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Disillusion (Releaseparty) - Leipzig

23.04.2004 | 06:44

17.04.2004, Moritzbastei

Wie lange hatte man auf diesen Augenblick warten müssen. Endlich stand die Livepremiere der neuen DISILLUSION-Songs auf dem Plan, eben jener sechs Songs vom Debütalbum "Back To Times Of Splendor", das sich mit einer beeindruckenden Vielseitigkeit auszeichnet und durchweg absolut packend ausgefallen ist.

Doch zunächst war mit CARVEN die erste von zwei Vorbands an der Reihe, die sich extra für diesen Gig bei der Band FALLOUT den Drummer ausgeborgt hatten. Sängerin Antje erging sich in allen möglichen Tonlagen (hoher Clean Gesang bis hin zu aggressivem Brüllen) und hatte diese Vielfalt auch richtig gut drauf. Außerdem schaffte sie mit Leichtigkeit, was ich bei einer Vorband zuvor überhaupt noch nie erlebt hatte - nämlich, dass ihrer Aufforderung, doch näher zur Bühne zu kommen, prompt und zahlreich Folge geleistet wurde.
Musikalisch wurde grob gesagt Alternative Metal geboten, der ständig zwischen ruhigen und brachialen Parts hin- und herpendelte und nie langweilig wurde. Manches war zwar noch ein wenig holprig, aber insgesamt liefen die Songs doch ziemlich gut rein, sodass man von einem richtig gelungenen Auftakt sprechen kann.

In der anschließenden Pause gab es einen größtenteils animierten Film zu sehen, der zwar visuell nicht schlecht gemacht war, dessen Sinn aber nicht nur mir verborgen geblieben ist. Aber zur Überbrückung war's schon okay.

ASTERIUS durften anschließend fast eine Stunde ran und hatten mit ihrem eigenständigen Mischmasch aus sämtlichen Spielarten des Metal keinerlei Probleme das Publikum zu überzeugen. Sänger und Dauergrinsekatze Andras hatte herrliche Ansagen parat und rührte zudem permanent die DISILLUSION-Werbetrommel. An die zweistimmigen Vocals zwischen dem dunklen, blackmetallischen Geschrei von Sirius und dem zumeist cleanen, manchmal arg hohen Gesang von Andras musste man sich zwar erstmal etwas gewöhnen, und auch sonst war das teilweise recht vertrackte und ständig die Richtung wechselnde Spiel nicht gerade leicht zu konsumieren, dennoch machte die Band ihre Sache sehr gut und präsentierte den geneigten Hörern eine absolut eigenständige Portion Metal.
ASTERIUS gingen nebenbei auch noch ab wie Schmidt's Katze und gaben mit Ausnahme von einem Demotrack ausschließlich Songs von ihrem neuen Album "A Moment Of Singularity" (u.a. 'A Greater Path', 'Gemini North', 'Another Me') zum Besten. Und im Vergleich mit dem Auftritt auf dem Wave Gotik Treffen vor zwei Jahren haben die Schwaben mittlerweile einen gehörigen Sprung nach vorne gemacht, der für die Zukunft noch einiges von der Band erwarten lässt.
Allerdings ließ man die beiden auf der Setlist vermerkten und von den Zuschauern auch geforderten Zugaben weg, was mir nicht ganz einleuchtete, denn vom Zeitplan her war noch alles im Lot.

Dann dauerte es aber doch noch eine ganze Weile bis alles angerichtet war und die Post abgehen konnte. Als das DISILLUSION-Trio Vurtox, Rajk und Jens dann endlich die Bühne betrat, wurden sie euphorisch begrüßt und als gleich darauf der erste Ton des majestätischen Intros des Titeltracks 'Back To Times Of Splendor' erklang, brandete unglaublicher Jubel auf, so als hätten alle nur genau auf diesen fantastischen, viertelstündigen Song gewartet.
Der Band selber merkte man an, wie sehr sie diese erste livehaftige Präsentation des neuen Materials genoss, nachdem der mit der Fertigstellung des Albums verbundene Druck von ihr abgefallen war - locker und trotzdem voll motiviert und konzentriert gingen DISILLUSION zu Werke. Die zum Teil enthusiastisch reagierenden Zuschauer zauberten sogar das eine oder andere Lächeln auf die Gesichter der Protagonisten. Sänger Vurtox absolvierte übrigens den gesamten Gig barfuß - eine Szene, der man schon fast Symbolcharakter andichten konnte.
Natürlich ging es munter mit den neuen Tracks ('A Day By The Lake', '...And The Mirror Cracked', 'Fall') weiter, wobei trotz der Tatsache, dass der Release von "Back To Times Of Splendor" erst zwei Wochen zuvor gewesen war, sehr viele Leute schon eine erstaunliche Textsicherheit aufwiesen.

Zwar musste der Auftritt ohne einen Bassisten absolviert werden, da die Band schlicht noch kein probates Mitglied für den Viersaiter gefunden hat, aber das fiel nicht weiter ins Gewicht. Bei einigen Stücken wurden sie außerdem an der Akustik-Gitarre von Maik Knappe von der der mit DISILLUSION befreundeten Leipziger Dark-Metal-Band DARK SUNS unterstützt.
Es war schon unglaublich, was da auf der Bühne ablief und wie gut die zum Teil sehr vertrackten Stücke live funktionierten. Trotz aller technischen Finessen war es ein sehr heftiges Vergnügen und die vorderen Reihen waren ständig am Bangen.
Gegen Ende des Gigs kamen dann mit 'The Porter', 'Three Neuron Kings' und 'The Long Way Down To Eden' noch ein paar ältere Stücke von den beiden bisherigen Minialben zum Einsatz, die zwar die Klasse von DISILLUSION auch schon überdeutlich unter Beweis stellten, die man mit dem neuen Material aber nochmal ein ganzes Stück übertreffen konnte.
Nachdem sich die drei tapferen Recken dann von der Bühne verabschiedet hatten, wurde die Band natürlich nochmal zurückgeschrien und als Zugabe folgte mit dem auf dem Album 17 Minuten langen Epos 'The Sleep Of Restless Hours' (live etwas kürzer) nochmal ein echtes Highlight, wobei die insgesamt 80 Minuten lange Show eigentlich ausschließlich aus Highlights bestand.
Es war schlicht und ergreifend ein Hammerkonzert und man muss sich wirklich fragen, wo das alles noch hinführen soll. "Back To Times Of Splendor" - das ist beeindruckende und ergreifende Musik, die definitiv süchtig macht und wer einmal vom DISILLUSION-Virus angesteckt worden ist, der bekommt ihn nicht mehr los. Heilung ausgeschlossen.


Und hier als "Bonus" noch Henri's Sicht der Dinge von diesem denkwürdigen Abend.

Schon um halb acht stehen sie vor der Leipziger Moritzbastei, jeder hofft noch auf eine Karte, alle glauben, dass die Party sicher bald ausverkauft sein wird – die Fans von Leipzigs Vorzeige-Truppe DISILLUSION sind heiß. Schließlich haben DISILLUSION mit "Back To The Times Of Splendor" wohl das außergewöhnlichste Debütalbum der letzten Jahre aufgenommen, in ihrer jetzigen Heimatstadt ist die Fanschar stolz auf "ihre" Musiker. Jeder will die drei Sound-Zauberer bei ihrem ersten Auftritt in Leipzig seit mehr als einem Jahr sehen.
Der Saal ist dementsprechend schnell voll, Erinnerungen kommen hoch. Vor ungefähr drei Jahren spielten DISILLUSION schon einmal hier, auch damals bereits mit ihren Kumpeln von ASTERIUS. Nur die Vorband war weiland eine andere, statt MORTALIA spielen heute CARVEN. Eine Frauenstimme dominiert bei beiden Bands. Doch was bei MORTALIA damals gut funktionierte, will heute bei CARVEN nicht gänzlich gelingen. Früher spielten die Leipziger noch waschechten Gothic Metal, inzwischen ist viel Nu Metal-Riffing dazu gekommen. So richtig passen will das noch nicht, etwas konfus erscheinen die Kompositionen, ohne klare Linie.
Ähnlich die Stimme von Sängerin Antje: Ihr Organ wandelt zwar zwischen bösem Gegrunze und hellem Gesang, doch klingen die Übergänge zu gezwungen und zum Teil noch unsauber. Trotzdem müssen CARVEN über ihren Auftritt nicht unglücklich sein: Der Saal ist fast voll und sie bekommen immerhin Achtungsapplaus. Vielleicht motiviert das Geklatsche zu noch intensiveren Proberaum-Sessions und geistigen Innovations-Blitzen...
"Neues Gedankentum" könnte auch die Überschrift für den Pausenfilm heißen - komische Comic-Männchen machen komische Sachen, bei der Bilderflut will aber kaum etwas wirklich im Hirn haften bleiben. Innovation? Naja.
Darüber brauchen sich ASTERIUS kaum Sorgen zu machen. Zumindest ist es den Schwaben mit ihrem Debüt-Album "A Moment Of Singularity" und dem vorigen Demo "As Descendants Of Stars..." gelungen, vollkommen innovativ jede Grenze zu durchstoßen, die der Metal so bietet. Kamen bei dem Auftritt vor zwei Jahren noch große Namen wie DIMMU BORGIR in den Sinn, klingen ASTERIUS inzwischen schlicht wie ASTERIUS. Ob das jedem gefällt, bleibt freilich dahingestellt. Schließlich ist diese abgedrehte Mischung aus verrückten Melodien, dunklem Gekeife, klarem Gesang, plötzlichen Tempowechseln, vielen Keyboards und nervösem Schlagzeugspiel nicht unbedingt ein einfacher Hörgenuss. So bleibt der Jubel am Anfang der Show erst einmal bescheiden.
Doch schaffen es ASTERIUS während ihres einstündigen Konzerts, immer mehr Fans auf ihre Seite zu ziehen. Hauptanteil hat daran Sänger Andras, der mit seinem fröhlichen Grinsen und seiner begeisterungsfähigen Art schnell Sympathien gewinnt. Zwar lässt das ganz große Aha-Erlebnis bei den Fans noch auf sich warten, aber auch darauf findet Andras gut gelaunt eine Antwort: "Ihr wartet bestimmt auf DISILLUSION?!"
Ja! Es dauert lange, bis sich der Vorhang auf der Bühne nach ASTERIUS wieder öffnet. In der Zeit tönt klassische Musik, ein Pausenfüller ohne die Chance, den Erwartungsdruck zu schmälern. Doch dann starten DISILLUSION sogleich mit dem Titelsong ihres "Back To The Times Of Splendor"-Albums – die Begeisterung kennt keine Grenzen, die Moritzbastei ist proppenvoll. Dieses Geigenstück am Anfang - auch live ein Traum.
DISILLUSION treten zu dritt auf - ein Live-Bassist wird wohl erst im Sommer mitspielen. Dadurch wirkt der Sound nicht immer druckvoll, die Kompositionen des Trios sind jedoch an sich schon so voller Kraft und Magie, dass mehr Druck wahrscheinlich fast tödlich wäre.
Dabei sehen die Jungs gar nicht wie die typischen Metal-Heads aus. Gitarrist Rajk mit seinen langen braunen Haaren erfüllt wohl noch am ehesten das Klischee, doch wenn er mit einem seeligen Grinsen dasteht und aus seinem Instrument Melodien zaubert, dann wirkt er mehr wie ein Jazz-Musiker. Drummer Jens ist mit seinen kurzen Haaren sowieso außer Konkurrenz - was hatte er einmal für lange blonde Haare, damals, vor drei Jahren... Und Sänger Vurtox: Das desillusionierte Mastermind tritt mit Anzughose auf, die Füße bleiben nackt. Wenn er nicht gerade singt, spielt er fast liebevoll auf seiner Gitarre, die Augen geschlossen, allein in einer Welt aus Melodien und Riffs.
Nach dem 15-Minuten-Stück am Anfang geht es weiter mit Stücken wie ‘Alone I Stand in Fires’ - was für ein Song, was für ein kraftvoller Refrain, wie genial klingt die livehaftige Umsetzung?! Unglaublich. Doch auch ältere Songs wie ‘Three Neuron King’ oder das umjubelte ‘The Porter’ finden ihren Platz, insgesamt sind DISILLUSION rund 90 Minuten auf der Bühne. Die Menge davor schwankt zwischen Staunen auf den hinteren Plätzen und fanatischem Abgehen auf den vorderen Plätzen.
Egal, wer wo steht: Das Licht auf der Bühne sieht jeder. Passend zum Album-Cover sind die drei Musiker vornehmlich in rote und orange Töne getaucht, transportieren die Farben perfekt die warme Stimmung des Albums. So ziehen sich Minuten zu unendlich langen Augenblicken, wenn Stücke wie ‘The Long Way Down To Eden’ kraftvoll in die Menge prasseln.
Als Zugabe steht noch der 17-Minüter ‘The Sleep Of Restless Hours’ an - spätestens jetzt sind auch Vorbild-Bands für DISILLUSION wie OPETH oder SOILWORK vergessen. Gerade dieser Song ist so voller Gefühl, spiegelt all das wieder, was DISILLUSION bei den Aufnahmen ihres Albums durchmachten, als Vurtox allein weiterkomponierte und wohl auch in seinem Schlaf unruhig von Noten und Klängen träumte. Egal wie, nicht nur dieser Song gerät zu einem Triumphzug für DISILLUSION.
Am Ende können die atemlosen Fans kaum noch johlen. Dafür lassen sie am nächsten Tag im Gästebuch auf der Homepage von DISILLSUION ihrer Begeisterung freien Lauf. Exemplarisch Robert: "Danke für den genialen Abend - ihr wart der Oberhammer!!!"

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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