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Heidenfest - Hamburg

01.10.2010 | 10:42

14.09.2010, Markthalle

Die Heidenfest-Tour wirft die Frage auf: Wird das Erbe BATHORYs durch eine Tributband und ein Party-Package beschmutzt, durch den Dreck gezogen und vernichtet?

Ein faszinierendes Phänomen: Seit einigen Jahren fahren diverse Alias-Fest-Touren durch die Lande, immer mit hochkarätigen Bands, angesagten Acts und ein paar Sprungbrett-Combos. Doch der Hingucker der Heidenfest-Tour 2010 ist mit Sicherheit TWILIGHT OF THE GODS. In den Gesprächen über den Viking-Metal-God Quorthon war es immer wieder ein streitbarer Punkt, ob man es befürworten kann, eine Tribut-Show von BATHORY auf die Bühne zu bringen. Sechs Jahre nach dem Tod der Kultfigur haben sich also einige Musiker zusammengefunden, um eine als einmalig angekündigte Tributshow zu spielen. Selbst längst als Kultfiguren in der Szene etabliert, bringen die Mannen um PRIMORDIALs Alan Averil eine einstündige Reise in die Sagen- und Mythenwelt BATHORYs auf die Bühne. Wurde diese einmalige Geschichte als etwas sehr Kritisches wahrgenommen, brachte die Ankündigung, TWILIGHT OF THE GODS mittouren zu lassen, das Blut der Fans endgültig in Wallung. Von "Verrat am Erbe!" bis hin zu "genial, dann kann ich diese epischen Songs auch endlich mal live sehen" ist in der Diskussion alles vertreten. Auch und gerade als Fan gilt es, zu prüfen, ob die einzigartige Magie und Atmosphäre durch eine Best-of-Truppe auch in die Hallen der Republik gebracht werden kann und ob der Vorwurf einer Kommerzialisierung des Erbes haltbar ist. Wir sind gespannt.
[Julian Rohrer]

In Hamburg sah sich Gastautor André Dömer und in München Julian Rohrer das Spektakel an.

Schon gegen 17.30 Uhr versammeln sich die ersten Fans vor den Toren der Markthalle, um sich schon mal eine fröhliche Stimmung anzutrinken. Bis zum Einlass um 18.00 Uhr werden es immer mehr, so dass es unschwer zu erkennen ist, dass es voll werden wird.

Pünktlich um 19.00 Uhr beteten die Holländer von HEIDEVOLK die Bretter. Die Halle füllt sich immer mehr, und die Ersten versuchen, sich gleich ihren Platz in der ersten Reihe zu ergattern, um die Pagan/Folk-Metaller mit lauten "Odin!"-Rufen willkommen zu heißen. Die Halle verdunkelt sich, und das Intro erklingt. Direkt im Anschluss geht es mit einem ihrer besten Lieder, 'Nehalennia', der kürzlich erschienenen Platte "Uit Oude Grond" weiter. Die Fans grölen und feiern das Lied voll ab. Sänger Mark heizt dem Publikum mit Fragen wie "Habt ihr Lust zu feiern?" ein und stimmt so das nächste Lied 'Sachsenland' an. Man merkt, dass viele auf diesen Song gewartet haben, denn sie singen lautstark mit. Die Halle ist plötzlich voll, und viele heben ihre Hörner, als das neue Lied 'Ostara' angestimmt wird. Weiter geht es mit den älteren Liedern 'Het Wilde Heer' und 'Krijgsvolk', bis letztendlich der heiß ersehnte Song 'Vulgaris Magistralis' angekündigt wird, bei dem das Publikum mit Crowdsurfern und Klatschen noch mal richtig Gas gibt!
[André Dömer]

In München geben die HEIDEVOLKer einen nicht weniger energigeladenen und gelungenen Gig ab. Ihr Pagan Metal stellt einen gelungenen Schulterschluss zwischen klassischen Genretönen und eher moderneren Prägungen der Szene dar. Positiv hervorzuheben ist, dass die Band keinesfalls nur auf Party aus ist, sondern sich immer wieder einer kriegerischen Epik hingibt. Den Leuten gefällt's, und das Backstage beginnt, so langsam zu kochen.
[Julian Rohrer]

Nach einer zehnminutigen Umbaupause geht es mit den Piraten-Thrash-Metallern SWASHBUCKLE aus New Jersey weiter. Schon gleich fallen sie durch ihre Piratenkostüme, die aufblasbaren Palmen auf der Bühne und den Stoffpapagei auf Sänger Admiral Nobeards Schulter auf. Es dauert nicht lange, da beginnt auch schon das Intro, welches wohl vielen Besuchern im ersten Moment den Atem raubt, sie aber dennoch zum Lachen bringt. Eine Mischung aus Techno und Ballermann-Party ertönt in der Halle, und die Bandmitglieder tanzen fröhlich auf der Bühne umher. Ein durchaus amüsantes Schauspiel. Aber der Schein trügt, denn die nächsten Songs sind alles andere als Ballermann-Hits. SWASHBUCKLE haben das Publikum mit ihrem schnellen und technischen Sound voll im Griff und lockern die Stimmung immer wieder mit Sprüchen wie "Hamburg, are you ready for Hamburgers", "Our stage is your stage", "Are you ready for more fun" und "For the next song show us your tits" auf. Viele der jüngeren Fans haben sich vor der Bühne versammelt und bringen die Menge mit zahlreichen Crowdsurfs, Mosh- und Circle Pits und einer Wall Of Death zum Toben!
[André Dömer]

Wie ein Orkan fegt das kanadisch-somalische Piratengespann auf, über und über die Bühne hinaus. Live kommt der trashige Karibik-Thrash noch deutlich fetter und heftiger rüber als auf Platte, und so kennen die zumeist jungen Anwesenden kein Halten mehr. Da wird der Alltagsärger auch bis zum Letzten rausgemosht. Stilistisch fallen die Freibeuter etwas aus der Linie des Abends, sowohl musikalisch als auch hinsichtlich des Outfits. Doch leider haben die Kanadier zum Tourstart ein wenig Pech gepachtet: Zuerst wird der Anschlussflug verpasst, weshalb man geradeso rechtzeitig in München ankommt, dann fällt mitten im Gig auch noch die Lichtanlage aus. Doch Admiral Nobeard hält seine Truppe gut zusammen und lächelt in der Dunkelheit gekonnt über diese Misere hinweg. Den Leuten gefällt diese Band ohne Starallüren gleich noch viel besser, und der fröhliche Umtrunk nimmt immer orgiastischere Züge an.
[Julian Rohrer]

Mit erhobenen Armen betreten die Jungs und das Mädel von EQUILIBRIUM die Bühne. Die Halle wird immer voller, die Menge klatscht und wartet gespannt auf den Auftritt der Pagan-Metaller. Sänger Robse begrüßt das Publikum mit "Guten Abend ihr wunderschönen Menschen" und stimmt gleich den ersten Song 'Blut im Auge' vom zweitjüngsten Werk "Sagas" an.

Die Fans gehen von Anfang an voll mit und der Moshpit vor der Bühne nimmt stark zu. Anschließend geht es mit 'Der ewige Sieg' von der vor kurzem erschienenen Platte "ReKreatur" weiter, welche den Fans augenscheinlich auch schon geläufig ist. Vor der Bühne bildet sich ein Meer aus Haaren, und die Crowdsurfer sind auch schon wieder unterwegs. Vor dem nächsten Song 'Unter der Eiche' fragt Sänger Robse die Fans, ob sie tanzen und springen wollen, und wünscht im gleichen Zug auch eine Wall Of Death, welche die Fans auch unverzüglich antreten. Robse heitert das Publikum immer wieder mit Sprüchen wie "Wo ist Hamburg? Ich will eure Hände sehen und jetzt die ohne Hände" auf. Die Frage "Wer von euch säuft gerne?" ist eine Steilvorlage für das nächste Lied 'Met', ein Klassiker, den wohl jeder der Besucher kennt und die meisten mitsingen. Als nächstes spielen sie wieder einen Song ihrer neuen Platte, "Die Affeninsel", welcher wohl allein schon wegen des Namens für allgemeine Erheiterung sorgt, aber durchaus partytauglich ist! EQUILIBRIUM haben ihr Publikum von Anfang bis Ende gut im Griff. Auch der nächste und letzte Song 'Unbesiegt' wird mit lautem Klatschen und einer springenden Menge begrüßt. Die Band verabschiedet sich mit einem "Danke, ihr wart super, Hamburg" und einer Verbeugung bei den Fans und verlässt die Bühne.

Um 21:30 ist es dann endlich soweit. ENSIFERUM, die wohl von den Meisten am heißesten ersehnte Band des Abends betritt die Bühne. Das Intro erklingt und die Halle ist plötzlich so voll, dass die Letzten es gerade noch so schaffen, durch den Eingang zu kommen. Als die Band die Bühne betritt, klatscht das Publikum und wartet gespannt. Wortlos beginnen sie mit dem ersten Song 'One More Magic Potion“ von ihrer zweitjüngsten Platte "Victory Songs". Die meisten Fans singen mit. Weiter geht es direkt mit einem alten Klassiker 'Hero In A Dream' und 'Stone Cold Metal' von ihrer aktuellen Scheibe "From Afar". Die Stimmung steigt stetig an und entwickelt sich bei 'Stone Cold Metal' zu einem lauten Pfeif-Chor der Fans. Durch das Publikum schallen laute "Hey"-Rufe, es klatscht und bangt und sogar die Jungs von SWASHBUCKLE feiern mit. Die Mischung aus schnellen Knüppelparts, schönen Melodien, langsamen Passagen, ausgefrickelten Soli und extremen, als auch cleanen Gesängen geht auf und beschert der Markthalle einen großen Moshpit. Es folgen Songs wie 'Ahti' und 'Abandoned', bei dem viele der Besucher laut mitsingen und summen. Die Securitys haben während  des gesamten Konzerts mehr als genug damit zu tun, die aufgebrachten Fans wieder von der Bühne zu schicken und die zahlreichen Crowdsurfer zu empfangen. Mit 'Deathbringer From The Sky' bringen ENSIFERUM das Publikum noch mehr in Fahrt und vor allem das Bass-Solo in dem Lied sorgt für Aufsehen.

Die Band hat die Menge komplett im Griff. Bei 'Twilight Tavern' machen Bassist Sami und Gitarrist Markus noch mal richtig Stimmung und tanzen während des Liedes auf der Bühne herum. Schon neigt sich der Auftritt dem Ende zu und Sänger und Gitarrist Petri kündigt den letzten Song 'Iron' an, den einige anscheinend durch laute "Dadadada"-Rufe schon erahnen. Die Fans geben noch mal richtig Gas, klatschen und singen lautstark mit. Das Lied entwickelt sich hin zu einem langen Ende mit Gitarren-Solo und einem Aneinanderreiben der Gitarren. Die Band bedankt sich und verlässt die Bühne. Die Fans haben anscheinend noch nicht genug, fordern mehr Songs und haben immer noch ihren Lieblingssong auf den Lippen. Die Finnen liefern eine erstklassige Show ab mit gutem Licht und verhältnismäßig gutem Sound. Man merkt, dass die Jungs und das Mädel viel Spaß an dem Auftritt hatten!

Die Uhr schlägt fünf vor elf und die Halle verdunkelt sich. Eine dichte Nebelwolke bedeckt die Bühne und das düstere Licht passt sich dem Intro an. Plötzlich stehen die fünf Musiker Alan Nemtheanga (PRIMORDIAL), Nick Barker (DIMMU BORGIR / CRADLE OF FILTH), Blasphemer (MAYEM), Frode Glesnes (EINHERJER) und Patrik Lindgren (THYRFING) auf der Bühne, um der schwedischen Legende Quorthon (BATHORY) sechs Jahre nach seinem Tod Tribut zu zollen. Die Combo sorgt mit ihrem düsteren Erscheinen für Aufsehen. Vor allem die älteren Metalfans lassen sich von den alten Hymnen BATHORYs mitreißen. Ein Schauspiel, welches eigentlich nur einmalig auf dem Metalfest Open Air dieses Jahres stattfinden sollte. Man merkt, dass viele der jüngeren Besucher nicht sehr viel mit den alten Songs anfangen können und sie nicht kennen. Die, die BATHORY kennen, mögen und zu schätzen wissen, stehen vor der Bühne und genießen die Lieder. TWILIGHT OF THE GODS spielen viele der Klassiker wie zum Beispiel 'Gods Of Thunder Of Wind And Of Rain", "Hammerheart", "One Road To Asa Bay" und natürlich "Twilight Of The Gods". Die Band performt die Stücke erstklassig und mit viel Herzblut. Ein Schauspiel, welches sich kein BATHORY-Fan entgehen lassen sollte.
[André Dömer]

Über EQUILIBRIUM in München zu schreiben, wäre in etwa so ergiebig wie über die Zuschauerzahlstatistik der Bayern-Heimspiele zu referieren. Um es kurz zu machen: Sie kamen, sahen und siegten, nicht mehr und nicht weniger. ENSIFERUM hatten es da anfangs schwer, mitzuhalten, konnten über die Länge ihres Auftritts aber durchaus punkten. Für mich ist es nachwievor rätselhaft, warum und weshalb diese Band dort steht, wo sie heute steht - aber egal. Denn der wahre Ärger kommt mit dem Ende des ENSIFERUM-Auftritts. Etwa zwei Drittel der Anwesenden verlassen daraufhin fluchtartig die Halle. Damit passiert genau das, was ich am meisten befürchtet hatte. Kindergarten-Bands wie ENSIFERUM werden abgefeiert, während die Basis all dessen, was wir heute gesehen haben, schmerzlich ignoriert wird. Jedem Gehenden dafür eine Watschen zu verpassen, würde aber auch nichts bringen, und so gilt es nun, TWILIGHT OF THE GODS zu erleben und das Beste aus der leeren Halle zu machen.

Die Beschreibung des Ablaufs von André entspricht auch meinen Eindrücken. Obwohl ich im Vorfeld sehr kritisch war, ob es eine andere Besetzung schaffen kann, BATHORY adäquat zu performen, werden meine Zweifel mit den ersten Takten von 'Shores In Flames' in dem Sturm der hämmernden Epik hinweggerissen. Der Opener des Inbegriffs eines Pagan-Metal-Albums, "Hammerheart", wird mit einer dermaßen großen Leidenschaft vorgetragen, dass es einfach kein Halten mehr geben kann. Natürlich schwingt gleichzeitig auch eine große Wehmut mit, schließlich wird hier eine Interpretation vorgetragen. Es vom Meister selbst gesungen zu hören, ist ein unerfüllbarer Wunschtraum. Doch TWILIGHT OF THE GODS machen in dieser Hinsicht einiges richtig: Instrumental über jeden Zweifel erhaben, steht und fällt das Vorhaben mit dem PRIMORDIAL-Sänger Alan. Dieser macht wider all meiner Erwartungen einen großartigen Job. Er hält die Waage zwischen Momenten, in denen man sich Quorthon bei geschlossenen Augen auf die Bühne projizieren kann, und Momenten, in denen er sich eine künstlerische Freiheit erlaubt, die diesem Projekt eine ganz eigene Legitimation ermöglicht. Denn es ist mitnichten eine flache, auf den kommerziellen Erfolg hin zugespitzte Profilierungsshow der Musiker. Es ist der Versuch, den Spirit nach eigenem Wissen und vor allem Gewissen auf die Bühne zu bringen - mit der Klarheit ob der Tatsache, dass es eine umfassende Interpretation nicht geben kann. Im musikalischen Wall, den BATHORY schon immer aufzubauen wussten, gerät der Song 'Father To Son' zu einem Sinnbild des Abends. Durch das Sprachrohr - und man möge mir diese Gefühlsduselei verzeihen - TWILIGHT OF THE GODS spricht der Vater Quorthon quasi aus dem Jenseits. Er hat sein Erbe an die Söhne weitergegeben, die nun durch Deutschland touren und es durch die gelebte Leidenschaft und respektable Bescheidenheit schaffen, den Geist des Meisters am Leben zu erhalten. Und wenn ich diese Zeilen tippe, erlebe ich diese Kraft aufs Neue. Doch am meisten Gänsehaut hatte ich beim Lesen der Lyrics zu 'From Father To Son':

"Promise me my son before my corpse / Is turning pale to / Grab my sword hold it to the sky / And call out my hail. Oh, my child please take heed / Through you I am granted to live on / These words more worth than you will ever know / Make them live on from Father to Son."

Und so hat alles seine Richtigkeit.

[Julian Rohrer]

Und wiedermal hat es das Heidenfest geschafft, fünf erstklassige Bands zu uns in die Markthalle zu holen. Die Halle war voll und jede Band hat eine super Show geliefert, obgleich das Licht und der Sound teilweise zu wünschen übrig ließen. Trotzdem haben sich die Fans davon nicht abschrecken lassen und von Anfang bis Ende laut mitgefeiert. Auf eine weitere Tour der Heidenkrieger! Skål!

[André Dömer]

Redakteur:
Pia-Kim Schaper

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