side banner 78

Disbelief (Listening Session) - Frankfurt

16.01.2007 | 11:17

24.11.2006, Studio 3R

Bei den Hausnummern in der Innenstadt kommt man leicht durcheinander, weshalb ich zuerst am Studio vorbeilaufe. (Dabei weist die "23" hinter "Regel" im Studionamen doch schon auf die Hausnummer hin. Wäre es Tag, hätte vielleicht die fette Karre von Stephan Weidner meinem Kollegen den Weg weisen können - augenzwinkernd, Carsten) Endlich finde ich den Innenhof und komme mir am Eingang vor wie bei Fort Knox. Nach dem Klingeln ertönt die Stimme von DISBELIEF-Sänger Karsten Jagger, woraufhin sich kurz darauf die massive Tür öffnet.

Das Studio befindet sich zur Zeit im Umbau, weshalb viele Kabel frei liegen und einige Steckdosen noch nicht angeschlossen sind. In der Regel werden hier die Alben von den ONKELZ gemischt, aber bei DISBELIEF hat Produzent Michael Mainx eine Ausnahme gemacht, wie er später im Smalltalk erzählt. Der Durst der noch nicht voll anwesenden Journalistenschar wird durch Bier, Softdrinks, Wasser und Säfte gestillt. Außerdem wurden diverse Knabberein, Wurst- und Käsesorten auf einem großen Tisch aufgebaut. Es fehlen zwar noch Brötchen, aber die besorgt DISBELIEF-Sänger Karsten Jagger, während wir Journalisten der Dinge, die da noch auf uns zukommen werden, harren. Ein Grund dafür ist, dass noch einige Personen, die fest zugesagt haben, noch nicht anwesend sind. Aus dem Grund geht die eigentliche Listening-Session erst zwei Stunden verspätet los.

Heute werden sieben von zehn Songs des kommenden Albums "Navigator" vorgespielt. Der Raum, in dem sich das Mischpult befindet, weist eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Deck des "Raumschiff Enterprise" auf. (Und die schwere Tür mit dem Drehschloss könnte glatt dem "Boot" entsprungen sein, was Jagger passend zum Albumtitel zum Ausruf "alle Mann an Deck!" verleitet - Anm. v. Carsten) Die Session ist in je zwei Teile aufgeteilt, in der dann jeweils vier bzw. drei Songs vorgespielt werden. Dazwischen ist eine 15- bis 20-minütige Pause angesetzt, bei der erste Feedbacks abgegeben und das Gehörte verdaut werden kann. Außerdem sollte noch erwähnt werden, dass wir zum ersten Mal den Bass bei den Aufnahmen hören werden. Gitarrist Olly Lenz hat die Band aus beruflichen Gründen verlassen, steht ihr aber bei Liveshows zur Verfügung. Peilsender auf Sturm und los gehts:

Der erste Song 'The Thought Product' ist ein typisches DISBELIEF-Groovemonster mit einem DOORS-mäßigen Anfang. Nach anderthalb Minuten kommt der Song vorerst zur Ruhe, um danach im doppelten Tempo fortzufahren. Versprüht den Anfang einer Seereise und erinnert leicht an RAMMSTEIN.

Der Titelsong 'Navigator' beginnt mit einem Drum-Intro und mündet in einen Doublebass-Kracher. Die Breaks wecken Erinnerungen an selige SEPULTURA-Zeiten ("Roots"-Phase), wobei der Unterschied darin besteht, dass der Refrain einem Mantra ähnlich wiederholt wird. Zwischendurch werden Tribal-Parts eingestreut. Bleibt allein aufgrund des Refrains im Ohr hängen.

'The One' fängt hart an, zwischendurch werden jedoch softe Parts eingeflochten. Jagger variiert seine Stimme, indem er zwischendurch gesprochene Parts ins Mikro haucht. Die Gitarrenmelodie im Hintergrund ist sehr einprägsam ausgefallen und fräst sich in alle Enden des Kleinhirns. Die Melodie weckt dabei Erinnerungen an MACHINE HEAD.

Bei 'When The Silence Is Broken' wird der klassische DISBELIEF-Sound variiert. Aber zu weit entfernen sich die Jungs doch nicht von ihren Roots, was beim Punk'n'Roll-mäßigen Anfang erstmal einen überhaupt nicht in den Sinn kommt. Danach hat man's mit einem klassichen DISBELIEF-Stampfer zu tun, wobei das Grundriff eher im Nu-Metal-Bereich angesiedelt ist. Der Beat weckt Erinnerungen an DRY KILL LOGIC und in der zweiten Songhälfte ist ein leichter PANTERA-Einschlag ('A New Level' vom "Vulgar Display Of Power"-Album) auszumachen. Könnte aber auch auf der Death-Metal-Oper von WALTARI ("Yeah!Yeah!Die!Die!") stehen.

Puh, erstmal verschnaufen. Man soll ja nicht zu euphorisch sein, aber was die ersten vier Songs angeht, so sind die Segel auf Sturm gesetzt. DISBELIEF integrieren moderne Trends, ohne sich jedoch bei gewissen Zielgruppen anbiedern zu wollen. Nach einer kurzen Stärkung und ersten Meinungen gibt's musikalischen Nachschlag:

Bei 'Sacrifice' (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen MOTÖRHEAD-Song) handelt es sich um eine Neuaufnahme. Ursprünglich stammt der Track aus dem Jahr 1999. Nach einem ruhigen Anfang folgen disharmonische Gitarrenparts, die aber dennoch zum Stimmungsbild des Songs gut passen. Könnte glatt als Vorläufer von 'Rewind It All' durchgehen, da es vom Rhythmus her ähnlich gehalten ist.

Bei 'It's Simply There' geht die Wutz ab! Mit einer ordentlichen Doublebass gesegnet, versprüht der Song einen ähnlichen Charme wie 'Digging In The Grave' von FAITH NO MORE (der sich auf dem "King For A Day, Fool For A Lifetime"-Album befindet). Wahre Rifforgien prasseln auf den Zuhörer, aber zumindest beim Refrain kommt ein Midtempo-Part zum Tragen.

Der Basslauf bei 'Between Red Lines' weckt Erinnerungen an RAGE AGAINST THE MACHINE und CREED. Den Refrain hat man gleich nach dem ersten Durchlauf intus. Hat das Zeug zum Liveknaller, da der Refrain sehr simpel dafür aber umso effektiver gehalten ist. Auch hier kommen, ähnlich wie bei 'The One', gesprochene Passagen zum Einsatz, allerdings erst im letzten Drittel des Songs.

'Passenger', 'Selected' und 'Falling Down' wurden uns heute vorenthalten, da sie zu dem Zeitpunkt noch nicht fertig gemischt waren, aber auch so kann man vorläufig ein rundum positives Fazit ziehen. Besonders die Tatsache, dass DISBELIEF wieder die Lust an schnellen Songs entdeckt haben, ist schon ein Wunder. Mal ehrlich: In erster Linie wird die Truppe für ihre groovigen Songs geliebt. Umso mehr erfreut es einen, wenn zwischendurch der Doublebassknüppel rausgeholt wird, was für mehr Abwechslung spricht. (Wurde nach zuletzt vielen Songs im Midtempo auch wirklich Zeit - Anm. v. Carsten)

Für Michael Mainx, der sich normalerweise für die Produktion der BÖHSEN ONKELZ verantwortlich zeichnet, war es die erste Zusammenarbeit mit einer Death-Metal-Band. Das ist aber nichts außergewöhnliches für ihn, da "die Vorgaben klar [sind]: Schlagzeug was drückt, Gitarren die brettern. Da sind wir nicht weit entfernt von dem, was Hardrock oder Heavy ausmacht." Zwar zählt Death Metal nicht unbedingt zu seinen Lieblingsgenres, doch auch Michael weiß gute und schlechte Bands in dem Gebiet voneinander zu unterscheiden. Aber seiner Meinung nach spielen DISBELIEF auch eher eingängigen Death Metal. Dabei wird in seinen Ausführungen deutlich, dass er sehr große Stücke auf die Band hält, denn "DISBELIEF ist genau das Gegenteil. Es ist sehr gut überlegte und komponierte Musik, die strukturiert ist, und da steckt auch was dahinter. Wenn es prügelt, schnell und aggressiv ist, dann ist es für mich kein negatives Kriterium. Im Gegenteil: Es steuert Energie und Druck aus. Und da bin ich zu haben."

Zwar ist Jaggers Stimme ungewöhnlich, doch er hat "so viele Facetten, die er singen kann, die eine Variable darstellt. Ein Pop- oder Rocksänger singt tausend verschiedene Töne und Melodien, und Jaggers Melodien sind die Art der Schreie, der langsamen Sachen, die er tief oder melodisch singt. Monotoner, trister. Das ist eine große Bandbreite, die man am Anfang nicht kennt, weil man denkt, dass alles geschrien ist. Ist es aber nicht! Es gibt Facetten, die man erst kennen lernen muss. Das musste ich dann erst zwei-drei Tage verstehen. Dann ist es super gewesen, weil damit kann man dann spielen. Er spielt ganz viel mit seiner Stimme."

Im Anschluss kommt auch DISBELIEF-Sänger Karsten Jagger zu Wort, der etwas über die Hintergründe zu "Navigator" erzählt. Dabei stellt sich heraus, dass der DISBELIEF-Basser schon seit Kindheitstagen mit Michael Mainx befreundet und auch schon mit ihm in einer Band gespielt hat. Auch der zeitliche Aspekt war ausschlaggebend, da es "nur eineinviertel Stunden von uns entfernt war." Das war wichtig, um "die Zeit zu haben, den Abstand zu bekommen, um nachher reinzugehen und 100 Prozent zu geben." Im Nachhinein war die Wahl von Michael Mainx "die beste Entscheidung die wir machen konnten. Normal waren drei Wochen vorgesehen und es sind jetzt fünf Wochen draus geworden. Die zwei Wochen gingen auf seine Kappe. Das macht er nur für uns, und so was kenne ich nicht!"

Dabei fiel die Wahl zu Beginn nicht leicht, denn Jagger "war Anfangs skeptisch, rein aus dieser Sache, weil er (Michael, Anm. d. Verf.) halt mit diesem Metier, was diese Art von Musik betrifft, nicht so viel Berührung hatte. [...] Wir hatten da noch in Dänemark einen Produzenten der typischer war für dieses Metier. Am Anfang war es mir zu sehr ein Experiment, aber je mehr ich drüber nachgedacht hatte, umso mehr dachte ich, dass dieses Experiment es wert ist. Und im Nachhinein war es vielleicht die beste Entscheidung! So dankbar sind wir bis jetzt keinem anderen Produzenten." Was den Sound angeht, so "bin ich zu 100 Prozent zufrieden. Klar waren wir beim letzten Mal auch zufrieden wie wir beim Tue Madsen waren, aber im Endeffekt ist der Sound so klar, edel, man hört alles raus, aber auch die Brachialität und das Rotzige, das ist auch drin."

Was den Einfluss von Michael angeht, so hat er "seinen ganzen Erfahungsschatz, den er hat, in uns reingelegt. Und im Endeffekt ist es ein Geben und Nehmen. Er hat auch bestimmt von uns auch Sachen gelernt. Speziell was wir an dem Gesang gearbeitet haben, so viel hab ich noch nie vorher für eine CD gearbeitet, was z.B. Phrasierungen von Zeilen angeht. Wir haben jede Zeile auf der CD mindestens sechs bis acht Mal gesungen, um das bestmögliche Ergebnis rauszuholen. Im Endeffekt hat das Singen eines Songs einen Tag gedauert. Entsprechend ist dann auch das Resultat, dass wir alles probiert haben in der Richtung oder der Richtung. Und so wie es drauf ist, ist es am Besten."

Von "Navigator" kann man schon behaupten, dass es "ein Konzeptalbum ist, weil so ein Ding, was seit "Worst Enemy" auftaucht, ist der Begriff "Misery". Was im Endeffekt für das Elend steht, das in der Welt sehr verbreitet ist. Jeder Song hat diese wunde Art von "Misery". Der eine hat mehr, der andere weniger damit zu tun. Und die, die mehr damit zu tun haben, die haben damit ihr ganzes Leben zu tun. Das soll es ausdrücken." Inspiriert wurde der Albumtitel vom Film "Der Flug des Navigators". "Navigator" hat für Karsten die Bedeutung, "dass jeder sein eigener Navigator ist. [...] Jeder ist für sich selbst verantwortlich und muss in seinem Umfeld schauen, dass er da helfen kann. Da kann er helfen und nicht irgendwo anders." Man kann es auch weiter fassen, wie z.B. "das Navigationssystem im Auto. Das führt irgendwann mal so weit, dass keiner mehr denkt. [...] Das gute Leben für sich raussuchen und die schlechten Dinge einfach nach rechts und links wegschieben."

Nach dem ersten Höreindruck des Albums merkt man sehr stark die Gegensätze. Hier die gesprochenen Passagen und schon fast balladesken Klänge, dort die harten Schreiparts, gepaart mit einer schnelleren Marschrichtung. Auf diesen Umstand angesprochen, meint Karsten, dass versucht wurde "immer Gegenpole zu kreieren, wie vom Schreigesang zum Shouting. Auf der Platte habe ich keinen anderen Sound genommen als meinen cleanen Gesang. Einfach versucht, so locker und natürlich wie möglich zu klingen. Konstant die Natürlichkeit beizubehalten. Ich denk mal, der natürliche Weg ist der Beste. Das ist auch das Schöne an unserem Stil. Das Schöne, das Brachiale miteinander verschmelzen zu lassen in unserem Sound."

Auch dieses Album wurde - wie alle anderen auch - im Knien (!) eingesungen. Darauf angesprochen, antwortet Jagger mit "Ja!". Nur bei einem Song hat er im Stehen gesungen, aber auch nur, "weil's zum Ende hin ging." Wie intensiv die Gesangssessions im Studio waren, kann man daran erkennen, dass er sich selbst nicht geschont hat: "Die Knie haben sehr gelitten. Im Endeffekt sitz ich auf den Knien, um die komplette Kraft zu bündeln, um auch den Prozess, dass ich Kopfschmerzen beim Einsingen bekomme, zu vermeiden. Da geht vielleicht manchmal im Stehen ein Prozent mehr, aber lieber sitzen. Da geht halt nichts verloren und vor allem hab ich da meine volle Power!" Im Prinzip singt Jagger im Studio so, wie er sich auch live auf der Bühne gibt, "nicht aus irgendeinem Spaß, dann tu ich's einfach in dem Moment, weil mir die Kraft fehlt. Aus psychischen Gründen, weil ich körperlich nicht so gut drauf bin. Was ich aus mir raushole kostet eine Menge Kraft. Und wenn's in dem Moment nicht langt, dann verzichte ich drauf zu stehen und lege eher Wert drauf, meinen Gesang zu fördern. [...] Oben kann ich nicht 100 Prozent geben."

Auf dem letzten WITH FULL FORCE sind DISBELIEF um vier Uhr morgens auf die Stage Bühne gestiegen. Im Rückblick würdigt er immer noch mit funkelden Augen den Auftritt und allen voran die Fans, denn: "Viel Respekt den Leuten gegenüber, die dann noch ausgeharrt haben. Vor allem bei dem Tag mit dem Deutschlandspiel (an dem Tag haben die Deutschen gegen Argentinien gespielt). Viel getrunken und viel gefeiert. Und da waren viele Leute da, die extra wach geblieben sind, sich da zu dem Zeitpunkt hingeschleppt, und uns abgefeiert haben. Da bin ich so dankbar für. Da kann man vor den Leuten nur den Hut ziehen! Da gab's Leute, die haben echt aus dem letzten Loch gepfiffen. Aber die waren da. Das zählt!"

Die Inspiration auf dem neuen Album mehr Gas zu geben, kam indirekt vom Nuclear Blast-Labelboss Markus Staiger. Dieser hat nach der letzten Listening-Session (zum "66Sick"-Album") beim gemütlichen Chillen in der Kneipe, wo sich auch eine Kegelbahn befand, auf die Tafel geschrieben: "DISBELIEF müssen schneller werden!" Dazu Jagger: "Wie wir am Anfang darüber gesprochen haben, was die Ausrichtung ist und wo wir hin wollen mit den neuen Songs, hab ich auch gemeint: Lass uns mal schnellere Songs machen. Wir müssen gar nix, aber ich hab Bock drauf! Und es wird auch einfach gut, eine neue Facette in unserem Sound zu haben. Es sind keine überschnellen Songs/Blastdinger geworden, aber ein Song wie 'Thought Product' gab's bei DISBELIEF noch nicht. [...] Und das sind alles Sachen, die haben wir neu in unseren Sound eingebaut. Geschickt und net zu overdosed. Und das geparrt mit unserem Midtempo, wo auch der meiste Druck rauskommt."

Auch livetechnisch hat das neue Album auf die Gruppe abgefärbt, denn "es wird auch unserem Livesound gut tun, wenn da die Uzi abgeht. Wir haben da wieder mehrere Facetten die uns live bereichern und das wird den Leuten, die nur auf das Aus sind, Freude bringen (lacht)." Apropos Live: Was einen Ersatz für Olly Lenz angeht, so hat die Band auf ihrer Homepage Anzeigen geschaltet. Erste Bewerbungen sind schon eingegangen und die Band ist damit beschäftigt, diese sich anzuschauen und den richtigen Mann für diesen Posten zu finden. Wer sich dazu berufen fühlt, der kann seine Bewerbung an Jagger@disbelief.de schicken.

Die Band hat große Ziele, denn "wir wollten mit unserer Musik schon immer uns selbst verwirklichen. Gucken weder nach rechts oder links und lassen uns von keinem reinreden. Irgendwann zahlt es sich auch aus, dass wir keinem Trend oder Masche folgen."

Ob die Band ihren eigenen Ansprüchen gerecht wird, könnt ihr am 23. Februar beim CD-Händler eures Vertrauens abchecken, wenn die DISBELIEF-Flagge gehisst und der "Navigator" auf Reisen geht. Frei nach dem Motto: 'Rewind It All (Death Or Glory)'.

Redakteur:
Tolga Karabagli

Login

Neu registrieren

Wir verwenden Cookies, um unsere Website besser gestalten und verbessern zu können. Diese nutzen wir unter anderem für die Reichweitenmessung und zu Marketing- und Optimierungszwecken. Durch die weitere Nutzung der Website stimmst Du der Verwendung von Cookies zu (weitere Informationen gibt es hier).