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Darkness Over X-Mas - Leipzig

14.01.2008 | 07:19

25.12.2007, Werk 2

Stille Nacht, heilige Nacht? Nicht an diesem 25. Dezember, nicht im Werk 2 zu Leipzig. Laute Nacht - unheilige Nacht ist das Moto des Abends, denn es haben sich nicht weniger als sechs Bands aus dem Metalcore und Death-Metal-Sektor angemeldet, um die angefressenen Pfunde des Weihnachtsbratens abzurocken. Neben deutschen Genre-Größen wie HEAVEN SHALL BURN und CALIBAN geben sich unter anderen auch die hoffnungsvollen schwedischen Newcomer von SONIC SYNDICATE die Ehre, so dass garantiert für krachende Riffs, donnernde Drums und jede Menge blaue Flecke gesorgt sein wird. Gegen 17 Uhr ist Einlass, und schon um die frühe Zeit wird klar, dass die Location rappelvoll werden wird, was dazu führt, dass später das schicke "Sold out"-Schild an der Kasse baumelt ... aber genug mit der Plauderei: Let's go!

Eröffnet wird der muntere Reigen gegen 18 Uhr mit einem der heißesten Aufsteigern des vergangenen Jahres: THE SORROW aus Österreich. Mit allerhand Vorschußlorbeeren (u.a. Sound-Check-Gewinner im Metal Hammer) treten sie den schweren Gang an, die fröstelnde Meute auf Betriebstemperatur zu bringen. Das gelingt im folgenden Auftritt ganz gut, denn nach dem Intro, was sehr an die Rocky Horror Picture Show erinnert, geht's gleich voll auf die Zwölf. Der Sound der Metalcoreler ist einfach nur fett und wird, soviel sei jetzt schon gesagt, das hohe Niveau über den Abend halten können. Die Songs aus ihrem vielumjubelten Debütalbum "Blessings From A Blackened Sky" bollern mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks in die Masse und laden zum ersten Moshen ein. Sänger Mathias glänzt mit einer gepflegten Mischung aus cleanen Vocals und aggressiven Geschreie sowie seiner starken Bühnenpräsenz, scheint er doch im zweiten Leben im Fitness-Studio zu hausen. Prima Beginn, der Lust auf mehr macht.

Nun waren die Death-Metaller von MISERY SPEAKS an der Reihe, wenn man so will, die einzige reine Nicht-Metalcore-Band. Das Publikum, welches zum größten Teil aus Metalcore-Freaks besteht, braucht ein paar Minuten und den Opener 'I Am Never Enough', um mit den Jungs aus Münster warm zu werden. Dann aber entlädt sich die Energie und der erste Moshpit des Abends startet. "Leipzig, wo seid ihr?" - na, im Pit! Vor allem die beiden Songs der im Januar erscheinenden Scheibe ("Catalogue Of Carnage"), 'Sentiment Is Missing' und 'To My Enemies' bringen die Hütte zum Brodeln und zeigen das Potential, was in den Jungs steckt. Abwechslung wird groß geschrieben, so dass man neben harten Blastbeats auch feine Gitarrensoli entdecken kann, die die vereinzelten älteren Semester zum Faust-in-die-Luft-strecken animieren. Starker Gig - und weiter geht's ...

Vorhang auf für SONIC SYNDICATE und damit Bühne frei für die einzige Frau on stage für diesen Abend. Dass viele nur wegen Karin sich vor der Bühne versammeln, wird deutlich, als die Schweden die Bühne entern, denn die nervigen Handykameras werden fast ausschließlich auf die Bassistin geschwenkt, welche sich allem Anschein nach ins Land der Blondinen verirrt hat. Doch zurück zur Musik: Nachdem mir die Sieger des Nuclear-Blast-Band-Contests auf dem With Full Force und dem Wacken nur streckenweise gefallen konnten, zeigten sie heute, dass sie die letzten Monate genutzt haben um an ihren Live-Auftritten zu feilen. Zwar überzeugt 'Denied' live wieder nicht, dieses Mal kann es aber auch am Fieber von Sänger Roland liegen. Doch auch der Rest der Truppe wirkte körperlich leicht angeschlagen, vor allem Karin sah man Backstage schon an, dass das letzte Jahr ziemlich geschlaucht haben muss und alle bereit für Urlaub sind. Jammern hilft nicht - rocken muss es! Und genau das tun die Schweden und liefern meinen persönlichen Auftritt des Tages ab, eben weil sie auch mal den Fuß vom Gas nehmen können und mit 'Enclave' auch mal eine griffige Ballade einwerfen können, ohne an Druck und Power zu verlieren. Die ersten Crowdsurfer schwimmen über die Meute und bescheren der Band ein wahrhaft "Very Fucking X-Mas". Das gesangliche Zusammenspiel von Roland und Richard verläuft sehr harmonisch, so dass es nicht viel zu meckern gibt. Nach 'Psychic Suicide' ist Feierabend und Zeit, sich die Beine zu verdrehen.

Nachdem wir uns im benachbarten Café ein wenig die Zeit vertrieben hatten, ist nun Zeit für den Special Guest des Abends: MAROON aus Nordhausen. Die Band, die sogar zuletzt in der Sendung Polylux in der ARD zu sehen war, um über ihren Straight-Edge-Lebensstil zu reden, legten auch gleich los wie die Feuerwehr und hauten einen Metalcore-Kracher nach dem nächsten in die angestachelte Menge. Bis zum Mischpult hat sich der Moshpit nun schon ausgebreitet. Sänger Andre ist hellauf begeistert, schreit sich die Lunge halb aus dem Leib und hält das Mikro ein ums andere Mal in den brodelnden Kessel. Dazu peitscht er das Publikum an mit Sprüchen a la "alles kaputt machen" - Ah ja ... musikalisch können mich vor allem die melodischen Parts begeistern, so dass neben den jungen Hüpfern auch die alten Hasen ihren Spaß haben. Dass Andre seinen Spaß hat, zeigt er uns, indem auf die Monitorbox steigt und einen heißen Hüftschwung präsentiert, nur leider ist die Box weniger begeistert, gibt nach, so dass der Sänger mal eben runterkippt - Ups! Sah schon irgendwie Panne aus, was soll's, die Fans sowie die Band nehmen es mit Humor und schütteln zum Abschluss des Sets mit 'Wake Up In Hell' eine kraftvolle Mitsing-, äh, Mitschrei-Nummer aus dem Ärmel. Nur leider scheint Andre der Text flöten gegangen zu sein, denn die Textzeile "Text vergessen, scheißegal" ist mir neu. Dafür brüllt die Menge umso lauter mit, so dass eine unterhaltsamer Auftritt einen humorvollen Abschluss erhält. Noch kurz ein kleines 'Creeping Death'-Riff gezockt, um den Jubel der älteren Semester abzuholen, dann war Sense.

Als vorletztes stehen CALIBAN auf dem Plan, die sich mit "Wir sind CALIBAN aus dem Pott" brav bei den letzten Unwissenden vorstellen. Mit ihrem typischen Mix aus ultrabrutalen Blastbeats, versetzt mit grunzigem sowie cleanem Gesang, bringen sie die Kids zum Ausflippen. Mich langsam nicht mehr, denn irgendwann ist dieser Sound echt ausgelutscht und jede Band versucht nur noch lauter, schneller und härter zu sein. Ob es dadurch allein besser wird, bleibt fraglich. Songs wie 'I Will Never Let You Down', 'Forsaken Horizon' oder 'My Time Has Come' führen dazu, dass der Moshpit auch die entlegendsten Winkel des Werk 2 erreicht - Stimmungstechnisch erste Sahne. Selbst die Crowdsurfer schwimmen mittlerweile schon übereinander! Als dann auch noch zur Wall of Death aufgerufen wird, hat die Heiterkeit ihren Höhepunkt erreicht. Sänger Andy ruft heute zu "300" auf - sprich Perser vs. Spartaner. Getrampel, wildes Gefauche und ab geht die Post, fast das komplette Werk 2 ähnelt einem Schlachtfeld. Oh my god ... ich verzieh mich lieber nach hinten. Was seh ich denn da? Während vorne aufs Härteste gemosht wird, tummeln sich hinten knutschende Pärchen - bei der Musik? Ich muss die Kidz ja nicht verstehen. Gegen Ende verlangen die Fans eine weitere Wall of Death, was Andy natürlich nicht ablehnt - zum passenden Titel 'Stop Running' kommt es zum wiederholten Gruppenkuscheln. Dann ist Feierabend und die ersten Reihen sammeln erst mal ihre Gliedmaßen auf. Besser ist es, denn vorbei ist der Abend ja noch lange nicht.

Denn jetzt ist es Zeit für den finalen Nackenbrecher: HEAVEN SHALL BURN aus Saalfeld im wunderschönen Thüringen machen sich auf, die letzten Zuckungen aus den geschundenen Körpern zu holen. Doch zunächst will ich meine Ohren nicht trauen - als Intro ziehen die Jungs Wolfgang Petry vom Leder. Wie geil ist das denn? Aber warum nur? Ach so: "Der Himmel brennt, die Engel flieh'n" - begriffen! Stürmisch brechen die Thüringer mit 'Voices Of The Voiceless' los, verwandeln das Publikum mit dem ersten Takt in einen kollektiven Fleischwolf. Von Müdigkeit nach diesem Marathon ist keine Spur, die Körper fliegen nur so durch das Werk 2. Sänger Marcus peitscht mit seinem aggressiven Gesang und seiner wilden Bühnenakrobatik die Menge zur Höchstleistung. Warum er dann jedoch eine Wasserflasche ziemlich unmotiviert in die hinteren Reihen werfen muss, wo sicherlich nicht jeder zur Bühne schaut, bleibt schleierhaft. Dann muss sich niemand wundern, wenn das gute Stück auch schnell wieder gen Bühne fliegt. Sei es drum - den Fans scheint es tierisch zu gefallen. Die Band, im guten alten IN-FLAMES-"Reroute To Remain"-Memorial-Outfit, nimmt die Energie auf und trampelt die Bühne in Grund und Boden. Marcus liegt teilweise fast im Publikum und schreit Songs wie 'Endzeit', 'Counterweight' oder 'Behind A Wall Of Silence' zusammen mit den Fans, so dass es nur eine Frage der Zeit sein kann, bis die Fassade der Location zu bröckeln beginnen sollte. Auch die Security scheint mit den herumfliegenden Körpern so ihre liebe Not zu haben, so dass leider mehrere Besucher unfreiwillige Bekanntschaft mit dem knapp 2000€ teuren Objektiv meines Fotografen machen. Die gute Nachricht: den Fans geht's gut - die schlechte: das Objektiv ist futsch, au backe. Damit uns die Bude nicht auch noch vollends um die Ohren fliegt, entscheiden wir uns, für heute Feierabend zu machen, während drin die Party bis nach Mitternacht weitergeht.

Härter die Glocken nie klingen - Metalcore zur Weihnachtszeit? Die beste Idee seit Erfindung des Weihnachtsbaumes! See you next year!

Redakteur:
Enrico Ahlig

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