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Euroblast-Festival XII - Köln

09.10.2016 | 23:19

30.09.2016, Essigfabrik

Auf den folgenden Seiten heißt es wieder: Auf in die Noten- und Rhythmus-Schlacht, auf ins Progressive Metal-Mekka: Das Euroblast-Festival XII!

Bereits am Vorabend, bittet das Euroblast zur Warm Up-Show im Underground 2. Das lassen wir uns natürlich nicht lange sagen und stürzen uns ins Geschehen. Gastgeber sind mit MONOPHONIST und RESHAPER zwei lokale Bands, ebenfalls dabei sind FALL OF MINEVA aus Italien und die Pariser THE DALI THUNDERING CONCEPT. Machen wir es kurz: Die mit Abstand überzeugendste Show liefert FALL OF MINERVA. Ihren depressiven Noise-Sound mischen die Herren mit Post-/Doom- und Psychedelic- Metal, dem man sich gar nicht entziehen kann. Sehr beeindruckend und nicht alltäglich.

Auf jeden Fall haben wir jetzt richtig Bock auf das Prog-Marathon! Auf den folgenden Seiten könnt ihr nachlesen, wie wir die drei Tage Ausnahmezustand in der Kölner Essigfabrik erlebt haben. Mit dabei sind diesmal von POWERMETAL.de Oliver Paßgang, Peter Kubaschk, Thomas Becker und Jakob Ehmke (+ Fotos Freitag & Samstag). Vielen Dank gebührt auch unserem alljährlichen Gastautoren Christian Stricker, sowie Heiner Bach für die Fotos vom Sonntag!

[Jakob Ehmke]

Wenn man - wie ich - in den letzten Jahren in erster Linie beim "Keep It True"-Festival war, dann ist das "Euroblast" ein echtes Paralleluniversum, das musikalisch nicht gegensätzlicher sein könnte, sonst aber durchaus auch Ähnlichkeiten aufweist. So fällt auf, dass es durchaus einen Dresscode gibt. Wo in Lauda-Königshofen Kutten und Spandex das Bild prägen, sind es in Köln Vollbärte und Wollmützen. Hipster-Alarm?! Und auch die Damen, die sich vor dem Gelände mit dem Sammeln von Pfandflaschen ein paar Euro verdienen wollen, staunen sicher nicht schlecht, als in den Einkaufswagen mehr Wasser- als Bierflaschen landen. Getrunken wird erst als auch die erste Band die Bühne bestritt. Diese hört auf den Namen OMEGA DIATRIBE und interessiert offensichtlich so ziemlich niemanden. In der Halle ist es noch sehr leer und der generische Djent-Sound der Truppe lockt jetzt auch die Musikerpolizei nicht hinterm Ofen hervor. Wer glaubt, dass Djent seelenloses Rhythmusgeschiebe mit Brüllwürfel ist, wird sich hier in seiner Meinung bestätigt fühlen. Dumm zudem, dass bei diesem Brüllwürfel jede Seite eine Null zeigt. Die Truppe hat nur 30 Minuten Spielzeit und doch schaue ich schon nach weniger als zehn Minuten auf die Uhr und hoffe, dass das endlich ein Ende hat. Mir geht es aber offensichtlich nicht alleine so, denn es gibt von den einzelnen Seelen im Laden eher weniger als Höflichkeitsapplaus. Aber gut, das kann nur besser werden. Und wird es auch.

[Peter Kubaschk]

Die Schweizer PROMETHEE zerlegen als nächstes die Hauptbühne. Zwar ist ihr moderner Sound auf diesem Festival nichts Besonderes und erntet auch keinen Individualitätspreis, aber man kann die Glieder schon mal warm schütteln. Euroblast, Let's go!

[Jakob Ehmke]

ALIASES gehört nebst anderen Bands wie MONUMENTS, THE ALGORITHM oder UNEVEN STRUCTURE quasi zum Inventar des Euroblast. Ihr technisch versierter Sound passt aber auch wie bestellt zum Thema des Festivals ("Mehr ist mehr"). Mir fällt positiv auf, dass die Band im Vergleich zu früher vermehrt mit Klargesang arbeitet, was zwar nicht immer gut umgesetzt ist, aber Mittelpunkt ist eh Madame "Flitzefinger" Leah, die wie ein Flummi umherspringt, außerordentlich viel Spaß versprüht und so ihren männlichen Kollegen lässig die Show stiehlt. Insgesamt eine starke Performance!

[Jakob Ehmke]

ANIMA TEMPO hat den weiten Weg aus Mexiko nach Köln auf sich genommen, um auf der Nebenbühne vor einem gespannten Publikum aufzuspielen, ihr Album "Caged In Memories" ist gerade erschienen. Ihr Sound ist sehr vielschichtig, was im Kellergewölbe der Sidestage leider etwas untergeht. Das Live-Cello ist somit eher Deko. Insbesondere im Klargesang kann die Band punkten, vielmehr ist aufgrund des basslastigen Sounds leider nicht zu entnehmen. Hört euch das Album mal an, denn es gibt viel zu entdecken!

[Jakob Ehmke]

Meine erste Band auf dem diesjährigen Euroblast: MODERN DAY BABYLON. Oh mein Gott, ich bin so froh, dass ich es pünktlich geschafft habe! Es ist nicht das erste und garantiert nicht das letzte Mal, dass diese fantastische Truppe hier aufspielt. Atmosphäre und Melodien, die einen ganz weit wegtragen, gibt es hier in Hülle und Fülle, heute gepaart mit einer besonders ruppigen Mischung Djent. Das liegt weniger an der Songauswahl (hat sich da im Vergleich zum letzten Gig überhaupt etwas getan?) und auch nicht an der Performance (wie immer zwischen gefühlvoll und steilgehend), sondern vor allem am Sound, der heute die 0-00-000-0-00-Parts besonders in den Vordergrund stellt. Daher kann man sich zu MODERN DAY BABYLON heute besser den Kopf abschrauben als je zuvor – und neben mir tun das auch einige andere, wenngleich die hauptsächliche Reaktion eher das introvertierte, faszinierte Zuhören ist. Einziges Manko: Der sympathische Dreier kann nun einmal nicht alle Sounds selbst produzieren, so dass die ein oder andere Gitarrenspur vom Band kommt. Wie wäre es mit einem zweiten Gitarristen, meine Herren? Sei's drum, ich jedenfalls bin einmal mehr ganz verzückt von meiner vielleicht allerliebsten Djent-Band und kann den nächsten Auftritt kaum abwarten – dann bitte mit neuem Material!

[Oliver Paßgang]

Die Norweger SHINING (links) betreten als nächstes die Bühne - und verwandeln in Kürze die Essigfabrik in einen Haufen Irrer (ich habe mindestens einen Kopfstand gesehen). Mit ihrem Cocktail aus Black Metal, Industrial, Prog, Noise, (Free-)Jazz und einer großen Prise Wahnsinn, zieht mich der Auftritt sofort in seinen Bann. Spielen sie gerade fast eingängig, zerschmettern sie im nächsten Moment alle Erwartungen und stürzen sich mit 1000 Euroblastlern ins (Saxophon-)Chaos. Dazu ist der Sound glasklar, sodass man jede Eruption am ganzen Körper spürt. Für mich klar das Highlight des Tages, wenn nicht sogar vom gesamten Festival!

[Jakob Ehmke]

Die Australier von DEAD LETTER CIRCUS sind für mich schon vor dem Festival als einer der Höhepunkte gebucht und heute ist das sogar noch mehr der Fall, denn mit ihrem leicht progressiven Alternative Rock sind Kim Benzie und Gefolge eine mehr also wohlige Abwechslung zwischen all den schweren und teilweise schwer verdaulichen Rhythmus-orientierten Sounds des Tages. Endlich mal Melodie! Und doch ist der Einstieg noch nicht wirklich das Gelbe vom Ei. 'Here We Divide' ist als Live-Opener zumindest aufs erste Ohr etwas ungewöhnlich und auch Vokalist Kim Benzie scheint noch nicht auf Betriebstemperatur zu sein, dazu ist der Sound in der Halle auch eher mau. Das bessert sich aber dann spätestens mit 'While You Wait' und ab da wird der Gig von Song zu Song besser. Kim Benzies Heliumvokals muss man natürlich mögen, aber nachdem er sich eingegroovt hat, schmeicheln sie sich zumindest in meine Ohren. Dazu gibt es nun auch Songs, die top für die Live-Situation geeignet sind. Gerade die Debütnummern 'The Cage', 'Next In Line' und 'One Step' zeigen das. Hier steht dann auch ein echter Soundwall und die Musiker im Publikum haben was zu schauen. Die Stimmung bleibt dennoch etwas verhalten, was ich aber generell am heutigen Tage so empfinde. Die 40 Minuten werden so vielleicht nicht zum Triumphzug, aber der beste Gig des Tages ist das zumindest in meinen Ohren schon sehr deutlich.

[Peter Kubaschk]

In Dänemark scheinen ja momentan talentierte Bands wie Pilze aus dem Boden zu sprießen. Gutes Beispiel hierfür ist COLD NIGHT FOR ALLIGATORS. Verrückter Bandname und mindestens genauso verrückt ist der Sound der Herren aus Kopenhagen. Im gut gefüllten Keller der Essigfabrik wird auch direkt der Musikgenre-Mixer angeworfen. Die begeisterte Hörerschaft bekommt einen feinen Soundsmoothie aus progressiven Metal, Post-Rock-Versatzstücken und einer ordentlichen Portion Djent serviert. Darüber thront die Stimme des Sängers, der von tiefen Growls bis hin zu cleanen Passagen das volle Spektrum perfekt beherrscht. Fans von BETWEEN THE BURIED AND ME werden an dem chaotischen Songwriting eine wahre Freude haben. Zum Glück versteht es COLD NIGHT FOR ALLIGATORS trotzdem immer wieder, Songs auf den Punkt zu bringen. Fast schon unnötig zu erwähnen, dass diese junge Kapelle, die dieses Jahr erst ihr Debütalbum herausgebracht hat, nur so vor Spielfreude strotzt. Nach dieser astreinen Performance beim Euroblast sollten zwei Sachen gewiss sein: Zum einen wird man noch so einiges von dieser Band in naher Zukunft hören und zum anderen kommt die Truppe hoffentlich sehr bald wieder zum Euroblast, dann aber bitte auf die Hauptbühne, das haben sich die Dänen wirklich verdient.

[Christian Stricker]

Die Prog-Metal-Großmeister von INTRONAUT, haben nach jahrelangen vergeblichen Bemühungen seitens des Veranstalters endlich den Weg zum Euroblast gefunden. Die in Los Angeles lebende Band braut seit jeher ihren ganz eigenen Sound-Cocktail zusammen, der irgendwo zwischen progressivem, bassgewaltigem Metal mit Post-Rock-Schlagseite sowie Sludge-Anleihen beheimatet ist. Die Ewartungen an ihr Gastspiel in Köln sind groß, besonders da sie zuletzt mit "The Direction Of Last Things" ein fulminantes Album herausgebracht haben. Leider wirken die Musiker heute ein wenig leblos und übertourt. Jeder Paketzusteller im stressigen Weihnachtsgeschäft versprüht mehr Freude an seinem Job. Und so schallt zwar ein ordentliches Klanggewitter aus den Boxen, eine richtige Euphorie oder gar Atmosphäre will heute Abend aber leider nicht aufkommen. Sehr schade, denn die musikalischen Fähigkeiten dieser Truppe sind über jeden Zweifel erhaben. Da wäre mehr drin gewesen.

[Christian Stricker]

Pünktlich zu ANIMALS AS LEADERS (links) treffe ich in Köln-Deutz ein. Es ist mein erstes Euroblast und gelungener könnte mein Festival-Debüt eigentlich nicht verlaufen. Und während meine Kollegen schon einen ganzen Tag lang Technik und Nerdistan pur auf die Ohren bekommen haben, sind die meinigen noch frisch für die vielleicht komplexeste und technisch elaborierteste Band des ganzen Festivals. Tosin Abasi, Javier Reyes und Matt Garstka lassen sich von Anfang an nicht lumpen und frickeln sich und ihren fasziniert lauschenden Hörigen vor der Bühne bei perfektem Sound (man hört einfach jedes Detail!) in ein instrumentales Schlaraffenland. Was 1992 DREAM THEATER war, ist heute ANIMALS AS LEADERS: der höchste Standard spielerischer Perfektion. Zumindest im Prog-Metal-Bereich. Und während unser Cheffe ziemlich fremdelt, findet es sich der Rest der Belegschaft bei aller Selbst-Verliebheit der Musiker sehr gut mit dem Material zurecht. Für mich ist das alles total logisch und nachvollziehbar, was da an Sound von der Bühne runterzappelt. Es wird Luftgitarre gespielt und Faxen gemacht, es werden Bodies geshaked und mitunter sogar wild gebangt, etwas unorthodox und roboterhaft vielleicht, weil der Takt ständig wechselt, aber dennoch im Fluss mit der Musik. Das liegt allen voran an Drum-Wunderkind Matt Garska, der mir vor dem Gig als besonders begutachtenswert angepriesen wird, sollten sich meine Glotzböbbel mal zufällig von den Griffbrett-Zaubereien des gewohnt lässig zockenden Meisters Abasi abwenden. “Verspielt straight” nennt uns Oli dieses faszinierende Drumming und hat damit sowas von recht. Die Drums halten all diese tausend Töne selbst bei den krummsten Rhythmen beisammen und erschaffen diesen hochenergetischen, unwiderstehlichen Groove, der für mich ANIMALS AS LEADERS an die Spitze der ganzen Djent-Techniker stellt. Am Ende hängen meine Augen tatsächlich öfter an diesem Wirbelwind hinter dem Schlagzeug als beim diesmal etwas unnahbar wirkenden Klampfen-Wizard. Komisch ist auch dass der neue Song ‘The Brain Dance’ angekündigt, aber nicht gespielt wird. Man solle ihn sich im Internet anhören. Als ob dies eine Live-Performance ersetzen könne. Nichtsdestotrotz vergeht die Zeit viel zu schnell bis die Herren das obligatorische ‘CAFO’ anstimmen (ihr Pendant zu ‘Pull Me Under’?), was bislang immer das Ende des Gigs bedeutet. Jupps, das war schon verdammt genial mal wieder!

[Thomas Becker]

Nachdem ANIMALS AS LEADERS oben einmal allen Anwesenden den Kopf komplett weggef… gefegt, ja, weggefegt hat, steht unten im Kabuff die Party mit den Lokalmatadoren an: MASURIA tritt an, um zu siegen. Und das tut die Kölner Band mit einer erstaunlichen Leichtigkeit. Auch wenn der progressive Metalcore-Sound der Truppe eher dem (unfassbar hohen!) Euroblast-Keller-Standard entspricht, ist die Feierei heute das Merkmal, welches absolut heraussticht. Nach kurzer Aufwärmzeit geht die noch mit zu viel Kräften versorgte Meute vollkommen steil und eskaliert im vorderen Bereich in einer fast schon absurden Art und Weise. Dass MASURIA im Vergleich zu Genrekollegen auch immer mal wieder recht straighte Parts drinhat, tut der Sache dabei nur gut. Die Jungs auf der Bühne sind super happy (meine Finger haben irgendwann nicht mehr ausgereicht, die Danksagungen zu zählen), die Crowdsurfer und Mosher ebenfalls, alle ruhigen Zuhörer im hinteren Bereich auch. MASURIA: sehr gut gemacht!

[Oliver Paßgang]

HIER geht's zu Tag 2, Samstag.

Redakteur:
Jakob Ehmke

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