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Gorgoroth Old Man´s Child - Offenbach

28.10.2000 | 10:00

05.05.2000, Hafenbahn

Das schöne Wetter? Das No Mercy-Konzert gerade mal zwei Wochen zuvor? Warum auch immer, jedenfalls hatten sich in der Hafenbahn keine 100 Nasen eingefunden, um sich ein stilistisch sehr gut ausgewogenes, qualitativ ansprechendes Billing anzusehen, dem es für meine Begriffe lediglich an einem waschechten Headliner fehlte. Will sagen einer Band, die über ein entsprechendes following verfügt.
Den Auftakt in der grösstenteils verwaisten Hafenbahn machten die norwegischen Hoffnungsträger MYRKSKOG. Die jungen Burschen nutzten die ihnen zustehende Spielzeit von leider nur 25 Minuten konsequent aus und beeindruckten mit der gekonnten Darbietung diverser Nummern ihres exzellenten Debütalbums \"Deathmachine\". Nicht zuletzt dank des für einen Opener -insbesondere in der Hafenbahn- guten Sounds kam ihre anspruchsvolle, spielerisch souverän verwirklichte Mischung aus Thrash, Death und Black Metal Elementen voll und ganz zur Geltung. Zudem konnten die Skandinavier mit einem höchst ungewöhnlichen Outfit glänzen: während Sänger Master V mit einem Piratenkopftuch poste, beeindruckten die Gitarristen Destructor und Sescthdamon mit ihren bodenlangen Polyesterröcken (Röcken? Ja, Röcken!). Schade nur, daß sich das Publikumsinteresse in derart enttäuschenden Grenzen bewegte, denn MYRKSKOG hätten zweifellos mehr verdient gehabt.
Als nächste Band versuchten NIGHT IN GALES aus dem Ruhrgebiet, das Publikum aus der Reserve zu locken und hinterliessen dabei einen leicht zwiespältigen Eindruck. Während ihre älteren, phasenweise stark an IN FLAMES und vor allem an DARK TRANQUILLITY erinnernden Nummern durchaus zu gefallen wussten, erwies sich das sperrige, teilweise thrashlastige Material ihres aktuellen \"Nailwork\"-Outputs als nur bedingt live-tauglich. Dennoch, mit ihrem energischen, sehr bewegungsintensiven Stageacting und ihrer der schlechten Zuschauerzahl zum Trotz ungebremsten Spielfreude konnten auch NIGHT IN GALES sich zumindest einige Fleisspunkte erarbeiten. Am positivsten in Erscheinung trat der Frontmann, dessen Gesang stilvoll zwischen kraftvollen cleanen Passagen und typisch schwedischem Gekreische hin und her pendelte. Lediglich sein übertriebener Flüstertüteneinsatz war etwas nervig. Insgesamt ein manierlicher Auftritt incl. einer bemerkenswerten Coverversion der alten ANTHRAX-Granate \"Indians\".
Nun waren die Schweden SOULREAPER an der Reihe. Die Gruppe um die beiden ehemaligen DISSECTION-Musiker Johan Norman und Tobias Kjellgren prügelte sich 35 Minuten lang in gekonnter Manier durch die Songs ihres gutklassigen \"Written In Blood\"-Debüts und wusste mit ihrem kompromißlosen, zugleich jedoch technisch anspruchsvollen Material absolut zu überzeugen. Lediglich in den ruhigeren Passagen fühlte man sich hie und da an glorreiche DISSECTION-Zeiten erinnert, ansonsten regierte knallharter Death Metal modernen Florida-Zuschnitts. Ein souveräner und soundtechnisch passabler gig, bei dem der Sangeskünstler zu gleichen Teilen mit kernigem Mülltonnengegrunze und mörderischen Schreien imponierte. Umso erstaunlicher, als sich der gute Mann aufgrund eines offensichtlich mehr als respektablen Alkoholpegels desöfteren nur mit Hilfe seines Mikrofonständers aufrecht zu halten vermochte.
Die nun folgenden KRISIUN sollten sich als das uneingeschränkte Highlight des Abend entpuppen. Der Ruf, eine exzellente Liveband zu sein, eilt den brasilianischen Extremst-DeathThrashern ja ohnehin voraus; einen derartigen akustischen Frontalangriff hätte ich mir jedoch nun wirklich nicht erwartet. Das Brüdertrio (!) füllte die Bühne trotz absoluter Bewegungslosigkeit spielend mit seinem ungeheuren Charisma aus und prügelte sich mit schier unglaublicher Intensität durch ihre bisherigen 3 CDs, wobei selbstredend das Hauptaugenmerk auf die Songs des aktuellen \"Conquerors Of Armageddon\"-Outputs gelegt wurde. Gerade diese, auf Konserve teilweise zu gleichförmigen Nummern gewannen live erheblich an Profil dazu; nicht zuletzt deswegen, weil die spielerisch nahezu konkurrenzlosen Südamerikaner sie in im Vergleich zur Studiofassung erhöhtem (!!!) Tempo darboten, ohne dabei auch nur ansatzweise die Kontrolle zu verlieren. Die ungeheure Soundwand, die die Herren Kolesne dabei produzierten, kommt der eines SLAYER-Konzerts gleich und ließ allerorten vor Staunen offene Münder und, nach Beendigung des dreiviertelstündigen gigs, vom Soundinferno völlig erschlagene Fans zurück. Im direkten Vergleich konnten KRISIUN selbst den machtvollen Auftritt von CANNIBAL CORPSE (zwei Wochen zuvor an gleicher Stelle) mühelos toppen. Zudem glänzte das singende Kehlkopfabszeß Alex mit einigen sympathisch-undergoundigen Ansagen. Es würde mich sehr überraschen, wenn diese verheerende Liveband mittelfristig nicht zu einer ganz grossen Nummer avancieren würde.
Nach einem derartigen Orkan auf die Bühne zu müssen, ist natürlich eine denkbar unbequeme Aufgabe. Insbesondere, wenn man auch noch über die gesamte Dauer des Auftritts mit gravierenden technischen Problemen zu kämpfen hat, wie es bei OLD MAN´S CHILD der Fall war. Kein Wunder, daß Bandleader Galder unmittelbar nach dem gig vom schlechtesten seines Lebens sprach (s. Interview). Dennoch, die Norweger wussten durchaus zu gefallen. Mit tatkräftiger Unterstützung von Aushilfsdrummer Trym (EMPEROR) kredenzte die Band eine mehr als gelungene Werkschau quer durch ihre bisherigen Veröffentlichungen und hatte somit den Vorteil eines enormen Abwechslungsreichtums auf ihrer Seite. Zudem war auch der Sound für Hafenbahn-Verhältnisse ausgezeichnet, was dem symphonischen Black Metal (vor allem des neuen Albums) der Nordlichter natürlich sehr entgegenkam. Gute 50 Minuten lang spulten die Skandinavier ihr Programm routiniert, wenn auch mit -angesichts der enttäuschenden Besucherzahl verständlicherweise- gebremstem Enthusiasmus herunter und machten zumindest Lust auf mehr. Unter den angesprochenen Umständen ein gutes Konzert; bleibt zu hoffen, daß sich die Norweger demnächst wieder einmal blicken lassen und man sie dann unter adäquaten Voraussetzungen erleben kann.
Vom Headliner GORGOROTH kann ich leider nicht allzuviel berichten, da ich nahezu zeitgleich das Interview mit OLD MAN´S CHILD durchführte. Leider hatten diese trotz meines sehr frühzeitigen Erscheinens (2 Stunden vor Beginn) im Vorfeld ihres Auftritts keine Lust dazu gehabt, was allerdings bis zu einem gewissen Punkt verständlich ist. Anyway, ich bekam den gig von GORGOROTH nur im Hintergrund mit, aber soweit ich es von außerhalb der Halle aus beurteilen konnte (kann man das denn überhaupt?), war zumindest die Songauswahl absolut gelungen. Zumal die Norweger zuletzt mit \"Incipit Satan\" ein exzellentes Album produziert haben. Die letzten Nummern des ca. 55 Minuten langen Konzerts hätte ich mir dann ganz gerne direkt am Ort des Geschehens angetan, allerdings war es in der Hafenbahn (glücklicherweise nur bei dieser Band) nahezu unerträglich laut (man ist ja nicht mehr der jüngste) und der \"Lungenkrankes-Schwein-beim-Zahnarzt\"-Kreischgesang des Front-Goldkehlchens nahm bei mir sämtliche Schmerzgrenzen im Sturm. So richtig enttäuscht hat allerdings keine der wenigen Gestalten ausgesehen, die bis zum Ende durchgehalten haben und danach aus der Halle gewankt sind.
Fazit: Ein rundum gelungener Abend mit grosser Stilvielfalt und einer Reihe erstklassiger Bands, dem auch die technischen Probleme bei OLD MAN´S CHILD und die angesprochenen Kritikpunkte bei GORGOROTH keinen Abbruch taten.

Redakteur:
Rainer Raithel

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