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Headbangers Open Air - Brande-Hörnerkirchen

22.09.2005 | 23:23

09.07.2005,

Erschöpft, aber total begeistert verzog ich mich zum Small Talk vom Gelände und konnte so den ersten Teil der amerikanischen Hausband RIVAL nur aus Distanz wahrnehmen. Als ich nach zwanzig Minuten zuückkehrten, bot sich mir ein Bild zufriedener Gesichter, denn RIVAL sind auf der Bühne einfach klasse.
Sänger/Gitarrist Neven scheint oft und häufig seine Muskeln zu stählen und vergisst dabei zum Glück auch seine Stimmbänder nicht. Nicht umsonst führen die häufigen Vergleiche zu OMEN, ebenfalls wegen seines markigen Organs. Diese Stimme hat einfach Klasse und - ganz wichtig - Wiedererkennungswert. Aber auch die restliche Band kommt tight rüber. Munter hämmert man sich durch alle drei Veröffentlichungen, wobei auffällt, dass vor allem bei älteren Smashern wie 'Beast' am meisten Stimmung aufkommt. Absoultes Highlight ist dann natürlich 'Death Stalker', bei weichem die Band dann noch einmal alles gibt.

Nach dieser Attacke ist der Nacken erst einmal gut durchgeknetet für die Band, der ich seit Jahren entgegenfiebere. Die Bay-Area-Legende HEATHEN, die ich auf ihrer damaligen Tour als Supportslot von SEPULTURA leider verpasst hatte. Seit damals rotieren die beiden einzigen Longplayer "Breaking The Silence" und "Victims Of Deception" dauerhaft in meinem Player. Endlich sollte es soweit sein, aber im Hinterkopf nagte die bange Frage nach der zu erwartenden Qualität der Show. Hatten die Herren White, Minter und Altus heuer Verstärkung durch Szeneveteran Jon Torres (LÄÄZ ROCKIT, ANGEL WITCH, WARNING SF, ULYSSES SIREN, THUNDERHEAD etc.) und Newbie Terry Lauderdale etwas von ihrer Magie eingbüßt? Nach wenigen Takten lag die Antwort klar auf der Hand: Natürlich nicht! Fragt mich bitte nicht, welche Granate dieses Thrash-Massaker eröffnete - ich glaube mich an 'Opiate' erinnern zu können - denn bereits nach wenigen Sekunden lag ich im HEATHEN-Koma. Fucking Hell, diese alten Herren zeigten den ganzen Jungspunden was eine Harke ist. Als würde sie täglich nichts anderes tun als Gigs abzureißen, zelebrierten sie ein melodisches Crunch-Inferno, das allen anwesenden Gitarristen das Fürchten lehren sollte. Allen voran natürlich Urgestein Lee Altus, der wie eine Tackermaschine unbeirrt gnadenlose Riffs ins Publikum schrubbte und dem es sichtlich Spaß machte, die völlig euphorische Menge immer mehr anzustacheln. Bei welcher Band diesen Genres johlen die Fans denn bitte ewig lange Gitarrenharmonien mit? Oder anders formuliert, welche andere Truppe ist gleichermaßen heavy und melodisch, dass man überhaupt mitsummen kann? Aha! Phä-no-me-nal! Der neue Mann an Lees' Seite stand dem Altmeister und "Bonded By Blood"-Anbeter allerdings in nichts nach und fühlte sich sichtlich sauwohl. wir dürfen gespannt sein, ob er auch auf dem kommenden Opus zu hören sein wird. Vorneweg turnte ein überaus agiler David White an den Scheunenbalken herum und sang dabei wie ein junger Gott. Der agriffslustige Ausdruck in seinem Gesicht verlieh ihm dabei noch eine Nuance Evilness und untermauerte den aggressiven Sound des Fünfers. Good friendly violent fun. HEATHEN peitschten sich und die Fans mit Gassenhauern wie 'Prisoner Of Fate' (wie geil), 'Breaking The Silence' (Moshpart!!!) oder 'Timeless Cell' zu immer neuen Höchstleistungen an, die darin gipfelten, dass Lee irgendwann die Saiten rissen. Dies ist ansich noch nichts Ungewöhnliches. Als ihm das allerdings kurze Zeit später noch einmal passierte und danach auch Terry alles durch geschreddert hatte, mussten HEATHEN ihren Set vorzeitig nach über zwei Stunden Spielzeit leider beenden, da sie keine Saiten mehr hatten. Aufgrund der Umstände bekommen wir die humoristische Seite der Band mehrfach zu spüren, da sie 'Mercy Is No Virtue' mit nur einer Klampfe beginnen und dann im schallenden Gelächter abbrechen. Zwischendurch bekamen wir mit 'Arrows Of Agony' und 'Dying Season' zwei brandneue Nummer serviert, die, verfeinert durch die typischen Trademarks, Appetit auf mehr machten.

Am Samstag lachte dann auch endlich die Sonne so richtig herzhaft und das, obwohl die Lokalmatadore von CARPE DIEM mit eher düsterem Sound den Reigen einleiteten. Es ist lange her, dass ich die Truppe das letzte Mal gesehen hatte. Damals stand noch Ex-RITUAL STEEL-Sänger Sascha Maurer hinterm Mikro. Ohne ihn klingt die Band zwar handwerklich gut, aber musikalisch zerfahren. Während der Fronter agierte wie ein Hardcore-Shouter, musizierten sich die Jungs im Hintergrund eine Mischung aus Gothic-, Power- und Thrash-Metal zusammen. Seltsam.

Playlist:
Wall
Eviscaration
Gone
New Dimension of Aggression
Paralyzed
The Watcher
War Inside
Preteenlover

Trotz der langsam unerträglichen Hitze wird ertsmal Koffein inhaliert, um dann den nächsten Exoten im Billing zu begutachten: MYSTERY BLUE aus Frankreich zählten nie zu meinem Interessenbereich, aber gespannt auf den Auftritt der alteingesessenen Truppe um Frontfrau Nathalie war ich dann doch. Allerdings vermochte mich ihr schnörkelloser Heavy Metal nicht völlig überzeugen. Wenn schon Franz-Metal dann doch bitte H-BOMB! Auch die Kofferversion von 'Metal Daze' (MANOWAR) hielt mich nicht vor der Bühne - eher im Gegenteil.

Slave To Blood
Electric Power
Angel
The Edge Of Nightmare
Metal Dream
Shades Of Death
Psycho City
Metal Daze
Ride To Live, Live To Ride

Die nachfolgenden GUN BARREL hatte ich eh als Verschnaufpause vor meinem ersten persönlichen Highlight MIRROR OF DECEPTION auf dem Zettel. Also auf Richtung Bierstand, was zur Abkühlung geordert, 'ne Wurst auf die Flosse und 'ne Runde Small Talk. Völlig im Gesabbel vertieft wurden wir von einem heftigen Gewitter erschreckt. Während der Platzregen für kurzzeitige Abkühlung sorgte, verpasste ich leider den Anfang meiner Doom-Helden. Als irgendwer das kurze Nass abgestellt hatte, erhaschte ich noch ¾ von MIRROR OF DECEPTION, die heute mit Matze von SACRED STEEL hinterm Kit aufspielten. Dieser hatte, aufgrund der Tatsache, dass es nur zwei gemeinsame Proben gab, auch ein paar Probleme entgegen seiner sonstigen Vorlieben so langsam zu spielen, was aber alle Beteiligten mit sehr viel Humor nahmen. So wird 'Forgone' zweimal begonnen, zweimal abgebrochen, um dann noch mal komplett als Zugabe aufzutauchen. MIRROR OF DECEPTION werden als Liveband immer schlagkräftiger und verzaubern auch bei strahlendem Sonnenschein die Gemüter. Sänger Michael Siffermann ist in letzter Zeit stimmlich derart gewachsen, dass man sich ernsthaft fragen muss, wohin das noch führen wird. Für mich fliegen hier alle Daumen hoch!

Gut angefüttert folgt nun mit GASKIN die nächste superbe Band im Billing. Die NWoBHM-Kapelle um Sänger/Gitarrist Paul Gaskin konnte mich - trotz auch aktuell guter Konserven - live in Wacken vor einigen Jahren leider nur bedingt überzeugen. Und auch anno 2005 versprüht der leicht zusammengewürfelt wirkende Haufen auf der Bühne keine wirkliche Magie. Klar, Paul singt noch immer exquisit, aber trotz einer ausgewogenen Playlist durch den kompletten Backkatalog, will der letzte Funke nicht rüberspringen.

Waren NECRODEATH am Vortag schon ganz schön heftig, so traten die chileneischen UNDERCROFT das Gaspedal noch einen Zentimeter weiter durch. SLAYER meets Death Metal mit einem unheimlich tighten Drummer wusste nicht Wenige zu begeistern. Mir war das nach 15 Minuten etwas zu eindimensional. Sorry, aber in diesem Megabilling braucht man auch mal ein paar Auszeiten.

Nun folgte die Band, auf die wohl ganz viele Doom-Freaks gespannt waren. ALL SOUL'S DAY aus Italien schien nämlich noch niemand vorher gehört zu haben und so war die Spannung sehr groß, ob die Band denn auch den recht hohen Stellenwert im Festival Line-Up rechtfertigen würden. Bereits die ersten Minuten machten aber klar, dass wir es mit einer erstklassigen Truppe zu tun hatte, die beinahe an die Klasse von FORSAKEN aus dem Vorjahr anknüpfen konnte. Ihre epischen Nummern faszinierten viele sofort und spätestens beim grandiosen CANDLEMASS-Cover 'Under The Oak' waren alle Besucher restlos begeistert. Vor allem Sänger Alberto Caria wuchs über sich hinaus und ließ viele Kinnladen die Schwerkraft spüren.

I Burn
A Breath From The Death
A Mortal Day
At The Bell Toll
The Sinner
Under The Oak

Hatte ich mir beim konzentrierten Doom-Dancing die alten Knochen ganz schön verbogen, hieß es nun erstmal Energie zu tanken, um WARRANT zu überstehen. Die sympathischen Teutonen-Thrasher machten wie immer keine Gefangenen. Unbeirrt schmetterten sie ihre infernalischen Gassenhauer in die Menge, die die Band nach allen Regeln der Kunst abfeierte. Viele Fans waren textfest und so mutierten Kracher wie 'Nuns Have No Fun' oder 'The Enforcer' zu echten Hymnen. Klasse!

Wir bleiben heimisch, aber irgendwie waren WIZARD noch nie meine Baustelle. Sicherlich ist das, was sie machen gut, aber es geht an mir vorbei. Da talken wir doch lieber ausgiebig mit David White.

Völlig im Bay-Area-Fachgesimpel abgetaucht, verpasse ich doch glatt einen Teil von ATTACKER. Shame on me. Als ich mich zur Bühne begebe, steppt dort bereits der gewaltig der Bär. Die Jungs um Bob Mitchell feuern nämlich etklassige Salven aller Scheibletten in die hungrige Meute und wirken dabei überhaupt nicht altbacken. Ganz im Gegenteil. Der amtliche US Metal macht mächtig Spaß und versteht es, die Menge gut anzutreiben.

Playlist:
Nail It Down
Emanon
Captives Of Babylon
Slayer’s Blade
Soul Taker
Return To Mordor
I Am Sinn
Desecration
Revelations Of Evil
Disciple
(Call On) The Attacker
The Hermit
Until We Meet Again

Was aber danach folgte, sollte meine Halswirbel für längere Zeit außer Gefecht setzen. Hatte man im Vorfeld schon vernehmen müssen, dass TYRANT'S REIGN mit nur einem(!) Aushilfs(!)gitarristen namens Jeff West aufgelaufen seien, waren die Befürchtungen ob der zu erwartenden Klasse des Auftritts doch relativ groß. Wie falsch kann man liegen?
Das Quartett setzte beinahe den Energielevel von HEATHEN frei. Sofort rotierten hunderte Köpfe und Band und Fans steigerten sich (wieder) in einen Rausch. Es war einfach zu schön solche Granaten wie 'Star Chamber' oder 'Kill Or Be Killed' livehaftig serviert zu bekommen. Randy Barron traf jeden noch so hohen Ton und hatte die Menge von Beginn an in seiner Hand. Völlig fassungslos ließ mich aber die Arbeit des Klampfers, der zu keiner Sekunde eine zweite Axt vermissen ließ. Geil, geil, geil! Die absolute Sahnehaube hörte dann auf den bezeichnenden Titel 'Reign Of Terror' und versetzte der Meute den endgültigen Todesstoß. Ich zumindest war nach TYRANT'S REIGN nicht mehr fähig noch viel von DAMIEN THORNE mitzubekommen. Also verzog ich mich in die hinteren Reihen, um euch zumindest berichten zu können, dass die runderneuerte Besetzung eine amtliche Figur abgab. Der leicht schleppende US Metal wollte bei mir allerdings nach dem zuvor erlebten Thrashinferno nicht mehr so recht zünden.
So bewegten wir uns mitten im Set dann todmüde gen Heimat mit der Gewissheit auch im nächsten Jahr wieder herzukommen.
Wieder geht ein ganz dickes Danke in Richtung Thomas und seiner Crew, die hier wirklich ein Metal-Erlebnis-Weekend der Sonderklasse gebastelt haben.

Redakteur:
Holger Andrae

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