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Dissection - Stockholm

05.11.2004 | 13:19

30.10.2004, Arena

Ein junger Mann schreit, zwei Wachmänner schleifen ihn mit seinen über den Rücken gedehnten Armen einen Betonweg entlang - schon der Beginn des DISSECTION-Wiedergeburt-Konzerts vor der "Arena"-Halle in Stockholm verspricht explosive Spannung. Im Vorfeld soll es sogar Bombendrohungen gegeben haben, offiziell bestätigen kann dies aber keiner. Und auch der nicht zart angefasste Jüngling entpuppt sich später nicht als militanter DISSECTION-Hasser, sondern schlicht als betrunken-verdrogter Freak, der zu seinem eigenen Pech einen Wachmann boxen wollte. So ein Missgeschick unter dem Einfluss von mentalen Stimulanzmittelchen passiert aber bekanntlich in den besten Familien und Bands, auch die Hauptperson an diesem Abend könnte darüber ein Lied singen: Nach sieben Jahren soll Jon Nödtveidt wieder auf der Bühne stehen, acht Jahre nachdem er im Rausch mit seinem Freund zusammen den homosexuellen Algerier Josef Ben Meddour umbrachte und dafür hinter schwedische Gardinen wegen Beihilfe zum Mord wanderte. 1997 war das ein schwerer Schock für die Szene, denn DISSECTION hatten sich mit den beiden Scheiben "The Somberlain" und besonders mit "Storm Of The Lights Bane" schon längst einen Platz im Metal-Valhalla gesichert, waren diese Platten doch in ihrer infernalischen Schwärze und Energie sämtlichen Konkurrenten um einige dunkle Lichtjahre voraus. Und dann das Verbrechen ...
Still wurde es um die Band, damalige Tourkollegen wie IN FLAMES oder DIMMU BORGIR schafften den Durchbruch; von Jon distanzierten sich nicht nur die ehemaligen Bandkollegen, das Label Nuclear Blast erwähnte ihr einstiges Zugpferd nur noch am Rande. In diesem Juni jedoch kam die Nachricht: DISSECTION sind wieder da, Jon kommt aus dem Gefängnis frei, einen Tag vor Helloween soll der erste Gig steigen. Bis eine Woche vor der Show blieben die Mitstreiter von Jon offiziell geheim, Gerüchte kursierten. An diesem Vollmond-Abend nun, so suggerieren zumindest die aktuellen Tour-Shirts der Band, in dieser Nacht von Schwedens Hauptstadt soll es wieder beginnen, die Legende in neuem Glanz aus der Asche steigen ...
(Henri Kramer)

Schon die erste Lüge: Es war gar keine echte Vollmondnacht. Außerdem regnete es und der Himmel über Stockholm war wolkenverhangen. Eisig peitschte einem beim Hinweg der Regen ins Gesicht, kein Stern nirgends zu sehen, nur neongelbe Straßenleuchten im dunklen Teil der Stadt. Windgetrieben stürzten wir durch einen düsteren Park, verstauten noch schnell die mitgebrachten Weinflaschen, um die uns hier jeder Schwede beneidet hätte, und warteten unruhig in der langen Schlange vor der "Arena" ...
2000 Fans sind angekündigt, zweimal wurde das Konzert wegen Ausverkauf verlegt. Jetzt wird es tatsächlich ernst: Menschen aus Norwegen, Holland, Italien, Griechenland und viele, viele Deutsche sind hier - als wäre zwischendurch mit DISSECTION nichts gewesen. Dazwischen bahnen sich vier überkräftige Schranktypen der Marke extrabreit den Weg zwischen den wartenden Fans hindurch. Auf ihren schwarzen Leder-Kutten steht in weißer Schrift "Werewolf Legion Stockholm - Warrior" geschrieben. Das ist also Jons persönliche Leibgarde. Mit den russischen Rechtsextremisten desselben Namens haben sie aber nichts zu tun. Hier handelt es sich um einen Verein satanischer Ex-Knastis, die sich nach der Freilassung gegenseitig schützen. Muss ja echt hart zugegangen sein im Gefängnis ... Denen will ich nicht allein auf dunkler Straße begegnen! Hier unterstützen sie die Stage-Security noch extra. Jon lässt sich in ihrer Begleitung samt restlicher Band sogar mal kurz im Foyer draußen vor dem Konzertsaal blicken. Gleich nebenan ist der T-Shirt-Stand aufgebaut - 260 Schwedische Kronen für den "Satanischen Antikosmischen Metal Of Death" sind aber schon ein bissl viel! (Umgerechnet rund 25 Euro.) Entgegen der Ankündigung gibt's auch keine 'Maha Kali'-Single zu kaufen. Die Veröffentlichung wurde wegen Verzögerungen im Druck verschoben. Da hat DISSECTION-Zeichner Necrolord wohl zu gute Arbeit geleistet, wenn sich's so schwer druckt?! Aber, harre, harre, das Cover mit der Indischen Chaosgöttin ist wieder eine absolute Augenweide - wenn auch diesmal in feurigem Rot. Dafür gibt's das Single-Teil schon mal von Konserve vor der Show der DEATHSTARS zum Lauschen. Na ja, es lässt auf Besseres hoffen ...
(Wiebke Rost)

Der Auftritt der DEATHSTARS gerät nicht zu dem Fiasko, dass Die-Hard-DISSECTION-Fans vielleicht vor Beginn der Show fürchteten - wen der Gig nicht interessiert, der wartet brav im geräumigen und nun recht vollen Vorsaal und trinkt Bier für 30 Kronen, also etwa 3,30 Euro. Oder denkt an die endlos vielen Naschereien, die Stockholms Warenwelt so bietet - sind DISSECTION am Ende wegen dieser süßen Sachen in die schwedische Hauptstadtmetropole gezogen? Doch tatsächlich scheinen auch einige Leute im Publikum extra wegen der Band von Jons Bruder Emil gekommen zu sein. Die fünf Jungs spielen ihren glamourös-elektronischen Gothic Rock mit starkem PAIN- und THE COVENANT-Einschlag noch einige Ticke härter als zum Beispiel dieses Jahr beim Zillo, düstere Clubhits wie 'Syndrome' oder der Debüt-Titeltrack 'Synthetic Generation' werden dank des lauten Gitarrensounds noch einmal aufgewertet. Trotzdem: Echte spektakuläre Musik klingt anders. Außerdem wirken die Schweden damit weder satanisch noch böse, dafür rocken sie aber ganz nett und heizen die gut 500 Leute im Saal schon einmal vor. Dazu tragen die DEATHSTARS auf ihren Gesichtern fein säuberliches Corpsepaint mit einem echten KISS-Touch, an ihre Leiber schmiegen sich Lack-Klamotten. Lustig sieht besonders Basser Skinny aus, der mit seinem hageren Körper und seinen langen schwarzen Dreadlocks frappierend an MARYLIN MANSON erinnert. Die DEATHSTARS sind eben eine echte Dandy-Truppe, eigentlich das perfekte Opferschema für intolerante Black-Metal-Heads. Da hat Gitarrist Emil wirklich Glück, der Bruder von Jon zu sein. Doch eigentlich will jeder DISSECTION sehen ...
(Henri Kramer)

Ne, also wirklich, mit MARILYN MANSON kann man die hagere Dreadlocks tragende Bassfigur nun wirklich nicht mehr vergleichen. Der hat ja schon Altersspeck angesetzt. Die sehnige Statue hat eher was von IGGY POP mit 'nem MURDER DOLLS-Kopf oben drauf. Schaurig! Es sieht ungesund aus, wie er sich über seinem Bass bewegt. Beim Zillo waren sie in der Tat grottenschlecht und absolut öde, aber heute überraschen sie. Das ist Gothic Rock der gehobenen Klasse. Die Posen sitzen wie die Hosen - tight und sexy, öfters auch 'mal zu zweit von hinten und von der Seite. Dekadent schlendert Sänger Whiplasher über die spiegelnde Bühne, schleudert das Mikro wenig wertschätzend durch die verrauchte rote Luft, fällt dramatisch auf die Knie, streckt der Masse den Mittelfinger entgegen - der Stall in seiner gedehnten Lederhose ist offen. Ville Vallo bekommt schwedische Konkurrenz. Nach fünf Liedern verpufft der rockig rollende Effekt aber. So große Unterschiede bieten die Songs doch nicht. Das bandtypische Publikum - mittendrin zwei Mangazwerge mit Riesenkopfhörern, die aussehen wie direkt aus einem japanischen Comic ausgerissen - ist auch eher lahm. Gähn, dann mal back to the "Öl"-Quell. Da gibt's fließendes Gold mit 3,5 % Treibstoff versetzt. Davon wird man garantiert nicht betrunken, egal wie viel man durchlaufen lässt. Auch für Kinder geeignet! Apropos, das Publikum ist auffällig jung. Alterskontrollen gab es hier heute bestimmt nicht. In den hiesigen Szenekneipen sieht's da anders aus: Dort heißt es: Männer ab Fünfundzwanzig und Frauen ab Zwanzig. Drunter kommt keiner rein. Da weiß man, wie der Hase läuft!
(Wiebke Rost)

Bleibt Zeit für ein bissel Schlenderei und Sinniererei: Bei so viel Erwartungshaltung an die Hauptband des Abends sollte eine gewisse Nervosität bei den Musikern wohl eigentlich nicht ausbleiben?! Let's do the test! Doch Bassist Set Teitan, vor einem halben Jahr von den Industrial-Blackern ABORYM geflüchtet, scheint sich zu freuen. Völlig cool tritt der eher kleine Glatzkopf auf: "Der Soundcheck war gut, warum sollte ich nervös sein?" Dafür sind ein paar Fans ganz schön angespannt - selbst Olavi Mikkonen von AMON AMARTH hat sich schon von der anstrengenden Tour mit den Wikingern erholt und ist extra angereist. Die Leute blicken erwartungsvoll auf die nach den DEATHSTARS leere Bühne, selbst das "Violent Revolution"-Album von KREATOR vermag die Ungeduld nicht zu dämpfen. Vorn links hinter dem Fotograben-Gitter stehen inzwischen die Werewolf-League-Knaben. Nur ihnen ist hinter ihren starren Mienen keine Erwartungshaltung anzusehen ...
(Henri Kramer)

Nebenbei noch ein kleines Szenebildchen: So richtig räudige Metalheads gibt's hier gar nicht, Kutten nur vereinzelt. Dafür einen Haufen Hard-Rock- und Heavy-Metal-Fans, zudem Typen mit Gel-Welle und Frauen in rosa Strumpfhosen. Bandshirts laufen von ABIGOR bis SATYRICON herum. Dazwischen auffällig häufig alte SAMAEL-"Worship Him"-Fronten und neue GORGOROTH-Girlies. Und natürlich ganz viele DISSECTION-Sonnenfinsternisse. Ob die Ähnlichkeit mit dem Albumcover der neuen SAMAEL gewollt ist? Verschwörung! Oder doch nur Zufall? Satanisten neigen ja dazu, allem und jedem Pfurz einen Grund anzudichten. Also bitte - aber SAMAEL wollen damit ja nichts zu tun haben und DISSECTION lassen bestimmt nicht das Licht tanzen. Dunkel wird es in der vollen Halle, in der ersten Reihe überschlagen sich die Fans und steigen sich gegenseitig auf's Dach: welch ein Wühlen, Drängen, Sehnen, Gären! Laute DISSECTION-Rufe beschwören die Heraufkunft einer neuen Ära, die Wolfgang von Bruchstein Records (er managt die Tour) persönlich ankündigt: Die Wiedergeburt steht kurz bevor. Links und rechts von ihm stehen die dreigezackten Inverted-Crosses in Stahl gegossen, hinter ihm ist ein großes Banner entrollt - der Reaper ist zurück. Übermächtig prangt er im Bühnenhintergrund mit der Sense in der linken Hand. Hier werden wieder Symbole hervorgeholt, die der Szene sieben Jahre lang gefehlt haben. In den Zwischenzeit verklärten Bands wie DIMMU BORGIR oder GORGOROTH den "Satanismus" endgültig zur medienkompatiblen Kunstform. Die einen verschönten ihn mit pompösen und harmonischen Melodien der Sorte Beethoven, die anderen gewannen den Wettbewerb "Wer hat am meisten das Wort Satan in seinen Songtiteln verwendet" und reduzierten ihn auf eine zugegeben attraktive Bühnenkulisse. Darf es noch ein Schafskopf mehr sein? Der Rest der Bands distanzierte sich alsbald davon, wollte nur nicht "damit" in Verbindung gebracht werden. Letztlich verkam der Begriff zu einer hohlen Phrase in den niederen Medienlandschaften, wurde zu oft geschrieben, gesprochen, benutzt. Am Ende blieb "Satanismus" eine Persiflage seiner selbst. Neuestens erlebt er einen Aufwind als intellektuelle Spielwiese freigeistiger Karrieristen, abgefasst und glatt frisiert in modischen Hochglanzmagazinen. Von dort grinsen einen wahnsinnig verführerisch aussehende Männerfratzen diabolisch an. Das Spiel mit der Verführung erlebt eine Renaissance, plötzlich bekommt man in High-Society-Zeitschriften wie der "Vogue" Anleitungen zum Bösesein geboten.
Was hat das nun mit DISSECTION zu tun? Nichts. Die stehen einfach für sich selbst. Hinterlassen mir nichts, dir nichts eine Riesen-Lücke in der erschütterten Metalwelt und gehen nach sieben Jahren einfach wieder auf die Bühne, um da weiterzumachen, wo 1997 plötzlich Schluss war: Das "Light's Bane"-Intro 'At The Fathomless Depths' ertönt, als die neue alte Band vor das erwartungsvolle Publikum tritt und zu spielen anfängt ...

Erst einmal geht alles schief. Die Gitarren sind viel zu leise und müssen noch mal gestimmt werden. Was für eine nervenaufreibende Situation! Aber die Band behält ihre Fassung, lächelt milde und tut geduldig, was nötig ist, damit endlich 'Black Horizons' in aller Macht und Dunkelheit in die Heads des doofen Publikums dreschen kann. Diese finsteren Riffs, diese unberechenbaren Breaks, diese treibenden Tempi, diese magischen Melodien, diese röchelnde Stimme! Es ist vollbracht! DISSECTION sind wieder. "I am the allmighty, the one with wisdom wide/ I am the great shadow and from daylight in my tower I hide/ I have seen the abyss and all that lies within/ I am the great shadow and I was born in sin" - wer sonst als Jon Nödtveit könnte diese Zeilen so wahrhaftig singen?! Das Herz möchte zerspringen. Hierher zu kommen war jede Widrigkeit und alles Geld der Welt wert. Das ist pure Magie, die man hier erleben darf und die sofort die Motorik jeder einzelnen Muskelfaser übernimmt. Zumindest jeder deutsche Fan schmeißt sich hier von Anfang an komplett die Birne weg. Die Schweden müssen das Bangen noch lernen. Einige sind vielleicht auch einfach zu geschockt, die alten Sachen genauso wiederzuhören wie damals, nur dass jetzt drei völlig andere Musiker um Jon stehen: Thomas Asklund von DARK FUNERAL an den Drums, Brice Leclercq von den Göteborgern NIGHTRAGE am Bass und eben Seth Teitan an der zweiten Gitarre. Die Chemie stimmt! Das intensive Proben während der letzten Monate zahlt sich jetzt aus. Diese Jungs müssen sich nichts vorwerfen lassen. Alle Zweifel und Skepsis sind dahin. Jetzt zählt nur noch das Schweben in den brachialen Riffwechseln und majestätischen Blastattacken. 'Frozen' lässt den Atem vor Augen gefrieren, Nebelschwaden ziehen zwischen den dunklen Gestalten auf der schwarz verhangenen Bühne auf. Nur ihre Gesichter sind angeleuchtet, der Rest versinkt im Dunkel ...
(Wiebke Rost)

Was für ein Unterschied! Rückblick in das Frühjahr 1997. Damals zogen DISSECTION als Co-Headliner von CRADLE OF FILTH und mit den Vorbands IN FLAMES und DIMMU BORGIR los, der Pop-Nation das Fürchten zu lehren. Die Tour hieß "Gods Of Darkness", Sieger waren fast an jedem Abend DISSECTION, die mit ihrem Sound die Leute ins Mosh-Nirwana stürzten. Damals war Jon ein Jüngling, schmal, lange Haare fielen über seine feinen Gesichtszüge.
Und heute: Da ist Jon genauso groß, muskelbepackt, dazu trägt er ein paar Tattoos mehr an den Armen und auf dem Kopf eine Glatze. Doch sonst scheint die Zeit stehen geblieben, 'Frozen' ertönt wirklich mit der urwüchsigen Kraft der glorreichen alten Tage. Und erst 'Nights Blood' - eine Ode an die Kraft und Gewalt eines einzigartigen Gitarrensounds, eine Death-/Black-Massaker als Gänsehautgarantie. Jon schreit in sein Mikro, wie damals ist es höher als er eingestellt, sein Kopf reckt sich nach oben - vielleicht bekommt seine Kreischstimme durch diese Dehnung ihren dämonischen Beiklang?! Und warum haben so viele Fans bei diesem Song noch immer das unbedingte Gefühl, ihre Faust in Richtung Clubdecke zu recken?!
Plötzlich bricht der mysteriöse Energiefluss zusammen. 'Maha Kali' kommt. Bisher gibt es von dem neuen DISSECTION-Song nur einen Mini-Mp3-Schnipsel, doch der sorgte durch seinen dünnen Sound und das langweilige Riffing schon im Vorfeld der Show für hitzige Diskussionen im Internet. Und nun kommt er, live und in voller Länge - und klingt wie schon im Netz sehr nach älteren IN FLAMES, aber längst nicht so sinister-bedrohlich, wie DISSECTION eigentlich laut Lehrbuch klingen sollen. Das Stück ist vornehmlich im Midtempo gehalten, dies zumindest haben DISSECTION auch schon bei 'Where Dead Angels Lie' gemacht - nur eben besser.
Denn 'Maha Kali' zieht sich dahin, das tragende Riff besitzt zu wenig Kraft und Stärke. So halten sich die Reaktionen im Publikum in Grenzen, nur ein paar Leute moshen weiter. In der Mitte des Stücks kommt dann der ultimative Die-Hard-Fan-Schock: Ein Akustik-Teil mit Mitklatsch-Part und DEEP PURPLE-Gitarren, dazu spricht(!!!) Jon rythmisch ins Mikro. Das Grauen verklingt zum Glück bald wieder, zu dem schon bekannten Midtempo-Riffing gesellen sich sphärische Indien-Samples. Dabei zieht 'Maha Kali' das Tempo an, ohne aber wirklich zur Chaos-Musik-Göttin zu mutieren, die der Titel des Songs vielleicht suggeriert. Letztlich klingt er ziemlich fad aus und wirkt auch im Nachgang reichlich enttäuschend gegen den Rest der Show.
(Henri Kramer)

Leider wird man bei 'Maha Kali' das Gefühl nicht los, dass DISSECTION langsam bequem werden. Statt unerwarteter technischer Raffinessen plätschert das eine Leadriff vor sich hin, zwar energisch in die Saiten gehauen, aber das war es dann auch schon. Der Song behält den Status einer Heavy-Metal-Hymne zum Mitsingen. Das ständige Warten und Hoffen, dass da noch was kommt, wird enttäuscht. Der weibliche Beschwörungsgesang der Maha Kali lässt einem das Blut in den Adern gefrieren - nicht vor Angst, sondern aus tiefstem Entsetzen, dass DISSECTION so etwas machen. Zumindest bewahren sie damit ihren Schockfaktor. Danach kommt der 'Soulreaper' jedenfalls wie ein heilendes Antidot, allerdings hat es sich die Band da schon zumindest mit einem Teil des Publikums verscherzt. Der verharrt betrogen in abweisender Pose bis zum Ende.
(Wiebke Rost)

Andere stören sich daran nicht, zum Beispiel Max, der Sänger der Leipziger Thrash-Corer NUKE EASTERN PLOT. Für ihn geht ein "Lebenstraum" in Erfüllung, wie er sagt. Gerade ein Stück wie 'Soulreaper' livehaftig und körperlich zu spüren ist wie dem nackten anti-kosmischen Bösen ins Gesicht zu stieren. So ein Gefühl stellt sich wahrlich selten ein. Nach dem Wahnsinn dieser höllischen Darbietung ist das Klavierstück 'No Dreems Breed In Breathless Sleep' vom "Storm Of The Lights Bane"-Ende der klassische Kontrapunkt, leider aber nur von Band gespielt. Bei all dem Aufwand um diesen Auftritt hätte ein Klavier samt fähiger Spielerin der Show noch einen würdevolleren Rahmen verliehen. Doch so heißt es Augen schließen, sanft dahintreiben und von der Antichristen-Hymne 'Where Dead Angels Lie' wecken lassen.
(Henri Kramer)

DISSECTION und eine Frau auf der Bühne? Auch, wenn sich die Band keine Grenzen auferlegen will, aber das wäre ja ein weiterer Schritt Richtung MANOWAR - und ein zartes Klassikmäuschen hinterm Steinway-Flügel hätte auch nicht ins antikosmische Konzept gepasst. Beim nächsten Song wäre sie allemal dran gewesen und hätte sich mit zu den ganzen anderen toten Engeln legen können. Ob irgendwo zwischen all den verzauberten Frauen vor der Bühne auch die kleine Wildchild aus dem DISSECTION-Forum ihren Engelstod stirbt? Oder wird sie sich weiter ihre Unschuld für den gealterten Jon aufheben? Und ob er, trotz aller Enthaltsamkeit von jeglicher Art von Drogen und Alkohol, noch immer so manch blauäugigem Mädchen den Gnadenstoß verpasst? Das wird wohl die weitere Tour zeigen. Hier geht's zu wie in einer Soap. 'Where Dead Angels Lie' ist ja streng genommen auch reinster Kitsch. Aber sooo schön und sooo schmerzvoll.
(Wiebke Rost)

Da sind 'Retribution - Storm Of The Light's Bane' und 'Unhallowed' schon wieder Songs von anderem Kaliber, schnell wie der eisige Nordsturm fegen sie durch die Zuschauer hindurch, die sich inzwischen zum Großteil schon nicht mehr an 'Maha Kali' erinnern können und sich wohl eher auf einem MAIDEN-Gig fühlen - schon den Refrain von 'Where Dead Angels Lie' sang jeder mit, bei den beiden anderen Klassikern der zweiten DISSECTION-Scheibe ist das nicht anders. So fühlt sich der ständig wasserschlürfende Jon dazu verpflichtet, nach dem Sturm des Lichtfluches vom besten Publikum zu sprechen, das DISSECTION jemals hatten - man darf gespannt sein, wie oft er das in Deutschland auch auf der Tour sagt, hört genau hin! Doch keine Teufelslästerung, wer bei 'Unhallowed' so blasphemisch 'We're the nocturnal, the servants of the throne' kreischt, der gehört anstatt des ganz realen Satans George W. Bush auf den amerikanischen Präsidentensessel. Doch in solchen Momenten ist gleichzeitig das Gefühl übergroß: Möge dieser Moment nie enden ...
(Henri Kramer)

... in nomine satanas. Die Bush-Ära nimmt ja auch kein Ende. Das Böse wird ewig siegen. Da heißt es doch schon wieder "See the plains lie ghastly silent as being frozen in time/ A place of distress where evil still lies vigilant enshrined ..." Jon, du bist ein Prophet! Nur wirst du mit deinem Vorstrafenregister wohl niemals in die USA einreisen dürfen ...
(Wiebke Rost)

... außer natürlich, er zieht dabei die 'Thorns Of Crimson Death' über: Dieser Song ist DISSECTIONs wahre Antwort auf den drohenden Weltuntergang - noch mehr Vernichtung, noch mehr Vergeltung, noch mehr Aggression, Raserei, Verdammnis, Höllenfeuer. Man will neue Superlative erschaffen, wenn diese ICE-Hymne der Finsternis durch die Hirnhälften springt und nichts dalässt außer der Erkenntnis, dass Jons Stimme Metall und Stahlbeton schneidet. Diese Gitarren, sie spielen bedrohlich sanft mit dem Hörer, der gar nicht merkt, wie sie ihm langsam die Eingeweide zermatschen. Dann folgen die schon in früheren Zeiten berüchtigt-tödlichen Blastbeat-Parts des gefährlichen Dornen-Songs, spätestens an dieser Stelle fühlt sich der Autor wieder wie 16, wie bei der DISSECTION-Tour damals. Danke! Schnüff.
(Henri Kramer)

Keine Sentimentalitäten, bitte! Einem männlichen Redakteur kullern fast die Freudentränen übers erhitzte Gesicht, oder um lyrisch zu bleiben - "the crimson tears of heaven". Als ob 'T.O.C.D.' der einzige Apokalypsenreiter wäre! 'Heaven's Damnation' malt mindestens genauso schön das Ende dieser Welt in eine blutüberströmte Winterlandschaft vor den Untergang in ewiger Finsternis. Schief gespielte Gitarren können so wagnerianisch klingen, wenn man den richtigen Moment erwischt, die nächste Saite anzuschlagen! Chaos power! Das schöpft ganz tief und wirkt um so eindringlicher auf das, was keinen Namen hat. "Search for my subconscious/ Lead me into myself/ A need to discover the dark/ A will to enter these gates/ Oh, this temptation/ to end this empty life/ In the cold winds of nowhere". Nietzsche würde sagen, diese Musik macht krank. Ich sage, nie hat man sich stärker gefühlt. "Death does heal me".
(Wiebke Rost)

Dass der Tod Leben bringt, das wusste auch eine rumänische Adlige im Mittelalter, die nun covermäßig in 'Elizabeth Bathory' besungen wird. Laut der Legende badete die Elizabeth nämlich im Blut von Jungfrauen, um ihre Jugend zu erhalten. Als Erstes machten VENOM aus dem erquicklichen Thema einen Song, Quorthon den Namen seiner Band. Dann waren TORMENTOR aus Ungarn dran, deren Song wurde von eben jenem Attila Csihar komponiert, der nun bei ABORYM sein Unwesen treibt - also die Ex-Band von DISSECTION-Bassist Set, für welche der nun nur noch Hohn und Spott übrig hat. Ein kleiner Treppenwitz der Metal-Geschichte. Anyway: 'Elizabeth Bathory' gehörte auch schon vor der Knastzeit zum Liveprogramm von DISSECTION wie das Antikreuz an die Wand eines Satanisten {Na na, bitte keinen BILD-Pauschalismus verbreiten, danke. Anm. d. Ed.}, mit diesem Song gewinnen Jon und Co. auch am Abend ihrer Wiedergeburt das frenetische jubelnde Publikum für sich. Zeigefinger und kleiner Finger, geht nach vorn!
(Henri Kramer)

Set hat eine noch ausgefeiltere Technik in der Disziplin Fingerakrobatik: Alle Finger nach vorn und nur den Mittelfinger unterm Daumen vergraben. Es grüßt der dreifach Gehörnte und trägt uns durch die Pforten zur Welt des ewigen Dämmerschläfleins. Das Beste gibt es nämlich zum Schluss mit 'The Somberlain'. Nickerchen beim Headbangen?! Aber klar doch, einfach noch mal sieben Minuten lang in Trance bangen, das Hirn im antikosmischen Wirbelwind strudeln lassen und am besten in ewiger Dunkelheit versinken - wie soll's denn jetzt noch weiter gehen? Können DISSECTION nicht einfach für immer so weiter spielen, ohne Pause? Die können doch jetzt nicht einfach Schluss machen! Warum gehen denn hier schon alle nach Hause, plötzlich ist der Saal halb leer, während die andere Hälfte noch mal fleißig DISSECTION oder auch DEISSECTION brüllt. Ha, sie kommen wieder. Ein Song hat ja auch wirklich noch gefehlt: 'A Land Forlorn' macht die Setlist komplett. Bis auf vier Ausnahmen vom 93er "The Somberlain" wurde wirklich alles gespielt, die "Storm Of The Lights Bane" sogar vollständig. Und trotzdem gibt's hier nur einen letzten Wunsch: Noch mal!!!
(Wiebke Rost)

Am Ende schwitzt selbst Jon, er, der von Song zu Song immer souveräner über die Bühne tigert und das Publikum zu neuen Bang-Taten aufruft. Doch es hilft alles nichts, nun ist Schluss. Aus. Finito. Die Cutter-Scheren sind hoffentlich schon gespitzt {Tipp: Scharfe Scheren sind effektiver. Anm. d. Ed.}: Die Show wurde aufgezeichnet und kommt nächsten Sommer als DVD heraus, inklusive einer Doku über die Geschichte von DISSECTION. In dieser Historie ist der Tag der Wiedergeburt nach vielen Tiefschlägen ein gewaltiger Schritt nach vorn, zurück in Richtung Death-/Black-Thron. Ob sich DISSECTION auf ihren alten Lorbeeren ausruhen, werden die Fans 2005 mit dem neuen Album merken. Bei der aktuell schon laufenden Tour besteht jedoch bis auf 'Maha Kali' keine Gefahr der Ernüchterung: Jon ist der Leibhaftige und macht zum Glück keine Politik, sondern nur Musik, höllische, blasphemische und antikosmische Sounds aus den tiefsten Abgründen einen zwiespältig (un)menschlichen Seele.
(Henri Kramer)

Nein, ich glaube, DISSECTION werden nicht dem BLACK SABBATH-Syndrom anheim fallen: Dafür haben die vier frisch zusammengeschweißten Musiker viel zu viel schwarzes Feuer unterm Sitzfleisch, als dass sie sich darauf ausruhen würden. Mit dem Touren kommen die Routine, das Feedback, die Erkenntnis über die eigenen Fähigkeiten. Da machen die Jungs alles richtig. Und danach wird 'Maha Kali' eine Ausnahmeerscheinung bleiben und das neue Material um so ausgefeilter sein. Oder der Song wird noch mal eine magische Transformation erleben. "Maha Kali, dark mother, dance for me/ Let the purity of your nakedness awaken me ..." - hat ihn das mönchische Dasein im Gefängnis zu solchen Bittreden getrieben?! Das kann einfach nicht das letzte Wort sein. Schließlich haben sich hier drei Musiker um Jon gruppiert, die allesamt eine starke Vision haben und Talent noch dazu. Man kann nur gespannt sein, was dabei herauskommen wird. Am Ende wird man gerade zu diesem Song noch ekstatisch abfeiern, eben weil er so straight und heavy ist. Jon ist nach dieser Jungfernfahrt jedenfalls sichtbar zufrieden. Kaum von der Bühne runter, stellt er sich allen Fragen und Bitten der Fans, gibt Autogramme - wenn's sein muss auch mal auf eine weibliche Brust. So hat er sich das vorgestellt, wenn man nach dem Leuchten in den großen blauen Augen urteilen darf. Nur eines kann man ihm vielleicht noch raten: Er soll seine alte Sprache wiederfinden und nicht so politisch korrekt in der Gegend rumsülzen. Damit fängt man keine schwarzen Seelen, sondern nur hohle Geister, empty shells, Phrasenmacher, Entmutigte, Angepasste etc. - sonst ist es bald aus mit schwarzen Flamme. Aber, wie Jon bereits sagte: "We will see ...".
(Wiebke Rost)


DISSECTION-Setlist:

At The Fathomless Depths
Black Horizons
Frozen
Night's Blood
Maha Kali
Soulreaper
No Dreems Breed In Breathless Sleep
Where Dead Angels Lie
Retribution - Storm Of The Light's Bane
Unhallowed
Thorns Of Crimson Death

Heaven's Damnation
In The Cold Winds Of Nowhere
Elizabeth Bathory
The Somberlain

A Land Forlorn

Redakteur:
Henri Kramer

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