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HEATHER NOVA, LISA WHO - München

31.10.2019 | 13:09

30.10.2019, Technikum

Der Ozean, eine Achterbahnfahrt der Gefühle und eine unerwartete Menge harten Rocks!

Dieser Abend wurde tatsächlich eine echte Überraschung, denn hier wurde gerockt! Aber ich muss erst einmal etwas weiter ausholen, denn Heather ist eigentlich im Songwriter- und Popgenre beheimatet, aber unsere Redaktion franst geschmacklich in viele Richtungen aus, manchmal mit Stil (so wie hier) und manchmal in Richtung unerträglich, aber das ist eine ganz andere Geschichte. So sieht man gelegentlich PM.de'ler auf den seltsamsten Veranstaltungen und heute Abend hat es mich zum wiederholten Mal zu der auf Bermuda geborenen Sängerin verschlagen, deren gefühlvolle Lieder ich bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten schätze. Beim letzten Auftritt, den ich vor vier Jahren gesehen habe (http://powermetal.de/content/konzert/show-HEATHER_NOVA-Augsburg,8790-1.html), spielte Heather mit minimaler Unterstützung einen entsprechend ruhigen und emotionellen Gig, doch heute sollte alles anders sein.

Obwohl keine Vorband angekündigt war, betritt pünktlich um 20 Uhr eine junge Dame die Bühne, setzt sich an das aufgebaute Keyboard, das mich bereits stutzig gemacht hatte, greift Heather doch in die Saiten und nicht in die Tasten, und beginnt auf Deutsch zu singen. Es handelt sich um die ehemalige MADSEN-Keyboarderin LISA WHO, die einen reduzierten Pop spielt.

Erste Schwierigkeiten mit dem mittlerweile dazugestoßenen Gitarristen, der ein bisschen mehr Zeit braucht, als geplant war, um bereit zu sein, werden sympatisch und gekonnt überspielt. Textlich hat Lisa ein sehr gefällige Lyrik parat, die Lieder selbst sind mal melancholisch, mal aufmunternd, allerdings sind die dreißig Minuten, die sie für ihren Psychedelischen Pop, wie Lisa ihren Stil selbst nennt, hat, dann auch genug.

Zu meiner Überraschung finde ich bei der Recherche im Nachhinein heraus, dass LISA WHO mal bei Arisíng Empire unter Vertrag war. Okay, MADSEN ist da immer noch, vielleicht ist das der Grund, aber das ist eine der merkwürdigsten Label-Künstler-Konstellationen, die ich mir vorstellen kann. Nun, das letzte Album erschien wieder als Eigenproduktion, so ganz gepasst hat es dann wohl tatsächlich nicht. In jedem Fall erhalten Lisa und ihr männlicher Sidekick höflichen Applaus, der mit mäßigem Enthusiasmus vorgetragen wird. Nett, aber nicht ganz meine Wellenlänge, obwohl mich das Lied 'Ich drehe mich nicht im Kreis' wirklich durch den gekonnten Text beeindruckt.

Nach einer kleinen Umbaupause ist es dann Zeit für den Hauptact. HEATHER NOVA hat kürzlich ein neues Album mit dem Titel "Pearl" veröffentlicht, das natürlich heute einen prominenten Platz in der Setliste einnimmt. In der Karriere der großartigen Sängerin gab es verschiedene Phasen und mit "Pearl" ist es aktuell wieder rockig geworden, was sich auch in der Besetzung niederschlägt, denn diesmal steht Heather mit einer kompletten Rockband auf der Bühne, die diesen Namen auch tatsächlich verdient. 'See Yourself' vom aktuellen Album eröffnet das Konzert, bevor mit 'London Rain' ein klassischer Song aus dem letzten Jahrtausend das Publikum begeistert. Schon jetzt fällt auf, dass vor allem die Dame an der elektrischen Gitarre, Berit Rudy Fridahl, heute keine Gefangenen macht und alle Lieder mit Verve in den Hard Rock zieht. Mehrfach grinst Heather mit einer Mischung aus Verwunderung und Amüsement hinüber zu ihrer Saitenartstin, die von der Leine gelassen eine absolute Show abzieht und ihre Solomomente mitreißend zelebriert. Pop? Das hier ist kein Pop, das hier ist Rock, meist sogar Hard Rock.

Ein paar neue Lieder, nur unterbrochen von dem wundervollen 'Winter Blue' von ihrem dritten Album "Sirens", sorgen tatsächlich auch für Stimmung. Man kennt das im Mai veröffentlichte Werk offenbar gut, im Gegensatz zu mir, ich hinke da noch etwas hinterher. Mitten im Set darf dann Heather zusammen mit ihrem Bassisten Arnulf Lindner, der sich ein Cello schnappt, einen akustischen Teil bestehend aus 'My Fidelity', dem einzigen Song des 1993 veröffentlichten Debütalbums, und dem neuen 'Your Words' bestreiten, während der die anderen beiden, also Berit und Schlagzeuger Che Albrighton, eine wohlverdiente Bierpause machen, bevor es wieder in die Vollen geht. Besonders der Hit 'Island', den Heather so großartig singt, dass man schon ein bisschen elektronische Hilfe vermuten könnte, mündet in ein ekstatisches Finale, das durch das neue, rockige 'Just Kids' noch gesteigert wird. Mit 'Make You Mine' endet der Set auf einem unerwartet elektrischem Musik-Level.

Dass eine Zugabe kommen muss, ist klar. Zwar ist das Technikum nur etwas mehr als halb gefüllt, aber das Publikum ist warm, enthusiastisch und keinesfalls gewillt, bereits nach Hause zu gehen. Es dauert nur etwa zwanzig Sekunden, bis die Band zurückkehrt. Während der Tour variiert die Setliste ein wenig, am Vortag in Nürnberg war 'Island' noch eine Zugabe gewesen, aber das ist ja bereits gespielt. An dieser Stelle wird 'Vincent' vom aktuellen Album intoniert, gefolgt von dem "Oyster"-Klassiker 'Walk This World'. Doch es ist immer noch nicht Schluss, die Band kommt tatsächlich erneut auf die Bühne, um mit einer wilden Version von 'Sugar' vom 1993 erschienen Live-Album "Blow" und "Oyster", wo es als Bonustrack auf der Wiederveröffentlichung zu finden ist, dem Konzert ein brachiales Ende zu setzen.

Soviel zu dem Thema Songwriter und Pop. Hier und heute war Heather Nova im Rock unterwegs und mit zunehmender Konzertdauer sogar immer heftiger. Der Kontrast zu der schönen Stimme der Frontdame hätte teilweise nicht größer sein können, aber es hat prächtig funktioniert und am Ende sieht man nur zufriedene Gesichter. Am Merchandise ist dementsprechend eine Menge los und ich möchte mir auch noch die aktuelle Scheibe "Pearl" mitnehmen. Wenig später taucht die sympathische Musikerin auch noch am Merch auf und signiert Tonträger, obwohl sie die lange Fahrt nach Berlin vor sich hat, der Heimat von Lisa Who und Schauplatz des nächsten Tourstopps gleich am folgenden Tag.

Dreimal habe ich Heather Nova nun gesehen und dreimal völlig unterschiedliche Konzerte erlebt, die nur eines gemeinsam hatten: Sie waren immer toll. Sollte jemand die Chance haben, live dabei sein zu können, sollte sie oder er über den metallischen Schatten springen und sich mal etwas gönnen, das über den sprichwörtlichen Tellerrand mehr (2015) oder weniger (2019) hinausragt. Aktuell gehört Heather jedenfalls musikalisch auf diese Webseite!

Setliste: See Yourself; London Rain (Nothing Heals Me Like You Do); Save a Little Piece of Tomorrow; The Wounds we bled; All the Rivers; Winterblue; Rewild Me; Everything Changes; My Fidelity; Your Words; I Wanna Be Your Ligh; Some Things Just Come Undone; Sea Glass; Island; Just Kids; Make You Mine; Zugaben: Vincent; Walk This World; Sugar

Redakteur:
Frank Jaeger

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