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HAKEN, VOLA, BENT KNEE - Leipzig

10.03.2019 | 09:18

04.03.2019, Conne Island

Eine Studienreise der etwas anderen Art!

Konzerttermine unter der Woche sind ja in der heutigen Zeit schon fast nichts Außergewöhnliches mehr. Wenn das Ganze in der Heimatstadt stattfindet, ist dagegen ja auch nichts einzuwenden, wenn man jedoch eine weitere Anreise hat, dann überlegt man es sich schon genau, ob man da wirklich hin muss und dementsprechend für den Folgetag einen kostbaren Urlaubstag opfert. Diesmal ist mir die Entscheidung denkbar leicht gefallen, denn spätestens nach dem Konsum von HAKENs "L1VE" war klar, dass ich mir das Spektakel auf keinen Fall entgehen lassen darf. Im Conne Island war ich zuvor auch noch nie, als ich jedoch kurz vor Einlass dort aufschlage, ist mir die Location sofort sympathisch. Eigentlich ist das Conne Island ein alternatives Jugend-Kulturzentrum und beherbergt auf seinem Gelände auch einen Skatepark. Das Gebäude selbst ist fast komplett mit Graffiti vollgesprüht, was auch im Dunkeln noch ziemlich cool aussieht. Das legendäre Livealbum "Live In Leipzig" von MAYHEM wurde hier 1990 aufgezeichnet, außerdem fand zwei Jahre später das allererste Wave Gotik Treffen in dieser Location statt. Etwas unnützes Wissen muss schon auch sein, schließlich sind wir nicht zum Spaß hier, sondern befinden uns auf einer höchst wissenschaftlichen Studienreise, den "European Vector Studies 2019" um genau zu sein. HAKEN hat zur Unterstützung noch VOLA und BENT KNEE mitgebracht, ich bin schon sehr gespannt, für wieviel Stimmung diese Kombination letztendlich sorgen wird.

Sogar schon einige Minuten vor Acht wird es dunkel im Conne Island und BENT KNEE betritt die Bühne. Im Hintergrund sind schon die Instrumente von VOLA und HAKEN aufgebaut, der zur Verfügung stehende Platz ist daher mehr als begrenzt und beschränkt die Bühnenaktivitäten auf ein Minimum. Artrock zählt jetzt nicht gerade zu meinen bevorzugten Musikstilen, weshalb mir die Band auch bisher nicht bekannt war. Im Vorfeld habe ich mir zwar mal das aktuelle Album von BENT KNEE angehört, aber begeistern konnte es mich nicht wirklich. Vor allem den Gesang fand ich stellenweise schon arg gewöhnungsbedürftig, aber auch die Musik war mir größtenteils zu soft. Umso überraschter bin ich, was BENT KNEE hier in Leipzig auf die Bühne zaubert, denn live das klingt richtig gut. Vor allem Sängerin Courtney klingt live wesentlich besser als auf Platte, aber auch der Rest kommt mit deutlich mehr Druck und Härte aus den Boxen, als ich es erwartet hätte. Noch während des ersten Songs hat mich BENT KNEE überzeugt und ich genieße fast andächtig die Show, welche die Band auf der Bühne zelebriert.

Auch das restliche Publikum ist von der ersten Minute an gefesselt und geizt nicht mit Applaus. Da Courtney ja praktisch die ganze Zeit hinter dem Keyboard steht, müssen die anderen Bandmitglieder für die Show sorgen. Bassistin Jessica und Gitarrist Ben wippen durchgehend auf ihren paar Quadratzentimentern im Takt der Musik auf und ab und unterstützen Courtney gelegentlich mit Backgroundvocals, viel mehr Bewegung ist aber auch nicht drin auf der kleinen Bühne. Violinist Chris wirkt, als wenn er komplett in die Musik eintaucht und sich darin verliert, er für mich ist der heimliche Frontmann von BENT KNEE. Auch mich reißen die Amerikaner ebenso wie die restlichen Zuschauer absolut mit und so vergehen die 20 Minuten Spielzeit wie im Flug. Bevor sich BENT KNEE allerdings in den Feierabend verabschiedet, wird noch einmal Applaus für die beiden anderen Bands des Abends gefordert, den das Publikum bereitwillig und lautstark erteilt. Ein richtig guter Einstieg und für mich eine Überraschung, ist hätte vorher echt nicht gedacht, dass mich die Show der Amerikaner so mitreißen wird. Hut ab.

In der Pause bleibt nur wenig Zeit, um Getränkenachschub zu organisieren und vor dem Conne Island mit einigen anderen Gästen ins Gespräch zu kommen, denn die Umbaupause ist tatsächlich nur sehr kurz. Auch einen Soundcheck gibt es nicht mehr, das wurde offenbar alles schon vorher erledigt. Drin schaue ich noch schnell am Merchstand vorbei und nehme mir ein HAKEN-Tourshirt mit, die stylischen Shirts mit den Neon-Motiven vom "Affinity"-Album gibt es leider nur noch in 3XL, was mir dann doch ein bisschen zu groß ist.

Weiter geht es mit VOLA aus Dänemark. Auch diese Gruppe war mir im Vorfeld nicht bekannt, nach dem Hören des aktuellen Albums "Applause Of A Distant Crowd" war ich allerdings zumindest sehr interessiert, denn die Mischung aus Progressive Rock, Metal und elektronischen Elementen fällt schon eher in mein bevorzugtes Beuteschema. Hier geht es mir ebenso wie vorhin bei BENT KNEE, die Musik zieht mich direkt von Beginn an in ihren Bann. Der Sound ist übrigens auch von Beginn an perfekt, obwohl in der Pause kein Soundcheck mehr gemacht wurde. VOLA steht jetzt auch deutlich mehr Platz auf der Bühne zur Verfügung, nachdem das Equipment von BENT KNEE abgebaut ist. Und dieser wird auch genutzt, die Band gibt von Beginn an Vollgas und heizt dem Publikum ordentlich ein. Auch die Musik von VOLA kommt live eine ganze Ecke härter daher als auf dem Album, wogegen ich absolut nichts einzuwenden habe, ganz im Gegenteil.

Vor allem Sänger und Gitarrist Asger und Bassist Nicolai werden nicht müde, im Takt der Musik die Köpfe kreisen zu lassen, aber auch Drummer Adam scheint ganz in seinem Element zu sein und klöppelt auf seiner Schießbude herum, was das Zeug hält. Zwischen den Songs rutscht er nervös auf seinem Stuhl hin und her, dass man fast denken könnte, er müsste dringend auf die Toilette. Asger hält die Ansagen auch angenehm kurz, meistens bedankt er sich nur für den wirklich ausgiebigen Applaus des Leipziger Publikums und kündigt den nächsten Song an. 'Your Mind Is A Helpless Dreamer' und 'Whaler' sind schon verdammt starke Nummern, aber auch der Rest gefällt. Als Asger den letzten Song 'Stray The Skies' ankündigt, kann ich gar nicht glauben, wie schnell die Zeit schon wieder verflogen ist. Da ich es völlig vergessen habe auf die Uhr zu sehen, kann ich gar nicht genau sagen, wie lange die Spielzeit von VOLA effektiv war, es dürfte schätzungsweise etwa eine Stunde gewesen sein. Natürlich bedankt sich Asger noch einmal beim Publikum, mit dem die Band an diesem Abend absolut leichtes Spiel hatte, und auch für die beiden anderen Gruppen wird erneut Applaus erbeten. Geiler Auftritt, jetzt bin ich genau in der richtigen Stimmung für HAKEN.

Setliste: Smartfriend; Starburn; Your Mind Is A Helpless Dreamer; Owls; Alien Shivers; Ruby Pool; Whaler; Stray The Skies

Vorher geht es aber nochmal an die Bar, denn Studienreisen können ganz schön durstig machen. Ist ja aber alles im Dienste der Wissenschaft. Erneut gestaltet sich der Umbau recht kurz und auch ein Soundcheck muss nicht mehr gemacht werden. Daumen hoch dafür an die Crew, sowas sieht man wirklich nur noch selten heutzutage.

Als das Licht erneut erlischt und die ersten Töne des 'William Tell Intro' erklingen, bricht lauter Jubel im Conne Island aus und es dauert nicht lange, bis mit HAKEN endlich der Headliner des Abends auf die Bühne kommt. Da diese Tour bzw. Studienreise ganz im Zeichen der aktuellen Scheibe "Vector" steht, gibt es von dieser auch zunächst die ersten drei Songs. Man merkt sofort, dass die Jungs Bock haben, und dem Publikum im Conne Island geht es da nicht anders. Sänger Ross Jennings ist ein Frontmann, wie er im Buche steht, er lebt die Songs praktisch auf der Bühne, indem er seinen Gesang mit Posen und Gestiken unterstreicht. Der Mann ist einfach ein Blickfang mit einer enormen Bühnenpräsenz. Von den beiden Gitarristen ist Richard eindeutig der aktivere, Charles scheint auch eher in seine eigene Welt abzutauchen, während er spielt. Gelegentlich wandert sein Blick durch die Zuschauerreihen und ein zufriedenes Lächeln zeichnet sich auf seinem Gesicht ab. Basser Conner hält sich anfangs noch eher im hinteren Bereich der Bühne auf und zelebriert dort ebenfalls seine eigene Show. Auch von den Zuschauern lassen sich viele einfach von der Musik mitreißen und bewegen sich zu den nicht selten fast schon hypnotischen Klängen von HAKEN.

Der Name "European Vector Studies 2019" ist tatsächlich Programm, denn bis auf 'Host' hat HAKEN tatsächlich das komplette Album im Programm. Wenig überraschend, dass man gerade auf diesen Song verzichtet, denn er ist größtenteils softer als der Rest und dürfte wohl auch live weniger spektakulär sein als die restlichen Nummern der Scheibe. Dadurch bleiben leider so einige Bandklassiker auf der Strecke, aber immerhin der ist der Ohrwurm '1985' vom Vorgängeralbum “Affinity” nicht dem Rotstift zum Opfer gefallen. Diesen Song performt Ross natürlich traditionell mit der Neonbrille und Tastenmann Diego schnappt sich nun auch seine Keytar und gesellt sich ebenso wie Basser Conner zu Ross und den Gitarristen in den vorderen Bereich der Bühne unmittelbar vor den Fans. Nur Ray bleibt gezwungenermaßen brav auf seinem Stuhl hinter dem Drumkit sitzen. Es grenzt jetzt schon fast an Reizüberflutung (natürlich im positiven Sinn), was HAKEN da veranstaltet. Nicht nur, dass die harten Riffs der Songs dem Publikum ordentlich einheizen, man weiß gar nicht mehr, wo man zuerst hinschauen soll, weil jeder der Musiker seine eigene Show abzieht. Episch, anders kann ich es nicht beschreiben.

Ross erwähnt noch, dass es der Band eine Ehre sei, mit zwei ihrer absoluten Favoriten auf Tour zu sein, und wieder lässt er das Publikum Beifall für die anderen beiden Acts spenden. Dieser fällt auch angesichts der herverragenden Leistungen von beiden Gruppen recht üppig aus. Eine nette Geste, die man vor allem von den Headlinern heutzutage nicht mehr regelmäßig sieht. Als sich die Band nach dem Longtrack 'The Architect' von den Fans verabschiedet, glaubt sicher keiner der Anwesenden daran, dass es jetzt schon vorbei ist und die obligatorischen Rufe nach "One More Track" werden laut. HAKEN lässt sich auch nicht lange bitten und kommt zurück und gibt noch einen weiteren Longtrack zum Besten. 'Crystallised' ist nicht nur einer der bisher geilsten HAKEN-Songs, sondern auch mein persönlicher Favorit der Jungs, weshalb ich mich darüber natürlich besonders freue. Ein letztes Mal gibt sowohl die Band als auch das Publikum alles und sorgt für einen absolut gelungenen Abschluss dieses epischen Konzertabends. Der tosende Applaus, der HAKEN ein weiteres Mal entgegenhallt, ist mehr als verdient, das war große Klasse, was die Briten hier veranstaltet haben.

Setliste: William Tell Intro; Clear; Good Doctor; Puzzle Box; Falling Back To Earth; A Cell Divides; Nil By Mouth; 1985; Veil; The Architect; Crystallised

Viel besser kann man einen Rosenmontag nicht verbringen, denke ich, das war absolut episch. Die beiden Support-Acts haben einen super Auftritt hingelegt und HAKEN ist einfach eine Macht auf der Bühne. Die kurzen Umbaupausen empfand ich als sehr angenehm, großes Lob an dieser Stelle an die Crew. Soundtechnisch gibt es ebenfalls nichts zu bemängeln, hier lief alles wie am Schnürchen. Auch die Location Conne Island werde ich in bester Erinnerung behalten, da es keinen Fotograben gibt steht man praktisch ohne Absperrung direkt vor der Bühne, was eine recht familiäre Atmosphäre schafft. So nah am Geschehen ist man in meisten anderen Locations nicht. Auch die Getränkepreise sind in Ordnung und das Team war sehr freundlich, hier komme ich jederzeit gerne wieder hin. Und dass ich bei der nächsten HAKEN-Tour wieder dabei bin, versteht sich fast von selbst. Dann dürfen die Jungs jedoch gerne auf eine Supportband verzichten und dafür das eigene Set länger gestalten, genügend hochwertiges Material ist ja mittlerweile zweifelsohne vorhanden.

Redakteur:
Hermann Wunner

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