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ERIC FISH AND FRIENDS, DELVA - München

27.09.2020 | 11:28

26.09.2020, Backstage

Intensiv auf jede Distanz!

Endlich finden wieder Konzerte statt und diesmal nicht nur vor Autos! Mit diesem Stoßseufzer möchte ich meinen Bericht beginnen, denn ich bin tatsächlich erstmals seit Februar wieder im Backstage. Monate der gezwungenen Schließung liegen hinter uns, allerdings bedeutet das Hygienekonzept, das die Veranstalter klar und nachvollziehbar gestaltet haben und unmissverständlich und rigoros umsetzen, dass es doch kein normales Konzerterlebnis ist. Das geht schon damit los, dass das Konzert bestuhlt ist.

Wer jetzt die Nase rümpft, dem sei gesagt, dass das in den USA beispielsweise oft völlig normal ist. BLACK SABBATH oder RUSH im Sitzen ist zwar ungewohnt, aber das geht auch. Allerdings gebe ich zu, dass es hier in Deutschland doch eher selten ist.

Deswegen wirkt das Werk im Backstage, in das der Auftritt aufgrund der nass-kalten Witterung verlegt wurde, seltsam, aber das Ungewöhnlichste sind die Bierzeltgarnituren, die aufgestellt wurden, um die Abstände einzuhalten. Dabei sind die Abstände durchaus groß, es scheint, als wollte man beim Backstage kein Risiko eingehen. Ich möchte das besonders hervorheben und loben. Doch dazu später mehr.

Jetzt kommt erst einmal etwas Leben in die Bude. Da es sich um ein akustisches Konzert handelt, ist das mit der Bestuhlung gar nicht so schlimm, denn die Songwriter-Weisen des Abends animieren eher zum Zuhören als zum Ausrasten. Das wird klar, als die Vorband DELVA, angekündigt von einem gut aufgelegten, aber wohl auch etwas mit der Situation hadernden Eric Fish, mit ihrem folkigen Rock loslegt.

Mittelpunkt der Band ist die Sängerin Johanna Krins, bekannt als Eric Fishs Partnerin bei dem Projekt BANNKREIS. Mit Flöte, Klavier und ihrer schönen Stimme, begleitet von Violine und Gitarre, spielt DELVA etwa eine Dreiviertelstunde Lieder aus dem kommenden Album "Spuren", das am nächsten Freitag, den 2. Oktober 2020, veröffentlicht werden wird. Übrigens mit einer Release-Party in Nürnberg in Finjas Taverne, eine schöne Gelegenheit, die Band live zu sehen, was sich auf jeden Fall lohnen dürfte, denn hier und heute beeindrucken die ruhigen Weisen.

Das rhythmisch interessante 'Die Spur' fällt auf und mit 'Winterkind' folgt eine tolle Ballade, bevor DELVA mit Hilfe von Eric Fish und seinen Freunden mit dem Song 'Einen Sommer lang' Schluss macht, der laut Erics Ansage die Zusammenarbeit bei BANNKREIS lyrisch zusammenfasst und beschließt. Leider hatte das Projekt nicht den erhofften Erfolg und ist wohl endgültig zu den Akten gelegt, aber die Harmonie zwischen den beiden Hauptprotagonisten scheint zu stimmen und 'Einen Sommer lang' unterstreicht das noch einmal.

Nach einer kurzen Pause für Getränke von nur etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten verlischt das Licht wieder und der Hauptact betritt die Bühne. Momentan ist aus den vier Musikern ein Trio geworden, Rainer Michalek kann nicht dabei sein, weil er beruflich gebunden ist, aber neben Eric sind immerhin Friedemann Mäthger und Gerit Hecht dabei, die im Folgenden einen bunten Querschnitt durch das Schaffen von ERIC FISH AND FRIENDS erklingen lassen. Natürlich kommt dabei das neue Album "Gezeiten" prominent zum Zuge, dessen Lieder sich toll in das Set einfügen. Früh kommt 'Hoffnung', später folgen noch 'Gestrandet', 'Unterm halben Mond' und auch das intensive 'Gaia', beruhend auf Dietmar Näsers Theorien zur Regenerativen Landwirtschaft.

Eric macht einen gut aufgelegten Eindruck, aber er erzählt auch von den Schwierigkeiten, die die aktuelle Situation Künstlern und Veranstaltern auferlegt. So sollte ERIC FISH AND FRIENDS aktuell eigentlich auf der Ostsee unterwegs sein und auf der Metal Cruise spielen. Aber die wurde natürlich abgesagt. Da München aktuell ein Corona-Hotspot ist, bedeutet aber das heutige Konzert, dass der folgende Auftritt in Greifswald nicht wird stattfinden können. Auch der nächste Gig in Weinheim ist verschoben. Einen Lacher erntet Eric, als er niedergeschlagen meint, er könnte jetzt auf der Ostsee sein, stattdessen sei er in München. Das verstehen die Süddeutschen nicht, Eric, die meisten hier haben noch nie das Salz der norddeutschen Küste auf den Lippen geschmeckt und sich mit zerzausten Haaren in den Seewind gestemmt!

Natürlich gibt es auch zahlreiche Klassiker der Gruppe wie 'Kreuzfahrt', 'Staunen' und 'Prinzessin auf der Erbse', die Stimmung aufkommen lassen. Wie es scheint, hat noch nicht jeder das neue Album, aber auch sonst stoßen die Aufforderungen zum Mitsingen auf eher verhaltene Reaktionen. Es ist doch eher ein intimes Ambiente, nicht das ausgelassene Konzerterlebnis, das man sonst kennt, sondern ein Songwriter-Abend, bei dem das Publikum die Performance genießt und dem Barden lauscht. Für den Musiker auf der Bühne ist das fehlende Feedback sicher ein Manko, aber um mich herum sehe ich nur begeisterte Gesichter und blitzende Augen. Eric, du hast alles richtig gemacht, aber dieses Setting verlangt allen viel ab, am meisten dir. Das ist auch zu spüren, nachdem die Band die Bühne verlassen hat, denn die Rufe nach einer Zugabe sind entsprechend verhalten, was aber auch einfach an der geringen Anzahl an Besuchern liegt. Ein letztes Mal sucht der Sänger den Kontakt zum Publikum und singt mit den Fans 'Anders sein', bevor endgültig der Vorhang fällt, denn um 22:30 Uhr muss das Konzert enden. Auch dafür gibt es Auflagen. In München. Momentan.

Wie Eric sagte, wir haben das Beste aus der Situation gemacht. Oder zumindest haben wir es versucht. Dass es keine Begeisterungsstürme gab, ist nicht dem Auftritt geschuldet, sondern den Umständen. Das gleiche Konzert in einem Pub ohne Abstände hätte die Musiker sicher auf Euphoriewellen reiten lassen, aber Stimmung kommt nur unter diesen Bedingungen nur schwerlich auf.

Da sind wir dann bei dem Thema, das aktuell viel zu kurz kommt. Die Kulturszene ist gewaltig unter Druck, denn während Wirtschaft und Industrie unterstützt werden, ist die Hilfe beim Lebensunterhalt für Kulturschaffende spärlich gesät und regional unterschiedlich. Wobei man die Bedeutung von Kulturzentren, Veranstaltungshallen und die dazu gehörende Infrastruktur wie Licht und Ton und die daran hängenden Arbeitsplätze, zu denen noch die Gastronomie hinzukommt, für die Wirtschaft nicht unterschätzen sollte. Natürlich ist es richtig und notwendig, Veranstaltungen einzuschränken, aber in den vielen Monaten hätte ich mir gewünscht, dass es ein Konzept gäbe für Musiker, Schauspieler und Unterhalter. Es ist mehr als an der Zeit, den Blick von der heiligen Kuh Export mal auf die Kultur in Deutschland und Europa zu richten. Denn warum ist Rainer Michalek nicht dabei? Weil er einen Job annehmen musste, da ihm seine Einnahmen durch seine Kunst komplett weggebrochen sind.

Heute sind im Backstage Werk etwa 60 Personen bei diesem Konzert. Zugelassen gewesen wären 200. Natürlich ist es verständlich, dass man sich sorgt, so hat ein Fan auf Facebook geschrieben, dass man zu einem Indoor-Konzert leider nicht kommen wird, bei dem Outdoor-Auftritt, so wie es eigentlich geplant gewesen war, bevor das Schietwetter eintrat, wäre er dabeigewesen. Das ist eine lobenswert konsequente Haltung, aber es wird in den nächsten Monaten eine Herausforderung sein, den Mittelweg zu finden zwischen Vorsicht und ein bisschen Normalität. Wenn alle Besucher sich so umsichtig verhalten wie die Fans von ERIC FISH AND FRIENDS und DELVA heute Abend und Veranstaltungsorte Konzepte so vorbildlich umsetzen wie das Backstage, sollte das möglich sein.

Wir decken uns jedenfalls noch mit einem T-Shirt und der neuen CD ein, denn ja, ich konnte auch nicht mitsingen, mea culpa, Eric. Das T-Shirt ist speziell für diese Covid-19-Tour der merkwürdigen Art gedruckt worden und ich hoffe, dass es mal ein Souvenir wird, an das wir nostalgisch zurückdenken können, weil die Situation vorrübergegangen sein wird und vor allem: einmalig gewesen sein wird. Also: Maske auf und durch!

Redakteur:
Frank Jaeger

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