Eastpak Resistance Tour - Berlin

27.11.2003 | 04:37

21.11.2003, Columbiahalle

Zum mittlerweile dritten Mal rollte die Eastpak Resistance Tour durch Europa und machte dabei auch Station in Berlin, wo die Columbiahalle zwar gut gefüllt war, aber auch nicht aus allen Nähten platzte. Das Publikum war dabei zwar mehrheitlich ganz klar der Hardcorefraktion zuzurechnen, aber auch einige Metaller wollten sich das Package nicht entgehen lassen. Und es war ja auch für jeden Geschmack etwas dabei, aber mehr dazu im Verlauf des Berichtes.

Los ging es mit KNUCKLEDUST. Tja, ich kannte die Band vorher und bin jetzt genauso schlau wie vorher, da ich aufgrund eines Interviews den Gig leider versäumte.

Zum Glück konnte ich immerhin noch ein paar Songs der Brüsseler LENGTH OF TIME miterleben, die wohl die düsterste Band des Abends waren. Die Riffs waren stark metallisch angehaucht, der Sound der Band war sehr heavy und apokalyptisch, zumal auch das Gaspedal kaum durchgetreten wurde. Ich muss zwar gestehen, dass sich jetzt kein Song wirklich im Gedächtnis festgesetzt hat, aber von LENGTH OF TIME würde ich gerne mal in Ruhe mehr hören. Insgesamt war der Auftritt aber völlig in Ordnung.

BACKFIRE! sind so etwas wie Hardcore-Urgesteine. Ich kann mich noch gut an Interviews mit den Holländern von vor zig Jahren erinnern, aber da ich eh nie der große Hardcorefan war, habe ich die Band immer links liegen gelassen. Ein, wie sich zeigen sollte, großer Fehler, denn BACKFIRE! konnten auf ganzer Linie überzeugen. Der Old School Hardcore wechselte geschickt zwischen straighten Abgehparts und fiesen Breakdownpassagen und wurde garniert vom aggressiven Gebrülle von Frontmann Pat.
Die Jungs aus Maastricht gewannen damit zwar keinen Innovationspreis, dafür knallte der Sound direkt und ohne Umschweife. Besonderer Pluspunkt war der agile Gitarrist im Adidas-Shirt, wobei der Rest der Truppe ebenfalls eine gute Leistung bot. Somit war es nur logisch, dass zum ersten Mal so etwas wie Stimmung im Publikum aufkam, BACKFIRE! können den Auftritt locker als gelungen abhaken.

Als nächstes folgten dann die MetalCoreler SWORN ENEMY, die zum ersten Mal Europa unsicher machten. Und wie sie das taten! Mit 'As Real As Gets', dem Titelsong des gleichnamigen Debüts, erwischten die Jungs einen sehr guten Start und gaben sofort Vollgas. Shouter Sal verfügt über eine verdammt krasse Stimme und intonierte die Texte mit viel Inbrunst, während der Rest der Band über die Bühne wirbelte, wobei Bassist Mike auch ein gebrochener Knöchel nicht vom Hüpfen abhalten konnte.
Was die Show der New Yorker aber so besonders machte, war der absolute Dampfwalzensound, mit dem an diesem Abend nur noch MADBALL mithalten konnten. Songs wie 'I.D.S.' oder auch 'Time Heals No Wounds' machten einfach alles platt, so gottverdammt heavy agierten SWORN ENEMY. Fette Drums und die aggressiven Riffs sorgten dafür, dass die Band, trotz des eher verhaltenen Publikums auf ganzer Linie abräumte, zumal der Gig mit 'Sworn Enemy' ein endgeiles Ende hatte. Kein Zweifel, SWORN ENEMY zählten an diesem Abend ganz klar zu den Gewinnern!

Bei DEATH BY STEREO war es zwar erstmals ziemlich gut gefüllt vor der Bühne, aber die Reaktionen waren eher mal besch....eiden. Sänger Efrem Schulz, der sich als stimmliche Wundertüte entpuppte und von aggressiven Screams bis hin zu schönen Melodien alles drauf hatte, löste das Problem auf seine Weise und sang ein paar Songs im Moshpit.
Danach war die Crowd vor der Bühne zumindest etwas aufgetaut. Vollkommen unverständlich, denn die Kalifornier setzten auf aggressiven Hardcore, der sowohl schnellere Parts wie auch Midtempo beinhaltete, mit ordentlich Frische aus den Boxen ballerte und halt immer wieder mit coolen Melodien aufwarten konnte, die dem jeweiligen Song nichts von seiner Power nahmen. Bis auf den etwas undifferenzierten Sound also ein voller Erfolg für die agilen DEATH BY STEREO, auch wenn das Publikum das wohl anders sah.

Weswegen waren die denn eigentlich alle hier? Als das MADBALL-Backdrop hochgezogen wurde, setzte eine Massenbewegung Richtung Bühne ein, so voll war es bei keiner anderen Band. Und deshalb räumten Freddy Cricien, dessen "Ich zieh mein Shirt aus, Ich ziehs wieder an, Ich ziehs wieder aus" Aktion schon ziemlich cool war, Bassmonster Hoya im Yao Ming Trikot (Yao=groß und dünn, Hoya=klein und breit, um mal dick zu vermeiden) und der Rest der Crew ordentlich ab. Der Sound ballerte wie nichts gutes, die Musik war endgeiler NYHC, neben Highspeed gabs ordentlich Moshpassagen und Freddy brüllte sich dazu die Lunge aus dem Leib, kompetent unterstützt vom Gitarristen.
Neben alten Klassikern wie 'Demonstrating My Style' oder 'Down By Law' gab es auch ein neues Stück von der "New York Hardcore E.P.", das ganz stilecht allen "fuckin` enemies" gewidmet wurde und gut knallte. Auch sonst war alles beim Alten. Ein Song wurde WARZONE und Raybeez gewidmet, ein weiterer HC-Ikone Vinnie Stigma, der ja auch mal bei MADBALL rumposen durfte und ein Lied dann schließlich zwei verstorbenen Freunden. Darüber hinaus wurde von Freddy der Unity-Gedanke beschworen und allen Labelversuchen eine klare Absage erteilt. Alles in allem eine geile Show, die dem Status der Band als heimlicher Headliner durchaus gerecht wurde.

Von den Hardcore-Proleten zur positiven Power. Wo ist die Bühne von Stagedivern übersät? Wo diven sogar verdammt viele Frauen und ein Typ ,der sonst mit Krücken durch die Gegend bzw. den Moshpit humpelt? Wo bekommt George W. Bush sein Fett weg? Wo werden jedweden Kriegen eine Absage erteilt? Wo sind hart arbeitende Väter, die alle für ihre Kinder tun und nicht irgendwelche Rapper die wahren Tough Guys? Wo werden U2 kompetent gecovert?
Natürlich bei IGNITE! Ich muss ja ehrlich zugeben, dass ich die Band vorher musikalisch (der Name war mir schon geläufig) gar nicht kannte, aber was die Jungs an diesem Abend boten, war schon klasse. Soviel Frische und positive Power, ohne dabei an Härte zu verlieren, bieten nicht viel Bands. Dazu kam mit Sänger Zoli ein charismatischer Frontmann, der sowohl mit seinem sirenenmäßigem Gesang wie auch mit intelligenten Ansagen nachhaltig beeindrucken konnte. Als Kontrastprogramm zu MADBALL kam das genau richtig, so dass IGNITE ab jetzt einen neuen Fan in ihren Reihen begrüßen dürfen. Absolutes Highlight war der Abschlusskracher 'A Place Called Home', der mich auch jetzt noch im Kopf rumschwirrt. Großartige Band, großartiger Auftritt!

Trotz der zum Teil überragenden Gigs vorher (SWORN ENEMY, MADABLL, IGNITE) war sicher nicht nur ich mordsmäßig gespannt auf SUICIDAL TENDENCIES. Wie würde die Band heutzutage klingen? Immerhin hat die Band mit Hardcore, Punk, Funk, Metal und und und schon zig Stile in ihrem Sound verarbeitet, dabei meistens munter zwischen allen Stühlen sitzend.
Als erstes marschierte mal wieder eine mir bis auf Mike Muir komplett unbekannte Band auf die Bühne (der eine Gitarrist sah dabei witzigerweise fast wie Herr Muir aus, bloss mit Bierbauch...) und die legte mit 'You Can`t Bring Me Down' und dem göttlichen 'War Inside My Head' gleich gut los. Die Gitarrenfraktion fegte energiegeladen über die Bretter, während die Rhythmussektion sich den Arsch abspielte, meine Fresse, waren die Jungs cool. Herr Muir war gewohnt souverän und hatte wieder seine langen, schnell gesprochenen Ansagen am Start, die ja so etwas wie sein Markenzeichen sind. Etwaige Stagediver wurden konsequent, aber nicht brutal von der Security abgeräumt.
Songtechnisch gab es mit 'Cyco Vision', 'We Are Family' (leider zu funkig), 'Ain`t Gonna Take It', 'Possessed To Skate' und 'I Saw Your Mummy' ordentlich was auf die Ohren, obwohl mich vor allem letzteres Stück im Midtempo fatal an PUDDLE OF MUDD und deren 'She Hates Me' erinnerte. Haben die Neo-Grunger hier etwa dreist geklaut oder bin ich jetzt schon total taub? Naja, auch egal, beim abschließenden 'Pledge Your Allegiance' war die Bühne jedenfalls voll, alle brüllten fleißig "S.T." und ein cooles Konzert war beendet. Und wohin führt der Weg? Nun, mal abwarten, ich würde sagen, in Richtung Punk/Hardcore, aber bei den SUICIDAL TENDENCIES weiß man das ja nie...

Die Eastpak Resistance Tour bot jedenfalls verdammt viel Musik für wenig Geld, dabei auch stilistisch gut gemischt ohne zu zerfahren zu wirken. Wer auf Hardcore steht, sollte sich nächstes Jahr diese Tour auf gar keinen Fall entgehen lassen, wer sich dieses Jahr verpasst hat, kann sich mal gepflegt in den Arsch beißen.






Redakteur:
Herbert Chwalek

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