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Chaoswave - Nürtingen

03.03.2006 | 03:12

28.02.2005, JaB

Nachdem ich von den Berliner Kollegen gehört hatte, dass CHAOSWAVEs dortiges Stelldichein nicht gerade gut besucht war, hoffte ich doch sehr, dass die schwäbische Provinz den Gästen aus Italien ein wärmeres Willkommen bereiten würde als die Hauptstadt, und das sollte auch der Fall sein: Bereits als wir um acht Uhr abends in Nürtingen ankommen, ist das Jugendhaus am Bahnhof (JaB) sehr ordentlich bevölkert und im Laufe des Abends sind es zeitweise sicher gut hundert Leute, die sich die vier Bands anschauen.

CUNTER

Den Anfang macht dabei die junge Nürtinger Truppe CUNTER, die zu ihrem Heimspiel durchaus schon ein paar Anhänger mitbringt. Wirklich weltbewegend ist das, was uns das junge Trio vorspielt natürlich noch nicht, aber positive Ansätze sind in ihrem straight rockenden Heavy Metal durchaus vorhanden, und der eine oder andere Song macht durchaus Spaß, auch wenn das Publikum sich weitestgehend noch vornehm zurück hält. Den Höhepunkt des Gigs markiert schließlich eine recht eigenwillige Version von MOTÖRHEADs 'Ace Of Spades', bei dem sich die Jungs von DARK WIRE-Schreihals Michel unterstützen lassen, der sich den ganzen Abend über in der ersten Reihe aufhält und allzeit für einen exzentrischen Gastauftritt zu haben ist. Wie gesagt, aus CUNTER könnte - trotz des etwas schrägen Bandnamens - mal was werden, wenn Gitarrist Matze und Basser Elu ihren Gesang noch etwas energischer gestalten, oder einen hauptamtlichen Sänger anheuern. Stimmlich ist das nämlich nicht unbedingt schlecht, aber irgendwie doch nicht mitreißend und kraftvoll genug. Dennoch, Perspektive ist definitiv vorhanden.

FORGOTTEN SOULS

Das Quintett aus der Nachbarstadt Kirchheim agiert musikalisch dann schon ein kleines bisschen ausgereifter und kann auch die Stimmung noch etwas mehr anheizen, was besonders Basser Marc Schmierer zu verdanken ist, der mit seinem Monsterbass erstens der Blickfang der Band ist und es zweitens mit seinen Ansagen auch schafft, die Leute ein wenig zu motivieren. Das tut auch Not, da der eigentliche Frontmann Tim Keden zwar eine bärige Death-Metal-Röhre hat, aber in punkto Bühnenpräsenz doch ein bisschen arg schüchtern rüberkommt. Wenn der Gute bei der Gestik und Mimik noch ein bisschen mehr aus sich raus gehen würde, dann würde das der Band sicher sehr gut tun, denn sowohl stimmlich wie instrumental ist bei den Kirchheimern alles im grünen Bereich. Schon vom Einstieg mit 'Dying' an, weiß ihr straighter, dynamischer Death Metal zu überzeugen, und die folgende Coverversion von SEPULTURAs 'Roots Bloody Roots' ist sogar richtig gut gelungen. Die weiteren Eigengewächse wie 'Innocent', 'Blood Vengeance' und 'Time To Hate' sind durchaus vielversprechend und auch die Neuinterpretation von HYPOCRISYs 'Destroyed' ist alles andere als übel. Als nach 'Gone Forever' schließlich Schicht im Schacht ist, vernimmt man sogar den einen oder anderen Zugaberuf, doch da noch zwei Bands anstehen, gibt's die natürlich nicht. Nach dem Gehörten finde ich, dass es an der Zeit für FORGOTTEN SOULS wäre, den nächsten Schritt der Karriereleiter zu nehmen und den metallischen Underground mal mit einem Demo zu versorgen.

Setliste:
Dying
Roots Bloody Roots (SEPULTURA-Cover)
Innocent
Destroyed (HYPOCRISY-Cover)
Blood Vengeance
Time to Hate
Gone Forever

FIREREIGN

Mit FIREREIGN entern sodann echte Lokalmatadoren des Neckargaues die Bühne, und das zeigt sich auch sehr deutlich an den Publikumsreaktionen. Schlagartig ist der Platz vor der Bühne gut gefüllt mit Zuschauern und Musikern von anderen Bands, die alle miteinander die fünf Esslinger nach Kräften anfeuern. Das Liedgut ist den Anwesenden zum Großteil schon bekannt, so dass einer standesgemäßen Metalparty nichts im Wege steht. Die Songs der spielfreudigen Truppe um Frontmann Christian Schäfer sind aber zum größten Teil auch wirklich eingängig und bei Hymnen wie dem melodischen 'Riding With The Clouds' entfaltet sich sogar schon ein gewisses Mitsingpotential. Dazu gibt es auch schnelle, hart riffende Songs wie 'Speed Junkies Heaven'. Musikalisch sind die Jungs wirklich spitze unterwegs, und besonders die Gitarristen Stefan Hezinger und Torsten Reinert lassen mal rein gar nichts anbrennen. Vor allem Torstens Soli machen immer wieder Spaß. Ich kann's jedenfalls kaum erwarten, diese Songs mal auf Platte zu hören und auch live kann man mit FIREREIGN kaum was falsch machen. Die Band hat's einfach drauf, den Leuten den Spaß am Heavy Metal zu vermitteln. So gibt es nach der Bandhymne 'Firereign' auch zu recht die verdienten Zugaberufe, denen mit dem erneut ganz ansehnlich mitgesungenen, marschierenden Stampfer 'Army Of Death' und dem harten, riffbetonten 'Firedevil' als Rausschmeißer auch ausgiebig Tribut gezollt wird.

Setliste:
Intro
Shadows Empire
Speed Junkies Heaven
Strip Up The Blade
Club Of Sins
Riding With The Clouds
Future Of Pain
Firereign
Army Of Death
Firedevil

CHAOSWAVE

Der Mut, bereits am Anfang der Karriere in Eigenregie eine kleine Europa-Tour aus dem Boden zu stampfen, kann einer Underground-Band wie CHAOSWAVE gar nicht hoch genug angerechnet werden, und deshalb ist es schön zu sehen, dass die italienischen Progressiv-Thrasher in Nürtingen endlich ein Publikum gefunden haben, das sich dankbar zeigt, und die Band im Prinzip nach allen Regeln der Kunst abfeiert. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass - wie an Wochentagen üblich - der Saal gegen Ende doch schon etwas leerer wird als zu Beginn. Vor der Bühne ist jedenfalls bis zum Ende richtig was los, und die Leute stehen nicht nur teilnahmslos herum, sondern gehen richtig mit. Die Atmosphäre im JaB ist aber auch derart familiär, dass die Band mit sichtbarer Euphorie ihre anspruchsvollen aber dennoch enorm energiegeladenen Songs zocken kann. Die vier Herren plus Dame spielen der Reihe nach alle Songs ihres tollen Debütalbums "The White Noise Within" und veredeln das wuchtige Grundgerüst ihrer Musik mit etlichen Kabinettstückchen des dänischen Wahlitalieners Henrik 'Guf' Rangstrup an der Gitarre und natürlich mit dem sehr eigenständigen Gesang des Mikro-Duos aus Giorgia Fadda und Fabio Carta. Doch auch die Rhythmusgruppe ist erstklassig. Das Schlagzeugspiel von Raphael Saini ist sehr modern und druckvoll, teilweise ein wenig vertrackt und somit stets spannend, während der großgewachsene Bassist Marco Angioni eben nicht nur den Rhythmus mitzupft, sondern seinem Instrument charakteristische Basslinien entlockt, die weit mehr zu den Songs beitragen, als nur das rhythmische Fundament.

Die Band merkt sehr schnell, dass sie in Nürtingen sehr willkommen ist, und so strahlen die Musiker schon bald übers ganze Gesicht und spielen sich in einen richtigen Rausch. Man merkt, dass die Band ihren Spaß hat, und das Publikum ist heute einfach Spitze, so dass Sänger Fabio den Leuten mit sympathischem italienischem Akzent mitteilt: "If I could speak English, I would say: Vi amo!". Ansonsten übernimmt die Ansagen und die Kommunikation vor allem Guf, und nach zwei Dritteln der regulären Setlist fragt er augenzwinkernd ob die Leute denn auch NEVERMORE kennen würden. Klar tun sie das...und 'Seven Tongues Of God' kennen sie auch. Die Band steht zu ihren Einflüssen und schafft es dazu, ihnen einen eigenen Anstrich zu verpassen, was ja kein Wunder ist, wenn statt Warrel Dane ein gemischtes Gesangsduo am Mikro zu finden ist. Es folgt der Rest des Albums, wobei vor 'Swept Away' kurz eine Pause eingelegt wird, um zu Mitternacht einer jungen Zuschauerin ein Geburtstagsständchen zu bringen, die dann auf die Bühne gebeten wird und kurz hinter Raphaels Drumkit Platz nehmen darf. Als Präsent gibt's dann die Drumsticks mit und Giorgia darf noch mal 'Swept Away' ansagen, das dann als eines der Highlights des Konzertes zu werten ist. Den Abschluss des regulären Gigs bildet das massive 'See Nothing Hear Nothing Say Nothing', das noch mal ordentlich die Matten zum Kreisen bringt.

Dann hätte eigentlich Schluss sein sollen, doch die Zugaberufe sind einfach zu laut, als dass sich unsere sardischen Freunde einfach hätten aus dem Staub machen können. Guf sagt daraufhin, dass sie gerne noch mehr Songs spielen würden, aber gar keine mehr hätten. Sein Vorschlag, eben noch mal einen der bereits gespielten Titel zu spielen findet sofort Anklang, so dass wir ein zweites Mal in den Genuss von 'Mirror' kommen. Und dann artet das Ganze zur On-Stage-Party aus: Die Band bedankt sich bei ihrem in Schwaben heimischen Landsmann Luigi für die Gastfreundschaft und bittet danach DARK WIRE-Sänger Michel auf die Bühne, um gemeinsam eine äußerst intensive Coverversion von PANTERAs 'Walk' zu zocken. Dass danach immer noch nicht Schluss sein kann, dürfte euch mittlerweile kaum überraschen. Der schlechte Besuch des Berliner Gigs hat sich natürlich bis nach Nürtingen herumgesprochen, und so lassen die 'Wir scheißen auf Berlin!'-Sprechchöre aus dem Publikum nicht lange auf sich warten, die Michel der Band freundlicherweise growlend übersetzt: 'We're shitting on Berlin!'. Henrik - fast schon ein wenig verlegen - fragt dann die noch Anwesenden, ob sie denn auch SLAYER kennen würden. Na ja, was für eine Frage! Anders wird die Sache schon, als er hinzufügt, ob denn auch jemand "Angel Of Death" wirklich gut kennt. Es wird klar, er sucht einen Freiwilligen als Gastsänger. Der findet sich schließlich in Tim Keden von FORGOTTEN SOULS, der ganz passabel eine growlende Version von Tom Araya gibt, doch dann ist wirklich Schluss. Die Veranstalter entern die Bühne, danken den Bands für die Auftritte und dem Publikum dafür, dass es bewiesen habe, dass Nürtingen die Metalhauptstadt der Republik sei.

So endet eine wirklich tolle und sehr familiäre Metalparty, bei der am Ende alle glücklich waren. Besonders CHAOSWAVE scheinen nach dem Gig sehr erleichtert und happy zu sein und stehen den Schwaben noch lange zum Gespräch zur Verfügung. So bleibt mir nur das Fazit, dass die Nürtinger Szene das optimale Pflaster für gelungene Underground-Veranstaltungen ist und deshalb ein dickes Dankeschön an alle beteiligten Bands und das JaB-Team für 'n oz kuhlá Åbád.

Setliste:
The 3rd Moment Of Madness
Indifferent
Mirror
Hate Create
The End Of Me
The Wasteland Of Days
Seven Tongues Of God (NEVERMORE-Cover)
Paint The Poed Dead
Swept Away
See Nothing, Hear Nothing, Say Nothing
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Mirror
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Walk (PANTERA-Cover)
Angel Of Death (SLAYER-Cover)

Redakteur:
Rüdiger Stehle

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