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Ektomorf/Disbelief (Listening Session) - Reichenbach

23.01.2005 | 05:08

11.12.2004, alte Tankstelle

Huch, eine Listening Session im Doppeldecker-Format? Haben sich Nuclear Blast mit ihrer offensiven Einkaufspolitik doch etwa ein wenig übernommen und muss nun deutlich gespart werden?
Mangels Einblicke in das NB-Geschäftsgeschehen kann ich dazu leider wenig sagen, jedoch offenbarte sich die Idee, die Ungarn von EKTOMORF und das deutsche Döss-Meddel-Flaggschiff DISBELIEF zusammen ihre neuen Scheiben vorstellen zu lassen, als absoluter Volltreffer. Auch wenn man zunächst vermeintliche Gemeinsamkeiten beider Bands mit der Lupe such muss, so wird recht schnell klar, dass die beiden überaus sympathischen Truppen eine Menge gemeinsam haben.
Beispielsweise die mangelnde Anerkennung im Heimatland. Oder das schier unerschöpfliche Groove-Potential, aus dem Platte für Platte neue, mörderische Brecher wachsen. Tourwütig sind auch beide, und in Sachen unbändiger Live-Energie schenkt man sich ebenfalls wenig bis gar nichts. Absolute Killer-Riffs kennt man offensichtlich in Ungarn wie in Dschörmenie, eine Tatsache, welche die beiden neuen Alben - "Instinct" respektive "66 Sick" (bei den Albentiteln haben DISBELIEF doch deutlich die Nase vorn ;-)) - sehr deutlich aufzeigen.

Als Location diente eine große Halle einer stillgelegten Tankstelle in Reichenbach, dem Nachbarkaff der NB-Headquarters in Donzdorf, direkt um die Ecke vom gemütlichen "Bürgerstüble", welches vor und nach der Präsentation Anlaufstelle für alle Journalistos sowie nach ausgiebigem Alkoholgenuss aller Anwesenden auch Endstation war. Die Wahl des Präsentationsortes erwies sich ebenso wie die Bandzusammenstellung als goldrichtig, da sich der brachiale Sound der beiden Truppen im weitläufigen Gebäude wunderbar entfalten konnte. Sorgten EKTOMORF dabei schon für kleinere Erdbeben, so war die Vorstellung der neuen DISBELIEF-Kompositionen geradezu überwältigend. Doch der Reihe nach:

Den Anfang machten EKTOMORF, die mit "Instinct" den Nachfolger ihres abgefeierten "Destroy"-Werkes vorlegten. Im Vergleich zum 2002er-Album "I Scream Up To The Sky" zu dessen Nachfolger ist das neue Stück Musik in meinen Ohren eine deutlich geringere Weiterentwicklung - aber wieso auch? Schließlich hatte man auf dem Vorgängeralbum seine Stärken enorm bündeln können, glänzte mit überzeugendem Songwriting, ausgefeilten Arrangements und einigen absoluten Übersongs, die Meister Cavalera und seine mittlerweile arg müde klingende SOULFLY-Truppe verdammt alt aussehen ließen. "Instinct" knüpft genau an diesen Stärken an, wirkt nochmals kompakter, direkter und etwas heftiger, nimmt aber dennoch Rücksicht auf die folkloristischen Wurzeln der Band und ihre politische Ausrichtung.
Selbstverständlich ist der Spirit von Truppen wie SEPULTURA (oder eben SOULFLY) oder MACHINE HEAD allgegenwärtig, aber eine wirklich eigenständige musikalische Mixtur dürfte so mit das letzte sein, was der Fan von EKTOMORF erwartet. Songs wie das eröffnende Groove-Monster 'Set Me Free' mitsamt äußerst aggressiven Vocals und treibendem Instrumentalpart oder der simpel-effektive Arschtritt und Titelsong mit seinem feinen Aggro-Part werden auch anno 2005 die Moshpits zum Kochen bringen. Das ist genau das, was man eigentlich von EKTOMORF hören möchte. Da aber vierzig Minuten davon auf Dauer auch nicht zum Aushalten wären, gibt es auch ein paar andere Dinge zu entdecken. Wie etwa die sehr coole Rock'n'Roll-Attitüde von 'Burn' oder 'Fuck You All' (Primitiv? Es geht noch schlimmer, man achte auf die wertvollen Lyrics zu 'United Nations') oder die Tanztempel-Hymne 'The Holy Noise', die insbesondere durch die eingestreuten Folk-Melodien eine Menge Spaß macht. Bei 'I Will' gibt es sogar ein Solo zu bestaunen, während 'I Break You' ganz in der Tradition von 'I Know Them' (frappierende Ähnlichkeiten, was? ;-)) steht.
Summa summarum selbstverständlich keine großartigen Überraschungen aus Ungarn, aber dafür ein nicht minder überzeugendes und grundsolides Album. Wer "Destroy" mochte, der wird "Instinct" lieben, wer EKTOMORF mag, wird auch mit dem neuen Album die Bestätigung dafür bekommen.
Mir persönlich war die Präsentation fast zu monoton, jedoch muss man der Band attestieren, dass die das, was sie macht, absolut perfektioniert hat. Wenn es legitime Erben von SEPULTURA gibt, dann sind das zweifelsohne EKTOMORF.

Kurze Pause, etwas chillen, geistig auf neues Material von DISBELIEF vorbereiten. Der Vorgänger "Spreading The Rage" würde ich als absoluten Meilenstein im bisherigen Schaffen der Band bezeichnen, der selbst das nicht viel "schlechtere" (eigentlich ein Begriff, der bei dieser Band eher fehl am Platze ist) "Shine" verblassen ließ. Und, man lese und staune, genau dies schafft auch die neue Langrille wieder. Die Intensität, emotionale Dichte und Kompromisslosigkeit hat der südhessische Fünfer nochmals gesteigert, zwölf makellose, wunderschöne und endlos tödliche Stücke hat man dieses mal geschmiedet, veredelt von einer Weltklasseproduktion von Tue Madsen, hechel, lechz, Himmel ist das geil - von ihrer Begeisterung können sich nach dem Genuss von "66 Sick" die wenigsten erholen. '66' stellt den Auftakt zum überwältigenden Opener 'Sick' dar, welches mich ein wenig an 'To The Sky' erinnert, Jagger glänzt dabei auch mit cleanem Gesang, der sich wunderbar mit seinem infernalischen Gekreische in Kontrast setzt. Herrlich. Dabei klingt der Front-Hühne wieder krank, brutal und unmenschlich wie eh und je, man fragt sich unweigerlich, was in aller Welt die Band mit ihm anstellt, um eine derartig abgefahrene Gesangsperformance zu erreichen.
'Floating On High' ist das nächste Stück, eine mit Doublebass-Gewittern gespickte, noisige Keule der Extraklasse, die Gleichung "NEUROSIS meets CULT OF LUNA meets ISIS meets Metalcore" kommt mir in den Kopf, bevor dieser von 'For God?' vollkommen leer gefegt wird. Was für eine Hymne! Der typische DISBELIEF-Groove trifft hier auf Aggressionen der Extraklasse und herrliche Melodien und firmiert somit als wahre Todesmaschine vorm Herrn (angesichts des Songtitels nur passend).
Bei 'Continue (From This Point)' zeigt sich Jagger wieder von seiner ruhigeren Seite, betört den Hörer mit klarem, unheimlich emotionsgeladenen Gesang, dieser Song geht meilenweit unter die Haut. Uargh!
Während Songs wie 'Crawl' oder 'Try' die Death-Metal-Keule in großen Kreisen schwingen lassen und mehr oder minder typisch DISBELIEF sind (sieht man einmal vom dominanter gewordenem Drumming ab), so fallen zwei weitere Kompositionen noch positiv aus dem Rahmen: 'Rewind It All (Death Or Glory)', zu dem die Jungs auch schon ein Video geschossen haben, klingt ein wenig wie BOLT THROWER im DISBELIEF’schen Sound-Korsett und kann mit bis in den Keller gestimmten Klampfen und toller Melodiebetontheit überzeugen, während ich 'Lost In Time' mal eben für die Kategorie "Song des Jahres" nominieren würde, hier verschmelzen Melodie und Härte zu einem unschlagbaren Konglomerat, welches wie ein Leberhaken den Hörer zunächst völlig außer Gefecht setzt, um ihn dann sirenengleich einzuschmeicheln. Erneut ertappe ich mich bei der Frage, wie viel Emotion und Intensität eigentlich in Musik stecken kann. Und eines ist nach dem Genuss von "66 Sick" klar: DISBELIEF haben diese Messlatte nochmals weiter nach oben gehoben. Wie in aller Welt auch dieses Album nochmals übertroffen werden soll, ist mir vollkommen schleierhaft. Aber ich würde darauf vertrauen - immerhin hat die Truppe das bereits zwei Mal fertig gebracht.

Bleibt unterm' Strich ein äußerst amüsanter, informationsreicher und vor allem intensiver Abend mit zwei Bands, die in ihren eigenen Genres absolute Unikate sind und dies hoffentlich auch noch lange bleiben werden. EKTOMORF liefern dabei die grundsolide Arbeit ab, die man mittlerweile von ihnen erwartet, während DISBELIEF sich selbst nochmals übertrumpfen und ein Album präsentieren, welches in der deutschen Musiklandschaft absolut einmalig ist.

An dieser Stelle wieder ein großes Dankeschön an Nuclear Blast für den reibungslosen Ablauf und Speis & Trank, sowie ein fettes Merci an die Kollegen Michi und Andi vom Walls Of Fire und Norman von metal.de für die gemeinsame Durchführung der Interviews. Cheers!

Redakteur:
Rouven Dorn

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