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Die Apokalyptischen Reiter - Potsdam

20.11.2007 | 11:56

16.11.2007, Lindenpark

Die Sonne, heißer Stern: Bei den APOKALYPTISCHEN REITERN scheint sie bekanntlich aus dem Arsch. Diese strahlende Angewohnheit überträgt sich auf die Fans - und manche von ihnen wollen ihre persönliche Sonne offenbar noch nicht einmal mehr mit Unterwäsche verdunkeln. Zu solchen Theorien lässt sich am Ende des Gigs der APOKALYPTISCHEN REITER im Potsdamer Lindenpark kommen. Da wütet ein Fan inzwischen schon seit geraumer Zeit auf der Bühne umher, in der positiv-trunkenen Stimmung, die Reitermaniacs im Vollrausch so besitzen. Und als 'Die Sonne scheint' ertönt, da dreht er sich, reißt seinen Kilt hoch und präsentiert den blanken Arsch. Ein paar Mal darf das Publikum seinen Po an diesem Abend betrachten: Schließlich lassen die Musiker "den Doktor" auf ihren Fan los, Keyboarder Pest darf ihm mit seiner Peitsche den Hintern versohlen. Es sind solche Momente, in denen dien Lebensfreude im Sound der APOKALYPTISCHEN REITER fast überschäumt.

Dabei beginnt der Abend im Lindenpark noch eher verhalten. Das liegt an den zwei Vorbands: Bei ihrer diesjährigen Tour setzen die APOKALYPTISCHEN REITER weniger auf bekannte Namen denn auf den Underground, sie wollen junge Bands unterstützen. In Potsdam dürfen INGRIMM und MORBID MIND ran. INGRIMM stellen sich dabei als eine härtere Variante von Bands wie IN EXTREMO und SUBWAY TO SALLY vor - freilich, ohne deren Hitpotential zu erreichen. So klingen Songs wie das 'Vagantenlied', 'Sturm', 'Rattenstadt' oder 'Spielmann' zwar ganz nett, aber eben auch nicht so weltbewegend, dass daraus gleich Begeisterung erwächst. Zudem besitzt die klare Stimme des Sängers ein Problem: Je höher, desto schiefer. Dafür fahren die Jungs aus Süddeutschland jede Menge mittelalterliche Instrumente auf - und der witzig aussehende Frontmann Stephan trägt ein Kettenhemd und hat einen großen Sinn für theatralische Gesten. Beim Publikum kommt dieser Enthusiasmus allerdings nur teilweise an, im Lindenpark wurde schon deutlich lauter geklatscht. Die 'Letzte Reise' beschließt den Gig ohne sonderliche Tiefenwirkung. Die Potsdamer sind eben von SUBWAY TO SALLY ganz schön verwöhnt.

Bei der nächsten Band heißt es umstellen: Denn MORBID MIND beginnen mit dem Intro von MINISTRYs 'Psalm 69'-Klassiker. Kommt jetzt Industrial? Nein. Denn MORBID MIND spielen lupenreiner Metal jener Sorte, der Bands wie ANTHRAX, PANTERA oder METALLICA groß gemacht hat. In Erinnerung bleibt dabei vor allem die kraftvolle Stimme von Sänger Jonas, der auch ansonsten eine ausgezeichnete Figur auf der Bühne macht und unheimlich agil seine langen Haare schüttelt. Der Sound ist zudem recht fett, so dass die ersten Stücke 'Liberty' und 'Run' ordentlich brezeln. Allerdings verliert sich der zündende Beginn mit der Zeit ein wenig, da es die Band noch nicht gänzlich versteht, permanent Spannungsbögen aufzubauen und zu halten: Auf Dauer fehlt noch die Abwechslung. Dennoch gelingt es MORBID MIND am Ende, das Publikum bei 'Push Me Up' zu ordentlich lauten Mitsing-Chören zu bewegen. Und insofern dürfen die Berliner ihren Auftritt schon als gelungen verbuchen.

Stichwort Hauptstadt: Dass schließlich bei DIE APOKALYPTISCHEN REITER der Saal nur zur Hälfte gefüllt ist, dürfte nicht an den unbestrittenen musikalischen Qualitäten der Weimarer liegen - sondern an Hartmut und seiner Sturheit. Denn an diesem Freitag leidet der Lindenpark unter den Auswirkungen des Bahnstreiks, der ja nur deswegen so eskalierte, weil ein Konzernchef seinen wichtigsten Mitarbeitern partout nicht mehr Lohn zahlen will, mit ihrer Gewerkschaft nicht kann und auch sonst alles andere als diplomatisch agiert. Weil nun die Lokführer aber streiken, ist ab elf Uhr kein Durchkommen mehr zurück nach Berlin angekündigt: Viele Gäste bleiben wohl wegen des ungewissen Rückwegs fern. Die APOKALYPTISCHEN REITER haben trotzdem gute Laune. Warum auch nicht: Während der entspannten Vorbereitung zum Gig zeigt die Band kurz ihre kommende DVD, die zum Beispiel die Reise dokumentiert, die die Jungs jüngst für drei Konzerte nach Russland führte - wo sie empfangen wurden wie Könige. "Es war Wahnsinn", sagt Bassist Volk-Man da nur und lässt die Bilder sprechen: Eine ausrastende Masse mit einer Begeisterung, die keine Grenzen kennt. Dazu kommen noch viele andere Leckerlis, schon jetzt scheinen die APOKALYPTISCHEN REITER voll und ganz mit der Anfang kommenden Jahres erscheinenden DVD zufrieden.

Dem Publikum sagen sie davon freilich noch nichts. Dafür gibt es das gewohnte REITER-Programm, das durch den spontanen Geist der Band allerdings dann doch immer wieder neu ist. Ihre Setlist zum Beispiel scheinen sie dauernd zu verändern: Anders als noch beim Hellonion-Festival gut einen Monat zuvor spielen sie nun vermehrt ältere Songs, 'Iron Fist' ist einer der umjubelten Hits des Abends. Aber auch solche Kracher wie 'Terra Nola' oder 'Revolution' kommen zu ihren verdienten Ehren - und werden im Publikum massiv abgefeiert. Mittelpunkt ist wie immer Sänger Fuchs, dessen Energie trotz eines fetten Fingerverbands ungebrochen ist. Der Verletzung hat sich Volk-Man schuldig gemacht: Beim Fingerhakeln ist ein Knochen gebrochen, wie Fuchs dem Publikum strahlend verrät. Doch auch der Bruch hält ihn nicht ab, auf äußerst effektvolle Art Feuer zu spucken - oder später beim gewohnten Drum-Solo der Band mitzutrommeln. Auch eine Seemannsbraut findet er im Publikum: Die Auserwählte darf dafür zu Dr. Pest in den Käfig, wo sie mit Handschellen angekettet wird. Ebenso sind die allseits bekannten Riesenballons der APOKALYPTISCHEN REITER wieder am Start, allerdings nur kurz, weil das aufgeheizte Publikum sie sehr schnell und rabiat zum Platzen bringt. Und dann ist da eben der eine Fan, der nicht wieder von der Bühne will und dem Publikum ständig seinen Arsch präsentiert. Das wohl ist die vielbesungene 'Reitermania' - verrückt feiern, das Bewusstsein dabei erweitern, die Sonne aus dem Arsch scheinen lassen. Bald dürfte das noch einfacher gehen: Mit ihrem inzwischen bekanntesten Spruch erscheint in diesen Tagen die erste Unterwäsche-Kollektion der APOKALYPTISCHEN REITER. Das perfekte Weihnachtsgeschenk, oder?

Redakteur:
Henri Kramer

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