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Finnish Metal Expo - Helsinki

03.03.2006 | 04:02

17.02.2006, Kaapelitehdas (Kabelfabrik)

Freitag

Am Donnerstagabend besteigen wir voller Vorfreude den Nachtzug von Joensuu nach Helsinki. Unsere Kabine teilen wir uns mit einer netten, älteren Finnin, die sofort signalisiert, dass sie 'ein bisschen' Deutsch kann - wie alle Finnen - und netterweise mit ihrem röhrenden Schnarchen sicher stellt, dass wir die ganze Nacht kein Auge zubekommen. Da hilft auch kein Bier, denn das steht gut gekühlt zu Hause im Kühlschrank - da steht es toll - und Alkohol ist nach 21 Uhr in Finnland außerhalb von Bars und Clubs leider unverkäuflich. Zerknautscht kommen wir Freitagmorgen in der finnischen Hauptstadt an, machen nach einem kurzen Check-In die Innenstadt unsicher und bahnen uns am Abend - kulturell bereichert - unseren Weg zur Kabelfabrik.

Die Fenster der Kaapelitehdas vibrieren bereits im Sound der ersten Band AJATTARA. Vor dem roten Backsteinmonstrum reihen sich mehrere hundert Finnen brav in einer endlos scheinenden Schlange ein und glühen mit Rotwein, Bier und Cider ordentlich vor. Es ist ein alter finnischer Brauch, sich vor jedem Event so dermaßen einen hinter die Birne zu kippen, dass man gerade noch so stehen oder wahlweise an der Wand lehnen kann, denn Alkohol ist schweineteuer und der Alkoholpegel muss den ganzen Abend gehalten werden. Was sich hier vorm Eingang versammelt hat, ist unter dem Begriff Metal allein für das deutsche Auge nicht fassbar. Neben langhaarigen Ledermetallern reihen sich neonfarbene Lackgothen, gefolgt von schwarzem Nachwuchs jeglicher Art - und Familien mit kleinen Kindern. Suomi, als Finnland, lebt ein beispielhaftes Motto - Metal ist für alle da. Hier gibt es keine schwachsinnigen Unterteilungen in Truemetaller und Zylindergothen, hier gibt es nur geniale Musik und ein unbeschreiblich gut gelauntes Volk. Am Eingang erhalten wir einen ausführlichen Guide in Finnisch und Englisch, der neben dem kompletten Aufbau des Expo-Geländes auch Infos zu den Veranstaltungen und Bands gibt. Schon auf den ersten Blick wird klar, dass die finnische Metal Expo durch Organisation besticht - oder sagen wir mal erschlägt...

Auf der "Radio City Stage" (Hauptbühne) spielen am Freitag von 17 Uhr bis 2 Uhr fließbandartig AJATTARA, VERJNUARMU, PAIN CONFESSOR, SWALLOW THE SUN, EVERGREY und TERÄSBETONI; zwischendurch findet die Verleihung der finnischen Metal Awards statt und zum krönenden Abschluss gibt es in der zweiten Etage Metal-Karaoke bis 3 Uhr.
Ja genau: Karaoke. Im Programm der zweiten, kleineren Halle stehen parallel dazu neben einer "Tube Amplifier Session" so genannte "Acoustic Experiences" mit MOKOMA, NIGHTWISH, GODSPLAGUE und CHILDREN OF BODOM auf dem Programm. Damit der Besucher so richtig überfordert ist, gibt es einen dritten Bühnenbereich: Hier wird neben zwei "KSF-Hevikaraoke"-Vorstellungen und einer AMORPHIS-Listening-Session auch eine weitere allgemeine "Suomen Metalli Musiikki"-Listening-Session präsentiert. Und so ganz nebenbei reihen sich dann noch über 60 Stände rund um die Musikindustrie ein. Es werden Festivals (Tuska, Ilosaarirock, Sauna Open Air...), Plattenlabel (Spinefarm, Nuclear Blast, Roadrunner Records...), Bands (AMORPHIS, ENSIFERUM, DIABOLO...), Magazine (Inferno, Miasma, Chambers...) sowie Merchandising, Instrumente und Kleidung jeglicher Art repräsentiert und für Schleuderpreise unters Volk gebracht.

Ein Blick auf das Samstagsprogramm lässt uns Tränen in die Augen schießen: Das Line Up der Bands ist so gigantisch, dass wir uns notgedrungen dazu entschließen, am Freitag die tatsächliche Expo in Angriff zu nehmen und die Bands vorerst zu ignorieren. Der erste Schmerz wird mit einem finnischen Fünf-Euro-Spülwasserbier verdrängt. Und wieder tut es weh, denn Finnland vereint die schlechte Küche Englands mit der Bierqualität Amerikas: "Finnish Beer is like making love in a canoe – fucking close to water!" So bahnen wir uns schnuteziehend unseren Weg zur KSF-Hevikaraoke...

KSF-Hevikaraoke

Wer in Suomis Wäldern wohnt oder dort zumindest etwas Zeit verbracht hat, der weiß, dass Finnen total auf Karaoke abfahren. Vorzugsweise sturzbetrunken werden internationale Hits und auch gerne finnische Schlager in feinster Manier ins Mikro gesägt bis das Trommelfell platzt. Mit dieser Erfahrung und dem Wissen um die legendäre Internet-'Growl Karaoke' nimmt man im Publikum Platz und erwartet eine Art vokalisiertes Kettensägenmassaker. Dann betreten plötzlich drei Typen die Bühne: einer mit Gitarre, einer mit Bass und einer mit Mikro bewaffnet. Es ertönt die Hintergrundmusik zu IRON MAIDENs 'Two Minutes to Midnight' und auf einer Leinwand sind der Songtext sowie die dazugehörigen Gitarren- und Bassgriffe zu sehen. Dann bleibt uns doch etwas der Mund offen stehen, denn die drei Herren präsentieren den Song äußerst professionell. Die Idee dahinter ist gleichermaßen simpel wie genial: Nachwuchsmusiker und Leute mit Humor können sich seit 2005 'Heavykaraoke'-DVDs kaufen auf denen sie die - anfangs rein finnischen - Metal-, Hard Rock-, Indie-, Punk- und Classic Heavier Rock-Songs nicht nur nachsingen, sondern auch mit zwei Gitarren und Bass nachspielen können. Das Songrepertoire reicht dabei von CHILDREN OF BODOM und DIABOLO über SENTENCED und AMORPHIS bis hin zu HIM und NIGHTWISH. Da diese Idee in Finnland mittlerweile reißenden Absatz gefunden hat, entschlossen sich die Macher jetzt, ihr Angebot weiter auszuweiten, so dass sie im Jahr 2006 erstmalig eine Zusammenfassung der größten Hits IRON MAIDENs auf den Markt bringen. In Finnland ist die ganze Sache sogar als Komplett-Event inclusive Instrumente, Lichtshow und Qualm buchbar. Also irgendwie liegt es wohl doch am Wasser...
Und bei weiterem Interesse: www.heavykaraoke.com

Acoustic Experience – NIGHTWISH (Emppu Vourinen und Marco Hitala)

Von der Heavykaraoke begeistert, drängeln wir uns unseren Weg in die schon gut gefüllte Musamaailma-Halle frei. Hier stehen Emppu Vorinen und Marco Hitala von NIGHTWISH dem Publikum Rede und Antwort. Auf Finnisch. Die Atmosphäre erinnert an ein großes Familientreffen, die Musiker wirken entspannt und die Finnen stehen brav aneinander gereiht vor der kleinen Bühne. Keiner drängelt, keiner schubst und als man unser Pressebändchen bemerkt und hört, dass wir aus Deutschland kommen, schiebt man uns sogar augenzwinkernd nach vorn. Finnen sind einfach mal scheiße nett und hilfsbereit, dass muss man an dieser Stelle echt mal loswerden. Die Fragen des Publikums drehen sich nicht nur um Musik und eventuelle Festivalauftritte, sondern auch um die Lieblingsbiermarken - und nicht um NIGHTWISH-Ex Tarja. Das alles lockert die sowieso schon gemütliche Fragerunde auf und als Antwort kommen spontan die finnischen Biersorten Lapin Kulta und Karhu. Das verbuchen wir dann doch mal unter Lokalpatriotismus, weil einfach kein Geld der Welt reicht, um sich für diese Antwort bezahlen zu lassen...

Acoustic Experience – GODSPLAGUE (Euge Valovirta)

Während einer kurzen Pause kündigt ein Musikvideo von GODSPLAGUE auf einer Leinwand im hinteren Bereich des Raums den Auftritt von Euge Valovirta an. Schüchtern bahnt er sich seinen Weg am Publikum vorbei, betritt ohne ein Wort zu sagen die Bühne und zückt seine Klampfe. Ein kurzer Blick auf die Zuhörer, ein freches Grinsen und schon gibt es einen Satz heiße Ohren. Der Herr weiß, was er kann. Und ein definitiv hammergeiles Gitarrensolo folgt. Die Münder des relativ jungen Publikums öffnen sich, Kinnladen fallen reihenweise gen Boden und seine Bandkollegen strecken im hinteren Bereich des Raums den Brustkorb nach vorn. Herr Valovirta wirft den Kopf nach hinten, rotzt in finnischer Manier in die Luft und duscht sich quasi im eigenen Saft. Dann fasst er noch schnell seinen Applaus ab, bevor er wieder von der Bühne verschwindet. Wie? Das kommt euch jetzt nicht wie eine halbe Stunde vor? Ja, uns auch nicht...

Acoustic Experience – CHILDREN OF BODOM (Alexi Laiho, Roope Latvala)

Und wieder wird die Bühne geräumt, wieder kündigt ein Video die nächste Band an: CHILDREN OF BODOM. Ein Herr betritt die Bühne und entschuldigt die Jungs, man habe fünf Minuten Verspätung. Das Publikum nimmt es gelassen, obwohl der Raum immer kleiner zu werden scheint, die Luft immer stickiger und der Ansturm von draußen nicht nachlässt. Dann wird es still. Ein Moderator kündigt den Auftritt von Alexi Laiho und Roope Latvala an. Der Sänger trägt einen dicken Schal um den Hals, eine Zigarette in der linken und eine Flasche Fanta in der rechten Hand - Alkohol ist in diesem Bereich der Expo nicht erlaubt. Seine glasigen Augen lassen erahnen, dass er entweder tierisch krank ist oder schon gut einen in der Krone haben muss. Wieder startet eine Art finnisches Frage-Antwort-Spiel, bei dem das verhaltene Gelächter der Zuschauer erahnen lässt, dass sich die Fragen ein weiteres Mal um nebensächlichere Dinge drehen.

Alles in allem sind die Acoustic Listening Sessions eine durchaus interessante Sache. Man könnte ihnen das Prädikat "Stars zum Anfassen" geben. Neben ein paar live präsentierten Stücken der Musiker hat vor allem das Publikum die Chance, Fragen an seine Metal-Helden zu stellen. Leider - aber natürlich - auf Finnisch, schließlich befinden wir uns in einer Altersgruppe von 5 bis 50 in der Hauptstadt Suomis. Wer einmal die Gelegenheit haben sollte, diese Metal-Expo zu besuchen, sollte sich das aber definitiv mal anschauen, denn die Familienatmosphäre, die hier vermittelt wird, ist wirklich ein Erlebnis wert! Und ihr habt noch nie so schüchterne Metaller gesehen, haha...

SWALLOW THE SUN

Nachdem wir die Expo ausführlich überflogen haben - anders kann man das bei diesem Angebot einfach nicht nennen - stürmen wir vor zur Hauptbühne, wo jetzt SWALLOW THE SUN auftreten sollen. Versteinert stehen die sechs Jungs auf der Bühne, absolut regungslos, mit starrem Blick auf die Zuschauer. Die ersten Sounds kündigen sich an, der Sänger breitet seine gewaltige Stimme allmächtig über dem Publikum aus und die getragenen Klänge lassen den Brustkorb erbeben. Der Expo-Guide hatte schon vorgewarnt: "These giants of atmosphere metal have perfected their heaviness to the edge of brilliance. These guys need more than 30 minutes to get to full speed. And that ain't fast." Ja ehrfurchteinflößend und unheimlich todtraurig erzählt diese Doom-Big-Band-Combo Geschichten von Schmerz, Verzweiflung und allem, was so richtig weh tut. Dabei schmerzt der Anblick von Sänger Mikko Kotamäki irgendwie am meisten. Er trägt rot-schwarz geflammte Boots mit passender Palazzo-Hose - dass sind die mit den weiten Beinen, die an den Oberschenkeln so doll auftragen und eigentlich für Frauen gedacht sind - auf der sich neben dem tollen, wiederholten Flammenmotiv ganz viele kleine und große Totenköpfe auf rotem und schwarzem Untergrund tummeln. Dieses Ensemble vereint er mit einem hellgrauen Hemd, schwarzen Wollhandschuhen und einer tief ins Gesicht gezogenen schwarzen Einbrecher-Wollmütze. Zudem versteckt er sein Gesicht gekonnt hinterm Mikro und verlässt diese sichere Position nur einmal, als er sich zum Schlagzeuger dreht, um unbemerkt sein Hemd aufzuknöpfen, damit man dann durch einen zwei Zentimeter breiten Spalt auf seinen blanken Oberkörper blicken kann. Irgendwie weit ab von "evil". Wo Herr Laiho zu viel Bier hatte, gab man diesem Herren eindeutig zu wenig! Währenddessen versuchen die Gitarristen etwas Bewegung in die Sache zu bringen: Sie schütteln ihre langen, finnischen Mähnen und siehe da, dass Publikum ist noch nicht eingeschlafen. Man reißt die Arme empor, ballt die Fäuste und schüttelt ein wenig die Haare. Doch dann legt sich wieder bleischwere Starrheit über das Geschehen. Nein, so richtig in Fahrt kommen sie leider nicht und man holt doch sichtlich aufatmend Luft, als sich die Band nach zähflüssigen 60 Minuten mit einem schlichten "Kiitos!" (Danke!) verabschiedet. Alles in allem können SWALLOW THE SUN durch einen gigantischen Sound und beeindruckende Vocals schon überzeugen, aber sie passen nicht in die Stimmung einer Expo.

Finnish Metal Awards

Während die Rowdies wieder alle Hände mit einem schnellen Abbau zu tun haben, bietet sich die Möglichkeit die Haupthalle mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Raum ist in der Mitte durch eine Metallabsperrung getrennt. Nur an der linken Seite befindet sich ein durch Securities gesicherter Durchgang. Da die Expo ein Event "für die ganze Familie" sein soll, ist Alkoholkonsum nur im 18er-Bereich erlaubt, der sich im hinteren Teil der Halle befindet. In diesen Bereich ist auch der Aufgang zur zweiten Etage, in der sich zwei weitere Bars und eine Art Empore befinden, die viel Platz und einen grandiosen Blick auf die Bühne bietet. Nach dem Konzert von SWALLOW THE SUN strömen die Massen in den 18er-Bereich an die Bar. Immer noch ist das Publikum bunt gemischt: vom langhaarigen Ledermetaller bis zum barocken Brautkleid ist alles dabei. Noch während die Rowdies ihrer Arbeit auf der Bühne nachgehen, betreten zwei finnische Moderatoren die Bühne. Begleitet werden sie von einer "Miss Inferno" in einer Art rosanem Ballerinakostüm. Nach einer kurzen Einführung auf Finnisch geht es an die Verleihung der Metal Awards, die das Aussehen von Grabstein-Gedenktafeln haben. Die Abräumer des Abends sind dabei eindeutig SENTENCED, die in den drei Kategorien gewinnen.

Paras yhtye (Beste Band) - SENTENCED
Paras albumi (Bestes Album) - SENTENCED
Paras tapahtuma (Bestes Event) - Tuska Open Air Metal Festival
Paras laulaja (Bester Sänger) - Antti Hyyrynen / STAM1NA
Paras soittaja (Bester Musiker) - Alexi Laiho / CHILDREN OF BODOM
Paras Toimittaja (Bester 'Boss') - Teemu Suominen / Radio City
Paras kansitaide (Best Hand Art) - SENTENCED
Parhat Kotisivut (Beste Homepage) - MOKOMA
Vuoden Tulokas (Best Newcomer) - STAM1NA
Hamara-palkinto ("Hamera"-Preis) - Sauna Open Air Metal Festival
Rautakanki, vuoden metalliteko ("Heldentat" - Preis, eine Art Metal[l]Speer) - NIGHTWISH

Alles in allem dauert die Verleihung gerade mal eine Stunde, denn der Zeitplan ist knapp und die nächste Band steht in den Startlöchern...

EVERGEY

"Sweden's Evergrey have the honor to be one of the three foreign artists at the Finnish Metal Expo. Their show will prove they deserve it." Nein, man hat definitiv nicht zu viel versprochen, denn die schwedische Band EVERGEY ist eindeutig die beste Live-Combo des Freitagabends. Der charismatische Sänger heizt mit seiner prägnanten und klaren Stimme dem Publikum ein und schüttelt seine hüftlangen Haare gekonnt zu dröhnenden und düsteren Gitarrensounds. Der schlechte Anblick vom SWALLOW THE SUN-Sänger Mikko gerät ins Vergessen, dass Publikum lässt sich von der Energie Tom Englunds mitreißen. Er hat das Volk definitiv im Griff, lässt eine Energiebombe über ihm zerplatzen, reißt alles mit, was sich mitreißen lässt und liefert eine Wahnsinnsshow ab. Klatschend und gröhlend zollen die Finnen der Schwedenband den ganzen Auftritt hinweg ihren Respekt. Heiße Gitarrensoli zeigen sie da, die Schweden, die es laut Programmheft doch mehr als verdient haben, eine der ausgewählten internationalen Bands zu sein. Doch was ist das? Nach viel zu kurzer Spielzeit verlassen sie plötzlich die Bühne. Schon wieder Zeit für Zugaben? Im sonst so introvertierten Finnenvölkchen schwillt ein rhythmisches Klatschen an... Ja, klatschende und jubelnde Finnen - ein wirklich äußerst seltener Anblick. Außer bei diesem EVERGREY-Konzert. Da jubeln, kreischen und applaudieren die sonst so zahmen Waldmenschen, was das Zeug hält. Der elbengleiche Keyboarder kommt als erstes auf die Bühne zurück, verneigt sich theatralisch, schrotet wild auf den Tasten herum und lässt sich erstmal ordentlich feiern - naja "all the world's a stage". Doch auch der Rest der Band lässt nicht lange auf sich warten und so heizt man dem wildgewordenen Volk mit fantastischer Musik weiter ein. Nebenbei stapeln sich die leeren Bierfässer um die Alko-Bar in babelartigen Türmchen. Jaja, die Finnen sind ein durstiges Völkchen und so kann man erahnen, dass die plötzliche Extrovertiertheit nicht nur an der grandiosen Musik liegt. Am Ende des gigantischen Auftritts wirft Sänger Tom Englund seine schwarze Mähne zurück und rotzt gelassen mal so zwei bis drei Meter in die Höhe. Das haben wir ja heute schon bei dem Herrn von GODSPLAGUE bewundern dürfen und wieder heißt die Devise: Du erntest was du säst, und so wischt man sich posierend die Rotze von der Stirn, bevor man hinter der Bühne verschwindet. Drei Zugaben sprechen für sich: Zum einen dafür, dass EVERGREY expotauglich Einen überzeugenden Auftritt abgeliefert haben, zum Anderen dafür, dass sich die Herren anscheinend ganz gern bejubeln und bekreischen lassen. Ein wahnsinnig geiler Auftritt - für Ohren UND Augen... Da man TERÄSBETONI kurzfristig cancelt, entscheiden wir uns dann der Müdigkeit nachzugeben und den Heimweg anzutreten.

Was bleibt also zum Freitag zu sagen? Danke an die alte Schnarchnase im Zug, dass wir die Expo schlaftrunken vor der Metalkaraoke verlassen müssen! Dem SWALLOW THE SUN-Sänger sollte mal definitiv jemand stecken, dass seine Klamotten nicht so ganz die Aussagekraft seiner Musik treffen. Die netten Ideen, die man sich neben den Verkaufsständen und den Konzerten ausgedacht hat, sind definitiv auch für Nicht-Finnen sehenswert: Ohren zu und durch! EVERGREY haben den Abend musikalisch vervollkommnet, wenn nicht sogar gerettet. Und: Man sollte sich das nächste Mal definitiv Geld für ein Taxi aufheben. Sonst muss man sich auf eine lustige Fahrt im Nachtbus gefasst machen, in der sich angetrunkene Abiturienten unter zerschossene Metaller mischen. Erstere feiern nämlich zu dieser Zeit in Finnland ihren Schulabgang - als ob die Finnen nicht immer einen Grund zum Saufen finden würden. Ja, lustig geht es im Nachtbus zu: Während die älteren Menschen der härteren Gangart im bierangehauchten, komatösen Zustand vor sich hin schwelgen, schaffen es die noch immer aufgedrehten, sturzbesoffenen Schulabgänger mit finnischen Schlachtrufen den ganzen Bus zu unterhalten. Doch begeistert sind die Metaller von der Überschwenglichkeit ihrer jüngeren Mitmenschen nicht und stimmen gröhlig-grunzend zum Gegenschlag an. Juchu, wir leben in einem Land, in dem es nur Irre und Bekloppte gibt... und drückt man ihnen eine Gitarre in die Hand mutieren sie zu AMORPHIS und ENSIFERUM - den Headlinern des folgenden Tages. Dafür lässt sich so etwas dann doch schon mal ertragen. Dann rutschen wir ausgepowert - begleitet von finnischen Balzgesängen - tiefer in unsere Sitze und genießen den Urwaldcharme...
[Silvana Conrad]

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