu kommen noch die überdimensionalen Skelette, die auf einem Riesenbanner hinter HATE hängen. Zusammen mit der unglaublich druckvollen und abwechslungsreichen Musik entsteht so ein großartiges Konzert, das KEEP OF KALESSINs Absage fast schon vergessen macht. Ihren Siegeszug beenden HATE standesgemäß mit einem Vier-Sekunden-Cover von NAPALM DEATH und einem tödlichen 'Postmortem' von SLAYER: "Do you want do die?" Yes, mit HATE ab nun immer.

CARPATHIAN FOREST sind anschließend erwartungsgemäß der dissonante Höhepunkt des Abends. Skandale gibt es dieses Mal keine zu vermelden, dafür lässt Frontkreischling Nattefrost interessante Einblicke in sein Trinkverhalten zu: Während der rund 90 Minuten Spielzeit lehrt er eine Flasche mit Grünem Veltiner, einem Weißwein aus Österreich. Respekt für diese Energieleistung. Rotzig kreischen kann der Fronter dennoch - oder gerade deswegen? Das spielt keine Rolle. Denn CARPATHIAN FOREST gelingt es wieder einmal, auf perfekte Weise dreckigen Rock'n'Roll mit räudigem Black-Metal-Spirit zu kombinieren. Diese Band ist nicht einmal in Ansätzen progressiv, sondern drückt ihr Material immer auf den Punkt genau und geradlinig in die Synapsen, egal ob die Songs nun 'Knokelmann' oder 'Black Shining Leather' heißen. Auch das neue "Fuck You All"-Album setzt diese Linie konsequent fort. So rocken und rocken und rocken sie: Die Fans sind begeistert und bejubeln jeden der zahlreichen "This is true Norwegian Black Metal"-Schreie von Nattefrost. Zwischendurch hält er dann auch eine Norwegen-Flagge mit einem fetten umgedrehten Kreuz in die Höhe, ebenso sein standardmäßiges umgedrehtes Kreuz, dass immer noch wirkt, als käme es direkt aus einem Baumarkt - ohne Worte. CARPATHIAN FOREST sind eben ein reiner klischeemäßiger "Poser"-Verein, aber gerade deswegen sympathisch, kultig und cool. Und mit ihrer immer perfekteren Art von fiesem Rock'n'Black sind sie in diesem Genre sowieso unschlagbar. Eigentlich der perfekte Kandidat Norwegens für den nächsten Grand Prix...

Redakteur:
Henri Kramer

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