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Headbangers Open Air - Brande-Hörnerkirchen

23.08.2012 | 01:39

26.07.2012, Scheune

Bereits zum 15. Mal wurde der Garten in der norddeutschen Tiefebene bei Elmshorn in Brand gesetzt.

Der sonnige Samstag wird eröffnet von ATTIC, die für die ausgefallenen PAGAN ALTAR eingesprungen sind. Die fünf Jungspunde, die mit ihrem Demo für einen ziemlichen Trubel sorgen, präsentieren sich stilecht geschminkt (von einem Anwesenden liebevoll als "Waschbär-Look" beschrieben - R.S.) und etwas abgewrackt. Ein Outfit, das perfekt zur altmodischen MERCYFUL-FATE-Verehrungs-Musik passt. Während bei anderen Tageseröffnern die müde Metal-Gemeinde erst einmal in Schwung kommen muss, ist bei ATTIC von Beginn an recht viel los. Offensichtlich ist die Neugierde ob der überschwänglichen Presseberichte groß genug, um mit dem ersten Getränk in der Hand bereits den mörderischen Sonnenstrahlen zu trotzen. Von Beginn an hat man den Eindruck, eine reife und bühnenerfahrene Truppe genießen zu können. Vor allem Meister Cagliostro überzeugt auf ganzer Linie. Der gute Mann ist gesanglich in absoluter Topform und screamt sich souverän durch die teils extrem hohen Gesangspassagen. Um es auf den Punkt zu bringen: ATTIC fegen mit ihrer mitreißenden Darbietung über den Garten hinweg wie ein Orkan und blasen die Anwesenden förmlich um. Überall sieht man strahlende Gesichter, geballte Fäuste und ekstatisch mitgehende Menschen, die teilweise sogar erstaunlich textsicher die zukünftigen Klassiker mitsingen. Die Band bietet das komplette Material ihrer EP und serviert als Sahnehäubchen noch 'Satan's Bride' von der soeben erschienenen Split Single mit WALPURGIS NIGHT. Als man sich nach der größten Verbeugung vor den Vorbildern namens 'The Headless Horseman' von der Bühne stehlen möchte, ist das Geschrei nach einer Zugabe groß. Zur allgemeinen Begeisterung lässt sich das Quintett nicht lumpen und entstaubt mal eben lässig aus der Hüfte den ollen PENTAGRAM-Koffer 'Dying World'. Ein mehr als gelungenes Ende einer mehr als gelungenen Show. So kann gern jedes Festival eröffnet werden.

Setlist: Funeral In  The Wood; Devourer Of Souls; Satans Bride; Sinless, On The Belfry; The Headless Horseman; Dying World

[Holger Andrae]

Das holländische Trio VANDERBUYST hat sich in den letzten Monaten quasi den Poppo wund gespielt. Daher war ich etwas skeptisch, ob bei der sympathischen Band nicht ein gewisser Übersättigungsfaktor beim Publikum eingetreten sein könnte. Au contraire! Bei immer heißeren Temperaturen hat sich die Rasenfläche vor der Scheune beträchtlich angefüllt. Ein Umstand, der mich sehr erfreut, denn VANDERBUYST sind eine mehr als mitreißende Liveband. Diese Tatsache stellen die Holländer von Beginn an unter Beweis. Mit der Unterstützung des vielleicht besten Gitarrensoundes des gesamten Festivals fackelt das Trio sein energisches Feuerwerk ab und zieht sofort die gesamte Meute in seinen Bann. Die Jungs haben sich eine eingeschworene Fangemeinde erspielt, was ihnen offensichtlich noch mehr Selbstbewusstsein gibt als man es eh schon gewohnt ist. Völlig befreit spielt man sich mit solchen Wunderwerken wie 'Tiger', 'Stealing Your Thunder' oder 'KGB' in die Herzen aller Beteiligten und sorgt für lautstarke Chorgesänge im Garten. Man kann sich dem Charme der Band einfach nicht entziehen. Wenn der ehemalige POWERVICE-Klampfer Willem Verbuyst mit verschwitztem Oberkörper herum posiert und dazu der obligatorische Gassenhauer 'Rock Bottom' von UFO ertönt, schmeckt ein kühles Blondes eben doppelt gut. Das ist Musik für einen Metal-Frühschoppen, Musik, die den Adrenalinspiegel ansteigen lässt und zu der auch die gesetzten Herrschaften gern die Luftgitarre entstauben. Da muss der singende Bassist Jochen Jonkman das Publikum gar nicht erst groß zum Mitmachen animieren. Das kommt hier von ganz alleine. Und als das alles killende 'To Last Forever' erklingt, sind alle im siebten Hard-Rock-Himmel. Total toller Auftritt einer total tollen Band.

Setlist: Black And Blue; KGB; To Last Forever;Stealing Your Thunder;Traci Lords; Into The Fire; Tiger; From Pillar To Post;Rock Bottom

[Holger Andrae]

Krasser könnte der Stilbruch kaum sein. Während VANDERBUYST mit herrlich mitreißendem Retro-Heavy-Rock die Pampa zum Kochen gebracht hat, folgen nun die Altherren-Thrasher aus Dänemark namens ARTILLERY. Für meinen Geschmack reichlich früh im Billing platziert, kann die Gruppe doch auf eine lange Historie voller fulminanter Thrashperlen zurück blicken. Die Band um die beiden alten Saitenrecken Michael und Morten Stützer legt dann mit 'When Death Comes' auch gleich amtlich vor. Zwar sind die knusprigen Riffs, die man von den Tonkonserven der Band kennt, aufgrund des erneut undifferenzierten Klangbildes eher etwas matschig, aber das stört die geübten Ohrenpaare vor der Bühne natürlich nicht. Die Stimmung ist von Beginn an super und so hat Fronter Søren Nico Adamsen ein leichtes Spiel, die Gartenparty bei Laune zu halten. Beim Titelsong des vielleicht besten Bay-Area-Thrash-Albums, welches nicht aus der Bay Area stammt, 'By Inheritance' steigt die Stimmung gewaltig, und nicht Wenige drehen vor der Bühne trotz der Hitze mächtig am Rad. Das macht aber auch mal mächtig Laune. Danach spielt die Band einen langen Block mit verhältnismäßig aktuellen Nummern und zeigt der Meute, wie man modernen Thrash spannend und mitreißend darbieten kann. Dabei gibt es ein leckeres Potpourri aus den letzten drei Alben. Hierbei sticht erneut vor allem die Monsternummer '10.000 Devils' als Blaupause für zeitgemäßen Thrash heraus. Meine Halswirbel knirschen. Adamsen verteilt Bier in den ersten Reihen, womit er natürlich weitere Sympathiepunkte erntet. Als ob er das nötig hätte. Der Fronter passt wie die berühmte Faust auf das noch berühmtere Auge. Seine markante, gepresst-schrille Stimme hat einen extrem hohen Widererkennungsfaktor und ergänzt so den originellen Sound der Band um eine weitere Nuance. Als die Dänen dann ihren Meilenstein 'Khomaniac' von der Leine lassen, gibt es kein Halten mehr vor der Scheune. Moshpit bis der Doktor kommt. Und als wäre man nicht schon im siebten Thrash-Himmel, wird mit 'Terror Squad' noch fix ein weiterer Uralt-Klopper nach gelegt. Wie geil. Als notorischer Nörgler vermisse ich natürlich einen Song des herrlich verrumpelten Debütalbums, aber das ist Jammern auf ganz hohem Niveau. Toller Auftritt!

Setlist: Intro:Prelude To Madness; When Death Comes; By Inheritance; Death Is An Illusion; Cybermind; Dark Days; The Challenge; 10.000 Devils; Mi Sangre; Khomaniac; Terror Squad

[Holger Andrae]

Tim Ian Grose, unter seinen Fans besser bekannt als Lord Tim, ist ein australischer Gitarrist und Sänger, der in unseren Breiten vor allem durch das (zweite) Album "A Rise To Power" seiner damaligen Band DUNGEON für ein wenig Aufsehen in der Melodic-Speed-Gemeinde, weil dieses in Deutschland über LMP vertrieben wurde. Nun, inzwischen sind gut zehn Jahre ins Land gezogen, die Band ist zu LORD geworden, und es ist doch ein bisschen überraschend, dass die Band sich eine recht stattliche Fangemeinde bewahrt hat, obwohl die meisten Alben nicht ohne weiteres bei uns zu bekommen sind. Jedenfalls finden sich durchaus einige Interessierte vor der Bühne ein, und das aus gutem Grund, denn was Lord Tim und seine Mitstreiter heute vom Stapel lassen, das kann sich wahrlich sehen und hören lassen. Wer auf härtere Hymnen von GAMMA RAY, ältere BLIND GUARDIAN und artverwandte Bands steht, und sich besonders darüber freut, diese Art von Musik eben nicht von einem in den höchsten Tönen trällernden Barden, sondern von einem kraftvoll und voluminös singenden Heldentenor dargeboten zu bekommen, der liegt bei LORD goldrichtig. Da ich mit den Alben der Band(s) nicht richtig vertraut bin, kann ich leider nicht sagen, ob die Songauswahl wünsche offen lässt, doch das gebotene Material wirkt wie aus einem Guss, ganz gleich, ob es von einem DUNGEON-Album oder von einer LORD-Scheibe stammt. Da anwesende LORD-Anhänger aber im Angesicht von Stücken wie 'When Death Comes', 'Inheritance' oder 'Cybermind' sehr freudig erregt aus der Wäsche gucken und Lord Tim und seine australische Rasselbande entsprechend feiern, hat die Truppe aus Down Under wohl alles richtig gemacht.

[Rüdiger Stehle]



Eine ganz so weite Anreise wie LORD hatten die Schweden von SILVER MOUNTAIN nicht. Dennoch dürfte diese Band heutzutage nicht mehr allzu vielen Leuten etwas sagen - wie man auch an dem durchaus überschaubaren Menschengrüppchen vor der Bühne erkennen kann. Dabei hat das schwedische Quartett schon viele Jahre auf dem Buckel - das Debütalbum "Shakin' Brains" wurde beispielsweise 1983 veröffentlicht. Von der damaligen Besetzung ist aber heute nur noch die Hälfte dabei, nämlich Sänger/Gitarrist Jonas Hansson und Bassist Per Stadin. Die beiden Johansson-Brüder Anders (u.a. HAMMERFALL) und Jens (u.a. STRATOVARIUS) wurden von Erik Björn Nielsen am Keyboard und Mats Bergentz am Schlagzeug ersetzt. Die musikalische Ausrichtung lässt bereits der Bandname vermuten, und tatsächlich wird Hardrock in allerbester RAINBOW-Manier zum Besten gegeben. Dabei bedienen sich Jonas Hansson & Co. vor allem an Songs von den ersten beiden Alben "Shakin' Brains" und "Universe", aber auch ein paar Nummern von der 2001er-Compilation "Breakin' Chains" haben sich in das Programm verirrt. Die Stücke wissen dabei sehr wohl zu gefallen, doch wirkt der ganze Auftritt dennoch recht bieder. Die Musiker spielen ihren sprichwörtlichen Stiefel runter, aber viel mehr passiert eben nicht - Bewegung auf der Bühne ist Fehlanzeige. So ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass der Platz vor der Bühne im Laufe des Auftritts eher leerer als voller wird. Schade eigentlich, denn da wäre für das schwedische Rock-Urgestein sicherlich mehr drin gewesen.

Setlist: Prophet Of Doom; Destruction Song; Always; Keep On Keepin’ On; Before The Storm; Breakin’ Brains; Maniac; Man Of No Present Existence; Vikings; King Of The Sea; Handled Roughly; 1789; Niagara; Universe

[Martin Schaich]

Jetzt muss ich leider Farbe bekennen: EDEN sind mir völlig unbekannt. Und noch viel schlimmer: Die EP von der Vorgängerband AUGUST REDMOON kenne ich auch nicht. Nach nur einer EP Anfang der Achtziger ist das sicher noch entschuldbar, und immerhin kenne ich die Band vom "Metal Masscare" Sampler, aber nach einem regulären Album sehe ich da schon etwas schlechter aus. Ist irgendwie an mir vorbeigegangen. Nun ja, machen wir das Beste draus, denke ich und warte gespannt. Und was man mir kredenzt, ist Metal. METAL! Jawoll! Nicht nur sieht der Sänger aus wie ein fleischgewordenes Klischee, auch die Musik ist klassischer US Metal. Das ist ja mal eine tolle Überraschung. Die Matten fliegen, die Saiten heulen, und der Sänger ist auch klasse. Selbst heutzutage eigentlich ziemlich cheesige Rocker wie 'Pound It Out' machen live und im Garten wirklich Laune. Dass man die neue Mini-LP, die von Hellion gerade in limitierter Auflage als Vinyledition erschienen ist, großartig findet, zeigt man uns auch deutlich ("blaues Vinyl, Leute, blaues Vinyl, guckt mal"), und die Begeisterung ist ansteckend. Die Stunde vergeht wie im Flug, und ich weiß, dass ich mich mal nach den Scheiben umsehen muss.

Setlist (ich bitte eventuelle Fehler zu entschuldigen, das ist vom Blatt der Band; leider kannte ich die meisten Songs nicht): Victim Of The World, The Bigger They Are, The Deep, Rome Burns, Judgement Day, Pound It Out, Real Me, Pitiful Bitch, Suicide, Hot Rods To Hell, Take On / Fools Are Never Alone / Jeckyll 'N' Hyde / Survival Of The Fittest

[Frank Jaeger]

Auf THE SANITY DAYS habe ich mich sehr gefreut. Ich weiß ja, dass ich mit dieser Meinung allein auf weiter Flur stehe, aber für mich bildet "In Search Of Sanity" den Höhepunkt in der Diskographie der Thrasher ONSLAUGHT. Das liegt nicht zuletzt an der hervorragenden Darbietung des Ein-Album-Sängers Steve Grimmett, der den meisten zumindest als Frontmann von GRIM REAPER ein Begriff sein sollte. Mit "In Search Of Sanity" hatte ONSLAUGHT den Boden des Ungehobelten verlassen und legte ein wahres Riffmonster vor, das mit großartigen Gesangsmelodien und Ohrwürmern zuhauf gespickt war. Da man sich mittlerweile aber wieder auf brachialeres Territorium begeben hat, werden Lieder dieses Albums meist sträflich vernachlässigt. Aber nicht heute und hier. Diesmal stehen die Songs im Mittelpunkt, und schon der Opener 'In Search Of Sanity' zeigt heute, wo der Hase langläuft. Grimmett ist natürlich der Mittelpunkt der Performance, nicht nur weil er der Frontmann ist, sondern auch ob seiner Größe und Ausstrahlung. Ja, ganz spurlos sind die Jahre nicht an ihm vorbeigegangen, aber er scheint immer noch großen Spaß an der Sache zu haben. Dass die Songauswahl keine besonderen Überraschungen aufweisen würde, war klar, aber ich bin dennoch froh, als endlich mein Lieblingssong der Briten erklingt: 'Blood Upon The Ice'. Das hat mit dem "Power From Hell"-Material natürlich nichts mehr zu tun, aber ich empfinde das im positiven Sinne. Der Sound ist sehr ordentlich, die Riffs sitzen und geben den langen Midtemposongs Würze, und über allem thront Steves Stimme. Dass dieses Projekt hier aber mehr mit Steve Grimmett zu tun hat als mit ONSLAUGHT wird spätestens bei den letzten beiden Songs klar. Dann folgen nämlich 'Rock You Ro Hell' und 'See You In Hell', zwei GRIM REAPER-Songs aus den Achzigern. Selbst diejenigen, die "In Search Of Sanity" für weniger stark halten als ich sind nun versöhnt, und das ganze HOA singt.

Setlist: In Search Of Sanity, Shellshock, Blood Upon The Ice, Welcome To Dying, Lightning War, Rock You To Hell, See You In Hell

[Frank Jaeger]

Dass der redaktionseigene Schwaben-Separatist sich der einheimischen Altmetaller SINNER annehmen darf, das versteht sich ja quasi von selbst. Nicht, dass ich je ein besonders großer Fan der Band um Matt Sinner gewesen wäre, oder dass mich patriotische Gefühle dazu brächten, dies zumindest vorgeben zu müssen, aber ganz im Ernst: Weder konnte ich je den Spott verstehen, den manche Kollegen gerne über Meister Lasch ausbreiten, noch konnte ich je nachvollziehen, warum der gute Mann mit PRIMAL FEAR so viel mehr Erfolg hat als mit seiner Stammband. Sei's drum, fürs HOA hat Matt einen Old-School-Auftritt versprochen, der sich vor allem den Noise-Jahren seiner Karriere, also den Alben "Danger Zone", "Touch Of Sin", "Comin' Out Fighting" und "Dangerous Charm" aus den Jahren 1984 bis 1987 widmen sollte. Ja, und Herr Sinner und seine Mannen halten Wort: Nach einem kurzen Intro geht es gleich mit den Titeltracks der Alben eins und drei zur Sache. Danach folgt ein eingängiger, aber doch auch etwas belanglos dahin rockender Dreierpack von der "Touch Of Sin", bevor sich mit 'Knife In My Heart' der einzige "Dangerous Charm"-Song in die Setlist verirrt. Das Finale widmet sich dann nochmals ausgiebig dem beliebtesten SINNER-Album "Comin' Out Fighting", macht jedoch mit dem ordentlich abgefeierten Billy-Idol-Cover 'Rebel Yell' auch das große Dilemma der Band klar: Der größte Hit und der einzige wirklich ausgiebig mitgesungene Song des heutigen Auftritts ist eben doch die Coverversion. Dieses kleine Identitätsproblem unterstreicht dann noch der abschließende Song und einzige neuere Titel 'Back On Trail' vom noch aktuellen 2011er-Album "One Bullet Left", der eben auch ein THIN-LIZZY-Cover sein könnte, das der gute Phil nicht mehr schreiben konnte. Egal jedoch, wie man zu SINNER stehen mag: Die Band um Frontmann Matt, der dieses Mal unter anderem von seinen Weggefährten Christof Leim an der Gitarre und André Hilgers am Schlagzeug unterstützt wird, bietet der gar nicht mal so überschaubaren Fanschar ein blitzsauber gezocktes Best-of-Potpurri mit Klassikerschlagseite, und dafür geht der Daumen nach oben, auch wenn es eben "nur" grundsolider 'German Metal' aus der zweiten Reihe ist.

Setlist: Introduction, Danger Zone, Comin' Out Fighting, Masquerade, Bad Girl, Born To Rock, Knife In My Heart, Lost In A Minute, Emerald, Drumsolo, German Metal, Rebel Yell (Billy-Idol-Cover), Back On Trail

[Rüdiger Stehle]

Auf die kanadischen FIST – oder MYOFIST, wie sich die Band aufgrund der Namensgleichheit mit den Briten in Europa nennen mussten – war ich sehr gespannt. Das 81er-Album "Fleet Street", welches in unseren Breitegraden unter dem Titel "Thunder In Rock" auf den Markt kam, und sein Nachfolger "In The Red" waren bei mir damals gern aufgelegte Heavy-Rock-Scheiben. Leider hat es die Band bis zum heutigen Tage nicht geschafft, einmal in Europa live zu spielen. Ob der von einer saftig-fetten Klampfe und wuchtigen Beats getragene Biker-Rock, den viele der Anwesenden wahrscheinlich nicht kennen werden, zu dieser fortgeschrittenen Stunde für die erhoffte Begeisterung sorgen wird, erzeugt Stirnrunzeln bei mir. Und so finde ich mich beim eröffnenden 'Muscle Gun' in lichten Reihen vor der Bühne wieder. Viele nutzen die Band wohl lieber zur Nahrungsaufnahme, Regeneration oder zum Fachsimpeln. Mir ist das erst einmal völlig egal, denn ich erhoffe mir ja einen mitreißenden Gig, in den ich allerdings aufgrund des mir unbekannten Materials zu Beginn und der fast lethargischen Darbietung der agierenden Musiker nicht hinein kommen will. Erst als man 'Hot Spikes' ankündigt, steigt mein Adrenalinspiegel, nur um danach ernüchternd komplett zu beschlagen. Wo ist denn die Power dieser Nummer geblieben? Das wäre ein erstklassiger Song, um die Anwesenden mitzureißen, aber die Kanadier vermasseln es komplett. Selbst als man in der zweiten Hälfte des Gigs so klug ist, auf treibende Nummern des fantastischen "Fleet Street"-Albums zurückzugreifen, muss ich den Wecker in meinen Stiefeln stellen, damit meine Zehen nicht einschlafen. Kollegen, wo war denn der Zunder in eurem Rock? An der Grenze abgegeben? Wo war der Spielwitz, der die Sherlock-Holmes-Nummer 'Fleet Street' immer zu einem gern gehörten Party-Knaller gemacht hat? Eingefroren? Ich weiß es nicht. Vielleicht war meine Erwartungshaltung zu hoch, vielleicht mein Nörgelpotential zu groß, wer weiß. Aber in meiner voreuphorisierten "gleich-spielen-HADES"-Stimmung kann das eigentlich nicht sein. Da hatte ich die rosa Ohren auf. Und trotzdem: Mit diesem Auftritt hat sich die Band keinen Gefallen getan. Very schade.

Setlist:Muscle Gun; Killer; It Ain’t Easy; Good Hard Rock; Hot Spikes; Right In It; Evil Cold; Thunder In Rock; Leather'n' Lace; Fleet Street; Open the Gate

[Holger Andrae]

Der Headliner kommt. Aber, sind das eigentlich HADES? Nach der reichlich unfanfreundlichen Absage von Dan Lorenzo wird das Ganze jetzt auch nicht mehr als HADES angekündigt, sondern als ALAN TECCHIO AND FRIENDS und als "A Night Of Hades". Das beste aus einer unmöglichen Situation gemacht, würde ich mal sagen. Auf weitere Hintergründe einzugehen, wäre hier fehl am Platz und außerdem mögen das diejenigen machen, die involviert sind  - oder sie lassen es eben - wir konzentrieren uns mal auf den folgenden Gig. Und da muss man auch gleich eine weitere Frage stellen: Jack Frost? Wirklich? Für mich der Inbegriff des mittelmäßigen Metalmusikers, dessen SEVEN WITCHES Scheiben eigentlich nur wegen der großartigen Sänger kaufenswert sind.

Nun soll ausgerechnet Frost die Gitarre zu HADES-Klassikern schwingen? Ich bin skeptisch. Doch die ganze Band kommt strahlend auf die Bühne, einschließlich Alan Tecchios Kopf. Wo sind die Haare? Geht der jetzt als Billardkugel? Egal, 'The Leaders' eröffnet den Reigen und Alans Stimme ist was jetzt zählt. Und die sitzt. Ein wilder Ritt durch die ersten beiden Veröffentlichungen der damals wegweisenden Thrasher folgt, zu dem eigentlich nichts Negatives gesagt werden kann, außer dass er noch länger hätte sein dürfen. Dem einen fehlt sein 'The Cross', mir mein 'Oppinionate', aber im großen und ganzen meckern wir hier auf hohem Niveau. Wenn man nämlich mal berücksichtigt, dass Alan hier mit halb SEVEN WITCHES und einem Gitarristen, der vor allem durch sein Mitwirken in diversen Coverbands, unter anderem DEF LEPPARD und FOREIGNER (okay, sein Soloalbum zeigt, dass er mehr kann als das), bekannt ist, und mit Ron Lipnicki zwar einem HADES-Drummer spielt, nur das letzterer eineinhalb Dekaden zu spät dazustieß, klingt das doch mehr als nur annehmbar. Nein, das ist sogar gut, und die Spielfreude der Herren schwappt auch ganz gehörig auf das Publikum über, so dass der Gig zu einem Erfolg wird. Obwohl zugegebenerweise in den Reihen doch ganz schöne Lücken klaffen. Das mag aber auch auf die späte Stunde zurückzuführen sein. Egal, das ist das Pech derer, die fehlen.

Wer Alan Tecchio schon mal live erlebt hat, kennt den Bewegungsradius des nimmermüden Sängers und wundert sich nicht mehr. Allan singt vorne, hinten, rechts und links, und selbst Frosts Posen stört nicht, da er immer grinst und das Publikum anfeuert. Und das lässt sich überzeugen, hier ist niemand mehr müde, jetzt wird wild gebangt und gerockt.

Im Laufe des Sets erwähnt Alan das Dilemma, in dem er steckte, als quasi alle außer ihm den Gig absagten, nur am Rande, indem er sagt, dass dies möglicherweise das letzte Mal sei, zu dem man HADES zu Gesicht bekommen wird. Er selbst wird mit Jack Frost weiter bei SEVEN WITCHES arbeiten. Als sei dies für ihn ein weiterer Ansporn, schreit sich Tecchio den Frust von der Seele und dann selbige aus dem Hals, als in der Mitte des Sets die Tracks vom Zweitwerk "If At First You Don't Succeed" überwiegen.

Als der Auftritt mit einem alten Song von Frosts und weiterhin auch Tecchios Band SEVEN WITCHES zu Ende geht, sind die Anwesenden nahezu durchweg begeistert. Aber das war eigentlich klar: Alan Tecchio geht immer. Er ist einfach ein Meister.

Setlist: The Leaders, Resist Success, King In Exile, In The Meantime, Legal Tender, Diplomatic Immunity, Widows Mite, I Too Eye, Rebel Without A Brain, Face The Fat Reality, Sweet Revenge, Process Of Assimilation, Nightstalker, Metal Tyrant (Seven Witches)
[Frank Jaeger]

Redakteur:
Holger Andrae

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